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Start-ups Goldgräber im Gründerparadies

Start-ups: Wie Gründer sich durchsetzen Fotos
Steffen Roth; Corbis

Daniel Eggert gab einen Job bei Apple auf - weil er die Gründerszene in Berlin spannender findet. Während der Staat seine Hilfen für Selbständige zusammenstreicht, balgen sich private Finanziers und Konzerne um die Start-ups mit den besten Ideen.

Fünf Jahre lang hatte Daniel Eggert das, was in der Generation Smartphone gemeinhin als Traumjob gilt: Im Silicon Valley tüftelte er bei Apple am iOS-Betriebssystem für die Produkte der Kultmarke. Doch seit März dieses Jahres schaut der Informatiker von seinem Schreibtisch nicht mehr auf die sterilen Büroblocks am Infinite Loop in Cupertino. Nun schweift sein Blick über die Promenade am Berliner Landwehrkanal, wo alte Männer Boule spielen, junge Frauen Kinderwagen schieben und T-Shirt-Träger mit Laptop in Liegestühlen chillen.

Statt beim Konzern in Kalifornien programmiert der Technikfan jetzt bei M Cube, einem Inkubator für Geschäftsideen, untergebracht in den renovierten Backsteinhallen des ehemaligen Kreuzberger Umspannwerks.

Gleich drei Start-ups dient der stille Däne als Cheftechnologe. "Hier bin ich nicht mehr einer von Hunderten Entwicklern, die an kleinen Verbesserungen von Modulen feilen, sondern kann etwas völlig Neues aufbauen", begründet er seinen Umzug nach Deutschland.

Aus der berühmten US-Brutstätte für Hightechfirmen ins Glasscherbenviertel der deutschen Hauptstadt - noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Wechsel wohl nur mit unsterblicher Liebe zu erklären gewesen. Heute aber zieht es exzellent ausgebildete Menschen aus aller Welt an die Spree, um Unternehmen zu gründen oder bei Start-ups anzuheuern.

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Zehn Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Nicht nur Berlin lockt Gründer und Innovatoren. Auch in München, Dresden oder Regensburg entstehen reihenweise Unternehmen in Zukunftsfeldern wie Informationstechnik, Biotechnologie oder Cleantech. 879 Start-ups statteten deutsche Beteiligungsgesellschaften laut ihres Verbands BVK 2011 mit Venture Capital aus.

Damit erreichten die Zahlen zwar nicht das Niveau des Dotcom-Hype. Aber die Daten signalisieren ein erstaunliches Comeback, nachdem die Hightech-Gründungen 2001 in Deutschland quasi zum Erliegen gekommen waren.

Die neue Start-up-Welle ist nicht allein eine Folge des bisherigen deutschen Aufschwungs. Auch die Rahmenbedingungen für junge Hightech-Firmen haben sich in den vergangenen Jahren entscheidend verbessert: Wohl noch nie seit der Zeit des Wirtschaftswunders der fünfziger Jahre hatten es unternehmungslustige Erfinder hierzulande so leicht wie heute, ihre Visionen zu kommerzialisieren.

Konzerne, von denen man es gar nicht denkt, geben Risikokapital

Schließlich hat es sich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft spätestens angesichts der Finanzkrise herumgesprochen, dass der Erfolg der heimischen Industrie vor allem auf deren Innovationskraft beruht. Und da überraschende Ideen nur selten in straff organisierten Großunternehmen gedeihen - auch weil deren alternde Belegschaften gern das Erreichte bewahren -, haben die Entscheider den unschätzbaren Wert junger Firmen erkannt.

"Diese Innovatoren sind die eigentlichen Treiber der Gesellschaft", sagt Susanne Klatten, die den Inkubator UnternehmerTUM an der Technischen Universität München seit Jahren mit Millionen sponsert. Die Geschäftsfrau (BMW, Altana) findet immer mehr Nachahmer für ihr Engagement. Weil Tech-Start-ups wie ein Jungbrunnen für die etablierte Industrie wirken, werden sie inzwischen von Konzernherren, staatlichen Institutionen und erfolgreichen Unternehmern systematisch gefördert - immer in der Hoffnung, von deren Neuerungen selbst profitieren zu können.

Zum Beispiel Karl-Erivan W. Haub: Dessen Tengelmann-Gruppe hat sich bereits an rund 20 Online-Gründungen beteiligt. "Wir lernen völlig neue Geschäftsmodelle kennen und wollen möglichst breit an den Erfolgschancen im Web-Geschäft partizipieren", beschreibt der geschäftsführende Gesellschafter seine Motivation zur Schaffung einer Venture-Abteilung in der Handelsgruppe.

Ob BASF, Deutsche Telekom, Siemens, SAP oder RWE - quer durch die Branchen engagieren sich Konzerne mit Risikokapital. Hightech-Gründerfonds und spezielle öffentliche Geldgeber wie Go-Bio, Go-inno und die Fördergesellschaften der Bundesländer haben ihre Aktivitäten ausgebaut. Das deutsche Venture Capital Panel verzeichnete selbst im Euro-Krisenjahr 2011 einen Anstieg der heimischen Hightech-Finanzierungen um 3 Prozent.

Kapital ist reichlich vorhanden

Trotz Schuldenmalaise: Freie Mittel für Neues sind vorhanden, auch wenn die deutsche Gesetzgebung Risikokapital eher behindert denn fördert. Anders aber als in den hysterischen Dotcom-Jahren der Jahrtausendwende überschütten Investoren die frischen Ideen nicht mehr in blinder Euphorie mit Geld. Großzügig geben sie sich bei der Unterstützung mit Know-how, Kontakten und praktischen Hilfen. Von "Schicken Sie uns hier Ihren Businessplan"-Fenstern auf der Website über voll ausgestattete Büros bis zur Vermittlung von Führungskräften reichen die Offerten von Venture-Firmen und Förderinstituten.

Das Rundum-sorglos-Paket müssen sich Neu-Entrepreneure des Jahrgangs 2012 allerdings hart verdienen. Nie stellten die Aufbauhelfer so hohe Anforderungen an ihre Schützlinge wie heute. Mit diffusen Fantastereien, wie ein neues Angebot Umsätze und Gewinne erzielen soll, kommen die Gründer nicht mehr durch: Neben einer überzeugenden Geschäftsidee mit klarer Umsatz- und Gewinnperspektive müssen sie konkrete Prognosen vorlegen, ihre Fortschritte ständig an Meilensteinen nachweisen, ihre Konzepte permanent dem Markt anpassen und dabei äußerst sparsam haushalten.

"Stark professionalisierte Start-up-Szene"

"Die Start-up-Szene in Deutschland hat sich stark professionalisiert", sagt Christian Thaler-Wolski, Investmentmanager der Venture-Capital-Firma Wellington Partners. "Heute trifft ein funktionierendes Ökosystem aus öffentlich-rechtlichem Anschub und privaten Risikokapitalgebern, Business Angels und Inkubatoren auf realistische und hart arbeitende Jungunternehmer."

Eine Gründer-Infrastruktur ist entstanden, die viele Spieler anzieht. Gewiefte Unternehmer wie Henrich Blase etwa. "Gründerförderung ist sehr wichtig und macht viel Spaß", sagt CEO des Vergleichsportals Check24. "Wir Gründer von Check24 wollten unsere Erfahrung unbedingt an andere weitergeben." Im März eröffnete er mit seinem Vorstandskollegen Jan Dzulko den M Cube. Um Start-ups den Anfang zu erleichtern und die Gewinnchancen bei der Suche nach dem nächsten Facebook zu nutzen.

In dem Inkubator sollen aus Ideen Prototypen reifen - wie "im geschützten Uterus" (Dzulko). Ein Jahr Zeit, zwischen 50.000 und 250.000 Euro Startkapital, ein perfekt ausgestattetes Hightechbüro samt Putzservice, Kaffeeautomat und Zugang zu Buchhaltung, Fachjuristen, Personalern und Marketingexperten stehen den Gründern dort zur Verfügung - gegen eine Beteiligung in dieser "Seed" genannten Frühphase von 15 bis 50 Prozent an der neuen Firma. Vor allem das Wissen und das Netzwerk der Initiatoren soll den Jungunternehmern helfen, tödliche Anfängerfehler zu vermeiden und ihre Entwicklung zu beschleunigen.

Das All-inclusive-Modell - vorgelebt von den Samwer-Brüdern (Oliver, Marc, Alexander) mit dem Inkubator Rocket Internet - hat derzeit Hochkonjunktur. In den verschiedensten Abwandlungen offerieren Business Angels in Gruppen oder als Einzelpersonen umfassende Aufbaudienste für Hightech-Gründer.

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