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Spezialanwälte Die Welt der Winkel-Advokaten

2. Teil: Corinna Unger: "Komisch, gegen die ehemaligen Kollegen zu arbeiten"

Anwältin Corinna Unger: Plötzlich auf der anderen Seite Zur Großansicht

Anwältin Corinna Unger: Plötzlich auf der anderen Seite

Nur drei Monate war Corinna Unger, 35, auf Jobsuche, dann bekam sie ausgerechnet beim Jobcenter Gera Arbeit, in der Widerspruchsabteilung für Hartz-IV-Bescheide. Doch die Stelle war auf zwei Jahre befristet - und nach Ablauf dieser Zeit wollte das Jobcenter sie nicht übernehmen. Sie suchte nach etwas anderem, vergeblich. "Ich stand vor der Wahl, entweder meine eigene Akte von den ehemaligen Kollegen bearbeiten zu lassen oder selbst etwas auf die Beine zu stellen."

Also stellte sie selbst was auf die Beine - und bot das an, was sie schon konnte, nur jetzt für die Gegenseite. Anfang 2007 ließ sie in Gera mit der Samstagszeitung Postkarten verteilen, Auflage: 30.000 Stück, Aufschrift in fetten roten Lettern auf schwarzem Grund: "Hartz IV?" und, fein und weiß darunter: "Corinna Unger, Rechtsanwältin". Am Montag darauf stand das Telefon nicht mehr still. "Der Erfolg hat mich selbst überrascht", sagt sie. Es gab natürlich schon einige Kanzleien, die Hartz-IV-Empfänger vertreten haben, "aber niemand hat das so konsequent angeboten wie ich".

Vertrauen Sie mir, ich bin Anwalt
Schein und Wirklichkeit
Corbis
Die Juristerei gilt noch immer als Disziplin mit einem gewissen Glamour-Faktor. Fernsehen und Kino sind daran nicht unschuldig. Der Berufsalltag ist meist weit trister, vor allem für Jungjuristen, die frisch aus Studium und Referendariat kommen: Sie balgen sich um die attraktiven Stellen und müssen sich ansonsten durchhangeln.
Die Absolventen: Rivalen der Rennbahn
Auch wenn die "Juristenschwemme" inzwischen etwas nachlässt, ist der Anwaltsmarkt immer noch ein Verdrängungsmarkt - es gibt nach wie vor mehr Anbieter als Abnehmer. Rund 233.000 Juristen waren nach den letzten Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2008 in Deutschland erwerbstätig, 23 Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Seit 2001 ist die Zahl derer, die das zweite juristische Staatsexamen abschließen, zwar rückläufig. Doch noch immer drängen um die 8000 sogenannte Volljuristen jährlich auf den Arbeitsmarkt.
Ihre Chancen: Wolle mer se reinlasse?
Die wenigsten haben Chance auf eine Stelle im Staatsdienst, vier von fünf Volljuristen werden Rechtsanwalt. Bundesweit 20.000 Richtern und Staatsanwälten standen Ende 2008 fast 147.000 Rechtsanwälte gegenüber. Inzwischen sind schon mehr als 153.000 - dabei sinken die Zugangszahlen auch hier seit einigen Jahren.
Dass sie mit ihrer Erfahrung als ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin werben konnte, hat ihr dabei sicher geholfen, allerdings: "Manche Mandanten hat das auch verunsichert, weil sie nicht wussten, ob sie mir trauen konnten." Auch für sie war der Seitenwechsel nicht ohne. "Es war schon komisch, auf einmal gegen die ehemaligen Kollegen zu arbeiten", sagt Unger.

Das Geld kommt weiterhin vom Staat

Aber natürlich konnte sie sehr von ihrer Erfahrung profitieren: "Ich sehe auf den ersten Blick, wenn etwas falsch ist." Noch während die Mandanten bei ihr sitzen, diktiert sie den Widerspruch oder die Klageschrift für den Fall. "Sobald der Mandant raus ist, wird's geschrieben." Zwei Sekretärinnen arbeiten ihr inzwischen zu - davon können viele Anwälte nur träumen.

Obwohl Hartz-IV-Empfänger eigentlich gar kein Geld für einen Anwalt haben sollen, verdient Unger ganz gut. In Wahrheit bezahlt sie nach wie vor der Staat: Die Mandanten bekommen Beratungshilfe, bei gerichtlichen Auseinandersetzungen meist Prozesskostenhilfe - und wenn sie den Prozess gewinnt, trägt die Kosten ohnehin die Gegenseite, also Jobcenter beziehungsweise ARGE. Auch wenn das einzelne Mandat trotzdem keine Reichtümer bringt, "die Masse der standardisierten Verfahren macht's", sagt Unger.

Jedes zweite Rechtsmittel gegen einen Hartz-IV-Bescheid, so die gängige Formel, hat Erfolg - bei Unger liegt die Quote deutlich darüber. Gut 2100 Fälle hat sie bisher bearbeitet. Selbst heute kommen noch Mandanten mit ihrem Flyer von damals.

Das Verhältnis zu den ehemaligen Kollegen allerdings ist teilweise immer noch angespannt. "Ich versteh's nicht", sagt Unger, "die konnten doch nicht erwarten, dass ich Friseuse werde." Jedenfalls ist sie sich sicher: "Hätten sie mich behalten, hätten sie deutlich weniger Arbeit und Kosten gehabt."

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Je wirrer die Welt
dr.épernay-boiler 28.03.2011
je schlimmer der Filz, je kontrastärmer der Knotenwald, je besser die eigene Lobby - und damit die eigene Honorarordnung - umso fester Sitzt der Juristler im Sattel und erfreut sich an den Folgen des Leides.
2. Regeln statt gestalten
spon-tan100 28.03.2011
Seitdem es so ist, dass Gesetze nicht mehr mit Sorgfalt und Zurückhaltung gemacht werden, bilden sich natürlich immer mehr Nischen für SpezialistInnen. Das ist indes nicht deren Problem, denn das Leben nach dem 2. Staatsexamen ist eines, das auf Existenzsicherung und nicht darauf ausgerichtet ist, Organ der Rechtspflege zu sein. Nicht jeder wird als von und zu geboren. Hnzu kommt, dass so wie jede andere Lobbygruppe auch die Juristinnen und Juristen es geschafft haben, Regelungen zu schaffen, die einen nur noch den Kopf schütteln lassen: Das gesamte Abmahnwesen, allenfalls gut gemeint, ist derart aus dem Ruder gelaufen, dass es einer dringenden Revision bedürfte. Letztlich hat die Erkenntnis, dass und in welch gewaltigem Umfang die EDV Arbeit spart, noch keinen Einzug ins RVG (rechtsanwaltsvergütungsgesetz) gefunden. Auch hierzu ist z.B. die Massenabmahnung eben zwar ökonomisch pfiffig, ansonsten aber in ihrem Wesen als Lizenz zum Gelddrucken unmoralisch.
3. Vorname?
io_gbg 28.03.2011
Wie heisst die Rechtsanwältin (ehemals) auf Rädern denn nun mit Vornamen: - Diana (laut Artikel) - Daniela (laut Bildunterschrift)
4. ungeordnet und ungleich
whitemouse 28.03.2011
Junge Anwälte haben es ohne Beziehungen sehr schwer, es sei denn, sie haben enorm viel Glück wie die junge Frau. Können erkennen Mandanten nicht unbedingt, aber so mancher Mandant möchte beim Junganwalt selbst gern Umsatz machen. Mit den entsprechenden Beziehungen kann man freilich gut leben. Es ist nun mal so, dass Anwälte meist nicht nach Umfang oder Qualität der Arbeit bezahlt werden, sondern nach dem Streitwert.
5. Vergleich
seneca77 11.04.2011
den Herr RA Hofmeyer habe ich auch auf devpro24.com gesehen. Empfehlen allen die solche Dienste gerne nutzen die Seite. Man muss sich dort nicht anmelden, der Sachverhalt wird nicht veröffentlicht. Zudem keine Vorkasse.
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