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Premieren im Beruf Hochzeit mit Kuscheltieren

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Hirsch-Hüffell

Diesen Auftritt darf die Vikarin nicht vergeigen. Sonst heißt es später, dass sie den schönsten Tag im Leben eines Brautpaares zerstört hat. Darum ist Gwen Bryde, 31, vor ihrer ersten Trauung ziemlich aufgeregt. Zur Probe übt die angehende Pastorin das Ja-Wort mit einem flauschigen Paar.

"Die kirchliche Trauung ist für viele Menschen der wichtigste Moment ihres Lebens. Und jetzt soll ausgerechnet ich zwei Menschen dabei begleiten, wenn sie vor Gott den Bund fürs Leben schließen?

In meinem Theologiestudium habe ich Hunderte Bücher verschlungen, jahrelang Texte aus dem Alten und Neuen Testament studiert und viel über Glauben, Religion und unsere Gesellschaft gelernt. Doch wie man die richtigen Worte findet, wenn zwei Menschen sich fürs Leben miteinander verbinden - das hat mir niemand beigebracht.

Beim Traugespräch saß das Brautpaar nun also vor mir. Ich sah die großen Erwartungen in ihren Augen, es sollte ein ganz besonderer Tag werden. Ich versuchte, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen, stellte viele Fragen, nach ihrer Beziehung, ihrer Liebe. Gut zuhören kann ich, das trainiere ich täglich in meiner Arbeit als Vikarin in Hamburg-Neuallermöhe. Das Vikariat ist in der Evangelischen Kirche die praktische Vorbereitung auf den Pastorenberuf, nach dem ersten und vor dem zweiten Theologie-Examen.

Die Kirche schwankt

Ich schrieb alles auf, was die beiden mir zu erzählen hatten, und versuchte, in der Ansprache eine Verbindung zu Gott aufzuzeigen. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Menschen etwas sichtbar zu machen, was sowieso schon da ist. Dennoch bleibt beim Glauben für die Menschen immer etwas Magisches, gerade wenn es um eine Trauung geht und das Versprechen von Liebe bis in den Tod.

Das Paar wollte sich auf der Flusschifferkirche im Hamburger Hafen trauen lassen, dem einzigen schaukelnden Gotteshaus in Deutschland. In meiner Gemeinde kenne ich die Abläufe, die Menschen und jeden Fleck in der Kirche - auf dem Schiff musste ich mir vorher alles ganz genau einprägen. Meine erste Trauung sollte also in jeder Hinsicht etwas Besonderes sein.

'Ertragt einander in Liebe' - diesen biblischen Trauspruch hatte sich das Paar ausgesucht. Es ist ein schöner Spruch, der gut zur Ehe passt, finde ich. Für den Gottesdienst habe ich passende Textstellen gesucht. Denn für mich ist es das Wichtigste, den Menschen mit Respekt zu begegnen und ihre Wünsche ernst zu nehmen.

Wann kommt noch mal der Trauspruch?

Im Laufe meines Studiums gab es schon einige Momente, in denen mein Herz ganz schön geklopft hat. Für meine erste Predigt habe ich jedes einzelne Wort vorformuliert und abgelesen. Das war alles noch ziemlich steif, heute geht es schon leichter.

Aber wann genau muss ich den Trauspruch eigentlich sprechen? Ich habe den Ablauf im Kopf immer wieder geprobt: Wann stehe ich auf, wann setze ich mich hin, wann drehe ich mich um? Wann werden die Ringe ausgetauscht? Wann kniet das Paar nieder? Einen Fehler durfte ich mir nicht erlauben. Präzise schrieb ich mir den Ablauf auch immer wieder auf, doch die Aufregung blieb: Was, wenn ich plötzlich einen Lachkrampf bekomme?

Beim Blick auf ein Kuscheltier kam mir die Idee: Ich spiele das ganze Prozedere mit Kuscheltieren durch. Schließlich saß ich zu Hause und fragte ein flauschiges Paar immer wieder, ob sie einander als Mann und Frau lieben und ehren wollen. Meine kleine Tochter fand das ziemlich lustig.

Trau dich, Teddy

Erst das Brautpaar fragen, dann die Ringe tauschen, dann niederknien: So langsam hatte ich es drauf. Am Tag der Trauung fühlte ich mich einigermaßen sicher. Die Flussschifferkirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Als die Vormusik verstummte, bekam ich trotzdem weiche Knie. Dann atmete ich noch einmal tief durch und lächelte die Leute an. Ich rief mir meine Kuscheltier-Generalprobe ins Gedächtnis und begann mit der Trauung.

'Nimm diesen Ring als Zeichen meiner Liebe und Treue', sprach ich dem Brautpaar langsam vor. Ein magisches Gefühl überkam mich. Alles ging so schnell, dass ich nach 30 Minuten schon viel zu früh fertig war. Doch ich war in diesem Moment einfach nur überglücklich, dass alles ohne Pannen geklappt hatte.

Die Verantwortung als Pastorin dem Brautpaar gegenüber nehme ich bis heute sehr ernst, denn die geht für mich weit über den Traugottesdienst hinaus. Mein Vikariat wird noch bis Winter 2012 dauern. Bis dahin werde ich noch viele weitere Herausforderungen meistern, denn auch Pastorinnen und Pastoren fangen mal klein an. Und dann werde ich irgendwann eine eigene Gemeinde leiten. Die Kuscheltiere meiner Tochter habe ich dabei zum Glück weiter griffbereit."

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