Start-ups Wie man sich als junger Gründer durchboxt
Schneller Aufstieg in den Vorstand eines großen Konzerns? Viele Nachwuchstalente langweilt diese Aussicht. Sie suchen Alternativen zur Laufbahn - und finden ihren Traumjob als Unternehmer. Im Porträt: Vier junge Gründer auf dem Weg durch die Wildnis des Geschäftslebens.
Sie haben es ja versucht. Sie wollten wirklich vernünftig sein. Kai, 34, und Christian, 31, Wawrzinek wählten genau die Studienfächer, mit denen ihre Eltern Erfolg hatten: Jura und Zahnmedizin. Sie haben sogar beide promoviert. Und jetzt? Jetzt sitzen die beiden in einem Hinterhofbüro im Hamburger Kreativstadtteil Bahrenfeld und schauen auf Animationen adretter Bäuerinnen, shoppender Teenager und Ritter, die sich auf Dutzenden Monitoren um sie herum tummeln. Statt in elegante Inlays oder in knifflige Vertragsentwürfe vertiefen sie sich in die Frage, wie man das Gras im "Farmer-Spiel" (das mit der Bäuerin) noch etwas grüner hinkriegt und wie viel Stockwerke die Shops im "Fashion-Spiel" haben sollen. Was um Himmels willen ist da nur schiefgegangen?
Gar nichts. Die beiden Hamburger haben die geplanten Karrieren in den Wind geschrieben, um das zu tun, was sie wirklich reizte: ein Unternehmen gründen. "Was es werden würde, war uns zunächst gar nicht genau klar", sagt Christian Wawrzinek. "Die Hauptsache war, unabhängig zu sein von den Vorgaben anderer", meint sein Bruder.
Mistgabel statt Granatwerfer
Aus ihrem leidenschaftlichen Interesse für die Online-Welt und längerem Herumprobieren mit anderen Geschäftsideen sind die Goodgame Studios entstanden, ein Start-up für familienfreundliche kostenlose Browser-Spiele, in denen nicht Pumpgun und Granatwerfer regieren, sondern Mistgabel und Kuchenblech.
Mit ihren aktuell neun Spielen locken die Brüder im boomenden Markt der Social Online Games 70 Millionen Nutzer in rund 200 Ländern vor den Monitor; den Umsatz von deutlich über zwei Millionen Euro in diesem Jahr macht Goodgame mit einem Bruchteil der Kunden, die für besondere Applikationen zahlen wollen.
Nach nur zwei Jahren am Markt hat sich die Spielefabrik neben Giganten wie Walt Disney etabliert, übrigens mit gerade mal 500.000 Euro Startkapital von Förderbanken, ohne Venture Capital. Nun heimsen die Brüder Auszeichnungen ein: 2009 wurden sie für das "Browser Game of the Year" gelobt, gerade erhielten die Wawrzineks die Auszeichnung als "Entrepreneure des Jahres".
Ein Mega-Erfolg, der zeigt, dass der Mythos vom Garagenunternehmer, der mit eigenen Händen ein tolles Unternehmen aufbaut, tatsächlich Realität werden kann.
Jede dritte Gründung verschwindet binnen drei Jahren
Also gründen! Raus aus den oder gar nicht erst rein in die Traineeprogramme der Konzerne, deren Versprechen gegen die glanzvolle Eigenständigkeit des Unternehmers bisweilen blass wirken. Warum sich auf vorgezeichnete Karrierepfade begeben, die Hierarchien durchleiden und womöglich jahrelang auf echten Einfluss warten, wenn man genauso gut sein eigenes Ding machen kann?
In keinem Job seien "Lernkurve und Glücksgefühle so intensiv" wie beim Aufbau einer eigenen Firma, meint Clemens Fischer (36), ehemals Mitglied der Geschäftsleitung von Novartis in Deutschland und mittlerweile erfolgreicher Gründer einer Pharmafirma.
An dieser Stelle muss dann doch ein kleiner Hinweis die Feierlaune trüben: Jede dritte Gründung verschwindet binnen drei Jahren wieder vom Markt. So ganz einfach ist die Sache wohl nicht. Wer sich als Unternehmer betätigt - genau das tun Gründer ja - brauche neben Ideen und Know-how "Glück, Demut und ein nicht zu unterschätzendes Durchhaltevermögen", sagt Investor Klaus Hommels, der überzeugt ist, dass Berlin ein Silicon Valley für Europa werden kann, und dessen Inkubator "Springstar" dort Start-ups groß machen soll.
Der unbedingte Drang, etwas Neues in die Welt zu setzen, eine technisch elegante Lösung für ein bisher ungelöstes Problem zu bieten oder mitzumischen bei der Weiterentwicklung des coolen, milliardenschweren Internetgeschäfts - all das sind gute Motive, die Ärmel hochzukrempeln und mit der eigenen Firma loszulegen.
- 1. Teil: Wie man sich als junger Gründer durchboxt
- 2. Teil: "Deutsche meinen immer, ein Unternehmen müsse gleich profitabel sein"
- 3. Teil: "Das Ikea des Internets" - zweites Fallbeispiel
- 4. Teil: Kampf gegen China - drittes Fallbeispiel
- 5. Teil: Geerbt und dann komplett umgebaut - viertes Fallbeispiel
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Deshalb: Nie den Businessplan wahllos herumschicken! "Der Gründer sollte vorher klären, welcher Investor zur Idee passt, welche Erfahrung dieser hat und ob er vertrauenswürdig ist - etwa, indem er mit anderen Unternehmern aus dessen Portfolio Kontakt aufnimmt", sagt Christian Leybold, Partner bei Eventure Capital.
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