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Industriepromotion Zweigleisig zum Doktortitel

Externe Doktoranden: Ein Fuß in der Firma, einer in der Uni Fotos
GWT-TUD GmbH

Hier die Arbeit im Unternehmen, da die Dissertation: Wer neben dem Job promoviert, macht als Diener zweier Herren spät Feierabend. Zu schaffen ist das Doppelpensum nur mit viel Extra-Energie. Professoren sehen externe Doktoranden oft mit Argwohn: Schönen Gruß von Guttenberg.

Der Weg zur Industriepromotion begann für Sascha Schulte 2007 am Schwarzen Brett. Was der Autokonzern Daimler suchte, per Aushang am Institut für Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe der RWTH Aachen: einen Doktoranden, der die Zündtechnologien für neue Mercedes-Motoren mitentwickeln sollte. Schulte hatte frisch sein Diplom als Elektroingenieur in der Tasche, holte sich Rat bei Professoren, Kommilitonen, Freunden - und zog schließlich ins Schwäbische.

Drei Jahre lang sammelte er bei Daimler Daten für seine Doktorarbeit. Danach nahm Schulte eine Auszeit von seiner Promotion und arbeitete im Entwicklungsbereich bei einer Daimler-Tochtergesellschaft. Nach einem Jahr Pause hat er seit dem vorigen Sommer abends und an den Wochenenden seine Doktorarbeit zusammengeschrieben. Sein Fazit: "Als Industriedoktorand hat man die besondere Herausforderung, zweierlei Zielvorgaben zu erfüllen - die der Industrie und die des Doktorvaters", sagt der Ingenieur. "Da muss man sich schon mehr engagieren."

Doktortitel und zugleich Berufserfahrung, das ist reizvoll. Und verflixt anstrengend. Und darum selten. Wie viele Promovenden wie Schulte auf eine Firma statt auf Uni-Institute oder Graduiertenkollegs setzen, ist nicht bekannt. Allzu viele sind es nicht. Bei den Ingenieurwissenschaften, die wohl die größte Gruppe unter den Industriepromotionen ausmachen, liege der Anteil im einstelligen Prozentbereich, schätzt die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech).

Dorota Sich hat ihre Dissertation fast fertig. Im Herbst will die Chemikerin sie an der Technischen Universität (TU) Dresden einreichen. Dort war sie aber nur selten. Ihre Doktorarbeit über Schmelzeigenschaften des Kunststoffs Polytetrafluorethylen schrieb sie in einem Unternehmen im württembergischen Dettingen. Täglich rund zehn Stunden, dazu noch viele Abende und Wochenendschichten - so sah ihr Promotionsalltag in den letzten drei Jahren aus. Neben ihrer Dissertation als Forschungsprojekt in der Firma betreute Dorota Sich parallel auch Studenten an der Hochschule Aalen. Dieser Aufgabenmix verlangte einen gehörigen Schuss Disziplin: "Eine Industriepromotion ist sehr anstrengend, weil es klare Erwartungshaltungen und Terminfenster gibt", sagt sie.

Für Unis sind Doktoranden auch Türöffner in der Wirtschaft

Auch Andrea Glawe, 44, steckt viel Energie in ihren Doktortitel. Die Ingenieurin leitet die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten eines Maschinenbauunternehmens in Hamburg. Und stemmt nebenher noch ihre Doktorarbeit in der Firma. Wenn es dort Firma viel zu tun gibt, kommt sie manchmal erst um Mitternacht nach Hause. Das nimmt Glawe aber für ihr Karriereziel in Kauf: "Um in meiner Branche mitspielen zu können und akzeptiert zu werden, brauche ich den Doktortitel."

Auf solche motivierten Mitarbeiter setzt der Ingenieurwissenschaftler Chokri Cherif, Direktor des Instituts für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik an der TU Dresden. Derzeit betreut er vier externe Wissenschaftler mit Doktorarbeiten in Unternehmen. "Die Leute, die bei mir als Externe promovieren wollen, müssen besonders wissenschaftlich qualifiziert sein", sagt er. So wie Andrea Glawe.

Cherif stellt hohe Anforderungen an seine Industriepromovenden: Spitzenleistungen bei Patentanmeldungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, eigene Vorträge auf wichtigen Fachkongressen, einen guten bis sehr guten Master-Abschluss plus hohes Engagement. "Das Institut muss daraus schon einen Nutzen ziehen, denn die Betreuung übernehme ich freiwillig neben meinen anderen vielfältigen Aufgaben als Institutsdirektor", sagt er. Als strategischen Vorteil sieht der Doktorvater vor allem neue Kontakte durch seine Promovenden: "Unser Institut hat ein Interesse daran, neue Forschungsfelder zu erschließen." Dafür seien die Doktoranden gute Türöffner, so Cherif.

Ähnlich positiv bewertet auch der Automobilkonzern Daimler die enge Kooperation mit der Hochschule: "Doktoranden sind ein wichtiges Bindeglied im intensiven wissenschaftlichen Austausch mit den Hochschulen. Sie erforschen Themen akademisch, die wir anschließend in die Praxis transferieren", sagt Joachim Diener, Leiter der Abteilung Nachwuchssicherung.

"Kein reiner Zierrat für den Beruf"

Die Hochschulen sind gebeutelt durch die Plagiatsfälle um Karl-Theodor zu Guttenberg und andere Politiker. Sie sind jetzt argwöhnischer gegenüber externen Doktoranden, das trifft auch Interessenten an einer Industriepromotion. So warnte der RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg im Hochschulmagazin "duz": "Ein Doktortitel darf kein reiner Zierrat für den Beruf sein." Wegen der größeren Täuschungsmöglichkeiten müssten die Hochschulen "weg von Mickymaus-Promotionen", sagte Oliver Günther, Präsident der Uni Potsdam. "Ich habe nie nebenberufliche Doktoranden angenommen und würde es auch keinem meiner Kollegen empfehlen. Nebenberuflich neue Erkenntnisse zu erarbeiten, gelingt nur wenigen." Jeder Promovend müsse "echtes wissenschaftliches Interesse erkennen lassen".

Auch Norman Weiss, Vorsitzender des Doktoranden-Netzwerks Thesis, sieht Industriepromotionen eher kritisch: "Es darf keine Promotion light sein, bei der die Arbeit nur Auftragsforschung ist und vom Professor abgenickt wird." Deshalb sollten gewisse Standards eingehalten werden: Das Projekt sollte in beiderlei Interessen gemacht werden, die Wissenschaft müsse im Zweifelsfall die Entscheidungskompetenz haben und die Betreuung der Doktoranden durch die Wissenschaft erfolgen; die Ergebnisse sollten stets der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Anforderungen an die Qualitätssicherung in der Promotion hat voriges Jahr auch der Wissenschaftsrat, Deutschlands höchstes Beratungsgremium im Hochschulbereich, vorgelegt, unter dem Eindruck mehrerer Plagiatsfälle. Die Acatech hatte ihre Anforderungen schon 2008 in Empfehlungen zur Industriepromotion festgehalten. In der Praxis kann es durchaus zu Konflikten kommen. Institutschef Cherif nennt ein Beispiel: "Ich musste schon eine Kooperation mit einem Unternehmen kündigen, das aus Gründen der Geheimhaltung keine Publikationen des Doktoranden wünschte."

Ingenieur Sascha Schulte hat sein Ziel erreicht und Mitte Mai seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt. "Ich wollte als Berufsanfänger für ein großes Projekt mitverantwortlich sein und in der Industrie Fuß fassen. Das habe ich geschafft", freut er sich. Nun steigt er mit 31 Jahren als promovierter Entwicklungsingenieur bei einem Daimler-Tochterunternehmen ein.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Benjamin Haerdle (Jahrgang 1972) ist Redakteur des Hochschulmagazins "duz" und schreibt seit über zehn Jahren als freier Autor über Hochschul- und Wissenschaftspolitik.

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insgesamt 21 Beiträge
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1.
nordschaf 30.05.2012
Ein grauenvoller Zustand: Doktorvater wie Unternehmen erwarten 150% Einsatz. Im Unternehmen soll man sich auf eine Karriere im Management vorbereiten und entsprechenden Einsatz zeigen. Und bitte gleich bei den KollegInnen klar machen, dass man den Anspruch auf Höheres vertritt. An der Uni soll man selbstverständlich nebenher kostenlos Lehrveranstaltungen halten, regelmässig veröffentlichen und dem Lehrstuhl Kontakte in die Wirtschaft ebnen. Und dies in einem Lebensabschnitt nach dem Abschluss, wo man eigentlich auch langsam mal eine Familie gründen möchte, damit man am Ende nicht das biologische Fenster verpasst hat. Nach zwei Jahren des Wahnsinns zwischen den Ansprüchen von Uni und Unternehmen habe ich die Segel gestrichen und mich für eine Option entschieden. Schade zwar, aber man kann sich nur bedingt zerreissen und hat (voraussichtlich) auch nur ein Leben. Irgendwie ist die Welt auch nicht untergegangen, obwohl ich zugeben muss, ich hätte lieber weiter wissenschaftlich gearbeitet.
2. müdes Lächeln
Reg Schuh 30.05.2012
Zitat von sysopTäglich rund zehn Stunden, dazu noch viele Abende und Wochenendschichten - so sah ihr Promotionsalltag in den letzten drei Jahren aus.
Und was ist daran anders als bei einer Promotion ohne Industrie? Das gehört selbstverständlich dazu. Wer Wissenschaft machen möchte, muß auch den Nachwuchs lehren. Das Wort "Doktor" bedeutet "Lehrer"! Wenn es im Labor viel zu tun gibt, kommt man eben manchmal erst nach Mitternacht nach Hause, und das auch am Wochenende. Die Differenz liegt i.A. in der oft besseren Bezahlung und in den meistens schärferen Termin-Bedingungen. Betonung auf "meistens"! Man kann auch in der Nicht-Industrie-Promotion am Gründonnerstagabend eine Aufgabe gestellt bekommen, die über Ostern erledigt werden muß. In der Tat birgt eine Industriepromotion genau die Gefahr, daß die Wissenschaft in noch stärkerem Maße den inhaltlichen und terminlichen Interessen eine Firma zum Opfer fällt. Die im ursprünglichen Sinne vorgesehene wissenschaftliche Freiheit ist dort noch stärker gefährdet als bei einem normalen Projekt mit Industrie-Förderung.
3. Kein Titel
Hans Blafoo 30.05.2012
Zitat von nordschafEin grauenvoller Zustand: Doktorvater wie Unternehmen erwarten 150% Einsatz. Im Unternehmen soll man sich auf eine Karriere im Management vorbereiten und entsprechenden Einsatz zeigen. Und bitte gleich bei den KollegInnen klar machen, dass man den Anspruch auf Höheres vertritt. An der Uni soll man selbstverständlich nebenher kostenlos Lehrveranstaltungen halten, regelmässig veröffentlichen und dem Lehrstuhl Kontakte in die Wirtschaft ebnen. Und dies.....
Sie waren externer Doktorand, wurden also von einer Firma bezahlt und sollten noch Lehrveranstaltungen an der Uni halten? Also da hätte ich dem Prof den Vogel gezeigt und mir einen anderen gesucht. Ich bin auch gerade in einer Industriepromotion und bisher kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Was nämlich der Artikel leider nicht so deutlich herausgestellt hat, ist, dass man in der Industrie ganz andere Vorteile genießt als an der Uni. Zwar kann man vielleicht nicht sooo wissenschaftlich wie an einem Institut arbeiten, aber dafür bietet ein Unternehmen Möglichkeiten, die nur ganz wenige Institute haben. Das fängt schon damit an, dass man im Unternehmen in der Regel allerlei Experten für nahezu jeden Teilbereich hat. Was da an Wissen und Erfahrung herumläuft wird man in einer Arbeitsgruppe an einem Institut nur eingeschränkt finden. Zum anderen wäre da noch der finanzielle Aspekt. Wenn es der Arbeit dienlich ist, können Firmen Mittel und Resourcen bereitstellen, was einer Uni einfach nicht möglich ist.
4.
FreakmasterJ 30.05.2012
Zitat von sysopHier die Arbeit im Unternehmen, da die Dissertation: Wer neben dem Job promoviert, macht als Diener zweier Herren spät Feierabend. Zu schaffen ist das Doppelpensum nur mit viel Extra-Energie. Per Industriepromotion zweigleisig zum Doktortitel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,835799,00.html)
Ich vermute, in den meisten Fällen ist eine Industriepromotion anspruchsvoller, bietet dann aber auch bessere Einstiegs- und Übernahmechancen. In seltenen Fällen (z.B. neue Energien) existiert jedoch auch ein 'Sumpf' zwischen Industrie und Universität, der es ermöglicht, auf Kosten der Industrie Promotionen durchzuführen – diese dann überwiegend im universitären Bereich und ohne Berücksichtigung der eigentlichen Interessen der Geldgeber- und dabei auch noch ein schönes Leben zu führen. Für einen potentiellen Arbeitgeber wird es so schwierig, zu unterscheiden, wer hat sich da wirklich reingehangen und wer hat im Grunde genommen nur ne 0815-Dissertation abgegeben.
5. Mann könnt sich aufregen,
adam68161 30.05.2012
wenn man liest, wie sich manche aufgeblasene Akademikerschnösel vulgo Professoren damit brüsten, keine "externen" Doktoranden zu nehmen. Die machen ja nur unnötig Arbeit! Da ist ein gutbezahlter Hochschulpräsidentenjob doch mehr wert!
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