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Starthilfe für Gründer Wir haben die Lösung, wo ist das Problem?

"Floqus"-Gründer: "Das ist ganz anders als in einem normalen Job" Zur Großansicht
Philipp Alvares de Souza Soares

"Floqus"-Gründer: "Das ist ganz anders als in einem normalen Job"

Lebensunterhalt gesichert, dazu ein fünfstelliger Zuschuss: Wer ein Exist-Stipendium ergattert, kann seine neue Firma erst mal angstfrei planen - wie das Göttinger Start-up "Floqus". Der Härtetest steht dem jungen Gründertrio noch bevor: Was, wenn sie wirklich Geld verdienen?

Die Hitze flirrt an diesem Sommertag im Göttinger Iduna-Zentrum. Der verschachtelte Büroklotz gegenüber dem Uni-Campus ist kein Ort, an dem man sich heute gern aufhalten will.

"Uns gefällt's!", entgegnet Waldemar Kornewald, 27. Mit zwei anderen jungen Gründern hat er sich hier ein Büro eingerichtet: ein großer, nackter Raum mit einigen Tischen, Stühlen, einer Tafel und rotbraunem Kunstfaserteppich. Die drei frisch examinierten Physiker arbeiten seit Mai dort, vorher werkelten sie in ihren Studentenzimmern. Sie zahlen keinen Cent Miete - die Private Fachhochschule Göttingen hat den Raum kostenlos zur Verfügung gestellt.

Auch sonst müssen sich die jungen Gründer ums Finanzielle zunächst keine Sorgen machen: Ein Jahr lang werden sie durch das "Exist-Gründerstipendium" des Wirtschaftsministeriums gefördert und können so in Ruhe an ihrer Geschäftsidee feilen. Falls es am Ende nicht klappt, drohen keine Schulden oder sonstige Verpflichtungen. "Das ist wirklich perfekt", sagt Kornewald, "ohne diese Hilfe hätten wir uns dreimal überlegt, ob wir ein solches Risiko eingehen."

2000 Euro monatlich bekommt jeder zum Leben, plus gemeinsam 5000 Euro für Coaching und maximal 17.000 Euro für "Sachausgaben". Die gehen im Fall der Göttinger Drei hauptsächlich für Hardware drauf. "Heute sind endlich die iPads gekommen", freut sich Mitstreiter Johannes Dörr und öffnet auf einem die provisorische Webseite des Projekts "Floqus", an dem sie brüten.

Wer hat eigentlich die Probleme, die wir lösen wollen?

Außer Links zum Twitter-Kanal, Blog und "Coming Soon"-Schriftzug gibt es noch nichts zu entdecken. "Das wird sich bald ändern", sagt Kornewald und erklärt die Geschäftsidee: "Eine Software, mit der sich Ideen und Konzepte so einfach visualisieren lassen wie auf Papier. Aber mit allen Vorteilen der digitalen Verfügbarkeit."

Flussdiagramme, Mindmaps oder Tabellen soll man mit "Floqus" in ein paar Wisch- und Zeichenbewegungen auf Tablet-PCs wie dem iPad erstellen können. "Man ist völlig frei", ergänzt Thomas Wanschik, der Dritte im Bunde, "das Programm erkennt die Form automatisch." Wer schon mal versucht habe, eine aufwändige Grafik in Word oder Powerpoint zu bauen, wisse, wie nervig und kompliziert das sein kann. Dort fügt man jedes Objekt einzeln ein und konfiguriert die Eigenschaften. So eine "Barriere" störe den kreativen Prozess, sagt Kornewald. Floqus soll direkt aus den Fingerbewegungen ablesen, was der Nutzer will.

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Existenzgründer: "Es ist einfach das eigene Baby"
Das ist zumindest das Ziel. Im Herbst soll die Firma auch offiziell an den Start gehen; noch befinde man sich mitten in der "Problemfindungsphase". Das Trio interviewt dazu bereits mögliche Kundengruppen, etwa Unternehmensberater. Dabei geht es um die Frage: Wer hat eigentlich die Probleme, die "Floqus" lösen soll? "Das lief nicht alles so, wie wir es erwartet hatten", sagt Wanschik.

Auf Jobangebot von Google verzichtet

Eine Zielgruppe haben sie aber bereits identifiziert. "Die denken auf dem Papier nach, müssen dann aber die undeutliche Skizze einscannen", so Kornwald. Spontan habe ein Interviewpartner gesagt, er wolle für eine solche Lösung gern zahlen. Viel mehr verraten die drei nicht - Kundeninformationen seien schließlich Geschäftsgeheimnis. Die Technologie, die Formen erkennt, ist schon in Grundzügen vorhanden. Algorithmen aus ihren Diplomarbeiten entwickelt die Physiker nun gezielt für die Kundenbedürfnisse weiter. Dieser Transfer aus der Wissenschaft war neben einem guten Businessplan die Bedingung für die Exist-Förderung.

Der Weg in die Selbständigkeit war vor allem für Kornewald schon immer ein Traum. Dafür nimmt er einen geringeren Verdienst in Kauf. In der freien Wirtschaft hätten die drei locker über 3000 Euro brutto verdienen können. Kornewald arbeitet schon seit einiger Zeit auf Auftragsbasis als Programmierer und hatte ein Angebot von Google im E-Mail-Postfach: "Das war schon irgendwie verlockend, aber ich wollte lieber mein eigenes Ding machen." Die risikolose Exist-Förderung hat die Entscheidung erleichtert.

Kornewald und Wanschik lernten sich auf einer Party kennen und arbeiteten zusammen in einer Lerngruppe. Schon vor zwei Jahren begannen sie, Pläne und Produktideen auszutauschen. "Eigentlich wollten wir uns einen BWLer ins Boot holen", erzählt Wanschik. Letztlich ist es doch ein Programmierer geworden, der Betriebswirt hätte am Anfang "sowieso nur rumgesessen", sagen sie. Also stieß Dörr zu ihnen, den sie aus dem Studium kannten.

Es fehlt ein BWLer

Trotz BWL-Lücke haben sie für ihren Exist-Businessplan bereits einen Finanzplan selbst erstellt und sich in die Fachliteratur eingearbeitet - so aufwändig, dass sie fortan alle kaufmännischen Aufgaben an einen Steuerberater abgeben wollen, spätestens sobald es wirklich ans Geldverdienen geht.

Das ist bei solchen Projekten oft der kritische Punkt. Florentin Wörgötter, ehemaliger Professor und Exist-Mentor der drei Physiker, kennt das aus eigener Erfahrung: Er hatte selbst mal eine Firma, die er später mit Gewinn verkaufen konnte. "Als Naturwissenschaftler hat man von Wirtschaft keine Ahnung", sagt Wörgötter. Das klassische Problem: Man hat eine gute Idee - aber wie verkauft man die? "Man muss den Leuten ja irgendwie klar machen, dass sie genau dieses Produkt kaufen sollen. Das ist schwerer, als sich das viele vorstellen."

Die Coachingmittel, die etwa im Exist-Stipendium vorgesehen sind, reichten letztlich auch nicht aus, um das BWL-Defizit auszugleichen. "Früher oder später brauchen die drei einen richtigen Geschäftsführer", so Wörgötter - schon wegen der vielen rechtlichen Fragestellungen. Momentan sieht er das Projekt aber auf gutem Wege: geringe Kosten und innovative Idee. Klassische Whiteboards zur Konzeptionierung würden immer öfter großen Touchscreens weichen. Daher wäre es auch sinnvoll, mittelfristig mit einem Hardwarehersteller zu kooperieren, der sein Produkt zusammen mit der neuen Software anbieten könnte.

Wörgötters Schützlinge sind zuversichtlich. Sie glauben an ihre Idee und arbeiten gern daran. "Wir sind ein tolles Team", sagt Wanschik, "mit ähnlichem Humor und mit Leidenschaft bei der Sache. Das ist zwar Arbeit, aber ganz anders als in einem normalen Job."

  • Philipp Alvares de Souza Soares (Jahrgang 1985) ist freier Journalist und schreibt u.a. für SPIEGEL-Online, Neue Zürcher Zeitung oder die Süddeutsche Zeitung. Zuvor hat er Politik und VWL in Marburg studiert.

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