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23. Dezember 2012, 13:57 Uhr

Als Stotterer im Journalismus

"Das Diktiergerät ist schneller voll"

Wenn die Gehirnhälften nicht so zusammenspielen, wie sie sollen, kann sich die Zunge verheddern. Ist es klug, wenn jemand mit einem starken Sprachfehler ausgerechnet in einen Sprachberuf will? Benedikt Becker hat sich für den Journalismus entschieden. Und findet das ganz logisch.

Auf diese Frage hatte ich die ganze Zeit gewartet: "Warum wollen Sie ausgerechnet Journalist werden?" Ich sitze beim Auswahlgespräch an einer Journalistenschule. Mir gegenüber: eine fünfköpfige Jury, erfahrene Journalisten, die mich erwartungsvoll anschauen. Vermutlich haben sie allen Bewerbern an diesem Tag dieselbe Frage gestellt. Und doch wollen sie von mir eigentlich etwas anderes wissen. Nämlich: "Wollen Sie sich das wirklich antun?" Denn ich stottere.

Mit vier Jahren fing das an. Warum? Das konnte kein Arzt so genau sagen. Mich hat es nie sonderlich gestört. Klar, es nervt manchmal, nicht sofort das sagen zu können, was mir gerade auf der Zunge brennt. Aber die Menschen in meinem Umfeld haben mein Stottern immer akzeptiert. Weil ich es akzeptiere.

In Deutschland bin ich einer von rund 800.000 Stotterern. Wie viele davon in der Medienbranche arbeiten, weiß ich nicht. Ein paar werden es schon sein, persönlich kenne ich niemanden. Meine eigenen Karrierepläne können viele nicht verstehen. Warum strebt ein Stotterer einen Kommunikationsberuf an? Wieso will er Journalist werden, obwohl er mit dem Handwerkszeug des Journalisten, der Sprache, ganz offensichtlich große Probleme hat? Schließlich wird im Journalismus doch permanent geredet. Und wie soll das erst beim Hörfunk oder Fernsehen klappen? Die Reaktion eines Referenten an der Journalistenschule auf mein Stottern erscheint mir typisch: "Also, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet."

Doch für mich ist es eigentlich - so komisch das klingen mag - ganz logisch, mit einem Sprachfehler einen Sprachberuf anzustreben. Denn was für den Journalisten das täglich Brot, ist für den Stotterer der täglich Zwang: eine intensive Beschäftigung mit Sprache. Vor allem mit der gesprochenen Sprache.

Ich stelle mir Sprechen so vor, als ginge man eine Straße entlang. Jeder Satz hat ein Ziel. Nur: Wo andere den kürzesten Weg wählen können, muss ich eine Umleitung nehmen. Denn wie eine Baustelle den Verkehr blockiert das Stottern meinen Sprechfluss. Ein Wort will einfach nicht raus, manchmal auch nur ein Buchstabe. Dann stelle ich den Satz um, suche nach Synonymen.

Meine Fragen brauchen eben mehr Speicherplatz

Das alles passiert in Sekundenbruchteilen in meinem Kopf. Es ist ein Abwägen verschiedenster Möglichkeiten, das Gleiche auszudrücken. Einen intensiveren Umgang mit Sprache kenne ich nicht. Über die Jahre habe ich somit großen Spaß daran gefunden, am geschriebenen wie gesprochenen Wort. Auch deshalb mein Traumberuf: Journalist.

Wie viele andere habe ich bei einer Lokalzeitung erste Erfahrungen gesammelt. Heute spreche ich am Telefon auch mal mit einem bekannten Politiker. Die Reaktionen auf meinen Sprachfehler waren immer gleich: Er interessierte nicht. Nie habe ich mich bei einem Interview durch mein Stottern gestört gefühlt. Nie hat mich ein Gesprächspartner beim Sprechen unterbrochen, weil es ihm zu lange dauerte. Was nur manchmal nervt: Das Diktiergerät ist ziemlich schnell voll. Meine Fragen brauchen halt etwas mehr Speicherplatz.

Ein anderes Beispiel: Natürlich war ich aufgeregt, als ich zum ersten Mal bei einer Pressekonferenz eine Frage gestellt habe. Aber bei den vielen erfahrenen Kollegen im Raum, den kritischen Blicken vom Podium, der Fernsehkamera im Hintergrund, die vielleicht gerade alles live über Phoenix sendet - ganz ehrlich: Welcher junge Journalist ist da nicht aufgeregt?

Es sind Erfahrungen, die ich vor allem bei Printmedien gesammelt habe. Also da, wo das gesprochene Wort nur der Kommunikation mit anderen dient. Was aber, wenn es selbst zum journalistischen Handwerk wird, beim Hörfunk und beim Fernsehen? Bei diesen Medien ist auch entscheidend, wie etwas gesagt wird. Mir fällt das Sprechen dann deutlich leichter. Ich konzentriere mich viel stärker auf jedes einzelne Wort, habe mehr Kontrolle über mein Sprechen.

Logopäden? Diese Berufsgruppe kennen wir Stotterer gut

Und doch ist es nicht einfach. "Du musst diesen Singsang aus deiner Stimme rausbekommen", bekam ich beim Hörfunkkurs an der Journalistenschule immer wieder zu hören. Das ist leicht gesagt, fällt mir aber schwer. Denn wer singt, stottert nicht. Um einen Text flüssig aufzusagen, schaffe ich mir also etwas Rhythmik und Melodie. Eigentlich das richtige Rezept, auch für Nicht-Stotterer. Nur scheine ich den richtigen Mittelweg noch nicht gefunden zu haben. Was mir Hoffnung auf Verbesserung gibt: Beim Fernsehen arbeiten auch Logopäden als Sprecherzieher. Eine Berufsgruppe, die wir Stotterer ziemlich gut kennen.

In einer Sprecherkabine einen Beitrag zu vertonen, ist eine Sache, eine Live-Reportage fürs Radio etwas ganz anderes. Drei Minuten etwas erleben, beschreiben und aufnehmen, so lautete der Auftrag an der Journalistenschule. Zwei Stunden hatten wir dafür Zeit, einige wenige Versuche sollten wir machen. Nach drei Stunden zeigte mein Aufnahmegerät 48 Versuche. Gleichzeitig Eindrücke erfassen, sortieren und wiedergeben - ich war überfordert.

Bei Stotterern kommunizieren linke und rechte Gehirnhälfte nicht einwandfrei. Was da genau falsch läuft, habe ich nie richtig verstanden. Aber selten habe ich es so stark gespürt wie bei dieser Live-Übung. Nach vielen weiteren Versuchen nehme ich schließlich die Version, auf der ich am wenigsten stottere. Einfach aufzugeben, das wäre das Eingestehen einer Niederlage vor mir selbst gewesen.

Mein Stottern spielt keine Rolle, wenn ich über meine Zukunft im Journalismus nachdenke. Meine Sorgen sind andere: Als freier Journalist arbeite ich unter anderem für die Nachrichtenagentur dapd. Wie es dort nach dem Insolvenzverfahren weitergeht, ist ungewiss. Und so frage ich mich wie jeder andere junge Journalist, ob und wo ich eine Zukunft habe.

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