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Hochstapler-Syndrom Die müssen doch merken, dass ich nichts kann

Hochstapler-Syndrom: Was mach ich eigentlich hier? Fotos
Corbis

Bin ich wirklich gut oder hatte ich nur Glück? Was, wenn es diesmal schief geht? SPIEGEL-Redakteurin Anna Kistner verzweifelt jedes mal beim Schreiben. Aber sie weiß: Versagensängste plagen viele. Und das ist gut so.

Diesen Text hätte es beinah nicht gegeben. Er entstand mit wachsender Verzweiflung. Mit zermartertem Kopf, zerkauten Nägeln. Egal, wie leicht es sich am Ende liest - Schreiben ist harte Denkarbeit. Für mich jedenfalls. Vor jedem ersten Wort bleibt die Zeit für einen Moment stehen. Mein Herz rast. Und pumpt mit Hochdruck die dollsten Versagensängste, Selbstzweifel und Fluchtgedanken ins Hirn. Warum bloß haben die beim SPIEGEL mich eingestellt? Wer sagt denn, dass ich schreiben kann? Mülltonne, verschlucke mein Werk, bevor sich alle darüber lustig machen!

Das Gute am doofen Gefühl, nichts zu können, aber das Gegenteil verkörpern zu müssen: Es schmerzt weniger, je mehr Menschen es teilen. Der Schriftsteller Neil Gaiman sprach auf einer Abschlussfeier für Studenten der Künste in Philadelphia über seine Furcht vor dem Mann mit dem Klemmbrett unterm Arm. "Keine Ahnung, warum, aber in meinem Kopf hat er ein Klemmbrett - und er klopft an meine Tür und sagt: Es ist alles vorbei, ich sei durchschaut. Jetzt müsse ich mir einen richtigen Job suchen."

Die Befürchtung, jeden Moment als Hochstapler enttarnt zu werden, quält nicht nur uns Schreiber. Auch viele der Glücklichen in meinem Freundeskreis kennen das: gefühltes Versagen bei realem Erfolg, gepaart mit ständiger Angst vorm Auffliegen. Die Referendarin träumt davon, das Abitur noch einmal schreiben zu müssen - mit ihren Schülern. Der angehende Orthopäde will sich mit extrafestem Händedruck bei älteren Patienten Respekt verschaffen. Juristen mit Prädikatsexamen zittern vor dem ersten Mal, da sie im Namen des Volkes ein Urteil fällen. BWLer mit, laut Lebenslauf, "sehr guten Englischkenntnissen" drücken sich vor Anrufen beim ausländischen Geschäftspartner - oder trinken sich vorher die Zunge locker.

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Das neue SPIEGEL JOB: Ein Rundflug durchs Magazin
"Hochstapler-Syndrom", das klingt wie eine lustige Umschreibung für die Unsicherheit angesichts einer beruflichen Herausforderung. Tatsächlich kann es ein psychologisches Störungsbild sein. Zwei amerikanische Wissenschaftlerinnen beschrieben es erstmals in den Siebzigerjahren. Betroffene halten sich für Betrüger, obwohl sie gar keine sind; Erfolg im Beruf schreiben sie Glück und Zufall zu, nicht sich selbst. Auf kleinste Aufgaben bereiten sich viele irre aufwendig vor, können das Erreichte aber nie genießen. Im schlimmsten Fall führt das zu sozialen Phobien, Depressionen, Selbstmord.

Die Heidelberger Psychologieprofessorin Birgit Spinath sieht eine Ursache für diese quälende Form des Tiefstapelns in der modernen Leistungsgesellschaft: Wir vergleichen uns ständig mit anderen. Einige Studien legen nahe, dass Frauen stärker zum großen Grübeln und Brüten neigen, sich beruflich mehr infrage stellen als Männer. Eingebildete Schwindler unterschätzen ihre Fähigkeiten. Wie Peggy, meine "Mad Men"-Serienheldin: Die New Yorker Werbetexterin verkauft ihr Können ständig unter Wert und verkrampft und vereinsamt trotz einiger Erfolge.

Eingebildete Schwindler finden sich nie gut genug

Dieses Schicksal bleibt mir hoffentlich erspart. Ich fühle mich weder krank, noch sind meine Selbstzweifel zwingend mit mangelndem Selbstbewusstsein gleichzusetzen. Depressionen löst der Blick auf das nächste verzwickte Thema zum Glück nicht aus. Tagelange Verzweiflung verspüre ich eher beim Warten auf die finale "Mad Men"-Staffel. Ich weiß: Das Geld, das ich verdiene, bin ich wert.

Auch Neil Gaiman beschreibt das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, als Problem erfolgreicher Menschen. Es scheint kein Vorbote fürs Scheitern, ganz im Gegenteil: Weil es so gut läuft, schleicht sich die Sorge ins Bewusstsein, es könnte nach viel Sonnenschein auch mal gewittern.

Vielleicht ist die milde Form des Hochstapler-Syndroms auch eine Krankheit von uns Jobeinsteigern. Was sagt so eine Hochschulreife oder Abschlussnote schon aus über unsere Eignung für einen bestimmten Beruf? An der Uni haben wir manches gelernt - unseren Job in der Regel nicht. Nun stellen wir fest: Die Menschen vertrauen uns. Plötzlich tragen wir Verantwortung, nicht allein für uns selbst, auch für andere. Unser Handeln hat Folgen, wir fällen Entscheidungen, beeinflussen Lebenswege. Ständig müssen wir uns Dinge zutrauen, von denen wir noch gar nicht wissen, wie wir sie meistern werden. Das können auch kleine Herausforderungen sein: aufgebrachte Kunden beruhigen, mit zickigen Kolleginnen das Büro teilen, um mehr Urlaubstage feilschen.

Wer mit Geschick blufft, dem stehen die Türen offen. Als der Sohn meiner Arbeitskollegin ein Praktikum bei einer Versicherung machte, lief er immer mit Notizblock zum Tischkicker. Es sollte aussehen, als müsste er zu einem wichtigen Meeting. Und weil seine Wohnung in der Nähe lag, parkte er auch am Wochenende das Auto in der Firmengarage. Der Chef, den er dort einmal sonntags traf, war von so viel Arbeitseinsatz beeindruckt. Der Praktikant wurde nach dem Studium in die Firma übernommen.

Besonders in der Was-mit-Medien-Branche spielen Selbstdarsteller gern Hauptrollen: Du bist, was du behauptest zu sein. Oft stehen dann aber jene, die sich selbst für unverzichtbar halten, als Erste auf der Straße. Vielleicht sollte ich froh sein, das Selbstzweifeln noch nicht verlernt zu haben. Herzrasen, so rede ich mir von nun an ein, kann etwas sehr Schönes sein.

Der Text stammt aus dem neuen Heft SPIEGEL JOB 2/2014.

  • Anna Kistner (32) ist SPIEGEL-Redakteurin, seit drei Jahren schon. Darüber wundert sie sich an manchen Tagen selbst. Nur sie, sonst keiner.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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1. Keine Sorge !
alexxa2 07.11.2014
"Die müssen doch merken, dass ich nichts kann" Inzwischen gibt es kaum noch einer der so etwas merken kann...
2. ...
warum-du-so? 07.11.2014
Man kann manches, aber nie alles, wie so manche von sich behaupten.Selbstzweifel sind aber was gutes, so kann man sich manchmal vor Problemen bewahren - die mit den größten Fressen haben meistens die größten komplexe.. Obwohl auf der anderen Seite,so einer kommt im Leben weiter, als ein liebenswertes Mauerblümchen.. So gesehen.. Egal, einfach machen und so tun als ob.. Tun wir das nicht alle?
3. Liebe Anna...
lady_amanda 07.11.2014
...wir können doch alle nichts. Aber das, das können wir richtig gut. Weiter machen.
4. Wow, was für ehrlicher und realitätsnaher Artikel!
kantundco 07.11.2014
Bin schwer beeindruckt von der Autorin. Gut geschrieben. Inhaltlich wie stilistisch. Und keine Angst: die Selbstzweifel sind gerade für Menschen typisch, die überdurchschnittlich sind. Irgendwann weichen sie dann einem gesunden Selbstbewusstsein. Wer nicht immer wieder an sich selbst zweifelt, der wird nicht besser. Aber man darf sich natürlich nicht von den Zweifeln besiegen lassen. Auch alle anderen kochen mit Wasser. Und Erfolg kommt von Erfolg. Lieber zunächst ein Selbstzweifler als ein Blender, der gar nicht merkt, dass er nur Mist verzapft.
5. es ist kein Problem von Berufseinsteigern,
triplett 07.11.2014
liebe Anna Kistner; ich selbst leide seit Jahrzehnten immer mal wieder unter dem Gefühl, ich müsste doch irgendwann auffliegen. Vielleicht beruhigt es Sie, dass es bisher keiner gemerkt hat
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