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Erste Hilfe Karriere Mach was aus dir, werde Germanist

Rolf Kleine (links): Früher Journalist bei der "Bild"-Zeitung, heute Steinbrücks Sprecher Zur Großansicht
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Rolf Kleine (links): Früher Journalist bei der "Bild"-Zeitung, heute Steinbrücks Sprecher

Geisteswissenschaften sind eine Notlösung für junges Gemüse ohne Peilung? Das Gerücht ist so hartnäckig wie falsch, findet Uta Glaubitz. Allerdings muss man hier stärker als in anderen Fächern auf ein sinnvolles Begleitprogramm achten.

Einige Platituden wird man einfach nicht los. Zum Beispiel, dass man mit Geisteswissenschaften kein Geld verdient. Dabei muss man nur den Fernseher anmachen, um zu sehen, dass das nicht stimmt: Rolf Kleine, neuer Sprecher von Peer Steinbrück beispielsweise, hat Musikwissenschaft und Geschichte studiert.

Kleine ist keine Ausnahme: Die Ministerpräsidentin des Saarlands ist Politikwissenschaftlerin, der Vorstandsvorsitzende des Springerkonzerns Musikwissenschaftler und der Chef der Arbeitsagentur Recklinghausen Theologe. Die deutsche Botschafterin in Neuseeland hat einen Doktor in Philosophie, im Gegensatz übrigens zu den beiden Fernsehphilosophen Peter Sloterdijk und Richard David Precht, die promovierte Germanisten sind.

Auch einige Meinungsmacher der Republik sind Geisteswissenschaftler: "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher hat Germanistik studiert, ebenso "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann. Alice Schwarzer war für Soziologie und Psychologie eingeschrieben, und Brigitte Behrens, Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland, hat ein Diplom in Soziologie.

Staatsbeglückung für Altphilologen

In den letzten Jahren lag die Arbeitslosigkeit von Akademikern unterhalb der Wahrnehmungsgrenze bei zwei Prozent. Und das, obwohl ein Viertel der Studenten Geisteswissenschaftler sind. Was natürlich niemanden davon abhält, großflächig staatliche Unterstützung für Altphilologen und Völkerkundler zu fordern: Orientierungskurse, Fördermaßnahmen, Umschulungen, Beratungsangebote und allerhand Staatsbeglückung, die von denen, die arbeiten, bezahlt wird.

Beispiel Berlin: Vier gebührenfreie Universitäten produzieren jede Menge Studenten und also Unterstützungsbedarf von "Neu immatrikuliert - wie geht es weiter?" über "Überwindung von Rede- und Prüfungsängsten" bis hin zu "Verbesserung der Studienkompetenzen". Nicht fehlen darf eine spezielle Beratung für Studenten, die ihr Studium abbrechen wollen. Für das senatsgeförderte Programm wirbt eine Studentin der Neogeisteswissenschaft Gender Studies auf der Homepage: "Ohne die Beratung hätte ich nicht gewusst, dass es beim Studentenwerk eine Gruppe gibt zum Thema Motivation und Studienabschluss."

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Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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Überflüssig zu erwähnen, dass auch das Studentenwerk mit der Motivationsgruppe Steuergelder erhält. Liebe arbeitende Bevölkerung: panta rhei, alles fließt, wie Heraklit sagte, und hier fließt euer Steuergeld. Zur Erinnerung: Berlin hat mehr als 60 Milliarden Euro Schulden.

Zur Haushaltskonsolidierung der sexysten Stadt der Welt (so der Philosoph Klaus Wowereit) hier eine Anleitung, wie Sie mit geisteswissenschaftlicher Verve, aber ohne staatliche Beratungsbevormundung Karriere machen: Studieren Sie nicht irgendwas, um dann zu schauen, was man damit machen könnte. Besser, Sie legen zuerst fest, was aus ihnen werden soll. Denn nur daraus lässt sich ableiten, welches Studium, welche Praktika, Auslandsaufenthalte, Nebenjobs und Fremdsprachen dazu führen. Selbst das Thema Ihrer Masterarbeit können Sie nur sinnvoll festlegen, wenn Sie wissen, wohin Sie damit wollen.

Machen Sie Theater, wenn Sie Theater machen wollen

Entwickeln Sie keine Seifenblasen, wie "Ich mache was mit Medien" oder: "Ich mache was mit Kultur." Stellen Sie sich eben nicht möglichst breit auf, und verfolgen Sie nicht mehrere Ziele. Sie werden nur dann Botschafterin werden, wenn Sie Ihre Praktika danach wählen: eins bei der Botschaft, eins bei der Europäischen Kommission, eins bei der Weltgesundheitsorganisation, beispielsweise. Sie werden nur dann Theaterintendant werden, wenn Sie Ihre Praktika danach wählen: eins bei einem kleinen Theater, eins bei einem etwas größeren, das dritte an einer großen Bühne.

Wenn Sie merken, dass Sie Hoteldirektorin werden wollen, aber bereits Germanistik studieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie brechen Ihr Studium ab, machen eine Ausbildung im Hotel und besuchen dann eine Hotelfachschule in der Schweiz. Oder Sie schreiben Ihre Bachelorarbeit über die literarische Verarbeitung des Adlonstoffs, suchen sich einen Nebenjob an der Bar und lernen Russisch. Danach machen Sie eine Hotelausbildung und gehen an eine Hotelfachschule in der Schweiz.

"Du kannst doch PR machen"

Ignorieren Sie dabei Hinweise wie "Mit Germanistik kannst du doch PR machen". Solche Vorschläge dienen nur dazu, Sie zum mäßig bezahlten Anhängsel der Betriebswirtschaft zu degradieren. Die Auseinandersetzung mit Geschichte und Metaphysik dient nicht dazu, Pressemeldungen zu verschicken und Hotels zu buchen (es sei denn, Sie wollen es). Hören Sie außerdem nicht auf das gönnerhafte Gerede, Geisteswissenschaftler hätten besondere Sekundärtugenden wie Organisieren und Kommunizieren. Meine Erfahrung am Philosophischen Institut der Freien Universität Berlin legt das Gegenteil nahe.

Entscheiden Sie, was Sie werden wollen, machen Sie einen Plan, und setzen Sie ihn um. Damit suchen Sie nicht den Sinn des Lebens, sondern Sie legen den Sinn in Ihr Leben hinein. Wenn Geistwissenschaftler Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben, heißen sie nicht Goethe oder Kant. Sie heißen Entscheidungsschwäche, Planlosigkeit und miesepetrige Berufsberichterstattung.

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1. Vitamin-B, Networking...
Sawatzki 11.09.2013
ist bei den Geisteswissenschaftlern von Bedeutung. Stellen werden doch größtenteils an Bekannte/ Freunde oder an Etablierte/ Erfahrene vergeben. Und wenn man eine Stelle kriegt, dann ist es eine halbe oder 1/3 und dann bestimmt nicht in einem großen Verlag oder als Berater von Peer Steinbrück. Die Autorin benennt hier einige Beispiele von bereits Etablierten Leuten, die sich eh alle die Stellen zuschuschieben und für die der Einstieg früher viel leichter war, weil die Strukturen in vielen Geisteswissenschaftlichen Feldern noch nicht so fest waren. Da konnte man es sogar noch ohne abgeschlossenes Studium weit bringen. Die Zeiten haben sich gewandelt. Für die jüngeren ist der Einstieg schwer zu schaffen, da hilft auch ein Plan wenig. Ich kenne viele junge Leute, die haben so viel Auslands-und Praktikaerfahrung, so viel hat nicht mal ein Politiker, von interkulturellen und sprachlichen Fähigkeiten ganz zu schweigen. Von Planlosigkeit und Entscheidungsschwäche zu schreiben, ist ziemlich herablassend und fern der Realität. Allein für ein Praktikum bei einer größeren Organisation braucht man Berufserfahrung! Und dann soll man für lau arbeiten und am besten den ganzen Laden schmeißen...
2. Unsinn
Schnurzelburli 11.09.2013
Promi-Einzelbeispiele unkritisch aufgezählt, dann gesammelte Arroganz gegenüber Kursen, die im Verhältnis zum Gesamtetat verscwindend wenig kosten, und dann der fragwürdige Rat zum Schluss: Man soll sich festlegen, schon vor dem Studium und vor Praktika. In den Jahren darauf kann alles mögliche passieren. Dann braucht es wirklich Flexibilität und keine engstirniges Karrierewunschdenken.
3. da
Steinwald 11.09.2013
da ich auch Geisteswissenschaften studiert habe kann ich betätigen, daß dieses Gerücht mit den verpeilten und der Notlösung stimmt. das gilt für mich wie den Großteil meiner ex-komilitonen.
4.
Sleeper_in_Metropolis 11.09.2013
Das sehe ich auch so. Vor allem die beiden erstgenannten Probleme dürfte man bei Studenten von Geisteswissenschaften besonders häufig finden. Und der Rat" Entscheiden Sie, was Sie werden wollen, machen Sie einen Plan" läuft ein wenig in's leere, denn wer sich klar entscheiden kann und einen klaren Plan hat, wird in der Regel keine Geisteswissenschaft studieren, sondern direkt das, was zum gewünschten Beruf führt bzw. paßt.
5. Ernüchterung...
Leni 11.09.2013
Ich habe Sozialwissenschaften bzw. Soziologie studiert. Ich würde es nicht mehr tun bzw. nur noch als Neben-/Beifach. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, aber der Berufseinstieg ist ernüchternd. Nicht dass ich mich die letzten 5 Jahre nicht emotional darauf vorbereitet hätte, aber zu erkennen, dass 4 Jahre relevante Nebentätigkeiten/Praktika/Werkstudent bei renommierten Unternehmen, Auslandssemster, Extra-Seminare, Grundstudium BWL und fünf Sprachen mich lediglich für eine schlecht bezahlte Sacharbeiterposition qualifiziert - ernüchternd! Hätte ich mal auf meine Verwandtschaft gehört, die selbstständig ist bzw. Facharbeiter sind...
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Zur Autorin
  • Foto: D. Stratenschulte
    Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite:
  • Berufsfindung.de
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