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27. Februar 2013, 11:53 Uhr

Gründerparadies

Berlin schlägt München

Arm, aber sexy? Das alte Berlin-Klischee stimmt nicht mehr ganz. Gerade junge IT-Gründer machen hier bessere Geschäfte als irgendwo sonst, stellt eine Expertenkommission der Bundeskanzlerin fest. Der Senat der Stadt hat dazu allerdings wenig beigetragen.

Berlin, immer nur Berlin. Stellt jemand die Frage nach der coolsten, aufregendsten oder kreativsten Stadt Deutschlands, dann lautet die Antwort stets Berlin. Und zwar nicht nur in Deutschland, auch international. Selbst in den USA, wo viele Deutschland mit München gleichsetzen und München mit dem Oktoberfest, ist Berlin kein Geheimtipp mehr.

Bisher gehörte dazu allerdings auch, dass es der Stadt wirtschaftlich chronisch schlecht geht. Bürgermeister Klaus Wowereit brachte das mal auf die Formel, Berlin sei "arm, aber sexy". Das muss aber so nicht bleiben.

Eine neue Studie zeigt nun nämlich eindrucksvoll, warum sich Berlin seit ein paar Jahren zu einem der wichtigsten Standorte der Internetwirtschaft entwickelt. Ein wahrer "Gründungsboom" habe die Stadt erfasst und "eine Dynamik erreicht, die sich selbst verstärkt". Das schreiben die Forschungsweisen der Bundeskanzlerin in ihrem jährlichen Gutachten.

Das Expertengremium stellt fest, dass sich die Investitionen von Wagniskapitalgebern seit 2009 in Berlin verdoppelt haben, 2011 wurden 116,8 Millionen Euro in junge Berliner Unternehmen investiert: "Keine andere Metropole konnte so viel Kapital für Frühphaseninvestitionen anlocken", heißt es. Jungunternehmern mit guten Ideen wird es so besonders leicht gemacht. Die Vernetzung von Gründern der Berliner Szene untereinander und mit interessierten Investoren sei besonders eng.

Die "Expertenkommission Forschung und Innovation" übergibt ihren neuen Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, am Mittwochvormittag an Angela Merkel, und stellt die Ergebnisse am Nachmittag der Öffentlichkeit vor. Das Gremium ist 2006 berufen worden, als Entsprechung zum Rat der Wirtschaftsweisen, und soll der Regierung Handlungsempfehlungen im Bereich Wissenschaft geben.

In diesem Jahr fallen unter anderem die Ratschläge zu erneuerbaren Energien ins Gewicht. Außerdem beschäftigen sich die Ratsmitglieder mit dem Mangel an Frauen in den Chefetagen deutscher Unternehmen und Forschungseinrichtungen.

Berlin ist Internethaupstadt

Beim Blick auf den Innovationsstandort Berlin sind die Studienautoren der Frage nachgegangen, ob das Image der "Internethauptstadt Berlin" denn überhaupt zutreffe. Zu diesem Ruf trägt demnach bei, dass sich Berliner Gründer mit öffentlichkeitswirksamen Produktideen beschäftigen, mit Smartphone-Apps oder Social Media. Einige Berliner Firmen sind weit über die Grenzen Deutschlands bekannt oder feste Größen im Internet, etwa die Internetdienste Soundcloud, Wooga, ResearchGate und 6Wunderkinder, der Lieferdienst Zalando, die Spendenplattform BetterPlace oder die Seriengründer von Rocket Internet.

Tatsächlich seien die Bedingungen für Gründer an der Spree besser als etwa in München, schreibt die EFI. Kein geringes Kompliment, ist doch München als IT-Metropole etabliert - beispielsweise sitzt die Deutschland-Zentrale von Microsoft dort. Bei der Suche nach guten Mitarbeitern müssten Gründer in München mit sieben börsennotierten Großkonzernen konkurrieren, die dort ihren Sitz haben.

So kehrt sich zum Vorteil für Start-ups, was eigentlich ein Versäumnis des Berliner Senats ist: In den Jahrzehnten seit dem Mauerfall ist es den Politikern in der Hauptstadt nicht gelungen, eine breite industrielle Basis zu schaffen.

Crowdfunding noch zu unsicher

Um den IT-Boom deutschlandweit zu fördern, empfehlen die Forschungsweisen, die Bedingungen zur Start-up-Finanzierung weiter zu verbessern. Wichtig sei eine europäische Harmonisierung der Rechtsgrundlagen, um nicht hinter die USA zurückzufallen. Die Ausgangslage ist in der Bundesrepublik gar nicht so schlecht, weil zum Beispiel keine großen rechtlichen Hindernisse das Crowdfunding behindern.

Crowdfunding gilt als großer Trend für kleine Unternehmen: Geld für Produktentwicklungen wird dabei nicht von wenigen großen Finanziers eingesammelt, sondern viele Interessierte geben kleine Beträge. Organisiert wird das meist über Internetplattformen wie Kickstarter.com.

Allerdings besteht in Deutschland Unsicherheit darüber, wie Crowdfinanzierungen etwa mit staatlichen Gründungsförderungen kombiniert werden können, kritisiert die EFI. Auch viele Fragen des Anlegerschutzes beim Crowdfunding sind noch ungeklärt.

mamk

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