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Bewerberprosa Die schrägsten Anschreiben 2013

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Stadtreinigung Hamburg

Hier einwerfen: Für manche Bewerbungen gibt es nur einen Platz

Ein Anschreiben kann reinste Prosa sein - und damit oft völlig daneben. Bewerbungshelfer Gerhard Winkler hat übers Jahr die schönsten Formulierungen gesammelt. Diesmal dabei: Röhrende Hirsche, leidenschaftliche Pokerspieler und der grüne Zweig.

Ein Anschreiben ist reiner Fließtext. Das bestätigt jeder gern, der über seiner Bewerbung brütet und plötzlich den Flow verspürt. Die Sätze einfach strömen lassen, im leichten Fluss der Argumente beschwingt zum nächsten Karriereziel segeln! Schöner schreiben geht nicht.

Doch wie rutscht man in diesen Zustand der Erleuchtung? Es fließt sich anscheinend leichter, wenn man seinen Bewerbungsversuch mit einer Extraportion Leidenschaft angeht. Aus diesem Grund startet eine Dame ihr Schreiben so:

"Diese Stelle vereint meine Leidenschaft für und Expertise im Bereich Geschlechterfragen, mein Koordinationsgeschick sowie meine Vorliebe für den Kontakt mit Menschen."

Sie liegt damit voll im Trend, denn Leidenschaft heißt die angesagte Kraft, die angetörnte Recruiter schafft:

"Das Projektmanagement ist meine Leidenschaft, daher will ich meine berufliche Zukunft in diesem Bereich weiter ausbauen - gerne gemeinsam mit Ihnen."

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Man könnte einwenden, in klassischeren Zeiten als heute habe Leidenschaft dazu geführt, dass der von ihr Bewegte in jeder Hinsicht den Kopf verlor. Jetzt ist sie nicht nur arbeitsgesellschaftsfähig, sie hat sogar eine steile berufliche Karriere hinter sich. Die Leidenschaft (ebenso ihre kleine Schwester, die Begeisterung für) zeigt die Betriebstemperatur an, unter der es beim Bewerben heute offenbar nicht mehr geht.

So viel gelassener, fast leidenschaftslos, kommt dagegen diese Einleitung daher:

"Aus Ihrer Anzeige in der … habe ich entnommen das Sie eine frei Stelle zum Revierleiter haben und diese gerne besetzen möchten."

Immerhin ein Versuch, den Amtsschimmel zu streicheln. Aber auch als Anwärter für eine Beamtenkarriere kann man voraussetzen, dass die öffentliche Verwaltung gewöhnlich eine Stellenofferte schaltet, um eine Vakanz zu besetzen. Die frechen Rehlein haben übrigens dem Bewerber aus dem Setzkasten ein Komma und zwei Buchstaben entnommen.

Geheuchelt - und trotzdem unwirksam

Zu Unimog-Zeiten war das forstwirtschaftliche Studium noch eine handfeste Angelegenheit. Heute ist das anders. Wald rauscht, Hirsch röhrt, Förster raunt:

"Das Studium ist sehr facettenreich, lässt genügend Freiraum für andere Aktivitäten, ist thematisch breit ausgerichtet und anerkennt, dass es in der Forstwirtschaft hauptsächlich um Menschen geht."

Mein Freund, der Baum, sieht das nicht anders! Vielleicht hätte man ja doch Forstwirtschaft statt Fahrzeugtechnik studieren sollen. Nach dem Studium kommt man gewiss auf einen grünen Zweig.

Angehende Autobauer fühlen sich hingegen genötigt, nicht mehr Personaler und Vorgesetzte, sondern Unternehmenskulturschaffende zu überzeugen:

"'Wegweisend' scheint nicht nur der neue Kombi XYZ zu sein, sondern auch Ihre Unternehmenskultur, welche einerseits den unternehmerischen Erfolg der Auto AG entscheidend vorantreibt, andererseits den Interessen der MitarbeiterInnen sowie den Kundenbedürfnissen stets gerecht werden will."

Das ist zwar geheuchelt, aber trotzdem nicht wirksam. Jeder führende deutsche Abgasproduzent möchte schließlich erfahren, was einen, der mit Leidenschaft Motoren kühlt, eigentlich zur Bewerbung motiviert. Doch angesichts einer solchen Begründung lachen nicht nur die Förster:

"Sie legen Wert auf Respekt, Vertrauen und Fairness - aber nur, weil diese Werte selbst die Grundlage Ihres Führungsstils bilden. Stillstand bedeutet für sie Rückschritt. Sie schauen lediglich dann zurück, wenn Sie das Gestrige morgen besser machen können. Kurzum: Mit ihrer einzigartigen Unternehmenskultur und dem damit verbundenen Leistungsspektrum ist die Auto AG für mich als Young Professional ein attraktiver Arbeitgeber!"

Dermaßen ölig möchte man sich noch nicht einmal bei den Scharwenzel-Werken bewerben. Zurück zu einem Kandidaten mit klarer Ansage:

"Das Stellenangebot hat mich direkt angesprochen, deshalb möchte ich mich Ihnen vorstellen."

Direkt vorbei ist auch daneben

Auch diese Bekundungen lesen sich vielleicht gut, doch dem Recruiter helfen sie nicht weiter:

"Die Themen Arbeit und Beruf interessieren mich nicht nur in der Theorie, sondern vor allem auch in der Praxis."

"Mein Leben und Alltag ist geprägt von einem kontinuierlichen Austausch mit über den ganzen Erdball verteilten Freunden."

"Der Wille, mich aus eigenem Antrieb weiterzubilden und weiterzuentwickeln, ist ein wesentlicher Wesenszug meiner Person."

Jahr für Jahr werten Jobsuchende ihr Anschreiben obendrein mit Bewerberweisheiten auf:

"Ohne ein gutes berufliches Netzwerk ist Erfolg kaum möglich."

"Es gibt nicht immer eine Textbuchantwort und schlussendlich erfolgt alles Handeln unter Unsicherheit und Abwägen von Wahrscheinlichkeiten. Das hat sich in meinen Ausflügen in die Psychologie, in die Medizin und in das Pokerspiel oft gezeigt."

Für jeden, der gern mit der Gesundheit pokert, ist das doch eine frohe Bewerberbotschaft! Doch auch der schönste Ausflug hat einmal ein Ende, und jedes Anschreiben kommt endlich zum Schluss:

"Sollten Sie aufgrund der Ihnen vorliegenden Unterlagen die Möglichkeit sehen, Ihr Team durch mich zu verstärken und es mir zu ermöglichen, einer Erwerbstätigkeit zur Finanzierung meines Studiums nachgehen zu können, würde ich mich freuen, bald von Ihnen zu hören."

Noch gut zu wissen:

"Meine Gehaltsvorstellungen bewegen sich im mittleren 30T-€-Bereich, wobei ich diesbezüglich flexibel bin."

Oh, und bitte nicht wundern:

"PS: Aufgrund eines mehrwöchigen Urlaubs konnte ich meine Bewerbung leider nicht fristgerecht versenden. Aufgrund der zurückliegenden Feiertage gehe ich aber positiv davon aus, dass diese noch zugelassen wird."

+++ Wie man es besser macht, erfahren Sie hier. +++

Zum Autor
Gerhard Winkler arbeitet als Trainer und Bewerbungshelfer in Berlin. Er bloggt regelmäßig auf www.jova-nova.com.

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insgesamt 24 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ist doch nicht so schwer ...
coyote38 06.01.2014
1. Satz: "Sehr geehrte Damen und Herren" 2. Satz: "Ich bewerbe mich um die von Ihnen in ... ausgeschriebene Position als ..." 3. Satz: "Meine Vita sowie meine persönlichen Referenzen habe ich als Anlage zu Ihrer Kenntnisnahme beigefügt." 4. Satz: "Über die Einladung zu einem persönlichen Gespröch würde ich mich sehr freuen." 5. Satz: "Mit freundlichen Grüßen" / Unterschrift
2. Der Duden, der Duden
berndzocher 06.01.2014
Es hilft auch, den den Bewerbungstext nach Schreibfehlern durchzusehen - könnte dieser auch vertragen ...
3. Das "Leidenschafts"-Gedröhne...
j.w.pepper 06.01.2014
...haben sich insbesondere internationale Großunternehmen selbst zuzuschreiben. Meine Frau arbeitet für ein solches, und ich hab's auch mal gut 10 Jahre durchgehalten. Immer dann, wenn die Zahlen nicht stimmen, das Wachstum befördert oder Restrukturierungsmaßnahmen unters Volk gebracht werden müssen, faselt die Unternehmensleitung von "passion", die jetzt alle aufbringen müssten. Wer die "passion" nicht hat, dem fehlt wohl der notwendige "mind set". Kein Wunder, wenn Bewerber dies, speziell in seiner plakativ herausgestellten Version, als Bewerbungskriterium missverstehen.
4. Wie man in den Wald....
anton strumpf 06.01.2014
Zitat von j.w.pepper...haben sich insbesondere internationale Großunternehmen selbst zuzuschreiben. Meine Frau arbeitet für ein solches, und ich hab's auch mal gut 10 Jahre durchgehalten. Immer dann, wenn die Zahlen nicht stimmen, das Wachstum befördert oder Restrukturierungsmaßnahmen unters Volk gebracht werden müssen, faselt die Unternehmensleitung von "passion", die jetzt alle aufbringen müssten. Wer die "passion" nicht hat, dem fehlt wohl der notwendige "mind set". Kein Wunder, wenn Bewerber dies, speziell in seiner plakativ herausgestellten Version, als Bewerbungskriterium missverstehen.
Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Da fordert ein Unternehmen, das nach Gas und Öl bohrt, in der Jobannonce: "Entfachen Sie unsere Leidenschaft!" Das Unternehmen führt dann weiter aus, dass die derzeitigen Mitarbeiter bereits mit gehöriger Leidenschaft zu Werke gehen. Und weil derartige Anforderungen kein Einzelfall sind, darf man mit Fug und Recht davon ausgehen, Leidenschaft gehört zu den Minimalanforderungen. Nachzulesen ist das unter anderem unter http://antonstrumpf.blogspot.de v.14.01.13 Mit Leidenschaft geht die Arbeit wie geschmiert. Das weiß doch fast jeder. Es kann ja nicht schaden, einen möglichen Arbeitgeber gleich im Anschreiben darauf hinzuweisen, dass der/die Bewerber(in) selbst über dieses schöne Merkmal verfügt.
5. Ach ja...
Square Grouper 06.01.2014
... die nervigen Bewerbungen. Wie man es macht macht man es falsch. Der ein sagt es muss so, der nächste sagt es darf auf keinen Fall so. Der dritte sagt, ein Anschreiben sei egal, weil Personaler eh nur auf die Fakten im Lebenslauf achten... Mein persönliches Highlight war eine Bewerbung an eine Beratungsstelle in der ich schrieb, dass ich schlechte Erfahrungen mit eben dieser Beratungsstelle gemacht habe und es nun besser machen möchte als es dort gemacht wurde. Den Job hätte ich sogar bekommen... Seit dem denke ich, man kann wohl alles reinschreiben.
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