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Politik als Beruf Plötzlich im Landtag

Die Partei, die Partei: Neue Gesichter im Politikrummel Fotos

Ich, eine Berufspolitikerin? Völlig überraschend sollte Astrid Wallmann entscheiden, ob sie für die CDU in den Wahlkampf zieht. Der Job ist attraktiv: gute Bezahlung, viel Einfluss, kaum Langeweile. Und noch nie war es so leicht, in deutschen Parteien Karriere zu machen.

Mein Berufswunsch ist Politiker. Ich möchte in diesem Job Karriere machen, dauerhaft beschäftigt sein und bald in Positionen kommen, in denen man gut verdient.

Diesen Absatz klammern keine Anführungszeichen, er ist kein Zitat. Denn so was sagt niemand. Dabei ist der Job als Politiker doch attraktiv. Er bietet Einfluss, Abwechslung, ein erkleckliches Einkommen. Und dass das Volk Massenentlassungen bei seinen Politikern vornimmt, ist erst mal nicht zu erwarten.

Trotzdem wirkt es anrüchig, wenn ein junger Mensch von seiner zukünftigen politischen Karriere spricht. Die Wählerschaft wünscht sich Überzeugungstäter, die dafür brennen, das Land zum Besseren zu verändern. Beim Wort "Berufspolitiker" dagegen denken viele an Technokraten, an phantasielose Verwalter und an Figuren, die alles tun, um nur ihr bezahltes Mandat nicht zu verlieren.

So oder so: "Noch nie war es so leicht, einen Karriereweg in der Politik einzuschlagen, wie heute", sagt Werner J. Patzelt, Politikwissenschaftler in Dresden. Denn den Parteien fällt es schwer, neue Mitstreiter zu rekrutieren: Der Anteil junger Menschen in der Gesellschaft sinkt, viele Menschen stößt die Klüngelkultur der Parteien ab. Die SPD hatte noch in den siebziger Jahren mehr als eine Million Mitglieder. Heute ist es nicht einmal die Hälfte. Auch die CDU stürzte von 750.000 Mitgliedern Anfang der neunziger Jahre auf 470.000.

Ein überraschendes Angebot, Familienrat einberufen

Ein junges Gesicht der Union ist die Wiesbadener Landtagsabgeordnete Astrid Wallmann, 33. Sie sagt: "Ich hatte nie den Plan, Politikerin zu werden." Beruflich hatte sie sich zunächst anders orientiert: eine Banklehre gemacht, dann berufsbegleitend Verwaltungsfachwirtin studiert. In der Jungen Union war sie zwar schon als Teenager, ihre Mitgliedschaft ruhte aber während der ersten Berufsjahre.

Über die Jahre näherte sie sich der Politik wieder an: Sie arbeitete als Verwaltungsfachfrau in der Rechtsabteilung des hessischen Innenministeriums, wurde wieder in der Jungen Union aktiv und stieg in den Landesvorstand auf. In der Kommune übernahm sie Ämter, wurde Mitglied im Ortsbeirat und in der Stadtverordnetenversammlung.

Im Herbst 2008 sollte ein Anruf ihr Leben verändern. Horst Klee, CDU-Urgestein und Wiesbadener Landtagsabgeordneter, bat um einen Termin. "Nächste Woche habe ich Zeit, sagte ich. Doch er wollte noch am selben Tag mit mir sprechen", erinnert sich Wallmann. Also schön. Erst redete er über die Partei in Hessen, die politische Lage, dann über seine Kollegin im Nachbarwahlkreis, sie wollte nicht mehr antreten. Und plötzlich die Frage: "Frau Wallmann, können Sie sich vorstellen, das Landtagsmandat zu übernehmen?"

Für einen Moment freute sie sich: "Dafür kam ich wirklich in Frage?" Doch gleich spürte sie den Respekt vor der Aufgabe. Würde es ihr gelingen, die nötigen Stimmen zu gewinnen? Der Druck war enorm, binnen 48 Stunden brauchte Klee eine Antwort. Sie fuhr zu ihren Eltern, hielt Familienrat.

"Ist das eine Aufgabe, die dich glücklich macht?"

Astrid Wallmann kommt aus einer politischen Familie. Ihr Onkel Walter Wallmann war Ministerpräsident in Hessen, ihr Vater Wilhelm langjähriger Wiesbadener Bürgermeister. Doch ihre Erinnerungen daran halfen ihr nicht bei der Entscheidung, "als Kind nimmt man das anders wahr". Sie wusste: Sie würde ein dickes Fell brauchen, die Wochenenden würden nicht mehr ihr gehören. Und wie wären wohl die Reaktionen auf eine so junge Kandidatin? Ihr Vater, der Ex-Bürgermeister, fragte sie: "Ist das eine Aufgabe, die dich glücklich macht?"

Am Ende sagte sie zu, stürzte sich in den Wahlkampf. Ihr bekannter Name hat ihr geholfen, zwingt sie aber auch, ein eigenständiges Profil zu zeigen. Anderen Jungpolitikern gelingt es auch ohne Familienanschluss, Katrin Albsteiger (CSU) etwa, die vor der Politikerkarriere für die Neu-Ulmer Stadtwerke gearbeitet hat, dem Maschinenbauingenieur Ingo Rust (SPD), dem Anwalt Marco Buschmann (FDP), oder dem Jurist Jan Philipp Albrecht (Bündnis 90/Die Grünen) - mehr Jungpolitiker in unserer Bildergalerie. Am Ende konnte Wallmann den Wahlkreis gewinnen, derzeit kämpft sie um die Wiederwahl am 22. September.

Unsicherheit gehört zum Politikerjob. Wer für eine kleine Partei antritt, muss sich immer wieder sorgen, ob überhaupt die nötigen fünf Prozent der Wählerstimmen für den Einzug ins Parlament erreicht werden. Aber auch in den großen Parteien kann es eng werden.

Kein Amt, kein Arbeitslosengeld

Wird man abgewählt, bleiben nur ein paar Wochen Zeit, bis das neue Parlament zusammentritt. Danach bekommen Politiker Übergangsgeld: Die Diäten werden weitergezahlt, und zwar für so viele Monate wie die Zahl der Mitgliedsjahre im jeweiligen Parlament - bei Wallmann wären es jetzt fünf Monate.

Nach einer Studie der Uni Jena bleiben 53 Prozent der Bundestagsabgeordneten zwei bis drei Legislaturperioden im Amt, in den ostdeutschen Landesparlamenten sogar 58 Prozent. So kann sich das Übergangsgeld auf 12 bis 15 Monate verlängern. Ein wichtiges Instrument der Absicherung: Wer aus einem Parlament ausscheidet, hat keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Solange Abgeordnete im Bundestag sind, bekommen sie eine sogenannte Abgeordnetenentschädigung von monatlich 8252 Euro. In den Landtagen liegen die Werte niedriger, in Hessen sind es zum Beispiel 7294 Euro. Urlaubs- oder Weihnachtsgeld ist nicht vorgesehen, die Diäten werden versteuert.

Hinzu kommt eine Freifahrkarte der Bahn für ganz Deutschland und ein steuerfreies Budget fürs Abgeordnetenbüro - das man auch kreativ bis skandalträchtig einsetzen kann: Im Frühjahr wurde bekannt, dass 79 Abgeordnete des Bayerischen Landtags eigene Angehörige angestellt hatten. Schon ganz legal verdienen 52 Prozent der Abgeordneten mehr als in ihrem früheren Beruf.

...und danach zu Gazprom

Ein Parlamentsmandat ist ein Job auf Zeit. Dennoch beschreibt Wissenschaftler Patzelt politische Karrieren als "recht verlässlich planbar". Wer aus einem Amt scheidet, aber Vertrauen in der Partei genießt, findet schnell eine neue Position. Dabei muss man nicht gleich so hoch greifen wie einige Ex-Minister der Regierung Schröder: Arbeitsminister Clement etwa, der später für das Zeitarbeitsunternehmen Adecco arbeitete; Otto Schily, der vom Innenministeramt in den Aufsichtsrat einer Firma für elektronische Ausweise wechselte; oder Schröder selbst, der sich nach seinem Kanzleramt als Lobbyist der russischen Gazprom verdingte.

Bereits nach kurzer Politkarriere finden sich meist Wege. Zum Beispiel für Niels Annen, der für die SPD von 2005 bis 2009 im Bundestag saß. Zwar lag es an innerparteilichem Gezänk, dass er 2009 nicht wieder antreten konnte. Nach Zwischenstationen beim Marshall Fund in Washington und bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung tritt er aber in diesem Jahr wieder für seinen alten Wahlkreis an.

Für den Einstieg in den Politikerjob bietet ein geisteswissenschaftliches oder ein Jura-Studium gute Voraussetzungen. Mit Jobs im Büro eines Abgeordneten oder bei einer Fraktion lernt man das politische Tagesgeschäft aus nächster Nähe kennen; nach dem Studium gelingt vielen der Übergang nahtlos. "Wer sich gleichzeitig im Ortsverein oder Kreisverband engagiert, kann dort sein inhaltliches Profil schärfen sowie einen Unterstützerkreis aufbauen", so Patzelt.

Besonders gute Chancen für junge Frauen

Inzwischen bereiten zumindest die großen Parteien Nachwuchstalente systematisch auf die politische Arbeit vor. Auch Astrid Wallmann hat ein Förderprogramm absolviert, mit Theorieseminaren, immer wieder wochenends, zwei Jahre lang. Zudem begleiten dort die Novizen erfahrene Politiker zu Terminen und Sitzungen.

Die Schlüsselqualifikationen aber kann man kaum erlernen: "Freude am Streit und am öffentlichen Auftritt", zählt Patzelt auf, "Geschick beim Netzwerken, das Talent, auf fremde Menschen unbefangen zuzugehen, sowie die Bereitschaft, nur politisch Korrektes zu sagen und tabubewehrte Themen auszusparen."

Das ist der Preis für die Politikerkarriere. Vielleicht engagieren sich gerade deshalb viele, ohne daraus eine Laufbahn zu machen. Seit der Leipziger Matthias Ecke, 28, vor eineinhalb Jahren in den Vorstand der Jusos gewählt wurde, fragen ihn viele, wann er durchstarten wolle. Er arbeitet im Büro der SPD-Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe - prächtige Voraussetzungen. Aber: "Mir ist es wichtig, mein Ehrenamt bei den Jusos von der Arbeit im Abgeordnetenbüro zu trennen", so Ecke. "Das eine ist mein Beruf, das andere ein Engagement, um etwas in der Gesellschaft zu bewegen." Für eine Parteilaufbahn hätte er sich ganz anders in einem Wahlkreis engagieren müssen: "Die Verwurzelung ist wichtig."

Astrid Wallmann hat übrigens Chancen über den hessischen Landtag hinaus: "Die beruflichen Perspektiven in der Politik sind heute besonders für junge Frauen gut", sagt Wissenschaftler Patzelt - gerade in der CDU. Auch dort soll der Anteil von Frauen in wichtigen Positionen endlich steigen.

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. ach, die arme
augustulus 13.09.2013
soooo viel Verantwortung für soooo viel Geld! Was soll denn bitte so schwierig daran sein, im Rahmen der Fraktionsdisziplin im richtigen Moment das Händchen zu heben. Ob sie auch gefragt worden wäre, wenn sie nicht Wallmann hieße? Ein junger Richter zum Beispiel hat eine bessere Qualifikation, mehr Verantwortung und Arbeit, dafür aber weniger Gehalt. Aber er darf ja auch nicht selbst sein Gehalt festlegen.
2.
Olaf 13.09.2013
Zitat von sysopIch, eine Berufspolitikerin? Völlig überraschend sollte Astrid Wallmann entscheiden, ob sie für die CDU in den Wahlkampf zieht. Der Job ist attraktiv: Gute Bezahlung, viel Einfluss, kaum Langeweile. Und noch nie war es so leicht, in deutschen Parteien Karriere zu machen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/politik-als-beruf-karriere-in-der-partei-a-920910.html
Ganz besonders leicht, wenn Papi Ministerpräsident war. Das war bei Frau von der Leyen auch so und ist jetzt nicht wirklich überraschend, sondern eher ein Beleg für den im Artikel beklagten Politikerklüngel. Ein unglücklich gewähltes Beispiel.
3. Politischer Klüngel bei Fr. Wallmann
Chewbacca73 13.09.2013
Erst schreiben Sie, dass junge Menschen vom politischen Klüngel abgeschreckt werden, und dann wird Fr. Wallmann, die ja in der Hessen-CDU über ihren Vater und Onkel bestens vernetzt ist, als Beispiel für eine Politikerkarriere aufgeführt. Otto Normalpolitiker hätte für ein Landtagsmandat in Hessen sicher länger gebraucht. Bin ich der einzige, der hier wieder einmal politischen Nepotismus par excellence sieht?
4. Das
forumgehts? 13.09.2013
Zitat von sysopIch, eine Berufspolitikerin? Völlig überraschend sollte Astrid Wallmann entscheiden, ob sie für die CDU in den Wahlkampf zieht. Der Job ist attraktiv: Gute Bezahlung, viel Einfluss, kaum Langeweile. Und noch nie war es so leicht, in deutschen Parteien Karriere zu machen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/politik-als-beruf-karriere-in-der-partei-a-920910.html
Schwierigste an diesem Job dürfte sein, den BMI und den Alkoholspiegel zu überwachen.
5. Schon alles gesagt...
emdemuc 13.09.2013
Die These man könne heutzutage besonders leicht als Politiker Karriere machen mit der Tochter eines ehemanligen Bürgermeisters und Nichte eines ehemaligen Ministerpräsidenten belegen zu wollen, ist schon sehr gewagt. Das hat ja schon mit Recherche nichts mehr zu tun, aber inzwischen ist wohl sogar das kritische Hinterfragen des selbstgeschriebenen zuviel verlangt.
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Gehälter im Umfeld der Politik
Wer nicht gleich in den Wahlkampf ziehen will, sich aber für einen politischen Beruf interessiert, kann vielleicht im Umfeld der Abgeordneten landen. Referenten in Parteien, Ministerien und in der öffentlichen Verwaltung können oft viel von ihrem Fachwissen aus dem Studium einsetzen und werden gut bezahlt. Laut Daten, die Vergütungsberatung PersonalMarkt für KarriereSPIEGEL erhoben hat, schwanken Jahresgehälter (brutto) für Politikreferenten zwischen 33.000 und 95.600 Euro. Im Durchschnitt kommen Politikberater auf rund 55.000 Euro, Verwaltungsreferenten auf 48.000 Euro. Wer ¿ teils mit gleicher Qualifikation ¿ die Seiten wechselt und als Lobbyist arbeitet, startet etwa vom gleichen Niveau aus. Mit ein wenig Berufserfahrung kann dabei aber wesentlich mehr Gehalt herausspringen, über 150.000 Euro und mehr.

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