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25. Januar 2012, 16:54 Uhr

Studienanfänger-Tagebuch

Vergiss die Regelstudienzeit

Was macht man mit einem Bachelor in einer Geisteswissenschaft? Irgendwas mit Medien. Oder den Master. Steile Karriereplanung klingt anders - aber Larissa, Fabienne und Marc haben eigene Pläne. Hetzen lassen wollen die Erstsemester-Kolumnisten sich nicht und suchen nach Sinn und Spaß im Studium.

Studieren, na klar. Aber was? Und wofür? Marc Becker, 20, Fabienne Kinzelmann und Larissa Rohr, beide 19, haben sich entschieden: für einen Bachelor in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie sind drei von rund 500.000 Erstsemestern, die seit Oktober studieren. Ihr Berufswunsch: irgendwas mit Medien.

Marc wird seitdem gefragt, ob er sich schon auf seinen Job als Taxifahrer freut. Von Larissa will man wissen, ob sie später Politikerin wird. Und über Fabienne schütteln die Kollegen beim Jugendmagazin den Kopf: Wie kann man im ersten Semester schon so im Stress sein?

Für den KarriereSPIEGEL berichten die drei, wie sie ihre Studienfächer ausgewählt haben, welche Pläne sie für ihre berufliche Zukunft haben - und warum sie nicht in der Regelstudienzeit fertig werden wollen.

Larissa im Organisationschaos: Was Spaß macht, kann nicht falsch sein

Ich wurde gewarnt. Trotzdem habe ich mich ins Berufs-Abenteuer Journalismus gestürzt. Und während sich all meine Freunde nach dem Abitur für ein Lehramt-, Medizin- oder Jurastudium mit klarem Berufsziel entschieden haben, musste ich aus einem Berg von mehr als 4000 Studiengängen den richtigen aussuchen - und kann nicht einmal mit Sicherheit behaupten, später einmal eine feste Arbeitsstelle zu finden. Sehr zum Leidwesen meines Opas, bei dem Jobsicherheit höchste Priorität hat.

Im Journalismus gibt es keinen Königsweg. Hauptsache, irgendetwas studieren, schreiben können, ein bisschen kreativ sein und das machen, was einen interessiert. Na toll! Der heiße Tipp: Eine Naturwissenschaft studieren und dann in den Wissenschaftsjournalismus. Nur zählen diese Disziplinen nicht gerade zu meinen Lieblingen, also habe ich sie als erstes von meiner Liste gestrichen.

Nach zwei Jahren Sozialkunde-Leistungskurs konnte ich mir dagegen gut vorstellen, mit Politik weiterzumachen. Der Spaß soll ja laut Experten, Studienberatern und gestandenen Redakteuren an erster Stelle stehen. Mein erstes Studienfach Politikwissenschaft war also gefunden - und die Standardfrage von Opa, Tante und Nachbarin, ob ich denn mit meinem Studium später Politikerin werden wolle, wird mich wohl mein ganzes dreijähriges Bachelor-Studium begleiten.

Die nächste Hürde: zum Hauptfach Politik muss noch ein Nebenfach her. Denn wenn ich schon unter mehr als 4000 Studiengängen auswählen kann, will ich mich nicht mit nur einem Fach zufriedengeben. Sollen Journalisten nun Medien- und Kommunikationswissenschaften oder Journalismus studieren - oder gerade das auf keinen Fall? Darüber scheinen sich Redakteure zu streiten. Die einen nicken begeistert, die anderen raten ab: "Schreiben kann man ja nicht lernen. Studiere lieber ein Fach mit Inhalt und spezialisiere Dich."

Arbeit und Studium - eine organisatorische Meisterleistung

Ich wollte es ausprobieren, im Nebenfach einfach mal reinschnuppern. Nach den Abi-Prüfungen bin ich also nach Tübingen gefahren: eine echte Studentenstadt, per Zug drei Stunden von der Heimat entfernt. Perfekt! Im Frühjahr habe ich mir Stadt und Uni angeschaut und die Studienfachberater ausgequetscht. Prüfungsordnung und Bewerbungsverfahren waren mir hinterher immerhin etwas klarer.

Ich wollte unbedingt auch während des Semesters weiter für die Lokalredaktionen der "Rheinpfalz" und des "Mannheimer Morgen" schreiben. Denn im Journalismus scheint Praxiserfahrung mehr zu zählen als der Studienabschluss selbst.

Nur: Wie soll das gehen? Kreative Ideen finden, Termine koordinieren, Texte schreiben - und nebenbei Bücher fürs BRD-Seminar wälzen, Tests in Empirischer Politikforschung schreiben, die Medienwissenschaftsvorlesungen nachbereiten und manchmal noch die Familie besuchen... Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt. Weitere Nebenjobs zum richtigen Geldverdienen? Unmöglich! Nur wer organisatorisches Talent hat, wird das Bachelor-Studium gut meistern, sagte ein Freund. Nach dem ersten Semester muss ich feststellen, dass er wohl recht hat.

Für Praktika bleibt nur in den Semesterferien Zeit oder gar in einem Urlaubssemester. Die meisten Tübinger Politik-Profs raten nämlich, den Bachelor nicht in der Regelstudienzeit durchzuackern, sondern sich nebenbei zu engagieren, einige Zeit im Ausland zu studieren und seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Ein guter Tipp, den ich befolgen will. Sollte ich nach dem Studium keinen Volontariatsplatz bekommen, dann heißt mein Plan B: Masterstudiengang in Politik!

Fabienne und die "Irgendwas mit Medien"-Kommilitonen: Arbeiten ist das Wichtigste

"Ein Bachelor-Studium ist Vollzeitarbeit", hieß es bei der Einführung in der Uni. Im Oktober habe ich darüber noch gelacht. Ich assoziierte mit dem Studium sämtliche Klischees des Studentenlebens: neue Leute kennenlernen, Partys, endlich nur noch das lernen, was mich wirklich interessiert. Meine Teilzeitredakteursstelle bei der Jugendzeitschrift "SPIESSER" würde ich mit 20 Stunden pro Woche locker neben der Uni auf die Reihe bekommen, dachte ich. Bis das Semester losging.

Mein Stundenplan füllte sich mit Vorlesungen, Seminaren und Tutorien. Ich schluckte - und schraubte meine Nebentätigkeit auf 15 Stunden pro Woche hinunter. Trotzdem hetze ich ganz schön hin und her. Morgens in der Redaktion, mittags schnell bei einer Lehrveranstaltung, dann wieder in der Redaktion, nach der Arbeit in die Bibliothek.

Meine Kollegen, die alle auf Magister oder Diplom studiert haben, können nur schwer nachvollziehen, wie man im ersten Semester gleich so im Stress sein kann. Das Studium lässt aber eigentlich keinen Spielraum: Mit der ersten selbstgebastelten Version meines Stundenplans, der mir mit dem Nebenjob gut machbar erschien, hätte ich über sechs Jahre für den Bachelor gebraucht, also doppelt so lang wie die Regelstudienzeit. Ich habe ihn jetzt so gebaut, dass es auf maximal vier Jahre hinausläuft.

Wer Bafög bekommt, muss sich sputen

Der genaue Stundenplan war das erste, was mich wirklich unangenehm an die Schulzeit erinnerte. Trotzdem finde ich den Bachelor bislang weit weniger verschult als befürchtet. Entgegen aller Gerüchte gibt es keine Anwesenheitspflicht, und ich habe die Möglichkeit, auch außerhalb meines Fachbereichs Lehrveranstaltungen zu belegen, auf die ich Lust habe.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass man sich früher viel mehr treiben lassen konnte - und es weniger schwammige Studiengänge gab. Heute studiert ja quasi jeder "irgendwas mit Medien", "irgendwas Interdisziplinäres" oder "irgendwas mit Sprachen, Politik und Gender Studies". Mein Studiengang Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext mit dem Nebenfach Philosophie bildet keine Ausnahme: Was stellt man damit später an? Ich wollte etwas studieren, das mir sowohl ermöglicht, in Richtung Journalismus als auch in den Bildungsbereich zu gehen.

Vor dem Studium war für mich klar, dass ich nach dem Bachelor auf jeden Fall den Master machen will. Seit ich studiere, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich den wirklich brauche - die meisten meiner älteren Freunde haben über Praktika oder Werkstudenten-Tätigkeiten ihre erste richtige Stelle bekommen. Auch deshalb ist es mir wichtig, neben dem Studium viel zu arbeiten: Das bringt mir Erfahrung, viel Spaß und auch die finanzielle Sicherheit fürs Studium.

Ich bin außerdem sehr froh, dass mich mein Vater und meine Großeltern unterstützen. Wer Bafög bezieht, kann seinen Anspruch darauf verlieren, wenn er nicht in der Regelstudienzeit fertig wird. Entsprechend kann er sich weniger mit dem Studium Zeit lassen, um praktische Erfahrungen zu sammeln.

Marc im Apothekervergleich: Nur nicht stressen lassen

"Du willst später also Taxi fahren?" Das alte Vorurteil gegen Geisteswissenschaftler gibt es immer noch, wie ich gelegentlich feststellen muss, wenn ich von meinem Politikstudium an der Uni Marburg erzähle. Dann habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen - nur weil ich mein Studienfach nicht nach den besten Arbeitsmarktchancen, sondern nach meinen Interessen gewählt habe.

Bald habe ich das erste Semester an der Uni hinter mir und meine Entscheidung nicht bereut. Das Wälzen der Studienführer hätte ich mir getrost sparen können, letztlich ist doch alles ganz anders. Mittlerweile habe ich einen ersten Überblick über die Teilgebiete der Politikwissenschaft, vorher konnte ich mir unter Pflichtmodulen wie "Methoden" oder "Gender" kaum etwas vorstellen. Jetzt kann ich sagen, was davon mich besonders interessiert, aber es ist noch zu früh, um Schwerpunkte zu setzen.

Im ersten Semester geht es auch noch gar nicht um Berufsorientierung, erst mal wurde meinen Kommilitonen und mir beigebracht, wie wissenschaftliches Arbeiten überhaupt funktioniert. Wir lernen, komplexe Zusammenhänge zu erklären und sie mit verschiedenen Methoden zu analysieren.

In späteren Semestern sind dann auch Praktika und Workshops, wie zum Beispiel ein Bewerbungstraining, vorgesehen. Der Studiengang qualifiziert aber nicht für ein bestimmtes Berufsfeld, als Politologe kann man später in internationalen Organisationen, in der Politikberatung, in den Medien oder auch in der freien Wirtschaft sein Geld verdienen.

Die richtige Antwort auf die Hetze: Nimm dir die Zeit

Ich möchte später gern in einer Nichtregierungsorganisation (NGO) oder im Journalismus arbeiten, kann mir aber auch vorstellen, an der Uni zu bleiben und eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Auf jeden Fall wird die endgültige Entscheidung noch Zeit brauchen - und wenn ich bedenke, wie schnell so ein Semester vorübergeht, womöglich länger als die drei Jahre Regelstudienzeit bis zum Bachelor. Außerdem will ich auch unbedingt ein Auslandssemester machen, um alles noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennen zu lernen.

Es würde keinen Sinn machen, wenn ich mich schon jetzt hetzen ließe, ein berufliches Profil zu entwickeln. Sich richtig spezialisieren, vielleicht auf internationale Beziehungen, das macht man erst im Master-Studiengang. Sich Zeit nehmen, lautet also vielleicht die richtige Antwort auf das Bachelor-Korsett, in das man uns Studenten zwängen will.

Tatsächlich gibt es extreme Beispiele: Meine beste Freundin bekomme ich kaum noch zu Gesicht, seit sie Pharmazie studiert. Die Zeit, die sie nicht in Vorlesungen oder im Labor verbringt, geht fast komplett fürs Lernen drauf. In den Klausuren wird erbarmungslos ausgesiebt - für nicht wenige war das Studium schon nach ein paar Wochen vorbei.

Im Politikinstitut sieht das zum Glück anders aus. Das liegt vor allem an den naturgemäß engagierten Studenten, die beispielsweise vor ein paar Jahren die Abschaffung der Anwesenheitspflicht durchgesetzt haben. Damit haben wir ein Stück Freiheit zurückgewonnen, das meiner Meinung nach wesentlich ist im Studium: Wie ich lerne, bleibt mir überlassen. Nur dann kann Lernen auch Spaß machen.

Auch wenn ich deshalb nicht mit ihr tauschen wollte, wird meine beste Freundin immerhin nicht Gefahr laufen, als zukünftige Taxifahrerin bezeichnet zu werden - Apotheker werden überall händeringend gesucht.

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