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Vitamin B und € zum Berufstart Ich kenn' da jemanden!

Mitarbeiter werben Mitarbeiter: Goldbarren zur Belohnung Fotos
Corbis

Emsiges Netzwerken ist ein Starthelfer im Job. Verwandte, Freunde, Bekannte, Vereinskollegen - sie alle können Türen öffnen. Mit Prämien für neue Mitarbeiter helfen Unternehmen kräftig nach: Mal zahlen sie Kopfgeld, mal gibt es Goldbarren oder Fußballtickets für Hobby-Headhunter.

Im selben Jahr, als Björn Klaas nach Studium und Traineeprogramm in der Vermögensberatung der National-Bank in Essen anfing, feierte sein Vater 40-jähriges Dienstjubiläum - bei der National-Bank. Björns Schwester hatte es auch nicht weit zum Gratulieren. Sie arbeitet ebenfalls für die auf Nordrhein-Westfalen konzentrierte Privatbank. Solche Familienbande sieht Vorstandssprecher Thomas Lange gern. Manchmal lädt er sogar den Anhang seiner Azubis zum "Elternabend" ein; Freund oder Freundin dürfen auch kommen. "Viele Beschäftigte arbeiten bei uns in zweiter oder dritter Generation", sagt Lange.

Persönliche Kontakte sind die besten Starthelfer, wie eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigt: Zwischen 30 und 40 Prozent der Stellenneubesetzungen kommen dadurch zustande, dass man einen kennt, der einen kennt, der einen kennt. Dagegen schaffen die Arbeitsagenturen nur 15 Prozent. Freunde und Bekannte sind auch die wichtigste Informationsquelle bei der Stellensuche, so das WZB.

Eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam zu ähnlichen Ergebnissen: "Vitamin B" war im vergangenen Jahr bei der Besetzung eines Viertels aller offenen Stellen entscheidend, zeigte kürzlich eine Befragung von 15.000 Unternehmen. Kleinstbetriebe vergaben sogar die Hälfte ihrer Stellen über persönliche Netzwerke, über die auch bei Ungelernten jeder dritte Job vergeben wurde.

Netter Nebenverdienst

Networking zahlt sich also aus. Doch nicht nur Vitamin B wirkt - es gibt auch Vitamin €. In Zeiten der Internetblase, kurz vor der Jahrtausendwende, zahlten Unternehmen wie KPMG, Andersen Consulting oder Infineon ihren Mitarbeitern fünfstellige D-Mark-Beträge, wenn sie Freunde oder Bekannte an Bord holten. Als die Blase platzte, platzte auch der Traum vom schnellen Kopfgeld. Die meisten Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programme wurden eingestampft. In den Folgejahren tauchten sie vereinzelt auf, etwa beim Textildiscounter Kik, der für zehn Vermittlungen einen Smart springen ließ.

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Heute lohnt es sich wieder, Verwandte und Freunde aufs Korn zu nehmen. "Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programme werden inzwischen als wichtiger Baustein im Recruiting angesehen", sagt Dominik Faber, Gründer von Softgarden in Saarbrücken, einer Agentur für Personalmarketing. Der Fachkräftemangel zwinge Unternehmen, alle Register bei der Mitarbeitersuche zu ziehen. Kunden, die solche "MWM"-Programme einsetzten, berichteten von steigenden Bewerberzahlen, so Faber: "Wichtige Voraussetzung ist natürlich, dass sich die Mitarbeiter im jeweiligen Unternehmen wohlfühlen. Niemand empfiehlt seinen Arbeitgeber, wenn er unzufrieden ist."

Zumal Hobby-Headhunting nicht mehr reich macht. Aviation Power in Hamburg, ein Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa Technik und Manpower, zahlt 300 Euro, wenn der neue Mitarbeiter drei Monate bei der Stange bleibt. Der selbst erhält zeitgleich einen Amazon-Gutschein über 200 Euro. Der Personaldienstleister EPS in Tuttlingen überweist 100 Euro nach zwei Monaten. "Wir rekrutieren rund zehn Prozent unserer Mitarbeiter auf diesem Weg", sagt Geschäftsführer Tobias Irion.

Fußball zieht immer

Manchmal tut es auch eine Sachprämie: Das Catering-Unternehmen Aramark in Neu-Isenburg winkte 2011 mit zwei Karten für das DFB-Pokalfinale - als Hauptpreis für den erfolgreichsten Werber. Eine Hamburger Kommunikationsagentur versprach Tippgebern einen 20-Gramm-Goldbarren für Empfehlungen, wenn es zu einem Vertrag mit einem neuen Kundenberater kommt.

Barprämien im vierstelligen Bereich sind selten - und dokumentieren oft ein spezielles Recruiting-Problem. So leidet der Bremer Klinikverbund Gesundheit-Nord unter dem allgemeinen Bewerbermangel im Gesundheits- und Pflegesektor und hat durch Stellenabbau sein Image als Arbeitgeber ramponiert. Das lässt sich das Unternehmen 1000 Euro für jeden neuen Arzt, Pfleger oder Verwaltungsfachmann kosten. Den Schweizerischen Bundesbahnen SBB ist eine Empfehlung umgerechnet 2500 Franken (rund 2000 Euro) wert - dafür muss der angesprochene Lokführer, Zugbegleiter oder IT-Mitarbeiter nicht einmal den Arbeitsvertrag tatsächlich unterschreiben.

Der Versandhändler Otto in Hamburg hat rund 70 Mitarbeiter durch Mundpropaganda gewonnen. Das Unternehmen nutzt dabei verstärkt Twitter und Facebook, weil solche Kanäle die "Reichweite" der Job-Botschafter enorm vergrößern.

Reden ist Gold

"Der besondere Vorteil eines Programms wie 'Mitarbeiter werben Mitarbeiter' ist, dass unsere Mitarbeiter das Unternehmen ja genau kennen und daher sehr gut abschätzen können, wer zur Otto-Unternehmenskultur passt", sagt Xenia Meuser, Abteilungsleiterin Recruitment. "Wir kommen auf diese Weise mit hochqualifizierten Kandidaten in Kontakt, die wir über die herkömmlichen Recruiting-Wege vielleicht gar nicht erreichen würden."

Für seltene Qualifikationen im Bereich IT und E-Commerce lobt Otto Geldprämien aus, für andere Empfehlungen Warengutscheine. Geld oder Gutschein sieht der Werber erst, nachdem der Geworbene die Probezeit überstanden hat. Und darf die Prämie behalten, wenn der Mitarbeiter später abspringt. "Einen solchen Fall hat es aber bisher nicht gegeben, denn gute Mitarbeiter werben gute Mitarbeiter", sagt Meuser. "Bisher hat sich auch noch kein geworbener Mitarbeiter während der Probezeit gegen Otto entschieden."

Zum Netzwerken gehören immer zwei: einer, der bereits im Job ist und Freunden gern einen Gefallen tut. Und einer, der noch sucht und dazu alle Antennen ausfahren sollte. "Wichtig ist, rechtzeitig mit anderen über die Berufswahl zu sprechen, mit möglichst vielen Menschen", rät Anni Hausladen, Karrierecoach in Köln und Autorin von "Erfolgreich klüngeln im neuen Job". "Im Grunde ist es ganz egal, wo jemand sich bekannt macht, Hauptsache, man hat Sie schon mal gesehen, erinnert sich an Sie."

Muss man sich für Seilschaften schämen?

Bei einem Workshop habe eine Studentin erzählt, dass sie regelmäßig Konzerte besucht habe, bei denen sie oft Professoren traf, so Hausladen. "Ähnliches gilt für den Besuch von Fachkongressen, Fachmessen, Kolloquien: Kontakt suchen und aufnehmen! Es muss nicht immer der Onkel sein."

Denn Vitamin B kann ein "Geschmäckle" haben. Der Schwetzinger Karrieretrainer Dieter Lu Schmich empfiehlt, möglichst nicht auf familiäre Beziehungen zu bauen: Hält Papa den Steigbügel, spricht sich das möglicherweise herum und weckt Neid. "Vielmehr sollte man frühzeitig sein eigenes Netzwerk aufbauen", so Schmich. "Solche Kontakte werden üblicherweise diskret gehandhabt und bleiben von Außenstehenden so unbemerkt. Im Übrigen führt nur selbst geschaffenes Vitamin B zu beruflicher Zufriedenheit. So hat man es sich selbst zu verdanken, bevorzugt und gefördert zu werden."

Kontakte zu knüpfen und zu pflegen ist harte Arbeit, deren sich niemand zu schämen braucht. "Negative Ausdrücke für Vitamin B werden meist nur von solchen Personengruppen verwendet, die es verpasst haben oder die zu bequem waren, gute Beziehungen aufzubauen", findet Schmich.

Hausladen sieht das genauso. "Klüngeln" sei durchaus gesellschaftsfähig. "Gemeinsame Interessen verbinden nun einmal und machen eine Gesellschaft funktionsfähig", sagt die Beraterin. "Neid kommt nur auf bei Menschen, die keine Kontakte suchen, ihre Kontakte nicht nutzen oder nicht erkennen wollen, dass sie ihnen nutzen könnten."

  • Kerstin Krüger
    KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden.

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