Von Dietmar Hipp
Nur drei Monate war Corinna Unger, 35, auf Jobsuche, dann bekam sie ausgerechnet beim Jobcenter Gera Arbeit, in der Widerspruchsabteilung für Hartz-IV-Bescheide. Doch die Stelle war auf zwei Jahre befristet - und nach Ablauf dieser Zeit wollte das Jobcenter sie nicht übernehmen. Sie suchte nach etwas anderem, vergeblich. "Ich stand vor der Wahl, entweder meine eigene Akte von den ehemaligen Kollegen bearbeiten zu lassen oder selbst etwas auf die Beine zu stellen."
Also stellte sie selbst was auf die Beine - und bot das an, was sie schon konnte, nur jetzt für die Gegenseite. Anfang 2007 ließ sie in Gera mit der Samstagszeitung Postkarten verteilen, Auflage: 30.000 Stück, Aufschrift in fetten roten Lettern auf schwarzem Grund: "Hartz IV?" und, fein und weiß darunter: "Corinna Unger, Rechtsanwältin". Am Montag darauf stand das Telefon nicht mehr still. "Der Erfolg hat mich selbst überrascht", sagt sie. Es gab natürlich schon einige Kanzleien, die Hartz-IV-Empfänger vertreten haben, "aber niemand hat das so konsequent angeboten wie ich".
Das Geld kommt weiterhin vom Staat
Aber natürlich konnte sie sehr von ihrer Erfahrung profitieren: "Ich sehe auf den ersten Blick, wenn etwas falsch ist." Noch während die Mandanten bei ihr sitzen, diktiert sie den Widerspruch oder die Klageschrift für den Fall. "Sobald der Mandant raus ist, wird's geschrieben." Zwei Sekretärinnen arbeiten ihr inzwischen zu - davon können viele Anwälte nur träumen.
Obwohl Hartz-IV-Empfänger eigentlich gar kein Geld für einen Anwalt haben sollen, verdient Unger ganz gut. In Wahrheit bezahlt sie nach wie vor der Staat: Die Mandanten bekommen Beratungshilfe, bei gerichtlichen Auseinandersetzungen meist Prozesskostenhilfe - und wenn sie den Prozess gewinnt, trägt die Kosten ohnehin die Gegenseite, also Jobcenter beziehungsweise ARGE. Auch wenn das einzelne Mandat trotzdem keine Reichtümer bringt, "die Masse der standardisierten Verfahren macht's", sagt Unger.
Jedes zweite Rechtsmittel gegen einen Hartz-IV-Bescheid, so die gängige Formel, hat Erfolg - bei Unger liegt die Quote deutlich darüber. Gut 2100 Fälle hat sie bisher bearbeitet. Selbst heute kommen noch Mandanten mit ihrem Flyer von damals.
Das Verhältnis zu den ehemaligen Kollegen allerdings ist teilweise immer noch angespannt. "Ich versteh's nicht", sagt Unger, "die konnten doch nicht erwarten, dass ich Friseuse werde." Jedenfalls ist sie sich sicher: "Hätten sie mich behalten, hätten sie deutlich weniger Arbeit und Kosten gehabt."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsstart | RSS |
| alles zum Thema Junge Juristen - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH