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Roboter bei Schweighöfer-Premiere "Roli" rockt den roten Teppich

SPIEGEL ONLINE

Ein Roboter stellt auf der Premiere von Matthias Schweighöfers neuem Kinofilm Fragen, die sich Rote-Teppich-Reporter nicht zutrauen - die Stars sind fasziniert. Die Idee stammt von Nachwuchsproduzent Christopher Zwickler.

Gebannt blickt der junge Mann im Kapuzenpulli auf die zwei riesigen Kartons vor ihm auf dem Fußboden. "Legs" steht auf dem einen, also Beine - "Torso" auf dem anderen. Der Mann schaut verschwörerisch und öffnet den Karton. Zwei dünne Beine kommen zum Vorschein. Er lächelt. Schon am nächsten Tag soll die Welt von seinem Werk erfahren.

Christopher Zwickler, der Mann im Kapuzenshirt, ist Filmproduzent, mit 28 Jahren einer der jüngsten in Deutschland und schon einer der erfolgreichsten. Filmgrößen wie Hollywood-Regisseur Roland Emmerich ("Independence Day", "The Day After Tomorrow") unterstützen ihn, er gewinnt Preise und dreht dieses Jahr einen großen Kinofilm.

Mitte vergangenen Jahres gründete Zwickler im Berliner Wedding die Firma Flimmer, mit der finanziellen Unterstützung Emmerichs und der Beratung von Regisseur und Mitgründer Marco Kreuzpaintner ("Sommersturm", "Krabat"). Auf der Webseite von Flimmer können Nutzer Filmtrailer anschauen, ohne lästige Werbung. Wer einen Trailer bis zum Ende schaut und eine Frage dazu korrekt beantwortet, kann Punkte sammeln. Für die gibt es DVD-Gutscheine oder Kinokarten.

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Jungproduzent Zwickler: Roli, ich bin dein Vater
Die Filmindustrie jubiliert: Endlich gucken Zuschauer ihre Filmvorschauen auch bis zum Schluss an. "Und der Filmfan kann die Trailer ohne Werbung schauen und wird am Ende belohnt", sagt Zwickler, während er und seine Mitarbeiter die "Legs" aus dem Karton hieven und aufstellen.

Sie gehören zu Zwicklers neuer Idee: ein Roboter, der sprechen und sich bewegen kann, der rot wird und lächelt, der weint und mit den Display-Augen klimpert. Roli, wie Zwickler ihn getauft hat - als Hommage an Roland Emmerich -, soll für frischen Wind am roten Teppich sorgen, soll die Stars befragen, und zwar so, wie sich ein Reporter das nie trauen würde. Seine Stimme bekommt Roli von einem Synchronsprecher, Zwickler kann den Roboter von weitem per PC fernsteuern. Das Schauspiel wird dann aus einer Kamera zwischen den Roboteraugen per Livestream auf seine Website übertragen.

Kreuzung aus Terminator und Robocop

Inzwischen ist Roli fertig montiert, er sieht aus wie eine lustige Kreuzung aus Terminator und Robocop. Er ist so groß wie sein Eigentümer, 1,80 Meter. Zwickler und der Ingenieur von der IT-Firma aus Cornwall machen sich daran, das Sprachsystem zu checken. Roli soll seinen großen Auftritt haben bei der Weltpremiere von Matthias Schweighöfers neuer Kinokomödie "Schlussmacher". "So ein Roboter fasziniert die Menschen viel mehr als Journalisten, die die immer gleichen Fragen stellen", glaubt Zwickler.

Weg vom ewig gleichen, mit dieser schlichten Formel versucht Zwickler in der Haifischbranche Film sein Glück. Filmemacher ist ein Traumberuf für junge Menschen. Zu Tausenden bewerben sie sich an den vier staatlichen Filmhochschulen im Land. In einem Jahrgang ist in der Regel aber nur Platz für knapp 20 Leute. Viele probieren den Quereinstieg, oft scheitern sie, weil es ihnen an Kontakten fehlt, an Geld oder an Durchhaltevermögen. Nach oben schaffen es nur die Kreativsten. Und die mit dem besten Netzwerk.

Seine Eintrittskarte zur Filmakademie Baden-Württemberg war die Erstverfilmung des Jugendbuches "Rolltreppe abwärts". Es galt als unverfilmbar, alle großen Sender hatten sich zuvor an Autor Hans-Georg Noack die Zähne ausgebissen. Zwickler war mitten im Abi-Stress, als er und ein Schulkamerad beschlossen, dem störrischen Autor einen Brief zu schreiben. "Wir dachten halt, wer wenn nicht die Generation, die in dem Buch beschrieben wird, könnte das verfilmen?", so Zwickler. Noack war zum ersten Mal einverstanden.

Wie bringt man einen fertigen Film ins Kino?

Zwickler und sein Kumpel Dustin Loose veranstalteten in ihrer Heimat Bonn ein Casting, liefen sich die Hacken nach Sponsoren wund und drehten den Film mit gut 70 Minuten für 4000 Euro in 11 Tagen ab. "Wir sind dann zum größten Kinobetreiber vor Ort gegangen und haben ihn gefragt, ob wir bei ihm die Premiere machen dürften, samt rotem Teppich." Der Kinobesitzer habe laut gelacht. Dafür brauche man eine 35-Millimeter-Kopie - und die koste grob gerechnet 20.000 Euro.

Die beiden Abiturienten reisten nach Köln und bequatschten die Chefin einer Postproduktionsfirma so lange, bis sie nachgab und die Kopie finanzierte. Am Ende lief der Film bundesweit 13 Wochen in den Kinos. Die Filmakademie Ludwigsburg verzichtete auf die sonst vorgeschriebene mehrjährige Berufserfahrung ihrer Studierenden und nahm Zwickler sofort auf. Dort studierte er drei Jahre mit dem Schwerpunkt Produktion.

Einen Namen machte er sich dann mit dem Kuschelporno "Hotel Desire", mit Clemens Schick in der Hauptrolle. Der Streifen gilt als erstes Filmprojekt mit Crowdfunding, wo jeder Interessierte per Internet Kleinbeträge zur Finanzierung beitragen kann. Für seinen Kinderfilm "Sprich mit" bekam er den Berliner Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz.

Warum nicht Regie?

Doch warum tut er nicht das, wovon alle Filmbegeisterten träumen - und führt Regie? "Nein, Regisseur ist nicht mein Traumberuf, es ist der Produzent, weil er koordiniert und organisiert. So was liegt mir, das ist spannend." Ein ökonomisches Bewusstsein sei dafür mindestens so wichtig wie ein kreatives. Immer neue Kniffs aushecken, Mittel finden, Geschichten erzählen, Menschen faszinieren, das sei das Tolle an dem Beruf, sagt Zwickler. Außerdem will er Film und Internet noch näher zusammenführen.

Dafür muss man experimentierfreudig sein. Doch Roli ist ein PR-Stunt, bei dem auch Zwickler nervös wird. In nicht einmal 24 Stunden steht Roli im Sony Center am Potsdamer Platz und soll Matthias Schweighöfer und all die anderen Stars interviewen. Wenn es gut läuft, wird Roli ab sofort von vielen großen Premieren berichten.

Die Tests laufen erfolgversprechend, Roli singt "Singin in the rain" und gibt den Terminator - "Hasta la vista, Baby." Rund 30.000 Euro kostet der menschengroße Roboter, 40 Stück seiner Art gibt es weltweit, unter anderem bei der Nasa in Orlando. Die Summe will Zwickler erneut per Crowdfunding zusammenbekommen.

Montag, 19 Uhr, roter Teppich am Sony Center. Scheinwerfer, Blitzlichtgewitter. Die Massen kreischen, Dutzende Fotografen und Reporter drängeln, quetschen und kämpfen, Musik dröhnt aus riesigen Boxen, schwarze Autos fahren vor. Es ist Krieg. Mittendrin Roli am Roten Teppich.

Plötzlich Geschrei. Ein Mann mit einer Pandamaske läuft über den roten Teppich, Roli winkt aufgeregt und ruft: "Hallo, hallo Cro!" Der vermeintliche Sänger läuft weiter, gibt Autogramme. Roli blickt traurig, er hat die Möglichkeit, ein dutzend verschiedener Gesichtsausdrücke zu imitieren. Zwickler, zusammen mit dem Ingenieur am Kontrollpult, gibt Entwarnung. Der Mann war ohnehin ein Fake.

"Herr Lauterbach, wie machen Sie Schluss?"

Es wird ernst: Der MTV-Moderator Patrice folgt Rolis Rufen. Er zuckt, als der Roboter ihn fragt: "Bist du auch recyclebar?" Der Turner Philipp Boy ist kleiner als Roli, erstaunt blickt er ihn an. Roli hebt die Arme. "Guck mal, meine Muskeln." Boy öffnet den Mund. Aber es kommt nichts. Christopher Zwickler reckt den Daumen.

Der Moderator Joko läuft vorbei. Aber die mächtige Filmproduzentin Regina Ziegler wird neugierig. Sie muss ihn anfassen. Rolis Finger verfangen sich in ihrer Handtasche. Ziegler ruckelt ein wenig. "Entschuldigung", sagt Roli, "ich habe früher als Taschendieb gearbeitet". Schweighöfers Mutter kommt, sie streicht Roli über die Wange. Der haucht: "Ich liebe Sie".

Dann kommt der Star des Abends. Matthias Schweighöfer gesellt sich zu der britischen Boy-Band Blue, die den Titelsong zu seinem Film "Schlussmacher" beisteuert. Das Gekreische der Fans ist lauter als die dröhnende Musik, die Musiker von Blue zerren Schweighöfer zu Roli. Der legt los. "Matthias, Sie haben bei dem Film Regie geführt, waren Produzent und sind Hauptdarsteller. Zu geizig für Fachkräfte?" Schweighöfer lacht. "Ich, äh, bin ja bekannt dafür, sparsam zu sein." Die Idee mit dem Roboter, sagt Schweighöfer später, finde er "richtig gut".

Auch Heiner Lauterbach, letzter am roten Teppich, kommt nicht an Roli vorbei. "Wir haben die gleiche Frisur", säuselt die Menschmaschine. Lauterbach blickt gespielt ernst. "Jaaa, das stimmt sogar." Auf Rolis Frage, wie Lauterbach denn Schluss mache, fiel dem Schauspieler aber auch nichts mehr ein. Christopher Zwickler grinst zufrieden.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Alex Linden (Jahrgang 1977) studierte Sprach- und Kulturwissenschaften an der Uni Siegen und promovierte über den Geheimdienst BND. Seit seinem Volontariat beim "Westfälischen Anzeiger" schreibt er als Journalist vor allem über Sozial- und Kriminalthemen, seit 2006 auch für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Welch grandiose Idee
Karbonator 08.01.2013
Wenn die Fragen tatsächlich vom System selbst generiert werden, würde es erklären, warum sie so debil ausgefallen sind. Sollten sich stattdessen doch die Steuerleute die Fragen ausgedacht haben.... ufff... dann... Sorry, aber mit derart "ungewöhnlichen" Fragen hat sich unsereins in der Unterstufe zum Deppen gemacht. Dafür braucht es dann keinen Roboter... und auch keine fast schon begeisterter Berichterstattung, finde ich.
2. Gegen Roboter
cgjung 09.01.2013
Ich kann keine Sympathie für Roboter aufbringen. Die Wissenschaftler sind sehr kurzsichtig was die Erforschung der KI angeblangt. Hauptsache das eigene Ego besänftigt. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft mit Maschinen neben mir leben müssen, welche Arbeitsplätze vernichten, den Takt vorgeben und die Menschheit gefährden. Unser größter Feind war bisher immer noch der menschliche Verstand. Und dieser manifestiert sich nun in der Robotic. Unverständnis meinerseits. Und nein, man kann es nicht kontrollieren. Wie die Atombombe und sämtliche Waffen wird auch hier Missbrauch betrieben werden. Soweit sollte man als Wissenschaftler denken können.
3. x
nyn 09.01.2013
Ferngesteuertes Auto mit Mikrofon. Was da die "hochwertige Technologie" sein soll erschließt sich mir nicht ganz.
4. Bitte vergleichen alt und neu
lizard_of_oz 09.01.2013
Zitat von sysopEin Roboter stellt auf der Premiere von Matthias Schweighöfers neuem Kinofilm Fragen, die sich Rote-Teppich-Reporter nicht zutrauen - die Stars sind fasziniert. Die Idee stammt von Nachwuchsproduzent Christopher Zwickler. Roboter Roli bei Premiere von Schweighöfers "Schlussmacher" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/roboter-roli-bei-premiere-von-schweighoefers-schlussmacher-a-876458.html)
Den "Roli" Robi mit dem Entwurf von vor fast 100 Jahren...und sich angesichts des heutigen "Übermaßes" an Kreativität übergeben. Kann das Ding wenigstens ohne fremde Hilfe laufen oder steht der nur sinnlos in der Gegen drum und labert den totalen Dünnpfiff? "Biste auch recyclebar?" "Wenn dein Herrechen und Sprecher einen Funken Ahnung von Biologie hätte, dannn wüsste dieser, dass der Mensch besser recyclebar ist als jeder Roli the dumb Robot Schrott." Diese Frage ist so einfach zu beantworten aber dennoch sinnlos, dass sie mich ebenso wie die Sprachlosigkeit darauf regelrecht schockiert. http://img.youtube.com/vi/LDN_uEKNzDM/0.jpg Und, wird nun meine permanente Wiederholung der heftigen Infantilisierung unserer Gesellschaft glaubhafter? Wenn nicht, dann ist diese schon weiter fortgeschritten als ich dachte. Wenigstens gehen wir sozialverträglich zugrunde.
5. Diese Kultur
thesaint1 09.01.2013
des gratis produzierens kann ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Und das Hochjubeln des sieben Jahre jüngeren Journalisten versteh ich auch nicht. Ja es war ein Schülerprojekt, ok, sie haben 4000 Euro in die Produktion investiert, ja ich sehe den Willen. Warum muss es dann eine Premiere, roter Teppich, usw. sein. Hätte es nicht gereicht,eine Vorführung in der Schule, über einen Beamer. Und wo, wird das gratis produzieren gelernt und kultiviert: auf den Hochschulen in Deutschland. Was früher als Förderung von jungen Talenten durchging hat sich in die reale Arbeitswelt eingeschlichen. Die Jung Produzenten haben nichts anderes als die Kostenlos-Mentalität kennengelernt. Von Verantwortung und Achtung vor Gewerken und den Menschen dahinter, die Ihren Film schaffen, keine Spur. Woher sollen sie dann auch wissen. Viel zu viele Absolventen der Hochschule, die nur noch Low Budget Filme produzieren, bei dem alle Filmschaffenden unter Tarif arbeiten unter Missachtung sämtlicher arbeitsrechtlicher, sicherheitsrechtlicher Bestimmungen. Meist wissen die Jung-Produzenten nicht, dass ein Bein schon im Gefängnis steht.. Ich verlange von meinen "Hochschülern" immer eine Gage im Rahmen der Möglichkeiten. "Was nix kostet, ist auch nichts wert." des wegen muss bezahlt werden. Das muss den Hochschülern bei gebracht werden und in deren Köpfe.
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