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Start-up-Pioniere Turbo für Gründer

UnternehmerTUM: Federleichte Autos, schwer im Gründungsfieber Fotos
©Roding Automobile | Foto P. Her

Für die einen ist es Kunststofftechnik, für die anderen ein irrer Roadster. Münchner Studenten haben einen Sportwagen gebaut, der sich zum Vorzeigeprojekt für ihre Uni mausert: als Beispiel dafür, wie man junge Unternehmer, etablierte Firmen und Geldgeber zusammenbringt.

Auf Böcken stehen die schwarzen Carbon-Chassis von zwei Rennwagen. Daneben passt ein Student mit Nerdbrille die federleichten Faserplatten in die Form eines dritten Boliden ein. Sein Kommilitone im Karohemd werkelt schräg gegenüber an der 3-D-Fräse. In der Werkstatt des Gate 8, eines Gebäudes auf dem Campus der Technischen Universität München (TUM), können die angehenden Ingenieure aus ihren Ideen erste Prototypen bauen - kostenlos und mit weitreichender Unterstützung durch Experten.

Die großzügig ausgestattete Halle gehört zu einem Institut der Hochschule, das den hübschen Namen UnternehmerTUM trägt. Womit gleich gesagt wäre, worum es dieser eigenständigen und privat organisierten, aber mit der Universität verbandelten Einrichtung geht: Hier sollen aus den Erfindungen der jungen TUM-Techniker Unternehmen entstehen.

Am besten solche, die sich zu Weltmarktführern mit Milliardenumsätzen und Tausenden Mitarbeitern entwickeln. "Wachstumsstark" jedenfalls sollen die Gründungen sein, die Geschäftsführer Helmut Schönenberger mit seinem 50-köpfigen Team hier in Garching aufpäppeln will.

Ähnlich ambitioniert umreißt der enthusiastische Gründerförderer auch sein übergeordnetes Ziel: die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft stärken und jungen Wissenschaftlern das Unternehmer-Dasein als echte Alternative zu einem festangestellten Job in Konzernen oder bei Beratungsfirmen eröffnen. Dieser Aufgabe widmet sich das UnternehmerTUM seit mittlerweile zehn Jahren.

Mit Erfolg. Im vergangenen Jahrzehnt entstanden nördlich von München, wo es im Frühjahr kräftig ländlich duftet, mehr als hundert neue Unternehmen. Für die Aufbauleistung gab es Ende vergangenen Jahres hochoffizielle Anerkennung. Im Ranking "Vom Studenten zum Unternehmer", unterstützt vom Bundeswirtschaftsministerium, wurde die TU München als deutsche Universität mit der besten Gründungsförderung ausgezeichnet - sicher nicht zuletzt wegen der Aktivitäten des Unternehmer-Instituts.

Gründungsprozess in drei Schritten

Die Münchner Einrichtung zählt damit zu den Vorbildern der neuen Gründerwelle, die sich derzeit in Deutschland ausbreitet (siehe auch der ausführliche Bericht "Gründerparadies Deutschland" im aktuellen manager magazin). Das UnternehmerTUM praktiziert mit großer Erfahrung, was neuerdings Institutionen an fast allen Hochschulen, aber auch private Inkubatoren erproben: Sie wandelt Erfindungen zu echten Innovationen. Und zwar mit Hilfe eines "systematischen Prozesses in drei Schritten", auf den Schönenberger stolz ist.

Der erste Schritt besteht in der Suche nach Ideen, die sich zu Innovationen mausern könnten. Sprich, das Team von UnternehmerTUM wartet nicht in den schicken, lichtdurchfluteten Räumen am Rande des Campus, bis sich gründungswillige Studenten und Wissenschaftler bei ihnen melden. "Wir gehen ständig raus, um mit Professoren und Studierenden, aber auch mit Unternehmen zu sprechen", schildert Schönenberger das Tagesgeschäft.

Auf wissenschaftlichen Tagungen, Fakultätsveranstaltungen, Konferenzen oder Messen suchen seine Leute nach Zweierlei: Einmal eruieren sie, welche Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft gelöst werden müssen und welcher konkrete Bedarf dadurch entsteht. Und zum anderen fahnden sie danach, welche technischen oder organisatorischen Lösungen für diese Anforderungen an der TUM gerade erforscht werden.

Detailarbeit für ein tragfähiges Geschäftsmodell

"Wenn wir diese zwei Elemente miteinander kombinieren, finden wir deutlich zielsicherer marktgängige Ideen, als wenn wir nur die ausgefeilten Erfindungen der Technikfans bewundern", erklärt der Start-up-Helfer. Beim Identifizieren von erfolgversprechenden Ideen unterstützt sie das Advisory Board. Darin fungieren erfahrene und gut verdrahtete Unternehmer und Technologiemanager als Berater und Mentoren, etwa Heinz Dürr, Aufsichtsratschef der Dürr AG, der Business-Angel Michael Friebe, der Umweltunternehmer Hans Huber oder der ehemalige Microsoft-Geschäftsführer Jürgen Gallmann.

Im zweiten Schritt entwickeln die Experten der UnternehmerTUM dann gemeinsam mit den Kandidaten, die erfolgversprechende technische Ideen für konkrete Bedürfnisse vorzuweisen haben, ein tragfähiges Geschäftsmodell. Rund 20 Teams feilen jedes Jahr im Gate 8 an Prototypen und Umsatzprognosen. Viele davon in Vollzeit mit einem Stipendium aus dem staatlichen Exist-Programm, manche aber auch neben dem Studium in Nachtarbeit.

Nach durchschnittlich einem Jahr solcher Vorarbeiten kommen die Möchtegern-Unternehmer dann zu Schritt drei, der eigentlichen Start-up-Phase. Auch hier unterstützt das UnternehmerTUM nach Kräften - bei der Suche nach geeigneten Büros, bei der Akquise von Kunden und Partnern bis hin zur Organisation von Geschäftsprozessen, die ein rasches Wachstum ermöglichen.

Aus einer Art Gründerbaukasten können sich die Jung-Entrepreneure ihr Rechnungs- und Finanzwesen oder die Personalabteilung mit Hilfe von Musterverträgen und vorkonfigurierten Prozessen zusammenstellen.

Büros, Kunden, Partner: Rundumbetreuung zum Nulltarif

Die Rundumbetreuung kostet die jungen Unternehmer: nichts. Im Gegensatz zu den privaten Inkubatoren, die für ihre Unterstützung beträchtliche Anteile an den Start-ups verlangen, agiert die UnternehmerTUM mit ihrem Jahresbudget von rund fünf Millionen Euro quasi pro bono. Diese ungewöhnliche Großzügigkeit ermöglichen ihr einerseits das Sponsoring durch Unternehmer - allen voran Quandt-Erbin Susanne Klatten - und zum anderen die Einnahmen aus diversen Innovationsprojekten mit Konzernen wie BASF, BMW, MAN, Metro oder Siemens.

Dabei liefert die UnternehmerTUM den Firmen maßgeschneiderte technische Lösungen für klar definierte Fragen - eine Tätigkeit, die immerhin rund die Hälfte der Aktivitäten des Instituts ausmacht. Geld gegen Anteile gibt es allerdings auch bei UnternehmerTUM. Der hauseigene Fonds ist mit 25 Millionen Euro ausgestattet. "Bei uns bekommen Gründer alles aus einer Hand - von der betriebswirtschaftlichen Grundausbildung in unserem MBA-Programm bis hin zum Startkapital", erklärt Schönenberger sein All-inclusive-Paket.

Das Beste allerdings sei das große Netzwerk, das sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt habe: "Wir kennen die Leute mit den Ideen, die richtigen Talente für die Umsetzung, die Abnehmer und Kooperationspartner auf den Märkten und die Kapitalgeber - und wir bringen sie alle zusammen." Und weil der Spruch doch sehr nach Werbung klingt, schiebt er mit verlegenem Lächeln ein Beispiel nach - den Roding Roadster.

Roding Roadster: Ein Leichtbau-Sportwagen aus Carbon

Das sportliche Geschoss aus Leichtbau-Carbonfaser, dessen erste limitierte Sonderedition mit 23 Fahrzeugen derzeit in Manufakturarbeit entsteht, entwickelten vier Maschinenbauingenieure, die einen Businessplankurs bei UnternehmerTUM besuchten.

In der Werkstatt bastelten sie den ersten Prototyp und entwickelten dabei ein preisgünstiges Verfahren zur Herstellung von Leichtbaustrukturen aus Kunststoff, der mit Carbonfasern verstärkt wird. In den Büros im Gate 8 feilten sie am Design und am Geschäftsplan, finanziert mit einen Gründerstipendium. Schönenberger führte sie in das Netzwerk von UnternehmerTUM ein. Die Maschinenbauer der Firma Stangl & Co. Präzisionstechnik im Örtchen Roding bei Cham in der Oberpfalz waren von der neuartigen Technik fasziniert und stiegen als Mitgründer ein.

Mittlerweile liefert BMW die Motoren und SGL Carbon die Werkstoffe. Und die Roding-Gründer kehren gerne an die Geburtsstätte ihrer Firma zurück. Sie halten Vorträge, helfen anderen Einsteigern als Mentoren und ab und zu schauen sie in der Werkstatt vorbei. Mal sehen, ob die Jungen eine spannende neue Idee haben, die sie unterstützen und von der sie profitieren können.

"Mittlerweile hat sich hier eine selbsttragende Unternehmerdynamik entwickelt", freut sich Schönenberger über den Effekt: "Nach zehn Jahren ist die Saat aufgegangen."

Eva Müller ist Redakteurin beim manager magazin.

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