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Tipps zur Promotion Der Doktorand von Alcatraz

Gefängnisinsel Alcatraz: Der perfekte Elfenbeinturm? Zur Großansicht
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Gefängnisinsel Alcatraz: Der perfekte Elfenbeinturm?

Man nehme einen großen Geist und große Einsamkeit - am Ende bekommt man eine großartige Dissertation. Eine Doktorarbeit gilt als klassisches Einzelkämpferprojekt im selbstgewählten akademischen Gefängnis. Doch wer so denkt, wird vermutlich nie damit fertig. Neun Tipps helfen, die Promotion durchzustehen.

Der "Gefangene von Alcatraz" hat einen Gefängniswärter umgebracht und soll hingerichtet werden. Seine Mutter erwirkt, dass er stattdessen lebenslänglich bekommt. Da sitzt er, in seiner Einzelzelle, mehr als 50 Jahre lang. So zeigt es der gleichnamige Film von 1962 mit Burt Lancaster in der Hauptrolle.

Beim Hofgang findet er einen Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Er darf das Tier behalten, und als es krank wird, beschäftigt er sich so lange mit Tiermedizin, bis er ein Mittel findet, das den Vogel rettet. Die Gefängniszelle wird zum Studierzimmer, im Selbststudium wird aus dem "Gefangenen von Alcatraz" ein anerkannter Vogelkundler.

Das Selbstbild vieler Doktoranden ähnelt dem "Gefangenen von Alcatraz": Da entrückt einer dem schnöden Treiben der Welt, konzentriert sich auf nichts anderes als die Wissenschaft und wird als einsamer Arbeiter des Wissens jeden Tag ein wenig schlauer, bis die Fachwelt anerkennend applaudiert.

Ein paar Unterschiede zum Häftling gibt es freilich. Wer sich für eine Doktorarbeit entscheidet, hat dieses Schicksal selbst gewählt, normalerweise niemanden auf dem Gewissen und wird nicht von Gefängniswärtern schikaniert. Aber in all den Jahren, in denen die jungen Wissenschaftler an ihrer Dissertation doktern, kommen sich viele nicht selten vor wie Gefangene: gerade in Krisen, wenn es nicht vorangeht und es kein Zurück mehr gibt.

Wie steht man das also durch, so eine Promotion? Neun Tipps helfen auf dem Weg zum Doktorgrad - ohne dabei gleich einen Vogel zu kriegen.

Erstens: Thema kidnappen

Auf den ersten Blick der banalste Punkt von allen, doch der hat es in sich: das Thema der Arbeit. Die meisten, die sich für eine Promotion entscheiden, haben zumindest ein vages Thema im Kopf. Selbst wer schon genau weiß, in welche Richtung das akademische Abenteuer gehen soll, muss um die präzise Formulierung seiner Ausgangsfrage ringen, je genauer, desto besser. Es gibt wenig, worunter Doktoranden später so sehr leiden, wie ein allzu weitläufiges Thema, mit dem sie mehr wollen, als sie schaffen können.

Die Themenfindung ist der erste Punkt, an dem Kommunikation wichtig ist. Das passende Thema findet sich am besten im Gespräch mit anderen Forschern und nicht zuletzt mit dem Doktorvater. Auf seine Unterstützung sind Promovierenden sowieso zwingend angewiesen. Gerade bei so entscheidenden Weichenstellungen kann er mit seiner Erfahrung eine große Hilfe sein. Als Erstes muss er vom Thema überzeugt werden - auch da kann man sich den Mund fusselig reden.

Zweitens: Sich selbst ins Kreuzverhör nehmen

Bevor man sich tatsächlich für eine Promotion entscheidet, sollte man ein paar Fragen so ehrlich wie möglich beantworten. Zum Beispiel: Wird mich das Thema auch in fünf Jahren noch interessieren? Wird es dann noch für andere relevant sein?

Wer sich für so lange an ein Thema kettet, sollte sich damit auch wohlfühlen. Es ist keine Schande, ein schlichtes Interesse an dem schicken Titel zu haben. Wer sich dabei aber kaum für das Dissertationsthema erwärmt, bringt sich selbst in Schwierigkeiten, spätestens in der nächstbesten Schaffenskrise.

Eine weitere Schlüsselfrage: Warum tue ich mir das alles an? Sie vergisst man leicht in der ersten Begeisterung. Aber der Tag ist nah, an dem man sie automatisch stellt, spätestens wenn sich mal wieder das Gefühl breitmacht, für die Dissertation seine Gesundheit, Freundschaften oder die Beziehung aufs Spiel zu setzen. Wer dann keine belastbare Antwort parat hat, wird vermutlich aufgeben.

Schließlich sollte jeder Promovierende überzeugt davon sein, dass er mit der Art zu arbeiten zurechtkommt, die eine Doktorarbeit erfordert: eigenverantwortlich, geduldig und mindestens so akribisch, dass man nicht nachträglich sein Amt als Bundesminister aufs Spiel setzt.

Wie bei jedem Kreuzverhör gilt: Zeugen dabeihaben! Natürlich muss man sich über diese Fragen ganz allein klarwerden. Aber bei der ehrlichen Beantwortung hilft die Unterstützung von Freunden, besonders wenn sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Drittens: Kohle klarmachen

Wovon leben? Wer nicht gerade eine Industriepromotion macht oder seine Abhandlung neben einem festen Job am Feierabend schreibt, muss sich ums Geld sorgen. Man kann versuchen, sich mit kleinen Nebenjobs durchzuwurschteln. Aber wenn die Versorgung alle paar Wochen neu organisiert werden muss, ist es schwer, sich auf das Dissertationsthema zu konzentrieren.

Für Doktoranden gibt es drei klassische Möglichkeiten der Finanzierung: ein Stipendium, eine Anstellung an der Uni und ein Doktorandenkolleg. Besonders angenehm ist das Stipendium, denn wer eins ergattert, hat das erste Erfolgserlebnis mit seinem Dissertationsthema. Außerdem bleibt er von Nebentätigkeiten weitgehend verschont. An Möglichkeiten mangelt es nicht, von parteinahen über private Stiftungen bis hin zu Industriestipendien. Die Voraussetzungen unterscheiden sich deutlich: Oft werden nur bestimmte Themengebiete gefördert; bei den politischen Stiftungen muss man nachweisen, dass man sich auch gesellschaftlich engagiert. An vielen Unis hilft eine eigene Stipendienberatung bei der Suche. Sehr nützlich ist auch der Stipendienlotse des Bildungsministeriums.

Die beiden anderen Varianten haben den Vorteil, dass sie den Doktoranden von Alcatraz dazu zwingen, sich regelmäßig mit anderen über sein Thema auszutauschen - wobei sich auch die meisten Stipendiengeber um solche Angebote bemühen. Wer am Institut des Doktorvaters arbeitet, kann oft ideale Bedingungen für regelmäßiges Feedback schaffen. Andererseits werden promovierende Mitarbeiter an der Uni notorisch ausgenutzt, kommen oft kaum zur eigenen Forschung und werden schlecht bezahlt.

Doktorandenkollegs sind im Grunde ein Stipendium mit Anbindung an eine Gruppe anderer Forschender. In regelmäßigen Seminaren muss man den eigenen Fortschritt erklären, sich mit den Projekten der Kollegen auseinandersetzen und wird in Schreib- und Präsentationstechniken weitergebildet. Wenn nicht die eigene Uni derartiges anbietet, ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erster Ansprechpartner.

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insgesamt 10 Beiträge
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    Seite 1    
1. Binsenweisheiten
lokoshan 01.06.2012
Es ist ja sehr freundlich vom Autor, all diese Ratschläge zu geben. Allerdings sind das doch größtenteils Aspekte, über die sich jeder angehende Doktorand automatisch Gedanken macht. Oder wer fängt schon eine Promotion an, ohne sich zuvor über die Finanzierung Gedanken gemacht zu haben? Und wie hilft es mir jetzt genau weiter, dass ich Weiß, dass am Ende das Formatieren vier Wochen dauert und ich Kosten von 100€ für den Druck der Dissertation zu erwarten haben, um die Promotion an sich durchzuhalten? Dass man sich die Zeit gut einteilen, das Privatleben nicht zu sehr vernachlässigen sollte und Krisen kommen werden, sind wirklich Dinge, auf die man im Vorfeld nicht genug hinweisen kann. Aber leider bleibt es im wesentlichen bei diesen Hinweisen, ohne konkrete Hilfestellungen zu geben. Unter dem Strich hätte die Kenntnis dieses Artikels den meisten mir bekannten Doktoranden auch nicht geholfen, ihre Arbeit zügig, stressfrei und vor allem in der vorgesehenen Zeit fertig zu stellen. Schade um den Schreibaufwand.
2.
hjm 01.06.2012
Zitat von lokoshanEs ist ja sehr freundlich vom Autor, all diese Ratschläge zu geben. Allerdings sind das doch größtenteils Aspekte, über die sich jeder angehende Doktorand automatisch Gedanken macht. Oder wer fängt schon eine Promotion an, ohne sich zuvor über die Finanzierung Gedanken gemacht zu haben? Und wie hilft es mir jetzt genau weiter, dass ich Weiß, dass am Ende das Formatieren vier Wochen dauert und ich Kosten von 100€ für den Druck der Dissertation zu erwarten haben, um die Promotion an sich durchzuhalten? Dass man sich die Zeit gut einteilen, das Privatleben nicht zu sehr vernachlässigen sollte und Krisen kommen werden, sind wirklich Dinge, auf die man im Vorfeld nicht genug hinweisen kann. Aber leider bleibt es im wesentlichen bei diesen Hinweisen, ohne konkrete Hilfestellungen zu geben. Unter dem Strich hätte die Kenntnis dieses Artikels den meisten mir bekannten Doktoranden auch nicht geholfen, ihre Arbeit zügig, stressfrei und vor allem in der vorgesehenen Zeit fertig zu stellen. Schade um den Schreibaufwand.
Komisch. Das „Formatieren“ meiner Doktorarbeit hat vor 20 Jahren auf dem Großrechner des Instituts etwa 10 Minuten gedauert. Mein Billig-Laptop schafft es heute in weniger als 10 Sekunden. Okay, wenn er nicht noch andere Arbeiten gleichzeitig erledigen muss. Aber vier Wochen?
3. Nützliche und richtige Tipps
willi_unterm_tresen 01.06.2012
Danke dem Autor - es ist alles richtig, was er geschrieben hat, sonst wird's nix mit der Diss. Und noch etwas: von Beginn an mit einer guten Literaturverwaltung arbeiten. Das beruhigt und spart am Ende enorm viel Zeit.
4. Themenwahl und Krise
Miere 01.06.2012
Ihren Punkt 1 (Themenwahl) sehe ich nicht in jedem Fach so. Vielleicht haben Geisteswissenschaftler da ziemlich freie Auswahl, das weiß ich nicht. In den Naturwissenschaften ist es ziemlich gängig, dass man vom Dokotorvater ein Thema fest vorgegeben bekommt, das in ein größeres, längerfristiges Forschungsprojekt einer ganzen Arbeitsgruppe eingebunden ist. Mit einem solchen vorgegebenen Thema ist oft auch automatisch ein Stipendium oder Teilzeitjob verbunden (zeitlich befristet, so dass man innerhalb dieser Frist auch fertig werden muss). Wenn man eine Idee hat, was man erforschen möchte, aber dazu gerade keine Uni und kein Forschungsinstitut eine Doktorandenstelle anbietet, dann geht das eben nicht und man muss über das forschen, wofür gerade eine Stelle frei ist. Krise: Was Sie beschreiben ist ein kleiner Durchhänger. Eine richtige Krise ist, wenn mitten während der Promotion die Gewerbeaufsicht das Labor schließt, oder das sauteure Gerät an dem man arbeitet irreparabel kaputtgeht, radikale Tierbefreier die Versuchstiere klauen, oder wenn sich herausstellt, dass die Zellkultur/Pflanzensorte/das Virus womit man arbeitet ganz andere Gene/Eigenschaften hat als angenommen, so dass man die geplanten Experimente damit überhaupt nicht machen kann.
5. Ganz wichtig: Der Punkt am Ende
fischantiquar 01.06.2012
Einige wichtige Grundsätze, die man beherzigen sollte, wenn man die Diss beenden will: 1. Andere, die zuvor auf einem ähnlichen Thema promoviert haben, waren nicht zwingend Idioten - das führt direkt zu 2. Man muss sich vom Anspruch lösen, die beste Diss der Welt zu schreiben - sonst wird man nie fertig 3. Ganz wichtig: unten rechts auf der letzten Seite kommt ein Punkt. Und übrigens: Zum Vermarkten der Diss ruhig mal bei vgwort nachschauen.
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