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Junge Psychotherapeuten Was soll der Geiz?

Junge Psychotherapeuten: Zwischen Ausbildung und Ausbeutung Fotos
privat

Weil sie wenig bis nichts verdienen, murren angehende Psychotherapeuten schon lange über Ausbeutung in Kliniken. Offiziell sind sie nämlich nur Praktikanten, erstreiten aber erste Erfolge vor Gericht: volle Leistung, voller Lohn.

Es gab Zeiten, da war Esther Bockwyt ganz allein auf der Station. Mit schwer depressiven, zum Teil selbstmordgefährdeten Patienten. Für acht bis elf Patienten war sie ohnehin verantwortlich. Fiel die Stationsärztin aus, war sie als einzige Psychologin für alle Kranken da. Dann stellte sie allein die Diagnosen, führte allein alle Therapiegespräche und dokumentierte anschließend, wie es den Patienten geht.

So viel Verantwortung wäre schon für eine erfahrene Psychotherapeutin eine Herausforderung. Esther Bockwyt aber war als "Psychotherapeutin in Ausbildung" (PiA) in einer brandenburgischen Klinik des Asklepios-Konzerns angestellt - und bekam nicht einmal ein richtiges Gehalt. Nur für eine halbe Stelle mit einem Zeitarbeitsvertrag verdiente sie monatlich 1300 Euro brutto. Die andere halbe Stelle firmierte unter Praktikum, unbezahlt. "Die Klinik hat mich aber nicht ausgebildet, sondern durch meine Arbeit eine Therapeutenstelle eingespart", sagt sie. "Ich und viele andere junge Psychologen wurden ausgenutzt."

So sah es auch das Arbeitsgericht Brandenburg: Bockwyt, 29, hat bei Asklepios gearbeitet, nicht gelernt. Deshalb erhält sie für das halbe Jahr dort rückwirkend den vollen Arbeitslohn einer Psychotherapeutin, einen immerhin knapp fünfstelligen Betrag. "Sie hat wirtschaftlich verwertbare Leistungen erbracht", heißt es im Urteil (Aktenzeichen 5 Ca 1191/13). Dass dafür kein Psychologinnengehalt gezahlt wurde, sei "sittenwidrig".

Oft mittendrin im Stationsalltag

Der Klinikkonzern hat in der Berufung vorzeitig aufgegeben, damit ist die Entscheidung rechtskräftig. Beim Umgang mit jungen Psychologen stehen andere Klinikbetreiber Asklepios in nichts nach. Esther Bockwyt bekam immerhin für eine halbe Stelle Geld - mitunter zahlen Arbeitgeber gar nichts. Denn dass junge Psychologen als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, ist schon im System angelegt.

Psychotherapeuten: Hängepartie in der Ausbildung
PiA, AiP und PJ, Assis und Approbation - wie bitte?
DPA
Viel Kontakt zu sehr verschiedenen Menschen, gute Jobchancen, später anständiger Verdienst - angehende Psychotherapeuten wissen schon, warum sie diesen Beruf wählen. Bis sie ankommen, brauchen sie aber viel Anlauf. Und da gibt es einige Parallelen zu Medizinern, deren Ausbildung sich längst gewandelt hat.
Junge Ärzte: AiP ist passé
Die Lage eines Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) ist zum Teil vergleichbar mit der eines Arztes im Praktikum (AiP), auch wenn es den AiP-lern von der Bezahlung her besser ging. Nach langem Streit wurde die AiP-Zeit 2004 abgeschafft. Zuvor arbeiteten junge Ärzte nach ihrem abgeschlossenen Studium und nach dem Praktischen Jahr (PJ) noch mal 18 Monate als Arzt im Praktikum. Die AiPler hatten eine Teilapprobation, erhielten ein Drittel des Arztgehaltes und erst nach den eineinhalb Jahre die volle Approbation.
Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt
Auch damals gab es Diskussionen um die Ausbeutung junger Arbeitskräfte bei großer Verantwortung und geringer Bezahlung. Inzwischen hat sich die Ausbildung geändert: Heute studieren Mediziner rund sechs Jahre, absolvieren im letzten Jahr ihr PJ, danach das letzte Staatsexamen und haben somit zum Ende der Studienzeit ihre Vollapprobation. Niederlassen können sich Mediziner allerdings erst nach einer Facharztausbildung, die mindestens fünf Jahre dauert. In dieser Zeit bekommen sie ein geregeltes Assistenzarzt-Gehalt.
Ausbildung von Psychotherapeuten: Drei Jahre plus X
Komplizierter ist die Lage bei psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten: Sie schließen zunächst das Psychologie- oder (Sozial-)Pädagogikstudium mit dem Diplom oder Master ab. Laut Psychotherapeutengesetz von 1999 müssen sie die Psychotherapie-Ausbildung dranhängen, um ihre Approbation zu erhalten. Dann erst können sie eigenständig psychotherapeutisch arbeiten und als niedergelassene Psychotherapeuten auch direkt mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Die Ausbildung dauert mindestens drei Jahre, die meisten PiAs brauchen aber deutlich länger.
Kein Auskommen mit dem Einkommen
Bisher gibt es für den Arbeitseinsatz in den Kliniken wenig bis kein Geld - und die Theorieausbildung kostet extra. Darum müssen viele PiAs nebenher zusätzlich arbeiten, oft mit Halbzeitstellen als Psychologen. Zur Psychotherapie-Ausbildung gehören 600 Stunden Theorie und 1800 Stunden praktische Tätigkeit (ein Jahr in einer Psychiatrischen Klinik, ein halbes Jahr in einer psychosomatischen Klinik oder in der Praxis eines Psychotherapeuten). Teil der Ausbildung sind auch Selbsterfahrung, Patientenbehandlung in einer Ambulanz des Ausbildungs-Instituts sowie Supervision.
Es verlangt den "PiA" eine intensive Ausbildung ab: Nach dem Psychologiestudium durchlaufen sie eine psychotherapeutische Zusatzausbildung an meist privaten Instituten, regulär drei Jahre, real meist länger. Insgesamt 1800 Praxisstunden müssen junge Psychologen arbeiten, 1200 in einer psychiatrischen Klinik, weitere 600 Stunden in der Psychosomatik. Parallel besuchen sie an den Wochenenden Theorieseminare an ihrem Institut. Zusätzlich gehen sie zur Supervision und Selbsterfahrung, sprich: selbst in die Therapie. Und für die theoretische Ausbildung müssen sie selbst zahlen, oft 20.000 bis 30.000 Euro.

Das Problem: Das Psychotherapeutengesetz, das diese Ausbildung reglementiert, lässt offen, ob den jungen Psychologen fürs Praktikum Geld zusteht. In der Realität sind Uni-Absolventen oft voll in den Stationsalltag eingebunden, ohne dafür auch nur einen Cent zu bekommen. Denn sie sind zwar noch keine Therapeuten, aber bereits Diplom-Psychologen. Das reicht vielen Kliniken aus, um ihnen Verantwortung für Patienten zu übertragen.

Falsch deklariert

Dagegen protestieren Psychologen seit Jahren und fordern in Petitionen und offenen Briefen eine Reform des Psychotherapeutengesetzes - bislang ohne nennenswerten Erfolg. Auch vor Gericht mehren sich die Klagen: Vor dem Landesarbeitsgericht Hamm hat eine junge Therapeutin 2011 den Prozess gegen eine Kinder- und Jugendpsychiatrie gewonnen. Auch sie leistete Arbeit, "für die das Klinikum ansonsten bezahlte Arbeitskraft eines Psychotherapeuten oder Psychologen hätte einsetzen müssen", so das Gericht (Aktenzeichen 11 Sa 74/12). Den kleinen Patienten und deren Eltern wurde sie auf der Station als die zuständige Therapeutin vorgestellt. Und bei den Krankenkassen hatte die Klinik die Behandlungssätze einer ausgebildeten Therapeutin abgerechnet.

Papier ist geduldig, weiß auch das Bundesarbeitsgericht und hat im Fall eines Rettungsdienstmitarbeiters bekräftigt: Entscheidend für die Einstufung einer Tätigkeit als Praktikum oder Erwerbsarbeit ist die Realität - nicht das, was im Arbeitsvertrag steht (Aktenzeichen 9 AZR 740/13). Überwiegt der Ausbildungszweck also nicht deutlich, handelt es sich um ein ganz normales Arbeitsverhältnis. Dann ist es sittenwidrig, wenn der Arbeitnehmer dafür zu wenig oder gar kein Geld erhält.

Die Gerichte schauen sich gründlich an, ob die PiA auf der Station eher mitlaufen und schrittweise in die Behandlungen einbezogen werden oder ob sie volle Verantwortung für Patienten tragen. Nach dieser Abwägung hat das Arbeitsgericht Köln die Klage eines Psychologen abgelehnt. Er hatte zwar selbstständig Therapiegespräche mit Patienten geführt, das sei aber zunächst Teil der Ausbildung, so das Gericht - ein angehender Psychotherapeut müsse therapieren, um es zu erlernen. Der Kläger habe indes nie die Fallverantwortung getragen, daher sei tatsächlich von einem Praktikum auszugehen (Aktenzeichen 11 Ca 10331/13)

Esther Bockwyt dagegen gewann vor Gericht und ist froh, da.ss ihre Arbeit zumindest im Nachhinein die Wertschätzung erhielt, die sie im Klinikum vermisst hatte. "Das war einfach Ausbeutung" - darum hatte sie nach einem halben Jahr das Handtuch geworfen.

  • Elke Spanner (Jahrgang 1967) hat Jura studiert. Statt sich durch juristische Akten zu quälen, schreibt sie aber lieber als Journalistin über Recht, Arbeitswelt und Karriere.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. das....
forschung 24.02.2015
ist für viele therapeutische Berufe normal. Nicht nur die psychologischen Psychotherapeuten sind davon betroffen, sondern z.B. die Ausbildung in Logopädie, Ergotherapie etc. kostet erst einmal ordentlich Geld, bevor man selbst sich im Berufsleben niederlassen kann.
2. Ausbeutung
mameluk 24.02.2015
Ist in vielen - sehr vielen psychosomatischen Kliniken-nicht nur in dem erwähnten Konzern- die Regel. Kein oder kaum Gehalt, aber volle Abrechnung bei den Krankenkassen - Betrug?
3. na sowas?
mali123 24.02.2015
in deutschland? wer hätte das gedacht? in meinem aktuellen unbezahlten praktikum nach einem zustudium zum master, welches ich machen muss, weil mir sonst die leistungen gekürzt werden, erbringe ich genau null leistung. vielleicht sollten die studierten leute endlich mal nicht nur fleißig sondern auch klug sein und dazulernen.....
4. @ 2 Nicht richtig, aber Betrug
Nemrod 24.02.2015
Na ja, jemanden pro forma als Praktikanten einzustufen ist natürlich falsch. Aber wo genau soll der Betrug gegenüber den Krankenkassen liegen, solange die Qualität der Leistung gleich ist?
5.
Olaf 24.02.2015
Zitat von NemrodNa ja, jemanden pro forma als Praktikanten einzustufen ist natürlich falsch. Aber wo genau soll der Betrug gegenüber den Krankenkassen liegen, solange die Qualität der Leistung gleich ist?
Darin, dass man einen einen Therapeuten in Rechnung stellt, der gar keiner ist. Das ist so, als ob ein Handwerksbetrieb ihnen den Praktikanten schickt, aber Meisterstunden abrechnet. Da ist es egal wie gut der Praktikant ist.
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