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"Ausbeutungsmaschine Journalismus" Sie sind mutig! Wollen Sie für uns arbeiten?

Rebellische Volontärin: "Das ist Ausbeutung" Fotos

Kein Tarifgehalt, dafür steht die Zahl der Überstunden schon fest: Maximiliane Rüggeberg wollte Volontärin bei einer Zeitung werden - und war entsetzt über die Angebote. Ihrem Ärger machte sie im Internet Luft. Es meldeten sich viele bei ihr, die sich das nicht trauen. Und ein Chefredakteur.

Anfang August sorgt eine junge Studentin aus Nordrhein-Westfalen für Furore. Sie ist 22 Jahre alt, den Bachelor mit Einser-Abschluss hat sie fast in der Tasche. Seit sechs Jahren jobbt sie bei einer Tageszeitung, hat mehrere gute Praktika sowie eine Weiterbildung beim Springer-Verlag und bei der Grimme-Akademie gemacht, gute Adressen im Journalismus. Nun will sie ein Zeitungsvolontariat machen.

Doch was sie in den Bewerbungsverfahren erlebt, "ist so unglaublich, frech und unverfroren, dass ich mir unbedingt Luft machen muss": Am 6. August rechnet Maximiliane Rüggeberg alias "marue23" in ihrem Weblog mit der "Ausbeutungsmaschine Journalismus" ab. Ihre Branchenkritik schlägt ein - selten äußern sich so junge Journalisten so kritisch über ihre Branche. Auf Facebook und Twitter verbreitet sich der Text wie ein Lauffeuer.

Rüggeberg weiß, dass es viele junge Menschen gibt, die hochqualifiziert und engagiert sind und mit einem Hungerlohn abgespeist werden. Doch "aus Angst, am Ende gar nichts zu finden, nehmen sie die dreistesten Angebote an und schweigen sich über die Arbeitsbedingungen aus". Dreimal wurde Rüggeberg zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Ein Verlag behauptete, ungefähr nach Tarif zu zahlen, am Ende waren es jedoch nur noch 1500 Euro brutto - statt 1781 Euro, die Tageszeitungsvolontären im ersten Jahr tariflich zustehen. Zusätzlich stand schon vorher fest, dass sie pro Monat noch bis zu 25 Überstunden machen müsste, unbezahlt.

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Selbständig in den Medien: Freie Journalisten als Niedriglöhner
Bei einer großen Tageszeitung wiederum sollte sie vor dem Volontariat ein ganzes Jahr als Praktikantin arbeiten. Und selbst dann wäre die Anstellung nicht sicher gewesen. Die letzte Redaktion bot ihr schließlich gerade einmal 1000 Euro brutto an.

"Das ist Ausbeutung. Niemand, der einen Universitätsabschluss hat, sollte es nötig haben, für 1000 Euro brutto arbeiten zu müssen, selbst als Berufseinsteiger." Rüggeberg ruft dazu auf, endlich etwas gegen die Dumping-Löhne im Journalismus zu tun. "Denn wenn wir immer nur Ja sagen und den Mund halten, wird sich nichts ändern."

Volontäre als Leiharbeiter

Die 22-Jährige trifft mit ihrer Abrechnung ins Schwarze. Seit Jahren sparen Verlage, umgehen Tarifverträge, lagern ganze Redaktionen aus - auch mit Folgen für den Nachwuchs. Alleine 49 Zeitungen haben sich vom Flächentarifvertrag verabschiedet, der vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) und Ver.di mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ausgehandelt wurde. Manche Zeitungen wie die "Westfälischen Nachrichten" oder die Oldenburger "Nordwest-Zeitung" beschäftigen ihre Volontäre sogar als Leiharbeiter. Andere erklären ihre Volontäre kurzerhand zu hauseigenen Journalistenschülern, mit deutlich geringerem Gehalt.

Rüggeberg erfährt viel Solidarität. "Als Reaktion auf den Blogeintrag haben mir viele junge Medienschaffende geschrieben, sie hätten Ähnliches erlebt. Auch in Fernsehproduktionsfirmen oder PR-Agenturen." Dabei gelten auch im Rundfunk und in der PR 1500 Euro brutto pro Monat als Standard. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bestätigt die schlechten Erfahrungen. "Insbesondere kleine Medienunternehmen suchen über Jobbörsen im Internet Volontäre zu Dumpingkonditionen." Vergütungen zwischen 500 und 1000 Euro im Monat seien keine Seltenheit.

Sechs Tage, nachdem Rüggeberg ihren Blog-Eintrag veröffentlicht hat, schreibt ein Nutzer mit dem Pseudonym joachim1965 einen Kommentar darunter: "Liebe 'marue23', ich bin Chefredakteur des 'Nordbayerischen Kurier' in Bayreuth. Wir sind eine kleine, aber feine Tageszeitung und haben zum 1. Oktober eine unbesetzte Volontärsstelle." Nach Tarif bezahlt, Überstunden nicht der Rede wert.

"Ich bin Volontärin! Hurra!!!!!"

Der volle Name des Schreibers: Joachim Braun. Er glaubt: "Redaktionen zerfallen, wenn sie ausgebeutet werden." Seit anderthalb Jahren leitet er den "Nordbayerischen Kurier" und er sagt, er habe das Glück, einen anständigen Verleger hinter sich zu haben. Nur so kann er solche Angebote machen. Dabei ist auch in Bayreuth nicht alles perfekt. Die Online-Redakteure sind ausgelagert, erhalten weniger Geld als die Zeitungsredakteure. Daran will er arbeiten.

Am 21. August schreibt Rüggeberg auf Twitter: "Ich bin Volontärin! Hurra!!!!!" Braun imponiert ihre Gradlinigkeit: "Ich fand es mutig, dass sie das so geschrieben hat. Ich habe mir gedacht, die ist ein Typ - und Typen brauchen wir. Ich leide darunter, dass wir so viele Bewerbungen von angepassten Leuten bekommen."

Braun will aus dem ehemaligen Provinzblatt eine anspruchsvolle Zeitung machen. Die Vereinsberichte erscheinen nur noch in einer wöchentlichen Beilage. Deshalb sucht er lieber selbst im Netz nach geeigneten Journalisten. Mehrere Redakteure hat er bereits über Facebook gefunden. "In dem Wandel, in dem wir uns befinden, brauchen wir keine Leute, die immer nur schauen, was die älteren Kollegen machen."

Anm. d. Red.: Die "Nordwest-Zeitung Oldenburg" hat vor rund einem Monat die Leiharbeit offiziell abgeschafft. Dem Deutschen Journalisten-Verband zufolge "liegt die Bezahlung der Mitarbeiter aber dennoch deutlich unter dem Niveau der Tarifverträge".

  • KarriereSPIEGEL-Autor Jan Söfjer (Jahrgang 1980) hat Online-Journalismus in Darmstadt studiert und die Zeitenspiegel-Reportageschule absolviert. Heute arbeitet er von Trier aus als freier Journalist.

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insgesamt 142 Beiträge
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1. Investigativer Journalismus
ofelas 05.09.2012
Zitat von sysopSeit Jahren sparen Verlage, umgehen Tarifverträge, lagern ganze Redaktionen aus - auch mit Folgen für den Nachwuchs
aber das merkt man doch ueberhaupt nicht
2.
Methados 05.09.2012
Zitat von sysopKein Tarifgehalt, dafür steht die Zahl der Überstunden schon fest: Maximiliane Rüggeberg wollte Volontärin bei einer Zeitung werden - und war entsetzt über die Angebote. Ihrem Ärger machte sie im Internet Luft. Es meldeten sich viele bei ihr, die sich das nicht trauen. Und ein Chefredakteur. Volontariat: Blog über miese Journalisten-Gehälter führt zu Jobangebot - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,853733,00.html)
und, lieber SPON, wieviele festangestellte haben Sie in den letzten jahren durch kostengünstigere volos ersetzt ? tja.
3. Ausbeutung
clh 05.09.2012
Zitat von sysopKein Tarifgehalt, dafür steht die Zahl der Überstunden schon fest: Maximiliane Rüggeberg wollte Volontärin bei einer Zeitung werden - und war entsetzt über die Angebote. Ihrem Ärger machte sie im Internet Luft. Es meldeten sich viele bei ihr, die sich das nicht trauen. Und ein Chefredakteur. Volontariat: Blog über miese Journalisten-Gehälter führt zu Jobangebot - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,853733,00.html)
Wenn sich die einzelnen Berufsgruppen endlich zusammentun würden und gegen den Lohndumping allgemein solidarisieren würden, wäre die halbe Miete schon geschafft. Stattdessen preisen die Medien den Aufschwung, die falsch ausgelegte Arbeitslosenstatistik, das Jobwunder. Was soll der Artikel bewirken? Mitleid mit den Journalisten? So geht es allen Berufstätigen bzw. denen, die in Lohn und Brot wollen. Also, schreibt für alle oder haltet den Ball flach.
4. richtig wäre es,
sailor60 05.09.2012
diese Redaktionen/Zeitungen auch beim Namen zu nennen - dann besteht auch Aussicht auf Änderung.
5. Wie ist das denn beim Spiegel-Verlag?
Synapsenkitzler 05.09.2012
Wäre da doch interessant zu erfahren, wie es der Spiegel-Verlag mit der Bezahlung seiner festen/freien Mitarbeiter hält.
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Der klassische Weg: Volontariat
Praxis pur verspricht das Volontariat - bei Zeitungen und Zeitschriften, in Online-Redaktionen, bei Radio und Fernsehen, privat oder öffentlich-rechtlich. Die Ausbildung dauert zwischen zwölf und 24 Monaten und ist meist durch Tarifverträge geregelt. Typischerweise fahren Volontäre Karussell: Sie durchlaufen verschiedene Ressorts ("Volo, du Amöbe, mach' du den Abendtermin!") und nehmen an Fortbildungen teil. Ein vorheriges Studium ist keine Pflicht - aber längst die Regel.
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Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
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Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
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Was ebenfalls geht: Man wird Journalist, indem man's einfach ist - "Learning by doing" in Neudeutsch. Medienberufe sind offen für Autodidakten und Quereinsteiger mit krummen Biografien. Wer viel und gut schreibt, der findet auch seinen Platz. Praktika und Kontakte sammeln, sich als Experte für bestimmte Themen einen Namen machen, die Arbeit intelligent organisieren - und irgendwann fragt niemand mehr nach Ausbildung und Abschlüssen. Für das große Heer der freien Journalisten gilt das ohnehin, für Redakteursjobs nur bedingt. Da zählen bei der Einstellung auch formale Qualifikationen.



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