Von Benjamin Haerdle
Der Weg zur Industriepromotion begann für Sascha Schulte 2007 am Schwarzen Brett. Was der Autokonzern Daimler suchte, per Aushang am Institut für Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe der RWTH Aachen: einen Doktoranden, der die Zündtechnologien für neue Mercedes-Motoren mitentwickeln sollte. Schulte hatte frisch sein Diplom als Elektroingenieur in der Tasche, holte sich Rat bei Professoren, Kommilitonen, Freunden - und zog schließlich ins Schwäbische.
Drei Jahre lang sammelte er bei Daimler Daten für seine Doktorarbeit. Danach nahm Schulte eine Auszeit von seiner Promotion und arbeitete im Entwicklungsbereich bei einer Daimler-Tochtergesellschaft. Nach einem Jahr Pause hat er seit dem vorigen Sommer abends und an den Wochenenden seine Doktorarbeit zusammengeschrieben. Sein Fazit: "Als Industriedoktorand hat man die besondere Herausforderung, zweierlei Zielvorgaben zu erfüllen - die der Industrie und die des Doktorvaters", sagt der Ingenieur. "Da muss man sich schon mehr engagieren."
Doktortitel und zugleich Berufserfahrung, das ist reizvoll. Und verflixt anstrengend. Und darum selten. Wie viele Promovenden wie Schulte auf eine Firma statt auf Uni-Institute oder Graduiertenkollegs setzen, ist nicht bekannt. Allzu viele sind es nicht. Bei den Ingenieurwissenschaften, die wohl die größte Gruppe unter den Industriepromotionen ausmachen, liege der Anteil im einstelligen Prozentbereich, schätzt die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech).
Dorota Sich hat ihre Dissertation fast fertig. Im Herbst will die Chemikerin sie an der Technischen Universität (TU) Dresden einreichen. Dort war sie aber nur selten. Ihre Doktorarbeit über Schmelzeigenschaften des Kunststoffs Polytetrafluorethylen schrieb sie in einem Unternehmen im württembergischen Dettingen. Täglich rund zehn Stunden, dazu noch viele Abende und Wochenendschichten - so sah ihr Promotionsalltag in den letzten drei Jahren aus. Neben ihrer Dissertation als Forschungsprojekt in der Firma betreute Dorota Sich parallel auch Studenten an der Hochschule Aalen. Dieser Aufgabenmix verlangte einen gehörigen Schuss Disziplin: "Eine Industriepromotion ist sehr anstrengend, weil es klare Erwartungshaltungen und Terminfenster gibt", sagt sie.
Für Unis sind Doktoranden auch Türöffner in der Wirtschaft
Auch Andrea Glawe, 44, steckt viel Energie in ihren Doktortitel. Die Ingenieurin leitet die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten eines Maschinenbauunternehmens in Hamburg. Und stemmt nebenher noch ihre Doktorarbeit in der Firma. Wenn es dort Firma viel zu tun gibt, kommt sie manchmal erst um Mitternacht nach Hause. Das nimmt Glawe aber für ihr Karriereziel in Kauf: "Um in meiner Branche mitspielen zu können und akzeptiert zu werden, brauche ich den Doktortitel."
Auf solche motivierten Mitarbeiter setzt der Ingenieurwissenschaftler Chokri Cherif, Direktor des Instituts für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik an der TU Dresden. Derzeit betreut er vier externe Wissenschaftler mit Doktorarbeiten in Unternehmen. "Die Leute, die bei mir als Externe promovieren wollen, müssen besonders wissenschaftlich qualifiziert sein", sagt er. So wie Andrea Glawe.
Cherif stellt hohe Anforderungen an seine Industriepromovenden: Spitzenleistungen bei Patentanmeldungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, eigene Vorträge auf wichtigen Fachkongressen, einen guten bis sehr guten Master-Abschluss plus hohes Engagement. "Das Institut muss daraus schon einen Nutzen ziehen, denn die Betreuung übernehme ich freiwillig neben meinen anderen vielfältigen Aufgaben als Institutsdirektor", sagt er. Als strategischen Vorteil sieht der Doktorvater vor allem neue Kontakte durch seine Promovenden: "Unser Institut hat ein Interesse daran, neue Forschungsfelder zu erschließen." Dafür seien die Doktoranden gute Türöffner, so Cherif.
Ähnlich positiv bewertet auch der Automobilkonzern Daimler die enge Kooperation mit der Hochschule: "Doktoranden sind ein wichtiges Bindeglied im intensiven wissenschaftlichen Austausch mit den Hochschulen. Sie erforschen Themen akademisch, die wir anschließend in die Praxis transferieren", sagt Joachim Diener, Leiter der Abteilung Nachwuchssicherung.
"Kein reiner Zierrat für den Beruf"
Die Hochschulen sind gebeutelt durch die Plagiatsfälle um Karl-Theodor zu Guttenberg und andere Politiker. Sie sind jetzt argwöhnischer gegenüber externen Doktoranden, das trifft auch Interessenten an einer Industriepromotion. So warnte der RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg im Hochschulmagazin "duz": "Ein Doktortitel darf kein reiner Zierrat für den Beruf sein." Wegen der größeren Täuschungsmöglichkeiten müssten die Hochschulen "weg von Mickymaus-Promotionen", sagte Oliver Günther, Präsident der Uni Potsdam. "Ich habe nie nebenberufliche Doktoranden angenommen und würde es auch keinem meiner Kollegen empfehlen. Nebenberuflich neue Erkenntnisse zu erarbeiten, gelingt nur wenigen." Jeder Promovend müsse "echtes wissenschaftliches Interesse erkennen lassen".
Auch Norman Weiss, Vorsitzender des Doktoranden-Netzwerks Thesis, sieht Industriepromotionen eher kritisch: "Es darf keine Promotion light sein, bei der die Arbeit nur Auftragsforschung ist und vom Professor abgenickt wird." Deshalb sollten gewisse Standards eingehalten werden: Das Projekt sollte in beiderlei Interessen gemacht werden, die Wissenschaft müsse im Zweifelsfall die Entscheidungskompetenz haben und die Betreuung der Doktoranden durch die Wissenschaft erfolgen; die Ergebnisse sollten stets der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Anforderungen an die Qualitätssicherung in der Promotion hat voriges Jahr auch der Wissenschaftsrat, Deutschlands höchstes Beratungsgremium im Hochschulbereich, vorgelegt, unter dem Eindruck mehrerer Plagiatsfälle. Die Acatech hatte ihre Anforderungen schon 2008 in Empfehlungen zur Industriepromotion festgehalten. In der Praxis kann es durchaus zu Konflikten kommen. Institutschef Cherif nennt ein Beispiel: "Ich musste schon eine Kooperation mit einem Unternehmen kündigen, das aus Gründen der Geheimhaltung keine Publikationen des Doktoranden wünschte."
Ingenieur Sascha Schulte hat sein Ziel erreicht und Mitte Mai seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt. "Ich wollte als Berufsanfänger für ein großes Projekt mitverantwortlich sein und in der Industrie Fuß fassen. Das habe ich geschafft", freut er sich. Nun steigt er mit 31 Jahren als promovierter Entwicklungsingenieur bei einem Daimler-Tochterunternehmen ein.
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