Von Verena Töpper
Anna-Lena Roth wäre gern eine Wasserleiche geworden. Mit abgelösten Nägeln, aufgedunsenem Körper und Schimmel auf den Wangen. Aber Wasserleichen brauchen Zeit. Zu viel Zeit für ein Halloween-Kostüm.
Jana Stelter, 27, schlägt einen Tod durch Erdrosseln vor. Das geht schneller - und sieht trotzdem schrecklich aus. Zu Halloween sind Kostüme mit Grusel- und Ekelfaktor gefragt. Stelter arbeitet als Maskenbildnerin am Altonaer Theater und bei den Kammerspielen in Hamburg. Sie knüpft lange Bärte und kunstvolle Perücken, bastelt Masken, die aussehen wie Hundeschnauzen, und für die ARD-Serie "Polizeiruf 110" tätowiert sie die Schauspieler schon mal mit abwaschbarer Farbe. Halloween-Kostüme stehen eigentlich nicht auf ihrer Liste, für Germanistikstudentin Anna-Lena Roth, 26, macht sie eine Ausnahme.
Wie man Wunden schminkt, hat Stelter während ihrer dreijährigen Ausbildung gelernt, ihr Chef bei den Kammerspielen ist Experte für Spezialeffekte, er hat früher beim Film gearbeitet. Im Theater kann sie ihr Können nur selten zeigen. "Hier passieren die "Unfälle" ja meist auf der Bühne, da ist für aufwendige Wunden keine Zeit", sagt sie.
Sprüh-Tattoos als Karrierestart
Um bei Fernseh- oder Kinofilmen die Darsteller in Leichen verwandeln zu dürfen, müsse man sich erst mal als Maskenbildner einen Namen machen, sagt Stelter. Sie ist noch neu im Geschäft, ihre Abschlussprüfung hat sie vor vier Monaten bestanden. Die Sprüh-Tattoos beim "Polizeiruf" sind ein Anfang.
Dass es auch beim Theater manchmal blutig zugeht, beweist ein roter Fleck an der Decke der Werkstatt. "Das war ein kleiner Unfall", sagt Stelter. "Da ist mir ein Beutel mit Kunstblut explodiert."
Zum Erdrosseln von Anna-Lena Roth braucht sie kein Blut, nur blaue und rote Farbe und Kunstfleisch, ein Mix aus Gummi und Glycerin, den sie mit Wasser anrührt. Den hautfarbenen Papp klebt Stelter mit einem schmalen Spatel auf Roths Hals, in zwei Reihen, das werden die Wülste, die der Draht in den Hals der Toten geschnitten hat.
Augenringe vollenden den Tod
Stelters Farbkasten sieht aus wie der eines Malers, die Farben leuchten grell, sie erinnern eher an Ölfarben als an Lidschatten. Die Maskenbildnerin pinselt Rot zwischen die Kunstfleisch-Wülste, tupft ein bisschen Blau hinein, vermischt die Farben mit einem Wattestäbchen, zeichnet mit dem Pinsel feine Äderchen. Eineinhalb Stunden muss Roth stillsitzen, dann ist die Wunde fertig. Dunkle Augenringe vollenden den Tod.
"Irgendwie fühle ich mich jetzt auch schlechter", sagt Roth und starrt ihr fahles Spiegelbild an. Stelter kennt das Gefühl. In der Ausbildung haben sie und die anderen Berufsschüler sich oft gegenseitig geschminkt. "Um sich älter zu machen, gibt es so eine Technik, da zieht man die Haut am Auge auseinander und fixiert sie mit einem Gummi", berichtet sie. "Nach der Übung haben wir sie wieder entfernt, und die Falten waren immer noch da. Das war ein Schock."
Die Spuren der Erdrosselung lassen sich mit Wattebausch und Alkohol abwischen. So weit ist es aber noch nicht. "Wenn man nicht gerade einen Schal drüberzieht, ist die Wunde partytauglich", sagt Stelter.
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