Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaBewerbungenRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Arbeitgeber im Netz "Bewerber möchten keine Zeit verschwenden"

Arbeitgeber auf Bewerberfang: Diese Unternehmen können's Fotos
Corbis

Nur ein Klick, und das Onlineprofil wird an den Arbeitgeber überspielt - ist das die Bewerbung der Zukunft? Berufsanfänger sind ungeduldig. Eine Studie zeigt, welche deutsche Unternehmen es klugen Köpfen leicht machen.

Jeder kennt sie, die klassische Online-Bewerbung: auf die Firmen-Homepage gehen, das Bewerbungsportal suchen, komplizierte Online-Formulare ausfüllen. Anschließend den Lebenslauf und die Zeugnisse hochladen, Dokumente anhängen. Natürlich darf die Datei nicht zu groß, muss das Layout perfekt, das Anschreiben fehlerfrei formuliert sein.

Das kann dauern. Von der Anzeige bis zum Button "Senden" - bis die Bewerbung ein Unternehmen erreicht - vergehen nicht Minuten, sondern Stunden.

Früher, als es noch mehr Bewerber als Stellen gab, trennten große Firmen mit diesem umständlichen Verfahren die Spreu vom Weizen. Und heute? Heute können sich Firmen so viel Bürokratie nicht mehr leisten, lautet das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Potentialpark. Die Marktforscher warnen: Viele Firmen unterschätzen den Wettbewerb, halten an alten Systemen fest und verprellen so den Nachwuchs.

Wer als Arbeitgeber in der Technik hinterherhinkt, wird abgestraft: Die Karrierewebseite bietet zu wenig Service, die Online-Bewerbung dauert zu lange? Schon ist der Interessent weg. 40 Prozent der Befragten haben schon einmal mitten im Bewerbungsprozess den Stecker gezogen. Als Gründe nannten die Studenten und Absolventen: Sie möchten sich nicht durch kryptische Stellenanzeigen quälen. Oder sich über unübersichtliche Systeme ärgern, die immer wieder abstürzen.

Kurze Frage, schnelle Antwort

"Bewerber sind nicht faul, sondern möchten keine Zeit verschwenden", sagt Julian Ziesing, Studienleiter bei Potentialpark. Zwischen September und Januar nahm das globale Marktforschungsinstitut großen Anlauf: Weltweit untersucht wurden 3705 Karriereseiten, Systeme zur Onlinebewerbung und Social-Media-Kanäle (Facebook, Xing, LinkedIn, YouTube, Twitter, Blogs). Allein in Deutschland waren es rund 900 Kanäle von 161 Arbeitgebern. Außerdem befragte die Beratungsfirma fast 1200 Betriebswirte, Mathematiker, Informatiker, Natur- und Ingenierwissenschaftler nach ihren Erwartungen.

Neue Wege der Bewerbung
Bewerbungen in mehreren Schritten:

Bewerber signalisieren ihr Interesse, etwa mit einem Link zu ihrem Profil auf Xing oder LinkedIn. Erst wenn der erste Eindruck auf Gegenliebe bei den Personalern stößt, bitten diese um eine vollständige Bewerbung. Beispiel: mobile Bewerbung bei der Allianz

Bewerben ohne Registrierung:

Ähnlich wie man bei der Bahn online ein Ticket mit oder ohne Registrierung kaufen kann, je nachdem ob man sich als Stamm- oder Gelegenheitskunden sieht, überlassen auch manche Arbeitgeber den Bewerbern die Wahl, sich schneller, weil ohne Registrierung auf ihrer Webseite, zu bewerben. Beispiel: Fresenius, Continental

Bewerben über Xing und LinkedIn:

Ein Klick, und mein Online-Profil bei einem professionellen Netzwerk wird an den Arbeitgeber überspielt. In der Praxis noch teils fehleranfällig, könnte diese Technik bald zu einer echten Alternative ausreifen. Beispiel: Ferrero Italien und USA

Bewerben mit dem Handy:

Alle vorher genannten Wege sind auch mobil vorstellbar. Statt seinen Lebenslauf umständlich auf dem Smartphone zu speichern oder ein Anschreiben einzutippen, erlauben manche Arbeitgeber es, mobil Stellen zu suchen und dann dem Recruiter erstes Interesse zu signalisieren oder ein Profil von Xing oder LinkedIn zuzuschicken.

Video-Bewerbung:

Obwohl es erst ein Prozent ausprobiert hat, trauen sich 26 Prozent der Befragten zu, sich mit einem Video zu bewerben, um einen noch persönlicheren Eindruck zu hinterlassen.

Innovative Apps:

Ein Berliner Start-up hat kürzlich mit Truffls eine App vorgelegt, die wie ein Tinder für Jobs funktioniert: Zum Profil passende Stellen werden eingeblendet, und der User kann mit einem Wisch nach links oder rechts Desinteresse oder Gefallen signalisieren. Hat der Recruiter seinerseits auch Interesse am Bewerber, wird der Kontakt hergestellt. Eine ähnliche App namens MJoyment scheiterte in den USA an der Nachfrage der Arbeitgeber. Beispiel: Sykes, Monster Worldwide, Internetone AG

Personalisierung und Matching:

Karrierewebseiten versuchen immer öfter, ihren Inhalt an den Besucher anzupassen. Für Ingenieure erscheint anderer Content als für Interessenten mit kaufmännischer Ausbildung. Matching-Tools zeigen mir mit wenigen Klicks Stellen und Karrierewege, die zu meinen Fähigkeiten oder meinen Interessen passen. Es folgen detailliertere Angaben über Abteilungen und Bereiche, unter denen man sich sonst wenig vorstellen kann. Je persönlicher zugeschnitten die Orientierung und Guidance auf der Karrierewebseite ist, desto leichter fallen Besuchern dann auch die Jobsuche und die Bewerbung. Beispiel: SAP

Einige Ergebnisse: Vor allem Karrierewebseiten verlieren an Attraktivität. Im Vorjahr suchten dort noch 94 Prozent aller Studenten nach Jobs, inzwischen sind es zehn Prozent weniger. Auf den Seiten präsentieren sich die Arbeitgeber, aber oft fehlen Informationen über Fortbildungen, Aufstiegsmöglichkeiten und Karrierewege. Doch gerade das vermissen Berufseinsteiger und weichen deshalb oft auf Bewertungsplattformen aus: Ein Viertel der Befragten hat bei Kununu oder Glassdoor - in Deutschland noch neu - schon Mitarbeiter-Kommentare gelesen. 82 Prozent waren mit der Auskunft zwar zufrieden, die meisten hielten die Kritik an die Launen der Chefs aber für übertrieben (64 Prozent).

Kurze Frage stellen, schnelle Antwort bekommen: Für die "Generation Y" soll eine Bewerbung am liebsten so einfach gehen wie das Buchen einer Reise. Aufs Reiseportal gehen, Stadt eingeben, Hotel suchen, Zimmerpreise und Bewertung finden - alles auf einer Seite. Übertragen auf die Jobsuche bedeutet das: Portal öffnen, Anzeige finden, Bewertungen prüfen, Bewerbungen schicken - mit wenigen Klicks ist alles erledigt.

Netzwerk-Profil per Klick überspielen

Einige Unternehmen stuft Potentialpark als vorbildlich ein. Auf den ersten Plätzen des Rankings für Deutschland (siehe Tabelle unten) landeten Fresenius, die Deutsche Telekom und Ernst & Young. Der Allianz-Konzern zum Beispiel, Rang vier, akzeptiert nun auch mobile Bewerbungen. Entdeckt ein Interessent eine Anzeige, kann er dem Personaler einen Link zu seinem Xing-Profil schicken. Dann meldet sich der Personaler, wenn er eine Bewerbung wünscht.

Bei Fresenius und Continental können Mehrfachbewerber registrierte Stammkunden werden. Vorteil: Sie müssen ihre Daten nicht immer neu eingeben. Obwohl in der Praxis noch fehleranfällig, hat sich Ferrero Italien für die Technik der Zukunft entschieden: Ein Klick, und das Online-Profil bei einem Netzwerk wie LinkedIn oder Xing wird direkt an den Arbeitgeber überspielt.

Wenn die Entwicklung so rasant weitergeht, ist vielleicht bald auch schon der Lebenslauf out. Ein Drittel aller Bewerber würde schon heute lieber nur noch ein Netzwerk-Profil versenden. Bisher bieten das jedoch nur 18 Prozent der Unternehmen an. Auch dann gilt: Wer in die engere Wahl kommt, muss am Ende trotzdem noch einen Lebenslauf und ein Anschreiben tippen, hochladen und per Mail schicken.

Top 30 der Potentialpark-Studie 2015
Rank Company Score Diff
1 Fresenius 82,2 0
2 Deutsche Telekom 79,8 0
3 EY 70,2 1
4 Allianz 69,3 -1
5 Otto 67,5 1
6 ProSiebenSat.1 Media 64,5 15
7 Infineon 62,8 91
8 Henkel 62,8 44
9 Accenture 60,3 -2
10 Philips 60,2 50
11 Deutsche Post DHL 60,2 1
12 Deloitte 60,0 2
13 TÜV NORD 59,6 0
14 Deutsche Bahn 59,4 22
15 ABB 59,0 33
16 ALTANA 59,0 11
17 BASF 58,6 11
18 Bayer 58,6 -7
19 Bertelsmann 58,0 -14
20 Bosch 57,5 9
21 UBS 56,8 13
22 Tchibo 56,5 8
23 Schaeffler Gruppe 56,0 15
24 Munich Re 55,8 46
25 BMW 55,4 0
26 Continental 55,3 -16
27 Roland Berger 55,1 37
28 Bertrandt 55,0 -11
29 ThyssenKrupp 54,5 -21
30 Sanofi 54,3 33
Quelle: potentialpark
  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
moneysac123 05.02.2015
Warumüberhaupt "bewerben"? Warum tun wir so als ob Arbeit knapp wäre um die man sich bewerben müsste? Müssen sich nicht die Unternehmen um die besten Köpfe bewerben? Volk emanzipiere dich!
2. also ich gehöre
charly993 05.02.2015
ja eher zur Generation X + aber auch ich finde es ätzend, wenn ich für die Online-Bewerbung länger brauche als für eine althergebrachte Bewerbung.
3. Anschreiben abschaffen!
kommentor 05.02.2015
Das größte und nervigste - und zeitfressendste - Hindernis bei einer Bewerbung ist nun mal das Anschreiben. Ein völlig überflüssig aufgebauschter Tanz um den angeblich wichtigsten Aspekt der Selbstdarstellung, aber fragt man 5 Personaler, wie's denn aussehen soll, kriegt man 11 Antworten. Schlußfolgerung: Es ist nicht beantwortbar. Schlußfolgerung daraus: Weglassen! Überflüssig! Verzichten! Abschaffen! Bestenfalls einen objektiven Bezug auf die Ausschreibung, damit man über dieselbe Stelle redet. Was der Kandidat gemacht hat und wie und ob er grundsätzlich für die Stelle geeignet ist, ergibt sich aus seinem Werdegang, seiner Vergangenheit, seinen Zeugnissen und Referenzen. Ein blödes Einleitungsblabla, das von der 45. Bewerbung zur 89. sowieso nur noch in Details variiert wird, trägt Null zum Informationsgewinn bei. Interessante Stelle gefunden? Profil hinschicken. Bei Interesse des Gegenübers Gespräch und Kennenlernen. So wär's optimal.
4. Ich hoffe, dass ist ironisch gemeint...
realewelt 05.02.2015
Zitat von moneysac123Warumüberhaupt "bewerben"? Warum tun wir so als ob Arbeit knapp wäre um die man sich bewerben müsste? Müssen sich nicht die Unternehmen um die besten Köpfe bewerben? Volk emanzipiere dich!
Wir haben nämlich keine Fachkräftemangel sondern sehr wohl einen Arbeitsplatzmangel. Und das Job-Wunderland für die Generation Y gibt es nicht. Arbeitgeber können sich heute fast alles erlauben, weil zu genug Bewerber haben. In den meisten Bereichen kommen auf 100 Stellen bis zu 4000 Bewerber, die Stellen, wo es knapp wird, kann man an zwei Händen abzählen.
5. Bewerbung
tlatz 05.02.2015
Im Grunde eine gute Entwicklung. Die allgemeinen Daten kann man auf einem Profil im Internet speichern, Zeugnisse und Bescheinigungen kann man - wenn gefordert - per Email hinterher schicken und dadurch dass man nun nur per Button sein Interesse an der Stelle bekunden muss, entfällt die eine, ärgerliche Aufgabe, die bislang immer nötig war: Das persönliche Anschreiben. Nicht dass ich ein Problem damit hätte eine oder anderthalb A4-Seiten zu tippen aber es ist dennoch immer absoluter Unsinn. Da muss man auf die Stellenausschreibung eingehen, herausstellen, dass man zumindest einige der relevanten Punkte beherrscht und dann muss man noch erklären, warum man gerne für das Unternehmen arbeiten möchte. Gerade letzteres ist der unsinnige Punkt. Ich habe in dem Unternehmen, bei dem ich mich bewerbe, noch nie gearbeitet, weiß nicht, wie die Unternehmenskultur ist, kenne lediglich ein paar der Produkte oder weiß grob, was man dort macht, weil ich mich auf der Internetseite der Firma informiert habe und soll nun erklären, warum genau das genau das ist, was ich suche. In Wahrheit ist es natürlich so, dass ich mit meinem aktuellen Job aus welchen Gründen auch immer nicht mehr richtig zufrieden bin und was anderes suche, nun eine Stellenausschreibung einer mir vielleicht kaum oder gar nicht bekannten Firma finde, dem Profil nach aber denke, dass das vielleicht was sein könnte. Das wissen auch die Personaler, dennoch bestehen sie auf dieser Aktion. Immerhin bin ich ganz gut darin und bin bisher tatsächlich jedes Mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden während viele andere so weit nicht kommen, vielleicht sollte ich daher also besser den Mund halten, wird hier doch eine Kompetenz von mir weggeredet, die mir einen Vorteil verschafft. Aber bloß weil ich es passabel kann, muss ich es ja doch nicht mögen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen
Fotostrecke
Bewerben mit Xing und LinkedIn: "Der rote Faden fehlt völlig"

Fotostrecke
Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?
Gute Sprache, schlechte Sprache

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil



Fotostrecke
Top Ten der Online-Kommunikation: Welche Konzerne am geschicktesten Bewerber ködern

Social Networks