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Reisebüro im Arabischen Frühling Pechvogel Tours

Orient-Reisebüro: Im Strudel der Revolution Fotos

Sascha Fröhlich und Marco Stahl gründen ein Reisebüro, Spezialität: Ägypten. Dann fegt der Arabische Frühling durchs Land, und niemand bucht mehr Reisen in die Wirren der Revolution. Die beiden Freunde stellen um - auf Syrien. Die Geschichte einer Unglückssträhne.

Als es anfing, stellte sich Sascha Fröhlich, 33, einen zweiten Bildschirm auf seinen Schreibtisch, und so begann sein Doppelleben. Links sah er die Live-Bilder aus Kairo, sah die Ägypter demonstrieren, für ihre Freiheit kämpfen, feiern. Sascha Fröhlich, der Orientalist, der über ein Jahr in Kairo gelebt hat, freute sich: "Das ist wahnsinnig spannend, das ist toll!"

Rechts aber sah er auf dem anderen Bildschirm die Stornierungsmails und Absagen, sah sein Geschäft abstürzen. Sascha Fröhlich, der Unternehmer, der sein Geld mit Reisen in den Orient verdient, leidet jeden Tag unter dem Freiheitskampf im Nahen Osten: "Schlimmer hätte es kaum kommen können."

Denn eigentlich wollte Fröhlich zusammen mit seinem Kollegen Marco Stahl, 35, sein Geld mit individuell geplanten Reisen in den Orient verdienen. Ägypten, Libyen, Syrien - das waren seine Spezialländer. Doch kaum hatten sie den Sprung in die Selbständigkeit gewagt, begann der Arabische Frühling und damit für die beiden ein unternehmerischer Alptraum, vor dem sie kein Businessplan oder Gründer-Coach hätte bewahren können.

Dabei ging alles gut los: Kaum hatten sie ihre Website 1001reise freigeschaltet, gingen schon erste Buchungen ein. "Wir waren richtig euphorisch", erinnert sich Fröhlich.

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Zehn Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Er und Stahl hatten vorher zusammen bei einem mittelständischen Reiseveranstalter gearbeitet, mit ihrem Start-up wollten sie maßgeschneiderte Rundreisen für kleinere Gruppen und Alleinreisende anbieten: "Wenn ein Kunde unbedingt ein Picknick zu einer bestimmten Uhrzeit in einer bestimmten Oase haben will, dann organisieren wir das."

Vor allem in Ägypten kennt sich Fröhlich sehr gut aus. Ein Jahr hat er dort studiert, 2007 ist er noch einmal wiedergekommen, hat bei der Konrad-Adenauer-Stiftung gearbeitet und seine Magisterarbeit geschrieben, Titel: "Muslimbrüder - islamistische Demokraten?" Was er damals theoretisch untersuchte, ist längst zu einer entscheidenden realpolitischen Kraft im Nahen Osten geworden. Abd al-Munim Abu al-Futuh, den Fröhlich für seine Arbeit interviewte, trat vor wenigen Monaten zur Präsidentenwahl an. "Ich hätte das alles nie für möglich gehalten", sagt der Orientalist Fröhlich, der zum letzten Mal drei Monate vor den ersten Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo war.

Mit den Aufständen Anfang 2011 begann der Abstieg seines jungen Unternehmens aus Köln. Und die lange, bis heute andauernde Geschichte der Rettungsversuche: "Wie diese Länder kämpfen auch wir seitdem um Stabilität."

Als mit Ägypten das wichtigste Zielland "wegbrach", wie Fröhlich das formuliert, suchten sie nach Ersatz - und entschieden sich ausgerechnet für Syrien. "Das war ja total stabil damals." Außerdem galt es als touristisches Trendland. Noch im Januar 2011 brachte das Reisemagazin "Geo Special" ein Heft über Syrien und Jordanien heraus.

"So etwas wird bei uns nie passieren"

Den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mubarak im Februar 2011 verfolgte Fröhlich in den Teestuben der syrischen Metropole Aleppo. "So etwas wird bei uns nie passieren", versicherten ihm seine syrischen Geschäftspartner. Fröhlich schickte Reisegruppen in das Land. Doch wenige Wochen später berichteten Kunden von der angespannten Lage dort. Schon im April kam es zum Karfreitag-Massaker gegen Kritiker des Assad-Regimes. Knapp ein Jahr nach seinem Geschäftstermin in Aleppo marschierten Assads Truppen in die Rebellenhochburg Homs ein. In Aleppo selbst tobt derzeit ein blutiger Kampf zwischen Rebellen und den Truppen des Diktators. "Wer weiß, wann man dieses Land wieder normal bereisen kann", sagt Unternehmer Fröhlich.

70 Prozent Orient, 30 Prozent andere Länder, so stand es einst im Businessplan. "Heute sind es eher so fünf Prozent Orient", sagt Fröhlich. Denn auch in die anderen eigentlich friedlichen arabischen Länder wie Jordanien oder Libanon will niemand mehr reisen. Die Touristen machen da wenig Unterschiede, so Unternehmer Fröhlich: "Und das kann man ihnen ja gar nicht vorwerfen."

Deshalb haben er und sein Mitstreiter sich kurzerhand "auf Asien gestürzt". Heute machen sie den größten Teil ihres Umsatzes mit Reisen nach Indien, Sri Lanka und Burma. Viel Geld ist das nicht. "Wir sind am Limit", gesteht Fröhlich, "ich weiß nicht, wie lange wir noch durchhalten." Weil die Firma so klein ist, hängt ihr Schicksal an einigen wenigen Buchungen: Zwei, drei Urlauber mehr, und die Kühlschränke der beiden Gründer füllen sich. Die Miete für die gemeinsame Wohnung zahlt Fröhlichs Freundin mittlerweile allein.

"Schicken Sie in vier Tagen wieder deutsche Touristen"

Die Hotels in Ägypten stehen seit Monaten leer. Normalerweise versuchen Fröhlich und Stahl bei den Preisen immer noch etwas rauszuholen. "Wenn unser Partner aus Ägypten anruft, mache ich das nicht, das wäre unmoralisch", sagt Fröhlich. Deren Kalkulationen seien sowieso schon so niedrig, "dass ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll".

Ganz andere Probleme haben Fröhlichs Geschäftspartner in Syrien. "Die letzten Anrufe von dort waren schon sehr dubios", berichtet der Gründer. Man habe die Terroristen bald besiegt, in vier bis fünf Tagen solle man doch bitte wieder deutsche Touristen schicken. Es sind die offiziell verordneten Durchhalteparolen des Assad-Regimes. "Wer weiß, vielleicht stehen da ja Soldaten mit Kalaschnikows daneben, wenn die mit mir telefonieren", sagt Fröhlich.

Trotz allem wollen die beiden Gründer den Schritt in die Selbständigkeit nicht bereuen. "Wir haben gelernt, dass es immer irgendwie weitergeht. Je größer der finanzielle Druck war, desto kreativer wurden wir."

Eine der wenigen Reisen, mit denen Fröhlich momentan noch Geld verdient, sind die Gorilla-Touren in Uganda. Zumindest bisher. Vergangene Woche riefen erste besorgte Kunden bei Sascha Fröhlich an. In einem Nationalpark des afrikanischen Landes ist gerade das Ebola-Virus ausgebrochen.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Marketing...
fatherted98 15.08.2012
...ist alles. Die Herren sollten eben auf Adventure-Tours umsteigen....da gibts genug risikofreudige Yuppies die mal das "Besondere" erleben möchten.
2. douglas adams lässt grüssen-
jetlag chinaski 15.08.2012
vielleicht passiert ja in jedem land, das die beiden anbieten, etwas spannendes. Vielleicht sollten die beiden davon absehen Costa Rica ins Programm aufzunehmen, dort ist es doch so schön....
3. Von einer Diktatur zur nächsten.
Hugh 15.08.2012
Zitat von sysopSascha Fröhlich und Marco Stahl gründen ein Reisebüro, Spezialität: Ägypten. Dann fegt der Arabische Frühling durchs Land, und niemand bucht mehr Reisen in die Wirren der Revolution. Die beiden Freunde stellen um - auf Syrien. Die Geschichte einer Unglückssträhne. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,849991,00.html
tja, wer mit Diktaturen Geschäfte macht....... merkt früher oder später, das sein Geschäft auf Sand gebaut ist, den der Wind des Wechsels hinweg bläst. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
4.
querulant_99 15.08.2012
Nachdem auch das Geschäft in Syrien sich dem Ende zu neigt, bevor es richtig angefangen hat, kann ich den beiden Pechvögeln ein neues Reiseziel wärmstens empfehlen: Tuvalu! Es müsste doch noch zu schaffen sein, die ersten Touristen so rechtzeitig auf die Südseeinsel zu schippern, dass diese sich noch trockenen Fußes auf der Insel bewegen können, bevor die Insel endgültig auf Grund des Klimawandels im Meer versinkt.
5. Glück im Unglück
caraya 15.08.2012
ist auch das sie einen Artikel über diese Misere im Spon kriegen! Ich habe ein Reiseunternehmen in Griechenland, spezialisiert auf eingehenden Tourismus von außerhalb Europas gegründet, -und hatte Ende 2001 die ersten Guten Ergebnisse. Dann die Irren vom WTC, mit Riesenaufwand am Bankrott vorbei, dann Bomben in Madrid und London... Ich weiß nicht was Santorini damit zu tun hat, aber niemand fliegt mehr gerne. Dann verschlampte (außer innerhalb Athens) Olympische Spiele... -Lebe noch, weine nicht aber ärger mich über Weicheier die Terroristenherde vermarkten wollen und dann sich wundern...
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Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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