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Mikrokredite Kleines Geld für große Träume

Kleine Kredite, große Wirkung: Menschen mit Mikrodarlehen Fotos
Eva-Maria Simon

Ein Bauer in Bangladesh und ein Barkeeper in Braunschweig haben etwas gemeinsam: Schon eine geringe Summe kann ihr Geschäft in Gang bringen. Deshalb gibt es nun auch in Deutschland Mikrokredite. Doch viele Banken fürchten, dass damit Firmen finanziert werden, die sich nicht halten können.

Ali Demir hatte Angst. Arbeitslos, mit 40, und das als Barkeeper: "In dem Alter stellt einen niemand mehr ein." Er wollte sich selbstständig machen, mit einem Kredit. Doch bei seiner Bank blitzte er ab: "Die haben gesagt: Sie haben keine Chance, Sie gehen pleite."

Also lieh er sich vom Vater und dem Schwager Geld, und eröffnete das "Tres" in der Braunschweiger Innenstadt. Dort mixt der kurdischstämmige Deutsche Cocktails und serviert mexikanisches Essen. Doch bald brauchte er mehr Geld, für Lebensmittel und Getränke.

Ein Bekannter gab ihm den Tipp mit dem Mikrokredit. Demir klopfte bei Holger Meier an. Der Unternehmensberater sorgt mit seiner Firma "Innova-Management-Consulting & Coaching" dafür, dass Jungunternehmer unkompliziert an Geld kommen. Demir stellte ihm sein Geschäft vor; zwei Wochen später hatte er die rettende Summe auf dem Konto: 9000 Euro, Laufzeit zwei Jahre, Zinsen 8,9 Prozent.

Vielen kleinen Gründern geht es wie Ali Demir. Banken vergeben meist keine Unternehmenskredite von weniger als 25.000 Euro. "Bei diesen relativ geringen Kreditsummen sind für die Banken die Zinserträge im Verhältnis zum Aufwand nicht groß genug", erklärt Alexander Kritikos, Mikrofinanz-Experte im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Und wen die Bank wegschickt, der bekommt auch kein Gründer-Startgeld von der öffentlich-rechtlichen Förderbank KfW.

Glaubt man einer Umfrage der Europäischen Kommission von 2010, so scheitert in der EU jede vierte Gründung am fehlenden Geld. Dabei brauchten sie gar nicht viel: Im vergangenen Jahr hatten 44 Prozent der Existenzgründer einen Finanzbedarf von weniger als 5000 Euro, so die KfW.

Große Chance oder großes Risiko

Ihnen aus der Kreditklemme zu helfen, das hat sich ein Netzwerk um die genossenschaftliche GLS Bank (Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken) vorgenommen. Die Bank, die sich ökologischen und sozialverträglichen Geldanlagen verschrieben hat, will in Deutschland Mikrokredite populär machen.

Das Konzept kommt aus Bangladesh, Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus setzte es gegen Armut ein. Hierzulande soll es Gründungen möglich machen und junge Unternehmen stabilisieren. Die Prinzipien sind dieselben wie in Entwicklungsländern: Kleine Kreditsumme, wenig Papierkram, persönliche Betreuung. Seit Anfang 2010 hat die GLS Bank schon 4500 Mikrodarlehen von durchschnittlich 6000 Euro abgewickelt. Für viele sind sie die einzige Chance. Kritiker befürchten jedoch, dass dadurch Firmen entstehen, die nicht überlebensfähig sind.

Die Bank aber glaubt an das Konzept. Unter ihrer Regie arbeiten rund 50 so genannte Mikrofinanzinstitute. Das sind Firmen, die sich auf Finanzierung und Beratung von Kleinunternehmen spezialisiert haben. Sie prüfen die Geschäftsidee, entscheiden über das Darlehen und betreuen den Kreditnehmer - so wie es Holger Meier für den Barkeeper Ali Demir tut. Die GLS Bank führt das Konto und zahlt das Geld aus.

Wenn jemand nicht zurückzahlen kann, springt der Mikrokreditfonds Deutschland ein. In dem Sicherungsfonds stecken 100 Millionen Euro vom Bund und der Europäischen Union. "Das Geld ist bisher noch nicht angetastet worden" betont Christof Lützel, Sprecher der GLS Bank. Nur knapp drei Prozent der Darlehen seien bis jetzt ausgefallen, diese Verluste habe man mit den Erträgen aus dem Fonds wettmachen können. Denn der ist wie ein normaler Investmentfonds angelegt und wirft eine Rendite ab.

Selbst wenn das Vermögen des Fonds irgendwann einmal gebraucht werde, rechne sich das für den Staat, so Lützel. Denn jedes Darlehen schaffe oder erhalte im Schnitt 1,5 Arbeitsplätze - weil Gründer aus der Arbeitslosigkeit herauskommen und auch Leute einstellen.

Mittelstandsforscher fürchten Probleme

Inzwischen setzen auch Städte und Gemeinden auf Mikrokredite. Leipzig zum Beispiel hat sie für seine Stadtentwicklung entdeckt: "Es ist uns wichtig, dass sich auch in den Stadtteilen etwas abspielt, die nicht unbedingt als Investitionsstandort bekannt sind", sagt Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht.

Doch nicht alle sind begeistert von dem Konzept. "Wir sehen das sehr skeptisch", sagt Ljuba Haunschild, Abteilungsleiterin im Institut für Mittelstandsforschung Bonn. Sie befürchtet, dass das Mikrogeld Unternehmen möglich macht, die sich nicht langfristig halten können. "Banken finanzieren das häufig aus guten Gründen nicht." Immer mehr kleine Gewerbetreibende seien auf zusätzliche staatliche Grundsicherung angewiesen. Haunschild befürchtet, dass die Kreditnehmer mit einem schlechten Schufa-Eintrag zurückbleiben, wenn etwas schief geht.

Befürworter halten dagegen: "Bei mir ist noch nie ein Kredit ausgefallen", sagt Holger Meier, der Betreuer von Barkeeper Ali Demir. "Wir besprechen die Unternehmensplanung sehr genau, damit es erst gar nicht so weit kommt."

Vom Computerfachmann zum Bücherwurm

Andre Mannchen hat erlebt, wie genau ihm die Leipziger Wirtschaftsförderung auf die Finger schaute. Er hatte mit drei Partnern den FHL Verlag Leipzig gegründet und brauchte einen Vorschuss von 5000 Euro. Da musste er nicht nur über seinen Businessplan Rede und Antwort stehen, sondern auch über sich selbst. Und zwei Geschäftspartner mussten für die Hälfte der Kreditsumme bürgen.

Die meisten Mikrofinanzinstitute verlangen Bürgschaften. Sie wollen sichergehen, dass Familie oder Freunde hinter dem Unternehmer stehen. "Man gibt ein bisschen mehr von sich preis als bei einer Bank, aber man ist auch besser aufgehoben", sagt Mannchen.

Der Mikrokredit reichte, um Bücher drucken und binden lassen. Die stapeln sich jetzt in den beiden Büroräumen im "Haus des Buches", einem modernen Komplex mit Glaswänden in der Leipziger Innenstadt. Und Andre Mannchen, einst IT-Berater, liest sich durch Krimi-Manuskripte, geht abends zu Lesungen und ist zufriedener als früher: "Ich kann jetzt etwas machen, was für die Nachwelt bleibt."

Einmal im Monat bekommt er eine E-Mail mit Fragen von der Wirtschaftsförderung: Wie es ihm geht, wie er die Geschäftslage einschätzt, ob er seine Raten zahlen kann. Das stört ihn nicht, denn er weiß: Wenn es mal Probleme gibt, kann er offen mit seiner Betreuerin reden.

4000 Euro waren genug

Die meisten Mikrofinanzinstitute machen ein solches Monitoring und bieten auch Seminare an. Für Sabine Brummer fast das Wichtigste: "Als Selbstständige muss ich lernen, mich zu verkaufen." Die Elektrotechnik-Ingenieurin war 29 Jahre lang angestellt, hat unter anderem bei Siemens die Einführung einer neuen Schaltanlage geleitet. Jetzt ist sie ihre eigene Chefin, freiwillig. Mit ihrer Beratungsfirma Brummer Management + Consulting sorgt sie auf Großbaustellen dafür, dass Maschinen zur richtigen Zeit am richtigen Platz sind, dass die Zusammenarbeit etwa zwischen Elektrikern und Ingenieuren stimmt. Sie schult auch Führungskräfte und zeigt ihren Kunden, wo Probleme liegen.

Für die Gründung hat sie Erspartes eingesetzt - und einen Mikrokredit von 4000 Euro von der Stadt Leipzig: "Damit habe ich meinen Flyer und das Marketing finanziert." Der kleine Kredit habe ihr beim großen Schritt in ein neues Leben geholfen, sagt Sabine Brummer. "Wenn ich mir montags meine Reiseroute für die Woche zusammenstelle, dann habe ich absolut keine Lust, wieder in mein altes Büro zurückzugehen."

Eva-Maria Simon (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin. Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Typische Bänker-Heuchelei!
gamma-andromedae 11.11.2011
"Doch viele Banken fürchten, dass damit Unternehmen finanziert werden, die sich nicht halten können." Die brauchen gerade reden! Auch mit wesentlich größeren Krediten werden jede Menge Unternehmen finanziert, die sich nicht halten können.
2. Wer hört auf Banken?
Anima 11.11.2011
Das Argument das durch Mikrokredite Unternehmen entstehen können die nicht existenzfähig sind, ist schlicht unwahr. Nachrichten aus der Wirtschaft belegen das die Höhe eines Kredits nicht unbedingt etwas über die Existenzfähigkeit des Unternehmens aussagt. Ich vermute eher das die geringe Gewinnmargen bei Mikrokrediten für unsere "normalen" Banken nur Peanuts sind. Nur sagen wollen sie es nicht. Meine Erfahrung mit Banken zeigt vor allem eins: es muss um richtig große Summen gehen, da ist es einfacher einen Kredit zu bekommen als wenn ich mit einem Kreditwunsch von 2000,- Euro den Bankberater belästige. Die Bankenbranche mit ihrer Mentalität ist eine echte Schande für die Zivilisation.
3. Mikro
skorpianne 11.11.2011
Zitat von sysopEin Bauer in Bangladesh und ein Barkeeper in Braunschweig haben etwas gemeinsam: Schon eine geringe Summe*kann ihr Geschäft ans Laufen bringen. Deshalb gibt es nun auch in Deutschland Mikrokredite. Doch viele Banken fürchten, dass damit Unternehmen finanziert werden, die sich nicht halten können. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,797096,00.html
ich bin da eher skeptisch.Erfahrungsgemäss braucht ein neues Geschäft/Unternehmen Zeit bis es anläuft. Und wovon soll der Inhaber/Gründer leben? Wenn jemand wegen fehlender 4.0000 € seine Geschäftsidee nicht umsetzten kann, wie will er die Anlaufphase überstehen?
4. Mikrokredite
Hubert Rudnick 11.11.2011
Zitat von sysopEin Bauer in Bangladesh und ein Barkeeper in Braunschweig haben etwas gemeinsam: Schon eine geringe Summe*kann ihr Geschäft ans Laufen bringen. Deshalb gibt es nun auch in Deutschland Mikrokredite. Doch viele Banken fürchten, dass damit Unternehmen finanziert werden, die sich nicht halten können. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,797096,00.html
Mit dieser Art von Krediten holt man noch das letzte Geld von den Armen heraus. Es hatte sich doch schon mal gezeigt, dass es falsch und hinterhältig ist und der arme Bauer und Gewerbetreibende auch daran zu Grunde geht. HR
5. asdf
bigteddy 11.11.2011
Zitat von skorpianneich bin da eher skeptisch.Erfahrungsgemäss braucht ein neues Geschäft/Unternehmen Zeit bis es anläuft. Und wovon soll der Inhaber/Gründer leben? Wenn jemand wegen fehlender 4.0000 € seine Geschäftsidee nicht umsetzten kann, wie will er die Anlaufphase überstehen?
Es ist vielleicht wirklich besser, wenn Sie nie über die Selbständigkeit nachdenken. Der Unterschied zwischen Privatkapital und Firmenkapital ist Ihnen bewusst? Aber gut ist, dass es in Deutschland noch Skeptiker gibt, gerade davon mangelt es uns Deutschen ja.
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Erste Hilfe für Existenzgründer
Ein Gewinn für alle
DPA
Wenn eine Firmengründung gelingt, profitieren alle: der Gründer selbst, der Arbeitsmarkt (weil neue Stellen entstehen), der Staat (durch Steuereinnahmen). Darum werden Existenzgründer vielfältig unterstützt. So vielfältig, dass der Durchblick schwierig wird - eine Übersicht über die wichtigsten Förderer.
Gründungszuschuss
Als Firmengründer kann man die Arbeitsagentur schon mal gleich vergessen? Ganz falsch: Die Agentur für Arbeit bezuschusst Gründer, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig machen. Direkt nach dem alten Job kann man den Gründungszuschuss nicht beziehen; es muss mindestens ein Tag Arbeitslosigkeit dazwischen liegen und der Gründer mindestens noch 90 Tage Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. In einem Businessplan muss er ausreichend Fachwissen für das neue Unternehmen nachweisen. Dass es tragfähig ist, sollen die Bestätigung eines Steuerberaters, einer Handelskammer oder einer anderen unabhängigen Stelle zeigen.

Sind all diese Hürden genommen, kann der Gründer zunächst neun Monate den Zuschuss in Höhe des zuletzt gezahlten Arbeitslosengeldes und 300 Euro zur sozialen Absicherung bekommen. Sofern das Geschäft nachweislich läuft, sind für weitere sechs Monate 300 Euro möglich. Wer den alten Job selbst kündigt, muss mit einer mehrwöchigen Sperrfrist rechnen.
Kredite der KfW
Die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) hat einige auf Gründer zugeschnittene Programme. Sehr verbreitet ist der KfW-Gründerkredit StartGeld, den auch Gründer ohne Eigenkapital in Anspruch nehmen können. Sie müssen den Kredit bei der Hausbank beantragen und bekommen ihn durch die KfW leichter, da sie 80 Prozent der Haftung übernimmt. Der Höchstbetrag liegt bei 100.000 Euro, der Kredit läuft bis zu zehn Jahre. Zur Entlastung für das junge Unternehmen gewährt die KfW bis zu zwei tilgungsfreie Jahre und einen Festzinssatz für die gesamte Laufzeit. Der Antrag muss bei der Hausbank gestellt werden, bevor investiert wird.
Coaching
Zusätzlich bietet die KfW Gründercoaching an: Existenzgründer können einen Coach beauftragen, der ihnen in verschiedenen Bereichen zur Seite steht, etwa in betriebswirtschaftlichen oder organisatorischen Fragen. Beauftragt werden dürfen nur anerkannte Berater der KfW-Beraterbörse. Das Institut erstattet 90 Prozent des Beraterhonorars, das aber höchstens 4000 Euro betragen darf.
Existenzgründerprogramme
Neben einigen Initiativen von Hochschulen und anderen Institutionen ist eines der bekanntesten Programme Exist, das Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Es richtet sich an Studenten, Absolventen und Wissenschaftler an Hochschulen. Besonders gefördert werden technologieorientierte Gründungen und "wissensbasierte Gründungen", die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgebaut sein sollen. Gründer besuchen ein eintägiges Seminar zum Thema "Gründerpersönlichkeit", präsentieren nach fünf Monaten erste Ergebnisse der Überlegungen zum Businessplan und legen ihn nach zehn Monaten vor.

Das Stipendium beträgt monatlich 2500 Euro für promovierte Gründer, 2000 Euro für Absolventen und 800 Euro für Studenten. Bis zu 10.000 Euro kann es außerdem für Sachausgaben geben, darüber hinaus gibt es maximal 5000 Euro für Coaching. Die maximale Förderdauer beträgt ein Jahr. Bereits gegründete Unternehmen fördert Exist nicht. Den Antrag muss die Forschungseinrichtung stellen, die auch die Fördermittel verwaltet.

In Hamburg gibt es das an Exist angelehnte Hamburger Existenzgründungsprogramm HEP, das Absolventen aus Hamburger Hochschulen fördert. Hier wurde die finanzielle Förderung eingestellt, HEP bietet aber weiterhin angehenden Unternehmern ideelle Förderung und berät bei der Beantragung des Exist-Stipendiums.
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