• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Manager-Ausbildung "Ökonomie ist Gehirnwäsche"

Wirtschaftsausbildung: "Ökonomie ist Gehirnwäsche" Fotos
DPA

2. Teil: Kein Bezug zur realen Welt

Wer genau wissen will, wie sie ticken, kann sich wahlweise ein paar der Geschichten aus der Business Class vom Schweizer Bestsellerautor Martin Suter zu Gemüte führen - oder einfach den Ausführungen von Rosenstiels lauschen. Macht und Geld, das seien die Schlagworte, die das Leben der Karrieristen bestimmten, so der Forscher. Gewissensbisse kennen sie nicht. Und womit ihr Unternehmen Geld verdient, sei ihnen relativ schnuppe. Auch ob sie im Marketing oder im Vertrieb landeten, spiele für sie keine Rolle. Sie identifizieren sich von Rosenstiel zufolge mit ihrem Arbeitgeber und vor allem mit dessen Zielen. Für sie seien Entlassungen legitime Maßnahmen zur Kostenreduzierung, und wer nicht mindestens 70 Stunden in der Woche an seiner Karriere bastelt, den halten sie für einen - Low Performer. Vom Typ her das Gegenmodell zu einem Karrieristen.

Das ist es, was der Wirtschaftswissenschaftler am liebsten tut - Modelle entwickeln, mit denen er ökonomische Strukturen und Prozesse untersuchen und erklären will. Menschen spielen in diesen Modellen allerdings so gut wie keine Rolle. Sie werden in aller Regel auf den so genannten homo oeconomicus reduziert, das theoretische Modell eines Menschen, der nie irrational handelt, sondern immer nur im Sinne der eigenen Nutzenmaximierung.

"Ich fand das einfach nur absurd", sagt Borns. "Da geht man von Grundannahmen aus, die an sich schon total realitätsfremd sind, rechnet 'rum, und am Ende steht da eine Zahl, mit der man Prognosen für die echte Welt macht."

Nobelpreisträger geißelt die Mathematisierung des Fachs

Die VWL-Absolventin ist nicht die einzige, die die Wirtschaftswissenschaft methodisch in Frage stellt. Die Formelverliebtheit wird den Ökonomen seit einiger Zeit zum Vorwurf gemacht. Sie würden nur noch in Modellen denken, anstatt nach den Zusammenhängen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu fragen, so die Kritiker, zu denen auch der Nobelpreisträger Reinhard Selten zählt.

Als Ökonom und Mathematiker hat er sich selber an der "Mathematisierung seines Faches" beteiligt. Nun übt er in Interviews immer häufiger Kritik an der Methodik seines Fachs: Die Wirtschaftstheorie sei immer mehr von der Betrachtung des Menschen abgekommen.

Der fehlende Bezug der Modelle zur realen Welt, das ist das, was zum Beispiel auch der Soziologe Wolfgang Streeck kritisiert. "Zählen, messen und beobachten sind wichtig genug, und dabei könnte man es auch belassen", resümiert der Leiter des Bonner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung nüchtern.

Weitere Angriffspunkt der Kritiker: der Neoklassizismus oder Neoliberalismus, eine Theorie, die Forschung und Lehre der Wirtschaftswissenschaften vor allem in Deutschland flankiert. Dieser Theorie zufolge funktioniert die Wirtschaft dann am besten, wenn man sie einfach machen lässt. Die freien Märkte regulierten alles, der Staat sollt nur die Rahmenbedingungen so setzen, dass Wettbewerb entsteht. Diese Theorie ist in so vielen Köpfen so fest verankert, dass sie vor allem von linken Kreisen gerne als "Ideologie" beschimpft wird.

Tanja von Egan-Krieger spricht zugespitzt von einer "Neoklassischen Doktrin". Diese und nichts anderes bekome man im Studium vermittelt, sagt die Doktorandin im Fach Wirtschaftsethik an der Universität Sankt Gallen. Sie ist im Vorstand einer Gruppe, die den programmatischen Namen "Arbeitskreis postautistische Ökonomie" trägt. Die Kritik des Vereins: Die angehenden Wirtschaftswissenschaftler bekämen in ihrem Studium ein vollkommen einseitiges Denkmuster vermittelt, die neoklassische Modellökonomik.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und
bundesotto 05.04.2011
der einzelne Angestellte wird nur noch als eingesetztes Kapital geführt oder im Materialstamm verwaltet.
2. es geht doch nicht um Moral!
ergoprox 05.04.2011
Aber es geht doch nicht um Moral. Es geht um völlig ungeeignete *MODELLE*, die zur Richtschnur für sozialpolitische und wirtschaftspolitische Entscheidungen herangezogen werden und in Deutschland nach wie vor gelehrt werden! Es geht um unsinnige Liebelei rund um die Ökonometrie, um Zahlenspielchen, *die als Wahrheit verkauft* werden, obwohl sie nur unter völlig *praxisfernen Annahmen* überhaupt "funktionieren".
3. Super
Adran, 05.04.2011
zumal metastudien immer mehr zeigen, dass die derzeitig Propagierte Wirtschaftsideologie verherrend für die Individuen sind.. Sprich die karriersten mit ihren zahlenspielen ruinieren nicht nur ganze Volkswirtschaften, sondern töten auch Real immer mehr Menschen. Losing life and livelihood: A systematic review and meta-analysis of unemployment and all-cause mortality (http://www.sciencedirect.com/science?_ob=ArticleURL&_udi=B6VBF-521WB52-7&_user=10&_coverDate=03%2F31%2F2011&_rdoc=5&_fmt=high&_orig=browse&_origin=browse&_zone=rslt_list_item&_srch=doc-info%28%23toc%235925%232011%23999279993%233054738%23FLA%23display%23Volume%29&_cdi=5925&_sort=d&_docanchor=&_ct=27&_acct=C000050221&_version=1&_urlVersion=0&_userid=10&md5=75e5c78c3fad856add86b7af5f7c214d&searchtype=a) Und ob das ganze nicht schon für das Individum schlimm genug wäre, werden solche Stresserfahrungen auch epigentisch über Generation vererbt. http://www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/100819_epigenetik_per/index http://www.innovations-report.de/html/berichte/studien/zweite_geht_bereits_abschlaegen_rente_172699.html Aber das interessiert diese Clowns ja nicht, hauptsache der Rubel rollt.
4. ...
saako 05.04.2011
ende der 90er habe ich mir von jungen karrieremenschen, mit immer den gleichen wenigen worten (entschuldigung, daß ich mir solche details nun wirklich nicht merken mag), euphorisches globalisierungsgequatsche angehört, mit der schlußfolgerung, daß es nur nachgeredetes ist ... kein wunder, daß dem karren irgendwann das rad zerschreddert!
5. ***
Carla, 05.04.2011
Es wäre mal ein echtes Novum, wenn sich ein Journalist ausnahmesweise nicht nur mit den bösen "Ökonomen" der bösen "Industrie" befassen würde, die Menschen nur als finanzielle Verschiebemasse betrachten, sondern damit, dass sich Politiker (aller Parteien!) genauso verhalten, etwa in der Zerstörung zehntausender von Familien- und Kleinbetrieben durch gnadenlose Einführung von immer neuen Abgaben, doppelten Sozialbeiträgen für Selbständige usw. usw. Das unterscheidet sich nämlich kein bisschen von dem, was die Autorin hier über Großkonzerne und BWLer schreibt. Schon mal darüber nachgedacht, wieso es in Deutschland so gut wie keine Fachgeschäfte mehr gibt, sondern nur noch Ketten? Das liegt schlicht daran, dass die wechselnden Regierungen in den letzten Jahren deren Existenz trotz Selbstausbeutung der Inhaber letztlich unmöglich gemacht haben. So ein Laden kann nicht existieren, wenn die Betreiber die Hälfte des Tages mit Bürokratie beschäftigt sind und 90% der Einnahmen für Abgaben, Sozialbeiträge usw. draufgehen. Von Tourismusabgaben bis Verpackungsabgaben für Briefumschläge ist so ziemlich alles, was sich ein Hirn ausdenken kann, dabei. Und da die Autorin offenbar mit den Grünen sympathisiert, möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier die RotGrüne Regierung da keineswegs ausnehme, ganz im Gegenteil: gerade unter dem Umweltlabel wurden immer neue Abgaben erfunden, die teilweise der Umwelt gar nicht dienen, aber unter dem Umweltlabel eben besser "verkauft" werden können. Denn wer ist schon gegen Umweltschutz? Es ist aber natürlich viel leichter und hipper, seinen Blick nur auf die bösen Konzerne und Manager zu richten. Dafür kriegt man sowieso IMMER Applaus. Aber diese Leute sind nicht das Hauptproblem, das Hauptproblem sind Politiker, die nicht mal in der Lage wären, einen Zeitungskiosk zu betreiben, aber aus ideologischen und rechnerischen Gründen große Teile des unteren Mittelstands zu verhackstücken. U. a. auch deswegen, weil der sich am wenigsten wehrt - der hat schlicht keine Zeit dazu.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Berufsstart für Betriebswirte - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Verwandte Themen
McKinsey sucht die Führungselite von morgen
Die Chance
Sie sind klug, ehrgeizig und leistungsbereit, doch oft sehen viele talentierte Berufseinsteiger ihr Können im Konzernalltag nicht ausreichend wahrgenommen. Da hilft der Vergleich mit anderen - und der Blick über Firmengrenzen. Seit dem Jahr 2000 bietet der Wettbewerb "CEO of the Future" die Chance dazu. Gemeinsam mit namhaften Unternehmen wie Bayer, Credit Suisse, Ergo, Henkel, Metro, Porsche und Vodafone suchen McKinsey, manager magazin und SPIEGEL ONLINE auch in diesem Jahr wieder die Manager der Zukunft.
Die Aufgabe
Im Fokus stehen Young Professionals mit bis zu vier Jahren Berufserfahrung, aber auch examensnahe Studierende sowie Doktoranden mit viel Praxiserfahrung. In der ersten Runde sind die Teilnehmer aufgefordert, in einem Essay ihre Fähigkeit zu kritischem Denken zu beweisen. Sie sollen ausführen, wie sich Erfolg im Jahr 2030 definieren wird und wo Topmanager Prioritäten setzen sollten. Einsendeschluss ist der 25. Mai. Die besten Bewerber werden zu Auswahlworkshops eingeladen, wo sie sich für die zweite Runde qualifizieren können. Dort wird in Wochenendseminaren für Führungsaufgaben und für das große Wettbewerbsfinale in Kitzbühel trainiert. Motivation, interkulturelles Management oder Networking stehen auf dem Stundenplan.
Die Sieger
Die 20 überzeugendsten Kandidaten erreichen die Endrunde - und dürfen am 5. November in Kitzbühel vor erfahrenen Konzernchefs zeigen, was sie draufhaben. Die drei Besten erhalten Karrierebudgets in Höhe von 7000, 5000 und 3000 Euro sowie ein persönliches Mentoring von einem der hochkarätigen Jurymitglieder. Frauen sind den Partnerunternehmen in diesem Jahr besonders wichtig.
Frauen
Fragen, die Nachwuchsmana­gerinnen umtreiben, finden sich in allen Phasen des Wettbewerbs. Zusätz­lich bietet die neu eingerichtete Auftaktveranstaltung "The Female CEO of the Future" Gelegenheit zur Diskussion mit etablierten Topmanagerinnen. Informationen zum gesamten Wettbewerb finden sich im Netz unter www.future-ceo.de , bei E-fellows oder auf der Facebook-Fanpage zum CEO of the Future.

Die schlimmsten Chef-Sprüche (1)

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Buchtipp

Klaus Werle, Helene Endres:
Können Sie Chef?
Der große Test vom manager magazin.

Kiepenheuer & Witsch; 160 Seiten; 7,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.



Social Networks