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Schräge Bewerbungen Originell schon, aber bitte kein Mumpitz

Schrille Bewerbungen: Witzischkeit kennt durchaus Grenzen Fotos
TMN

Eine Bratpfanne als Bewerbungsmappe, der Lebenslauf im Pizzakarton oder subtile Bestechungsversuche - Guerilla-Bewerbungen können Personaler total begeistern. Oder tödlich nerven. Zu grelle Effekte wenden sich nicht nur in konservativ-spaßfreien Branchen schnell gegen den Kandidaten.

Manchmal erkennen Mitarbeiter von Personalabteilungen schon am Format einer Sendung, dass Unheil droht. Wenn statt der üblichen DIN-A4-Umschläge plötzlich ein Paket eintrudelt, das sonderbar verschnürt ist und womöglich gar streng riecht - dann erwacht ihr Argwohn: Hier will ein Bewerber auffallen. Hat er inhaltlich etwas zu bieten? Oder will er nur auffallen um jeden Preis?

Gerade Werbeagenturen sind bei Bewerbungen Überraschungen, aber auch Leid und Kummer gewohnt. In der Branche zählt Kreativität mehr als alles andere, natürlich wollen Job-Interessenten Neugier wecken und auf den ersten Blick beweisen, dass ihnen mehr einfällt als den Rivalen. So wissen Mitarbeiter der Hamburger Agentur Jung von Matt allerhand zu erzählen über Bewerbungen in mit roten Schnüren gebundenen Heuballen oder mit kulinarischen Spezialitäten, die beim Eintreffen schon vergammelt sind. Einmal musste die Personalchefin gar per Schlachtermesser in einem Schuhkarton mit Gelatine nach dem einlaminierten Anschreiben wühlen - große Sauerei. Und die Kollegen von der Agentur Zum Goldenen Hirschen konnten all die Geweihe, die Bewerber mitschickten, bald nicht mehr sehen.

Solche Guerilla-Bewerbungen sehen Kandidaten als Chance, aus der großen Masse herauszuragen. Im Prinzip richtig gedacht, findet Jürgen Hesse. Der Karrierecoach aus Berlin hat einige kuriose Beispiele auf Lager: Eine 19-Jährige forderte einmal auf YouTube alle Nutzer auf, einem Radiosender zu schreiben, dass sie genau die Richtige für ein Praktikum sei. Es gelang, der Sender wurde mit Fanpost eingedeckt. Ein Koch versandte seine Bewerbung in einer Bratpfanne und erhielt prompt die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Und eine Grafikerin schickte ihrem Wunsch-Arbeitgeber zu Weihnachten einen Schoko-Osterhasen - mit dem Kommentar, sie sei ihrer Zeit eben voraus.

Ein Sack Kartoffeln für die Jury

Gerade für Leute bis Mitte 20, die einen kreativen Job mit einem Bruttoeinkommen bis 40.000 Euro suchen, seien Guerilla-Bewerbungen durchaus eine Chance, sagt Hesse. Und mit der Bewerbung nach Schema F in einer dunklen DIN-A4-Mappe gehe man auf dem Schreibtisch der Personaler einfach unter. Einige weitere spektakuläre Bewerbungen:

  • Vor einigen Jahren entdeckte ein Werbetexter eine Stellenanzeige, in der Jung von Matt außer nach Textern auch, im Scherz, nach Pamela Anderson als Empfangsdame suchte. Er nahm die Agentur beim Wort und posierte vor der Kamera als kalifornisches Busenwunder mit Silikonbrüsten und blonder Perücke im knatschroten Badeanzug. Die Travestie-Bewerbung überzeugte die Agentur tatsächlich, er bekam den Job.
  • Detlev Buck, heute einer der erfolgreichsten deutschen Filmregisseure, war Mitte der achtziger Jahre noch Landwirtschafts-Lehrling. Die Hamburger Filmförderung gab ihm Geld für seinen ersten Kurzfilm, doch den bekam der junge Buck nicht rechtzeitig fertig für die Bewerbung an der Berliner Filmakademie, und sein Bewerbungsbrief hatte auch noch Überlänge. Also versprach der Bauernsohn: "Wenn Sie weiterlesen, bringe ich Ihnen einen Sack Kartoffeln mit" - die Sorte Granola. Das wirkte, er wurde angenommen. Passend dazu sein Auftritt mit seinem Erstlingswerk, dem ländlichen Dramolett "Erst die Arbeit und dann!", bei der Berlinale 1985: Buck fuhr mit dem Traktor vor und kippte einen Sack Kartoffeln ab. Mission accomplished.
  • In einem Interview erzählte Stefan Raab einmal, er habe bei Bewerbungen "immer so Späße beigelegt wie ein Glas Honig und 'n Pinsel" und dazu gesagt, bevor er ihnen jetzt Honig um den Bart schmiere, "machen Sie's doch selber".

Ein bisschen aus der Reihe tanzen und Ideenreichtum beweisen, gut und schön. Sicher kann man seinen Lebenslauf als Puzzle einsenden, auf eine Klopapierrolle schreiben oder das Anschreiben in einen Pizzakarton packen. Aber Witzischkeit kennt durchaus Grenzen: Es sind immer die des Humors der Personaler. Eine Kreativ-Bewerbung sei auf jeden Fall eine Gratwanderung, sagt Jürgen Hesse. Wer den Geschmack des Arbeitgebers nicht treffe, habe alle Chancen verspielt. Und zum Clown sollte man sich erst recht nicht machen. "Stellen Sie sich vor, ein 50-jähriger gestandener Betriebswirt, der seit Jahren Bereichsleiter in einer Firma war, kommt nun mit einer völlig schrägen Bewerbung daher - da hat er sehr schlechte Karten."

Individuelle Schlenker können auch nach hinten losgehen, wie das Beispiel einer Bewerberin zeigt, die einer Werbeagentur einen Fön mit dem Slogan schickte: "Ich bringe frischen Wind in Ihr Unternehmen." Die Antwort kam prompt: "Heiße Luft können wir selbst produzieren." Sabine Neumaier von der Bewerbungsberatung Ambitio in Berlin hält generell wenig von übertrieben originellen Bewerbungen. "Damit kommen Sie einfach nicht weiter. Sobald Sie die Professionalität und die Eleganz verlassen, wird eine Bewerbung lächerlich." Zwar müsse jede Bewerbung in irgendeiner Weise außergewöhnlich sein, um das Interesse eines Personalers zu wecken. "Aber die Form sollte den Inhalt verpacken und nicht vom Inhalt ablenken", findet Neumaier.

Für Schnickschnack fehlt Personalern oft jede Geduld

Man kann einen klassischen Inhalt in ungewöhnlicher Form verpacken oder umgekehrt. Der Humor ist in den Personalabteilungen ungleich verteilt. Faustregel: Je konservativer ein Unternehmen im Auftritt, in den Produkten und den Branchenritualen, desto zurückhaltender sollten sich Bewerber präsentieren. Die entscheidende Frage sei, wie viel Frechheit der potenzielle Arbeitgeber vertrage, betont Christoph Weissenböck vom Online-Jobportal Karriere.at. Auf jeden Fall brauche jede Guerilla-Bewerbung eine überzeugende Grundidee, "Konzeptlosigkeit lässt sich nicht durch oberflächlich zur Schau gestellte Kreativität wettmachen."

Als Erstes sollte man sich über das Unternehmen schlaumachen, bei dem man sich bewerben will. Dann geht es ans Feintuning. Eine unkonventionelle Bewerbung muss inhaltlich zur Wunsch-Stelle passen, auch wenn sie formal aus dem Rahmen fällt. Zu verspielt sollte man sie nicht gestalten - denn Gaga-Aktionen fressen bei Personalern mitunter ärgerlich viel Zeit. Das macht Schnickschnack eher unbeliebt. "Firmen erhalten Dutzende, oft Hunderte Bewerbungen auf eine Stellenausschreibung. Da bleibt keine Zeit, um lange mit einer einzigen Bewerbung herumzuspielen", erklärt Weissenböck.

Auf keinen Fall sollte man versuchen, einen kreativen Einfall zu erzwingen, warnt Hesse: "Wem die zündende Idee fehlt, der ist besser beraten, sich auf seine Kompetenz, seine Leistungsbereitschaft und auf seine charakterlichen Stärken zu besinnen." Auch dann muss man nicht gleich langweilig daherkommen. "Jede Bewerbung sollte etwas Dynamisches haben und ein bisschen Power transportieren." Zum Beispiel könne man mit dem Format spielen, rät Hesse: Wer ein A4-Blatt quer legt oder einen kleinen Rand abschneidet, steche sofort aus der Masse hervor. "Das ist schon ein totaler Hingucker. Und man läuft nicht Gefahr, den Adressaten geschmacklich total vor den Kopf zu stoßen."

Sabine Neumaier setzt dagegen eher auf Traditionelles: "Achten Sie immer auf hervorragende Materialien. Nehmen Sie nicht ein einfaches Kopierpapier oder eine billige Mappe." Auch mit Farben ließen sich dezente Akzente setzen, insbesondere bei Online-Bewerbungen. Mit der Bewerbungsmappe sei es ähnlich wie mit dem Anzug oder dem Kostüm für das Vorstellungsgespräch: Ein bisschen müsse man einfach investieren.

jol/dpa

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