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15. Februar 2013, 08:53 Uhr

Gründer sucht Finanzierung

Und wo bekomme ich jetzt Geld her?

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Jan Höhn hat gekündigt, will seine ganze Kraft in sein Start-up stecken. Leider läuft er in eine Falle, in die viele Gründer tappen: Er startet seine Firma zuerst, kümmert sich erst dann um die Finanzierung - und kommt deshalb für viele Förderungen gar nicht mehr in Frage. Wie man es besser macht.

Witzig, spontan, neu - das sind die ersten Stichworte, die Marlies Knodel zu Jan Höhns Gründungsidee einfallen: Einer Internetseite, auf der sich Brautpaare von ihren Hochzeitsgästen Geld in Form virtueller Flüge schenken lassen können. Trotzdem bereitet sein Fall der Leiterin der Kölner Gründerberatung Kopfschmerzen. Denn: Jan Höhn kommt zu spät.

"Ich habe gegründet und da bin ich - das ist immer eine schlechte Ausgangsbasis", sagt Knodel. "Hätte er vor einem halben Jahr, also vor der Gründung, im Kölner Startercenter vorbeigeschaut, hätte ich ihm etliche Fördermöglichkeiten nennen können." Sein Fehler: Seine zwei Mitgründer haben schon im Oktober eine GmbH angemeldet. Die Webseite ist zwar erst seit wenigen Wochen online und Höhn hat erst jetzt seinen Job gekündigt, doch auf dem Papier zählt das wenig. "Die Gewerbeanmeldung ist bei vielen Programmen ein Ausschlusskriterium", sagt Knodel.

Höhn ist in eine Falle gelaufen, in die viele Gründer tappen: Sie wollen sofort loslegen und schon beim Beratungsgespräch erste Ergebnisse zeigen. Das klingt nach einer guten Idee, ist es aber nicht. Denn: "Fördermittelgeber wollen Gestaltungsspielräume haben", so Knodel. Auch die Rechtsform des Unternehmens spielt bei der Finanzierung eine Rolle. Weil sein Unternehmen eine GmbH ist, darf Höhn zum Beispiel das Mikrodarlehen der NRW-Bank nicht mehr beantragen.

Bei seiner Hausbank hat der 31-Jährige noch gar nicht vorbeigeschaut - seine privaten Ersparnisse haben ja bislang gereicht. 20.000 Euro haben er und seine zwei Mitgründer in yuulii.com gesteckt. Drei Start-up-Experten, die für den KarriereSPIEGEL seine Geschäftsidee analysiert hatten, fanden genau diese Einstellung gut: Erst mal sein eigenes Geld investieren und dann einen Investor suchen.

Ein Jahr lang kann er jetzt, nach der Kündigung seines Jobs als Key Account Manager, noch von seinen Ersparnissen leben, hat Höhn ausgerechnet. Eine gute Basis, findet er. Eine erstaunliche Rechnung, findet Marlies Knodel: "So denken Unternehmer eigentlich nicht." Weitermachen, bis das Geld weg ist, sei keine gute Idee. "Man sollte sich besser eine Frist setzen: In sechs Monaten möchte ich soundso viele Kunden haben oder mindestens einen Umsatz von x. Wenn man dieses Ziel bis zum Stichtag nicht erreicht hat, sollte man ehrlich mit sich selbst sein und die Idee aufgeben." Sonst stehe man am Ende vor dem Nichts.

Jan Höhn ist sich des Risikos bewusst. Dass er seine Entscheidung bereuen wird, glaub er allerdings nicht. Er will die Kritikpunkte der Experten systematisch abarbeiten. Dazu gehört auch das Stichwort Investitionen. 100.000 Euro müsse man noch in yuulii stecken, schätzt er. Die bekanntesten staatlichen Förderprogramme wie Gründungszuschuss, Einstiegsgeld oder Gründercoaching kommen für ihn nicht in Frage, weil er für die Gründung seine Festanstellung gekündigt hat. Sie sind nur für Jungunternehmer gedacht, die vorher arbeitslos waren.

Erst der Kredit, dann die Gründung

Bleibt also der Gang zur Bank. Das Standardprogramm für Kleingründer ist der ERP-Gründerkredit der KfW-Bank. Bis zu 100.000 Euro können Unternehmer dort bekommen, die Zinsen sind festgeschrieben und relativ niedrig, die ersten zwei Jahre muss noch nichts zurückgezahlt werden. Ob Jan Höhn diesen Kredit bekommt, entscheidet seine Hausbank.

Die Gespräche könnten schwierig werden, meint Marlies Knodel: Wer erst sein Sparbuch plündert und dann einen Kredit beantragt, müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, er habe sein Geschäftsmodell nicht gut genug durchdacht: "Nachfinanzierung ist immer ungünstiger." Der Begriff habe nichts damit zu tun, ob man von einer Bank schon Geld bekommen habe: "Wenn die Firma existiert, ist jede Kreditverhandlung eine Nachfinanzierung."

Eine andere Möglichkeit für Jan Höhn wäre, einen Investor zu finden: "Sich in der Stadt vernetzen, ist dafür der erste Schritt", sagt Knodel. In Köln gebe es nicht nur das Startercenter, sondern auch Gründerstammtische, Businessplanwettbewerbe, Seminare und Workshops: "So lernt man viele Menschen kennen - und findet vielleicht auch jemanden, der sich beteiligen will."

Schneller geht die Suche nach einem Investor über die Webseite des Business Angels Netzwerk Deutschland. Dort steht ein Formular zum Download bereit, auf dem Gründer in Kurzform ihr Geschäftsmodell skizzieren können. Über den E-Mail-Verteiler des Netzwerks lassen sich so Dutzende vermögende Privatleute erreichen.

Eine halbe Million Euro können Jungunternehmer beim Hightech-Gründerfonds bekommen - allerdings nur, wenn sie eine "technologische Innovation" zu bieten haben. Andere Risikokapitalfirmen investieren üblicherweise nur, wenn sie das Potential sehen, dass eine Firma einmal mindestens 100 Millionen Euro Wert sein kann - und dafür muss sie im Jahr etwa fünf Millionen Euro Gewinn machen. Eine Nummer zu groß für Jan Höhn: Er rechnet im ersten Jahr mit einem Umsatz von 150.000 Euro. "Mir scheint eher Crowdfunding passend", sagt Marlies Knodel.

Die Idee der Schwarmfinanzierung kommt aus den USA: Schon für 100 Euro kann jeder in ein Unternehmen investieren, dessen Geschäftsidee ihm vielversprechend erscheint. Die Mini-Investoren sind üblicherweise stille Teilhaber. Macht die Firma irgendwann Gewinn, bekommen sie Geld zurück. 100.000 Euro können Jungunternehmer auf diese Weise in Deutschland einsammeln. Bei höheren Summen kommt die Bankenaufsicht ins Spiel - es sei denn, man erfindet ein neues Vertragsmodell für die Investoren, so wie die Crowdfunding-Plattform Seedmatch. Über sie hat das Hamburger Start-up Protonet im November 200.000 Euro von Privatpersonen bekommen - in nur 48 Minuten. Ob Jan Höhns Idee ähnlich viel Interesse erzeugen wird? KarriereSPIEGEL bleibt dran.

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