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Vermeintlicher Traumjob T-Shirt-Träger gesucht, Dienstort YouTube

Immer schön großartig sein: Es ist ganz schön hart, ein T-Shirt zu tragen Zur Großansicht

Immer schön großartig sein: Es ist ganz schön hart, ein T-Shirt zu tragen

Brauchen Sie Geld? Dann müssen Sie nur das richtige T-Shirt anziehen! So sexy liest sich das Stellenangebot des Start-ups iWearYourShirt.com. Tatsächlich verheißt die Annonce einen Vertreterjob mit Sechs-Tage-Woche bei flauer Bezahlung - und seine Freunde muss man auch verkaufen.

Was muss man tun, um über die Runden zu kommen? Man könnte zum Beispiel Kohle hacken, tief unten im Flöz. Oder im Kühlhaus Rinderhälften ausweiden. Oder im Büro tagein, tagaus Zahlen schubsen.

Oder ein T-Shirt tragen.

Ja, ein T-Shirt tragen. Es gibt nämlich Leute, die zahlen dafür. Sie haben eine Web-Seite, die passend iWearYourShirt.com heißt. Und das Unternehmen aus Florida sucht derzeit Mitarbeiter, weltweit. Doch der Job ist nicht so verführerisch, wie es auf den ersten Blick scheint. KarriereSPIEGEL zitiert aus der Online-Ausschreibung und erläutert die kritischen Punkte:

  • Bewerbt Euch, ein T-Shirt zu tragen!

Klingt seltsam? Ist seltsam. T-Shirts kauft man, soll heißen: Man gibt Geld, um ein T-Shirt zu bekommen. iWearYourShirt will, dass man sich darum bewirbt. Die Firma selbst verspricht zu zahlen, für jeden Tag, an dem ihre Mitarbeiter die richtigen T-Shirts tragen. Dazu muss man wissen: Auf den T-Shirts steht Werbung. Andererseits: Warum sollte sich jemand für die Werbung auf meinem T-Shirt interessieren?

  • Zunächst mal: Dies ist ein Vollzeitjob. Wir erwarten, dass Sie jeden Tag ein YouTube-Video produzieren, eine halbstündige Live-Video-Show moderieren, ein Foto von sich schießen und all diese Inhalte bei Twitter und Facebook posten - dabei muss die Sponsoreninfo immer deutlich sichtbar sein.

Hapuh! Das ist kein Job, bei dem man einfach abhängen kann. Selbstdarsteller sollte man schon sein, irgendwie. Und die Sache mit der Videoproduktion kann leicht in Maloche ausarten. Aber was genau heißt "jeden Tag"?

  • 2012 gilt bei uns eine Sechs-Tage-Woche, Samstags ist frei (das ist eine großartige Sache, bisher gab es bei uns keine freien Tage). Wir bieten keinen typischen 9-bis-5-Bürojob, aber wir erwarten, dass das neue Video und Foto jeden Tag um 9 Uhr (in Ihrer Zeitzone) fertig ist. Wie viel Zeit Sie für den Dreh und die Bearbeitung des Films benötigen, bestimmen Sie selbst. Wir brauchen dafür normalerweise zwei bis vier Stunden. Der Rest des Tages ist recht entspannt: Sie verbringen Ihre Zeit im Dialog mit Ihren Facebook-Freunden und Twitter-Followern.

Nennen wir es beim Namen: Die suchen nicht bloß jemanden, der seine Plauze als Werbefläche zur Verfügung stellt, die wollen eine Ein-Mann-PR-Agentur für soziale Netzwerke. Mit eingebauter Selbstausbeutung, denn die Follower schlafen nie - auch an dem gnädig gewährten freien Tag nicht.

  • Wir erwarten von Ihnen, dass Sie kreativ und großartig sind. Wir suchen Menschen, die jeden Tag kreative YouTube-Videos erstellen können, die hart arbeiten und wissen, was es bedeutet, jeden Tag für eine andere Firma Werbung zu machen. Wenn Sie noch nie eine Live-Show moderiert haben, sollten Sie schnell anfangen, zu üben.

Gut, wer bis hierhin gelesen hat, bekommt es auch offen gesagt: Werbung und harte Arbeit. Professionelle Moderation wird offenbar nicht erwartet. Vielleicht wären solche Fachkräfte auch schlicht zu teuer.

  • Bitte schicken Sie keine schriftliche Bewerbung. Schnappen Sie sich Ihre Kamera und bewerben Sie sich mit einem Video von maximal 3 Minuten Dauer, das Ihre Persönlichkeit und Ihre Fähigkeiten im Videoschnitt zeigt, das erklärt, warum Sie ein großartiger T-Shirt-Träger wären und was Sie von anderen Bewerbern abhebt. Bringen Sie danach Ihre Freunde dazu, Ihr Video zu kommentieren und zu teilen, damit wir sehen, wie gut Sie in sozialen Netzwerken verankert sind.

Der Forderungskatalog ist noch länger: Bewerber sollen nicht allein ihre Arbeitskraft verhökern, sondern auch ihre Freunde. Gar nicht dumm: iWearYourShirt.com kauft nicht nur Mitarbeiter ein, sondern gleich noch deren Adressdatenbank.

  • Das Einkommen unserer T-Shirt-Träger im kommenden Jahr können wir nicht angeben, aber 2011 konnte man damit 30.000 bis 35.000 Dollar pro Jahr verdienen, plus Bonus. Dies ist ein Ein-Jahres-Vertrag, der sich nicht automatisch verlängert.

Bonus klingt gut, das Regelgehalt nicht. Wie genau hier ein Bonus aussieht und nach welchen Maßstäben die Bezahlung generell abläuft - darüber findet sich in der Anzeige nichts. iWearYourShirt.com verkauft die Werbeflächen auf T-Shirts nach Tagestarifen, an denen die Träger wohl beteiligt werden. Da kommt es immer auf die Auftragslage an.

Wir halten fest: Gesucht wird eine Fachkraft für Werbung und PR, die Filme dreht und schneidet, ohne Urlaub in einer Sechs-Tage-Woche arbeitet, plus qualifizierte Adressdaten. Dafür gibt es umgerechnet 2100 Euro im Monat, wenn's gut läuft, brutto. Man arbeitet nicht als Angestellter, sondern als selbstständiger Dienstleister, der sich selbst um seine Vorsorge kümmert. Stolze Summe, die sollte man auf ein T-Shirt drucken.

Alles in allem ist das Stellenprofil eine Mischung aus Haustürvertreter und TV-Praktikant: Kundennahkampf, Verkaufe und Bezahlung wie beim Vertreter, Status und Arbeitslast wie beim Prakti.

  • Vier T-Shirt-Träger werden am 7. Dezember gekürt. Vom 16. bis 19. Dezember werden Sie dann nach Jacksonville, Florida, fliegen, um den Rest des Teams kennenzulernen und einen Crashkurs im T-Shirt-Tragen zu absolvieren.

Die Ausschreibung endet bald, aber wir rätseln ehrlich, wer sich deshalb beeilen sollte. Die Stelle klingt allenfalls dann nach Aufstieg, wenn man vorher bei Kik an der Kasse gesessen hat. Und dabei ist nicht sicher, ob die T-Shirts besser sind.

Matthias Kaufmann ist Online-Redakteur beim manager magazin.

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