• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Traumberuf Fußballprofi "Schon Achtjährige werden als Bayern-Schnösel gedisst"

Fußballer Mats Hummels schaffte den raketenartigen Aufstieg, bei Timo Heinze zündete die zweite Stufe nicht. Über seine gescheiterte Profikarriere hat er ein Buch geschrieben. Jetzt trafen sich die beiden Ex-Bayern zu einer Diskussion in Köln - und gleich wurde der Hörsaal zur Fankurve.

Da ist dieser Moment, als Mats Hummels nicht mehr an sich halten kann. Minutenlang hört der Dortmunder Meisterspieler dem Sportpsychologen Jens Kleinert zu: wie der Kopf die "Beine langsam machen kann", wenn ein Fußballer zu viel zweifelt, wenn er an Verletzungen herumlaboriert, Geist und Körper nicht im Einklang sind, die Mannschaft einen Rückkehrer nicht richtig integriert - das "motivationale Klima" leide.

Hummels holt tief Luft und lässt es raus: "Das Wichtigste ist die Meinung des Trainers, sie wirkt sich aus, und darauf kommt es an." Natürlich könne ein Trainer die Karriere behindern, und natürlich falle man in ein Leistungsloch, wenn das Vertrauen zu sich selbst weg sei. Aber "motivationales Klima"? Kein Begriff aus der Fußballerwelt, "das klingt steif".

Mittwochabend an der Sporthochschule Köln, Nationalspieler und BVB-Verteidiger Mats Hummels ist Stargast der Veranstaltung "Traumberuf Fußballprofi?". Er sagte sofort zu, als sein alter Weggefährte Timo Heinze die Diskussionsrunde initiierte. Heinzes Buch "Nachspielzeit" sorgt gerade für viel Aufsehen. Der frühere Bayern-Spieler beschreibt darin sein abruptes Scheitern und seinen Weg zurück in den Alltag. Ehemalige Mitspieler wie Thomas Müller, Georg Niedermeier, Michael Rensing und eben Mats Hummels, allesamt in der Bundesliga erfolgreich, reagierten begeistert auf das Buch.

"Den 99 Prozent, die es nicht schaffen, eine Stimme geben"

Timo Heinze studiert jetzt im fünften Semester an der Sporthochschule, für Hummels ist der Hörsaal ungewohntes Terrain. Den beiden sekundiert Sportpsychologe Jens Kleinert von der Initiative MentalGestärkt; es moderiert Sven Voss vom "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. Hummels soll erzählen vom vermeintlichen Traumberuf - und Heinze von seinen traumatischen Erlebnissen, vor knapp 700 Zuhörern.

Fotostrecke

12  Bilder
Fußballer Timo Heinze: Jung, hochbegabt, aussortiert
Hier muss Mats Hummels seine Rolle erst finden, die Studenten kleben an seinen Lippen: Sagt er was zum BVB? Plaudert er über Interna? Sven Voss sorgt dafür, dass es zu einer kurzweiligen Diskussionsrunde wird, über den Traum Tausender junger Männer, die meist viel zu früh aufwachen müssen. Denn genau dafür steht Timo Heinze. "Ich wollte den 99 Prozent eine Stimme geben, die es nicht schaffen. Ich wollte zeigen, warum man scheitern kann, wohin das führen und vor allem wie schnell das gehen kann", sagt er über sein Buch.

Emotional und offen erzählt Heinze von seinem tiefen Fall und vom Entschluss aufzuhören, "bevor die Seele noch mehr Schaden nimmt". Vor allem erzählt er von seiner Verletzungsmisere, immer neuen Ärzten ("Sie haben mir wieder und wieder Spritzen in die Narben gerammt"), seiner stillen Traurigkeit, als ihn keiner der Kameraden im Krankenhaus besuchen kam. Aber auch davon, wie schön es war, als er nach mehr als einem Jahr neben Torwart Michael Rensing stand und Bälle schlagen konnte - ohne Schmerzen.

"Mein Vater hat mich gewarnt. Hab ich nie drauf gehört"

Mats Hummels ist ein eher nüchterner Typ. Aber auf dem Podium erzählt er auch, wie er als Achtjähriger mit seinem "4You"-Tornister "als arroganter Bayern-Schnösel gedisst" wurde oder dass er mit alten Freunden aus München oft nur noch "im Gruppenchat" quatschen könne ("Wenn ich eine Einladung zur WG-Party annehme, nimmt mich keiner mehr ernst"). Und dass Borussia Dortmund zwar einen Psychologen habe, aber eben auch einen Trainer, "der gerne viel redet", den immer ansprechbaren Kommunikator Jürgen Klopp.

Und die berühmte "Bayern-Familie", mit dem Übervater Uli Hoeneß und dem langjährigen Jugendtrainer Hermann Gerland (Moderator Sven Voss: "Timo, hättest du gern Gerland zum Psychologen geschickt?")? Tja. Für Timo Heinze hat die "Bayern-Familie" mehr oben im Haus der ersten Mannschaft gewohnt, bei den Amateuren unten sei davon nicht viel zu spüren gewesen. Aber noch heute fiebert Heinze bei jedem Spiel mit den Bayern.

Fotostrecke

6  Bilder
Fußballprofis: Hummels, Müller, Rensing über die Branchengesetze
Der Sportpsychologe Jens Kleinert erläutert, dass Mobbing im Fußball selten sei - das gelte aber ebenso für echte Freundschaften. Umso wichtiger sei für Profis ein stabiles privates Umfeld. Auch Mats Hummels beschreibt das Business als oberflächlich und sieht eine zynische Schnelllebigkeit. Nur seien solche Aspekte einem jungen Profi völlig egal. "Mein Vater hat mich auch gewarnt. Hab ich nie drauf gehört", so Hummels. Ob man immer nur einen Verein lieben könne? Ein Mythos, sagt er. Obgleich er dort groß wurde, empfinde er heute nichts mehr für den FC Bayern.

Pappschalen wie auf der Dortmunder Südtribüne

Wie genau man jungen Spielern helfen könnte, mit den Belastungen und auch Scheinheiligkeiten des Gewerbes umzugehen - Timo Heinze spricht's an, es kommt in der Runde aber zu kurz, ebenso wie Fragen nach echten und falschen Freunden oder nach den komplizierten Verbindungen zu Fans.

Das kann grotesk sein, wie sich auch im Hörsaal zeigt: Da werden wie in der Fankurve BVB-Meisterschalen aus Pappe geschwenkt, und in der Fragerunde will gleich der erste Student nichts wissen über die Risiken und Nebenwirkungen des Fußballerberufs. Lieber fragt er nach dem vergeigten Spiel der Nationalelf gegen Schweden.

Heinze bemüht sich um Haltung, Voss dagegen legt demonstrativ entgeistert seinen Kopf auf den Tisch, auch Hummels ist ziemlich fassungslos - zumal er beim Schweden-Spiel gar nicht dabei war. Am Ende der Debatte bedrängen Studenten den Dortmunder Fußballstar wie Vampire, alle Stellwände auf der Bühne kippen um. So bekommt man eine Ahnung, worauf Nachwuchsprofis mit großen Hoffnungen sich einstellen müssen.

Und dann sind da noch die leiseren, wahrhaftigen Augenblicke. Nach der öffentlichen Veranstaltung, als Timo Heinze mit Familie, Freunden und früheren Weggefährten aus München in einem reservierten Raum in der Kölner Innenstadt feiert. Mats Hummels ist da, Torhüter Michael Rensing schaut kurz vorbei. Und es ist, als wären sie nie auseinander gewesen.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Alex Linden (Jahrgang 1977) studierte Sprach- und Kulturwissenschaften an der Uni Siegen und promovierte über den Geheimdienst BND. Seit seinem Volontariat beim "Westfälischen Anzeiger" schreibt er als Journalist vor allem über Sozial- und Kriminalthemen, seit 2006 auch für SPIEGEL ONLINE.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eigenartiges Thema...
tylerdurdenvolland 01.12.2012
Fussballprofi ist einer der wenigen Berufe in der die Leistung jede Woche vor tausenden überprüft wird, und wer sie nicht bringt, der fällt halt durch. Daran ist nichts falsch, ungerecht oder tragisch. Natürlich möchten Millionen junger Männer deren Hobby und vielleicht sogar Lieblingsbeschäftigung das Fussballspielen ist, dafür Geld bekommen. Vom Fussballerischen her ist Herr Heinze uninteressant, er ist einer von Aber-Tausenden. Nun hat er eine Marktlücke gefunden, ist Autor für eine umfangreiche Marktnische geworden. Gut für ihn.... das wars, dann aber auch schon. Der Artikel beschreibt ja recht zutreffend, wen das interssiert. Wie lautete diese wesentliche, ach so passende Frage zum Schwedenspiel?
2. .
.sagittarius. 01.12.2012
Zitat von sysopFußballer Mats Hummels schaffte den raketenartigen Aufstieg, bei Timo Heinze zündete die zweite Stufe nicht. Über seine gescheiterte Profikarriere hat er ein Buch geschrieben. Jetzt trafen sich die beiden Ex-Bayern zu einer Diskussion in Köln - und gleich wurde der Hörsaal zur Fankurve. Traumberuf Fußballprofi? Timo Heinze und Mats Hummels diskutieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/traumberuf-fussballprofi-timo-heinze-und-mats-hummels-diskutieren-a-870243.html)
Klar dass jeder Fußballer werden will! In keinem Beruf verdient man (mit Ausnahme von wohlwollenden Kapitalgebern) soviel Geld für sowenig Arbeit. Wer gut dem Ball nachrennen kann, hat schon ausgesorgt. In diesem Alter fangen die weniger lauffreudigen Altersgenossen erst mit der Ausbildung/Studium an, in der Hoffnung davon "leben" zu können. Die Gehälter sind ja auch verständlich; schließlich wollen die anspruchsvollen Spielerfrauen versorgt werden und die haben schließlich nur das Beste verdient.
3. Die Bayern
Hank Hill 01.12.2012
moegen ja die meisten Fans, das meiste Geld, die meisten Titel, etc. haben. Sympathischer macht sie das nicht. Ein Grund ist sicher die unertraegliche Arroganz der Vorstandsetage, die sich auf die Spieler uebertraegt. Schlechte Verlierer, Jammerei bei den kleinsten Fouls, nicht akzeptieren wenn der Gegner besser war, das sind alles Unsportlichkeiten die der normale Fussballfan nicht braucht. Daraus resultiert ihre bundesweite Unbeliebtheit. Sie moegen noch 100 Titel holen oder sich morgen aufloesen, ist in etwas so interessant als wer Wetten Dass moderiert.
4. Man geht...
artusdanielhoerfeld 01.12.2012
...einfach nicht zu den Bayern. Das ist unanständig.
5. ... da fehlt noch was
colindavis 01.12.2012
...monolog Kleinerts erlebt. zum anderen hat hummels diesem zugestimmt und nur etwas süffisant witzelnd ergänzt so ausgedrückt klinge es etwas steif. zum anderen ist auch falsch zitiert. Es muss 95% nicht 99%, klingt vielleicht ein wenig atemberaubender aber wenn man über eine veranstaltung schreibt, die an einer wissenschaftlichen Einrichtung läuft sollte man sich zumindest an sowas halten. Herr Voss hat zwar insgesamt souverän durch die veranstaltung geführt doch seine fragen waren alle sehr oberflächlich und haben wenig interessante antworten gebracht. Da waren die vielen fragen am ende der Veranstaltung aus dem Publikum deutlich besser. Ein Fankurve auf der Tribüne habe ich auch nicht erlebt. Von den 700 Gästen waren nur vereinzelte mit BVB Trikot erschienen Und nach Abschluss der Veranstaltung hatten die Studenten erst die möglichkeit mats zu belagern und ihn nach fotos zu fragen nachdem dieser nach etlichen weiteren Interviews für die Journalisten ihnen die Möglichkeit gab. Auf dem Weg nach draußen war dies den Kollegen der Bild wohl immer noch nicht genug und sie wurden von mats "nun ist tatsächlich schluss" abgewiesen. Ich hab das ganze mit etwas abstand betrachtet also war nicht mittendrin im gewühle und frage mich ob mein oder ihr erleben tatsächlich so unterschiedlich sind
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Fußball allgemein national
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Sieben Minuten, die Timo Heinze nie vergessen wird
Verwandte Themen

Fotostrecke
Vereinslose Fußballer: Asamoah, Hildebrand, Odonkor - Kicker sucht Club
Buchtipp

Fotostrecke
Frauenfußball: Deutschlands Kickerinnen und ihr Plan B

  • Corbis
    Wer arbeitet, macht auch Fehler. Kleine und größere Fehlschläge sind immer drin - aber man kann das Risiko senken oder wenigstens klug damit umgehen. Ob Ihre Ziele realistisch sind, wann Ehrgeiz in Verbissenheit umschlägt:
  • Der Selbsttest hilft bei der Einschätzung. mehr...

Social Networks