Tipps zur Promotion Der Doktorand von Alcatraz
2. Teil: Gesetzestreue und Resozialisierung
Viertens: Alles sammeln, alles wissen
Wer nach diesen Vorarbeiten immer noch promovieren möchte, macht sich an die Recherche, will sich möglichst umfassend über den Stand der Forschung und begleitende Literatur informieren. Das ist zwar richtig, bietet aber die erste Gelegenheit, sich gründlich zu verzetteln. Gerade in sozialwissenschaftlichen Fächern (aber auch anderswo) hängt irgendwie alles mit allem zusammen, was es schwer macht, Grenzen zu ziehen. Wer hier keine präzise Forschungsfrage als Prüfstein hat ("Brauche ich das dafür wirklich?"), verbringt mit diesem Schritt zu viel Zeit. Bei der Frage, ob nun diese eine Monografie über einen Randaspekt eines Teilgebiets einer verwandten Fragestellung auch noch durchgearbeitet werden muss, hilft - mal wieder - das Fachgespräch mit anderen Forschern.
Fünftens: Mithäftlinge kennenlernen
Bald sollte man sich darum kümmern, den Kontakt zu anderen Doktoranden zu pflegen. Das Alcatraz-Selbstbild vom asketischen Wissenschaftsarbeiter, der sich ein paar Jahre in seine Stube zurückzieht, um dann sein Opus magnum zu gebären, ist zweischneidig. Manche Aspekte sind ja richtig, etwa dass man sich konzentrieren und möglichst viel vom Alltag ausblenden soll. Aber wer in der Zeit der Dissertation über sein Thema schweigt und seine Arbeit nicht zusammen mit anderen reflektiert, tut sich keinen Gefallen. Er schmort im eigenen Saft und stellt an sich kaum haltbare Ansprüche, dabei könnten Außenstehende ihn leicht auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Wichtig ist das Gespräch mit Leuten, die sich zumindest so weit für das Thema interessieren, dass sie die kritischen Fragen stellen können, die man selbst oft übersieht, zum Beispiel: "Brauchst du das wirklich?" Außerdem dient das Netzwerk der Krisenprävention: Wer sich die Sinnfrage seiner Dokterei stellt und merkt, dass es anderen ähnlich geht, gewinnt leichter wieder Oberhand.
Sechstens: Gesetzestreue
Bis vor eineinhalb Jahren hätte man diesen Punkt eigentlich als Selbstverständlichkeit abgetan - wenn auch als wichtige. Doch seit dem Fall Guttenberg erwähnt man besser, dass wissenschaftliche Arbeiten nach akademisch-handwerklichen Regeln erstellt werden müssen. Wer beim Zitieren fremder Gedanken murkst, hat im Zweifel nicht nur ein, zwei falsche Fußnötchen gesetzt, sondern macht sich des Betrugs schuldig.
Höchste Zeit also, die Zitierregeln aufzufrischen. Literatur zum Thema findet sich in jeder Uni-Bibliothek, oft geben Fakultäten Broschüren mit den eigenen Standards heraus. Wer den Forschungsstand kennt und weiß, wie er ihn korrekt wiedergibt, kann sich dann auf seine eigentliche Aufgabe als Doktorand besinnen: Erkenntnisse zu heben, die vor ihm noch niemand aufgeschrieben hat - der Ausbruch aus dem Bekannten.
Siebtens: Krisen
Krisen werden kommen wie der Wärter auf Kontrolltour. Eine Hilfe ist der regelmäßige Freigang. Man sollte Zerstreuung verbindlich einplanen. Denn Freizeitvergnügen, die man sie sich selbst genehmigt, erzeugen kein schlechtes Gewissen. Sonst passiert es leicht, dass man sich den halben Abend fragt, ob man nicht vielleicht doch noch eine Testreihe durchführen sollte, statt ins Kino zu gehen.
Den meisten Doktoranden fällt es schwer, den Raum zu begrenzen, den die Arbeit an der Dissertation in ihrem Leben einnehmen darf. Klare Regeln sich selbst gegenüber helfen - am besten mit Kontrolle: Wer sich bei der Zeiteinteilung nicht selbst im Griff hat, braucht die Unterstützung von Freunden, die zumindest bei der Freizeitgestaltung gerne helfen.
Apropos Zeiteinteilung: Eine weitere Kollektiverfahrung von Doktoranden ist die Verspätung. Die Dinge werden irgendwie immer später fertig, das ist die Regel, nicht die Ausnahme. Darauf sollte man sich bei der Planung einstellen. Schließlich gibt es auch Deadlines, die man nicht verpassen darf, etwa wenn das Stipendium ausläuft.
Achtens: Haftentlassung
Selbst wenn die Zeit der Promotion am Anfang lebenslänglich erscheint - das Ende muss mit bedacht werden. Für Dinge wie Textformatierung, Korrekturlesen, Zitate-Check, Drucken und Binden sollten mindestens vier Wochen veranschlagt werden. In diesen Wochen besser nicht mehr am Text besser arbeiten, weil das die Fehlergefahr erhöht. Auch auf Kosten muss man sich einstellen: Vier Exemplare einer 300-Seiten-Arbeit schlagen beim Copy-Shop mit gut hundert Euro zu Buche.
Richtig teuer kann die eigentliche Veröffentlichung werden. Weil mit Doktorarbeiten im Buchhandel kaum Geld zu verdienen ist, kassieren viele Verlage bei den Autoren. Nur wer Glück hat und viele Exemplare seiner Doktorarbeit absetzt, holt diesen sogenannten Druckkostenzuschuss wieder rein und verdient vielleicht sogar an seinem Buch. Stipendiaten haben teilweise die Möglichkeit, einen Druckkostenbeihilfen zu beantragen, auch gibt es Druckstipendien der DFG. Oft zahlt sich der Blick in die Prüfungsordnung der Fakultät aus: An vielen Unis genügt inzwischen eine Online-Publikation. Die Kosten sind deutlich geringer, manche Uni-Bibliothek erledigt das sogar gratis.
Neuntens: Resozialisierung
Promotion - was dann? In der stressigen Schlussphase fällt es schwer, sich um die nächste Arbeitsstelle zu kümmern. Mit dem Ende der Arbeit fällt auch jede Förderung weg. Glücklich, wer einen Anschlussjob in Aussicht hat. Laut der Gewerkschaft Ver.di ist jeder dritte Promovierende vom sozialen Absturz bedroht, viele beantragen Hartz IV. Wer gezielt vorbauen kann, und sei es nur durch einen Gelegenheitsjob, der ihm ein wenig Zeit verschafft, kommt besser an in der Welt da draußen.
- Matthias Kaufmann ist Online-Redakteur beim manager magazin. Das Thema seiner Doktorarbeit hat er nach zwei Jahren Arbeit mal eben halbiert.

- 1. Teil: Der Doktorand von Alcatraz
- 2. Teil: Gesetzestreue und Resozialisierung
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
- RSS
- alles aus der Rubrik Berufsstart
- RSS
- alles zum Thema Karriere an der Uni - KarriereSPIEGEL
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Industriepromotion: Zweigleisig zum Doktortitel (30.05.2012)
- Wissenschaft prekär: Kettenjobber, Leiharbeiter, Forschungsknechte (29.05.2012)
- Hilfskraft, Professor, Rektor: Was verdienen Wissenschaftler? (09.03.2012)
- Titelsucht der Eliten: "Hätte Guttenberg bei mir bestellt..." (18.11.2011)
- Wissenschaftler in Nöten: Jung, talentiert, frustriert (05.03.2012)
- Wut der Doktoranden: Wie Deutschland junge Forscher vergrault (21.05.2012)
- Zitat des Tages: "Wir müssen weg von Mickymaus-Promotionen" (07.05.2012)
- Krise der US-Universitäten: Deutsche Forscher wollen heim (07.03.2012)
- Uni-Karriere in den USA: Professur statt Arbeitsamt (20.05.2011)



