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Manager-Ausbildung "Ökonomie ist Gehirnwäsche"

Wirtschaftsausbildung: "Ökonomie ist Gehirnwäsche" Fotos
DPA

3. Teil: "Rationaler Egoismus von Kalkulationsautomaten"

Noch schärfer formuliert diese Kritik Wolfgang Streeck. In einem Arbeitspapier zieht er ordentlich vom Leder: In den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen werde monokulturelle Gehirnwäsche betrieben, heißt es da. Davor müsse man die Studierenden schützen.

Doch wie soll das gehen?

Streeck zufolge muss die Standardökonomie, "mit ihrem vom rationalen Egoismus autistischer Kalkulationsautomaten getriebenen Maschinenmodell einer sozialen Welt", grundsätzlich in Frage gestellt werden. Denn: "Wirtschaft ist ein sozialer Vorgang und die Wirtschaftswissenschaft eine Sozialwissenschaft." Und genau so solle sie auch gelehrt werden.

Weniger radikal fällt die Antwort der postautistischen Ökonomen aus. Sie wollen mehr Vielfalt blühen sehen und würden es schon als großen Fortschritt betrachten, wäre die Wirtschaftslehre nicht ausschließlich der neoliberalen Theorie verhaftet. Schließlich gebe es eine Vielzahl anderer interessanter Theorien. Etwa den Postkeynesianismus oder die ökologische Ökonomik, die in den Hörsälen der Universitäten ein Schattendasein fristeten. "Was nie gelehrt wird, ist, dass alle Theorien aus einem gesellschaftlichen Kontext entstanden sind", sagt Tanja von Egan-Krieger. Deswegen fordern sie und ihre Mitstreiter, dass im Studium vor allem Wirtschaftsgeschichte gelehrt wird.

Als Borns noch studierte, hat sie die Antworten auf ihre Fragen einfach woanders gesucht. Wann immer es ging, flüchtete sie aus der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und belegte Veranstaltungen anderer Fächer. Was sie rein intuitiv gemacht hat, würden die Kritiker der Wirtschaftswissenschaften jetzt gerne institutionalisieren.

So zum Beispiel Birger Priddat, Ökonom und Philosoph an der Privatuni Witten-Herdecke. Gemeinsam mit seinem Studenten Philip Kovce machte er kürzlich mit einem knackigen Zwölf-Thesen-Papier auf sich aufmerksam. Um eine Zukunft zu haben, so die Grundaussage, müsse sich die Wirtschaftswissenschaft grundlegend ändern. Für die Lehre an den Universitäten empfehlen die beiden einen radikalen Umbruch: "Ökonomie wird nur noch zusammen mit anderen Fächern zu studieren sein; dabei wird man von Wissensvermittlung auf Verstehen, Urteilen und Interpretieren als auszubildende Fähigkeiten umschalten."

Gesucht: Wirtschaft ohne Wirtschaftswissenschaften

Ähnlich schallt es von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Die Privat-Uni ist so etwas wie das Enfant terrible in der Hochschullandschaft, Motto: Wir machen alles anders. "Ein Frage, die uns von Anfang an beschäftigt hat, war: 'Wie kann man Wirtschaft studieren, ohne Wirtschaftswissenschaften zu studieren?'", sagt Stephan Jansen, Präsident der Universität. Die reine Zahlenschubserei ohne auch nur den Versuch einer kritischen Reflektion dessen, was man da treibt - das kritisiert er. Eines seiner Gegenmittel: Ein wirtschaftswissenschaftliches Studium gibt es nur in Kombination. Zum Beispiel mit Kultur- oder Kommunikationswissenschaften.

In Friedrichshafen ist man außerdem schon beim Auswahlverfahren darauf bedacht, sich nicht stromlinienförmige Karrieristen ins Haus zu holen. Kein Numerus clausus und keine Multiple-Choice-Tests entscheiden über die Aufnahme, sondern Antworten auf Fragen, die philosophischen Charakter haben, wie zum Beispiel: "Gibt es eine Idee, die größer ist als sie selbst?"

Katja Borns arbeitet heute in Teilzeit für einen Grünen-Abgeordneten im Bundestag und darüber hinaus freiberuflich für eine Entwicklungshilfeorganisation. Beides sind Tätigkeiten, die sie mit ihrem Gewissen sehr gut vereinbaren kann. Was ihr das Studium gebracht hat? "Ich weiß, wie Wirtschaftswissenschaftler denken und reden. Und damit auch, wie man in Diskussionen ihre Argumentation in Frage stellt."

Zur Autorin
David Einsiedler
Annick Eimer (Jahrgang 1975) ist freie Journalistin in Hamburg und Tochter zweier Volkswirte. Sie selbst hat aber Biologie studiert - eine Wissenschaft, in der man zählt, misst und beobachtet.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Manager von morgen":

Montag - Talentwettbewerb: Führungskräfte der Zukunft gesucht
Dienstag - Manager-Ausbildung: "BWL ist Gehirnwäsche"
Mittwoch - Sozialunternehmer: Erfolg macht verdächtig
Donnerstag - Porsche-Chef Müller: Wie man Top-Talente erkennt
Freitag - Eliten: Obskure Netzwerke
Samstag - Brief an junge Manager: Was Fredmund Malik rät
Sonntag - Interview: "BWLer müssen vor allem büffeln"

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Und
bundesotto 05.04.2011
der einzelne Angestellte wird nur noch als eingesetztes Kapital geführt oder im Materialstamm verwaltet.
2. es geht doch nicht um Moral!
ergoprox 05.04.2011
Aber es geht doch nicht um Moral. Es geht um völlig ungeeignete *MODELLE*, die zur Richtschnur für sozialpolitische und wirtschaftspolitische Entscheidungen herangezogen werden und in Deutschland nach wie vor gelehrt werden! Es geht um unsinnige Liebelei rund um die Ökonometrie, um Zahlenspielchen, *die als Wahrheit verkauft* werden, obwohl sie nur unter völlig *praxisfernen Annahmen* überhaupt "funktionieren".
3. Super
Adran, 05.04.2011
zumal metastudien immer mehr zeigen, dass die derzeitig Propagierte Wirtschaftsideologie verherrend für die Individuen sind.. Sprich die karriersten mit ihren zahlenspielen ruinieren nicht nur ganze Volkswirtschaften, sondern töten auch Real immer mehr Menschen. Losing life and livelihood: A systematic review and meta-analysis of unemployment and all-cause mortality (http://www.sciencedirect.com/science?_ob=ArticleURL&_udi=B6VBF-521WB52-7&_user=10&_coverDate=03%2F31%2F2011&_rdoc=5&_fmt=high&_orig=browse&_origin=browse&_zone=rslt_list_item&_srch=doc-info%28%23toc%235925%232011%23999279993%233054738%23FLA%23display%23Volume%29&_cdi=5925&_sort=d&_docanchor=&_ct=27&_acct=C000050221&_version=1&_urlVersion=0&_userid=10&md5=75e5c78c3fad856add86b7af5f7c214d&searchtype=a) Und ob das ganze nicht schon für das Individum schlimm genug wäre, werden solche Stresserfahrungen auch epigentisch über Generation vererbt. http://www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/100819_epigenetik_per/index http://www.innovations-report.de/html/berichte/studien/zweite_geht_bereits_abschlaegen_rente_172699.html Aber das interessiert diese Clowns ja nicht, hauptsache der Rubel rollt.
4. ...
saako 05.04.2011
ende der 90er habe ich mir von jungen karrieremenschen, mit immer den gleichen wenigen worten (entschuldigung, daß ich mir solche details nun wirklich nicht merken mag), euphorisches globalisierungsgequatsche angehört, mit der schlußfolgerung, daß es nur nachgeredetes ist ... kein wunder, daß dem karren irgendwann das rad zerschreddert!
5. ***
Carla, 05.04.2011
Es wäre mal ein echtes Novum, wenn sich ein Journalist ausnahmesweise nicht nur mit den bösen "Ökonomen" der bösen "Industrie" befassen würde, die Menschen nur als finanzielle Verschiebemasse betrachten, sondern damit, dass sich Politiker (aller Parteien!) genauso verhalten, etwa in der Zerstörung zehntausender von Familien- und Kleinbetrieben durch gnadenlose Einführung von immer neuen Abgaben, doppelten Sozialbeiträgen für Selbständige usw. usw. Das unterscheidet sich nämlich kein bisschen von dem, was die Autorin hier über Großkonzerne und BWLer schreibt. Schon mal darüber nachgedacht, wieso es in Deutschland so gut wie keine Fachgeschäfte mehr gibt, sondern nur noch Ketten? Das liegt schlicht daran, dass die wechselnden Regierungen in den letzten Jahren deren Existenz trotz Selbstausbeutung der Inhaber letztlich unmöglich gemacht haben. So ein Laden kann nicht existieren, wenn die Betreiber die Hälfte des Tages mit Bürokratie beschäftigt sind und 90% der Einnahmen für Abgaben, Sozialbeiträge usw. draufgehen. Von Tourismusabgaben bis Verpackungsabgaben für Briefumschläge ist so ziemlich alles, was sich ein Hirn ausdenken kann, dabei. Und da die Autorin offenbar mit den Grünen sympathisiert, möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier die RotGrüne Regierung da keineswegs ausnehme, ganz im Gegenteil: gerade unter dem Umweltlabel wurden immer neue Abgaben erfunden, die teilweise der Umwelt gar nicht dienen, aber unter dem Umweltlabel eben besser "verkauft" werden können. Denn wer ist schon gegen Umweltschutz? Es ist aber natürlich viel leichter und hipper, seinen Blick nur auf die bösen Konzerne und Manager zu richten. Dafür kriegt man sowieso IMMER Applaus. Aber diese Leute sind nicht das Hauptproblem, das Hauptproblem sind Politiker, die nicht mal in der Lage wären, einen Zeitungskiosk zu betreiben, aber aus ideologischen und rechnerischen Gründen große Teile des unteren Mittelstands zu verhackstücken. U. a. auch deswegen, weil der sich am wenigsten wehrt - der hat schlicht keine Zeit dazu.
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