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Olli Kahns Abschiedsspiel Sieben Minuten, die Timo Heinze nie vergessen wird

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photoarena/ Zumpe

Ein Torwart-Titan sagte Servus, ein junges Fußballtalent war dabei. Bei Oliver Kahns Abschiedsspiel im September 2008 kickte der FC Bayern München gegen die deutsche Nationalelf. Am Ende kam auch Timo Heinze vor großer Kulisse zum Einsatz - ein Auszug aus seinem Buch "Nachspielzeit".

Eins der Dinge, die mir am meisten fehlen werden, ist die Kulisse. Geld und Ruhm hin oder her. Aber es gibt einfach nichts Aufregenderes, als vor einem Publikum mit mehreren tausend Zuschauern zu spielen, auch auswärts. Wenn man dort auf den Platz einläuft, kommt man sich vor wie ein Gladiator, der in das Colosseum einmarschiert. Dieses Kribbeln im Bauch und das aufsteigende Adrenalin sind mit nichts zu vergleichen.

Am 2. September 2008 ereignete sich das wohl größte Erlebnis meiner kurzen Karriere. Oliver Kahn gab sein Abschiedsspiel in der Allianz-Arena. Die Paarung lautete FC Bayern gegen die deutsche Nationalmannschaft. Von unseren Profis spielten natürlich einige auch gleichzeitig im Nationalteam. Und so kam es, dass in der Bayern-Mannschaft einige Spieler fehlten, weil sie in der gegnerischen Startelf standen. Für elf Leute reichte es zwar locker, aber nicht für einen gesamten Mannschaftskader, bestehend aus achtzehn Spielern. Also wurde aufgefüllt mit Jungs von den Amateuren. Insgesamt waren es vier Leute. Und da unter anderem auch ein rechter Verteidiger benötigt wurde und ich zu der Zeit Stammspieler auf dieser Position war, fiel die Wahl auch auf mich.

Als ich die Treppen aus dem Bauch der Arena heraus direkt auf den Platz stieg und mich, gemütlich einen Ball vor mich herdribbelnd, umsah, realisierte ich zum ersten Mal, wo ich hier überhaupt gelandet war. Im Garten Eden eines Fußballers.

Ich hatte bis dato schon öfter mal vor größeren Kulissen gespielt. Aber das hier war etwas anderes, etwas bedeutend Größeres.

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Ich saß zunächst auf der Bank, und es sah nicht danach aus, dass ich eingewechselt werden würde. Trotzdem hoffte und wartete ich natürlich darauf wie ein kleines Kind an Weihnachten auf die Geschenke. Nervös rutschte ich auf meinem bequem gepolsterten Sitz hin und her. Das Spiel wurde eine Viertelstunde vor Schluss unterbrochen, und Olli Kahn ging für immer aus dem Tor. Er lief seine wohlverdiente Ehrenrunde, während die Spieler durchatmen konnten.

Da kam auf einmal Rechtsverteidiger Massimo Oddo an die Bank gelaufen, unterhielt sich wenige Meter von mir entfernt auf Italienisch mit Jürgen Klinsmann und zeigte dabei mit seinem Finger auf seinen hinteren Oberschenkel. Oddo wird beim FC Bayern, wenn überhaupt, als Fehleinkauf in Erinnerung bleiben. Ich allerdings werde für immer sein Fan sein. Denn dann ging alles ganz schnell. Klinsmann drehte sich zu mir um und sagte: "Timo, mach dich warm." Schnell noch meine lange Hose ausgezogen, und dann lief ich auch schon die Außenlinie rauf und runter.

Für einen Moment erkannte ich meine Freundin und meinen Vater

Es war eine bizarre Situation. Die Arena war fast komplett abgedunkelt, die Scheinwerfer auf Kahn gerichtet, der immer noch seine Runde genoss, die Fans klatschend und jubelnd. Das ganze Stadion stand, es lief "Time to say goodbye", die Spieler bildeten schon ein Spalier, um den ehemaligen Welttorhüter ehrenvoll vom Platz zu geleiten. Es war eine ergreifende Atmosphäre.

Nur nicht für mich. Ich kam mir zwar etwas verloren vor, war aber hoch konzentriert auf die Vorbereitung für meinen Einsatz. Voll fokussiert spulte ich meine gewohnten Übungen ab, mitten unter Dutzenden von Stromkabeln und Fernsehkameras, die sich herzlich wenig für mich interessierten.

Wahrscheinlich waren in dem Moment meine damalige Freundin und mein Vater die einzigen beiden der 69.000 Zuschauer, die auf mich schauten. Sie saßen unweit von mir entfernt, und ich konnte sie für einen kurzen Moment auf ihren Plätzen unter all den Leuten erkennen.

Nachdem Kahn das Feld endgültig verlassen hatte, war es so weit. Ich lief auf den Platz und war völlig geplättet von der Kulisse. Natürlich hatte ich als Zuschauer schon eine Menge Spiele hier verfolgt. Aber dort unten auf dem Platz zu stehen war unvergleichlich.

Einen kurzen Augenblick lang richtete ich meine Augen nach oben in die Menge. Es fühlte sich an, als wäre ich von einer riesigen Wand umgeben. Eine Wand, die sich einmal ganz um mich herumzog und wahnsinnigen Lärm verbreitete.

Dieses Szenario wirkte aber keinesfalls bedrohlich, und nach dem ersten "Schock" genoss ich es einfach nur. Nervös war ich natürlich trotzdem. Und zwar nicht zu knapp. Nachdem ich meinen ersten Ballkontakt mit einer ordentlichen Annahme über die Bühne gebracht hatte, verflog aber auch das weitestgehend.

Am Ende bleibt Fußball eben Fußball. Elf gegen elf auf zwei Tore. Ob in einer riesigen Arena oder auf einem Dorfplatz in Hintertupfing.

Mein Trikot wollte ich nicht wieder hergeben

Ich hatte sogar eine auffällige Aktion, als ich tief in der eigenen Hälfte angespielt wurde und mit dem Ball nach vorne lief. Ich suchte nach einer Passmöglichkeit, aber fand einfach keine Anspielstation. Also lief ich eben weiter, denn ich wurde nicht besonders hart angegriffen von meinen Gegnern der Nationalmannschaft. Noch weiter. Ich hob wieder den Kopf, immer noch keiner frei. Ich dachte mir, das kann doch gar nicht sein, aber so lange mich eben niemand ausreichend attackierte, dribbelte ich munter weiter. Irgendwann war ich nur noch rund fünfundzwanzig Meter vom Tor entfernt. Ich überlegte kurz zu schießen, spielte dann aber einen etwas ungenauen und überhasteten Pass auf Miroslav Klose, der ihn leider knapp verfehlte.

Die restliche Zeit passierte nicht mehr viel, ich war nur noch darauf bedacht, hinten nichts anbrennen zu lassen und mir ein direktes Duell mit meinem wieselflinken Gegenspieler Marko Marin möglichst zu ersparen. Das Spiel wurde frühzeitig abgepfiffen, und ich ging daraufhin durch die gegnerischen Reihen und gab den Herren Nationalspielern die Hand, wie man das eben so macht, bevor man den Platz verlässt. An einen Trikottausch dachte ich jedoch nicht, denn mein eigenes rotweißes Shirt mit der Nummer 13 wollte ich auf gar keinen Fall wieder hergeben. Auch wenn ich mir darin vorkam wie ein überdimensionaler Windsack, weil der Zeugwart mir allen Ernstes ein Dress in XL auf den Platz gelegt hatte.

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Insgesamt spielte ich ziemlich genau sieben Minuten, mehr nicht. Für mich aber waren es vielleicht die aufregendsten sieben Minuten in meinem bisherigen Leben. Es mag völlig bescheuert klingen, denn in dieser Zeit kann man noch nicht mal ein Ei komplett hartkochen. Aber genau diese sieben Minuten sah ich als eine Art großartige Entschädigung an für all die Dinge zuvor. Dadurch waren die gesamte Verletzungsmisere und ihre Folgen zwar nicht vollends vergessen, doch zumindest viel leichter zu akzeptieren. Wer hätte gedacht, dass ich noch mal eines Tages in der Allianz-Arena auflaufen würde, als ein Arzt mein Karriereende praktisch voraussagte?

Ein absolutes Highlight

Anschließend bedankte sich Olli Kahn in der Kabine bei mir für meine Teilnahme, wie bei jedem Spieler. Eigentlich hätte ich ihm danken müssen. Nach dem Spiel wollte ich frisch geduscht in den Mannschaftsbus steigen, mit dem es zurück an die Säbener Straße gehen sollte. Als ich mir zwischen all den Stars gerade genüsslich meinen Weg bahnte, hörte ich mehrmals meinen Namen. Ich blickte in die beachtliche Menschenmenge, die sich hinter einer Absperrung neben dem Bus gebildet hatte, und erkannte zwei bekannte Gesichter. Meinen ehemaligen Trainer aus Kindertagen und dessen Sohn, der damals mit mir gemeinsam in einem Rosenheimer Vorort gekickt hatte. Beide hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, und sie waren völlig aus dem Häuschen, dass der kleine Timo von damals nun auf der großen Bühne Allianz-Arena vor wenigen Minuten seinen ersten Auftritt gehabt hatte. Nach einem kurzen Plausch musste ich mich verabschieden und sank anschließend in meinen gemütlichen Ledersitz.

Ich war noch immer voller Adrenalin und wahnsinnig euphorisch, so was habe ich noch nie erlebt. Ein sensationelles Gefühl. Zwischendurch erreichten eine SMS nach der anderen und zahlreiche Anrufe mein Handy. Als hätte ich einen runden Geburtstag gefeiert. Natürlich hatten mich viele Freunde und Bekannte live im Fernsehen gesehen und sendeten Glückwünsche.

Dieses Erlebnis war ein absolutes Highlight, das ich niemals vergessen werde. Ich ging sehr spät ins Bett an diesem Tag, ich war einfach zu glücklich, um zu schlafen.

Immer mal wieder fahre ich heute an der Allianz-Arena vorbei, sie liegt direkt an der Autobahn vor den Toren Münchens.

Und jedes Mal beschleicht mich ein seltsames Gefühl.

Ich schaue auf das schlauchbootartige, imposante Stadion, und mich ergreift eine tiefe Melancholie, ja sogar wahrhaftige Traurigkeit.

Vor noch nicht einmal zwei Jahren stand ich da drinnen auf dem Platz, in diesem Fußballtempel. Und heute höre ich auf mit Profifußball.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Alles Gute!
wanniii 23.11.2012
Besten Dank für diesen Bericht! Die Erinnerung und die Erfahrung kann Ihnen keiner mehr nehmen. Jetzt heißt es nach vorn zu blicken und positiv an neue Aufgaben herangehen! Versuchen Sie es im journalistischen oder psychologischen Fach, Sie haben dazu die besten Voraussetzungen! Alles Gute!
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