Stresstest für Gründer Soll ich dafür meinen Job kündigen?
Eine gute Idee haben und mit der eigenen Firma durchstarten - das klingt verlockend. Aber ist der Einfall auch gut genug? Oder reitet man sich damit in den Ruin? Jan Höhn will sich mit einem Portal für Geldgeschenke selbständig machen. Drei Experten erklären an seinem Beispiel, wann sich Gründen lohnt.
Für seine Stimmungsschwankungen hat Jan Höhn eine Skala erfunden. Auf der linken Seite steht "Kündigen", auf der rechten Seite steht "Bleiben". Wenn er mit Freunden redet, verschiebt sich der Pegel nach links. Nach dem Treffen mit seinen Eltern stand er ganz rechts.
Soll ich's wirklich machen oder lass' ich's lieber sein? Jein. Der alte Hit von "Fettes Brot" ist zu Höhns Lebensmotto geworden. Er will sich selbständig machen. Eigentlich. Er würde aber auch gerne weiter seine Miete zahlen können, irgendwann eine Familie ernähren und ab und zu in den Urlaub fahren. Er mag seinen Job - aber er wäre auch gern sein eigener Chef.
Knapp 150.000 Menschen wagen jedes Jahr in Deutschland den Schritt in die Selbständigkeit. Ihre Namen erfährt man meist nur, wenn sie besonders erfolgreich sind - oder so verzweifelt, dass sie im Privatfernsehen nach einem Schuldenberater rufen. Wie viele gute Ideen jedes Jahr in Schubladen verschwinden, wie viele Businesspläne im Müll landen, darüber gibt keine Statistik Auskunft. "Die Schattenwelt in der Gründerlandschaft ist sehr groß, nur die wenigsten schaffen es ans Licht", sagt Tobias Kollmann, Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen.
Er ist ein sogenannter Business Angel, ein Unternehmer, der Gründern mit Geld und Rat unter die Arme greift. 2012 wurde er vom Business Angels Netzwerk Deutschland zum "Business Angel des Jahres" gekürt. Seitdem wird der Mitgründer von autoscout24 von Möchtegern-Unternehmern mit Ideen bombardiert. "Jeden Tag landet mindestens eine Anfrage auf meinem Schreibtisch", sagt Kollmann. Als Daumenregel gelte: Zehn von 100 Gründern schaffen es in die engere Auswahl und dürfen ihren Businessplan schicken. Von diesen zehn werden fünf zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Und mit zwei bis drei Gründern arbeitet Kollmann "ein mögliches Beteiligungsszenario" aus.
Eine Erfolgschance von zwei Prozent - nicht gerade ermutigend, findet Jan Höhn. Aber die Aussicht, in zehn Jahren zurückzublicken und sich zu ärgern, dass er damals so feige war, ist für ihn mindestens genauso erschreckend. Außerdem ist er überzeugt, eine Marktlücke gefunden zu haben: Vor einem Jahr wollten er und seine Verlobte zur Hochzeit von den Gästen Geld haben und trauten sich nicht, das auszusprechen.
Ihre Lösung: Sie ließen sich eine Webseite programmieren, auf der die Gäste imaginäre Flüge für sie kaufen konnten - zum Festpreis von einem Euro für einen Kilometer. Der erste spendierte 100 Euro, das reichte von ihrer Heimatstadt Köln bis Hamm. Der zweite legte 100 Euro drauf, damit kamen sie bis Amsterdam. 3700 Euro später waren sie in Teheran und am Ende hatten sie 8200 Euro für die Hochzeitsreise nach Namibia zusammen. Die Gäste konnten die Flugroute am Computer verfolgen, bei der Hochzeitsfeier war sie das Gesprächsthema des Abends.
Haben nicht alle erfolgreichen Entrepreneure so angefangen: mit einer guten Idee und einer Marktlücke? Jan Höhns Frau und sein bester Freund ermuntern ihn: Mach das doch! Sie gründen zusammen eine GmbH. Jan Höhn taucht nicht als Gesellschafter auf. Er fürchtet, bei seinem Arbeitgeber, einem Lebensmittelkonzern, für den er als Key Account Manager arbeitet, könnte das schlecht ankommen. Zunächst soll niemand in der Firma von seinen Plänen erfahren.
Nach Feierabend und am Wochenende tüfteln die drei an ihrem Projekt. Sie engagieren einen Programmierer, er springt ab, sie suchen einen neuen. Die ersten tausend Euro sind weg. Bis die Webseite so aussieht, wie sie es sich vorgestellt haben, haben sie 20.000 Euro investiert. Es sind ihre gesamten Ersparnisse. Höhn verbringt mittlerweile jede freie Minute mit seiner neuen Firma, die eigentlich gar nicht seine ist. Er schläft wenig, fühlt sich gestresst. So kann es nicht weitergehen. Ganz oder gar nicht, ist die neue Devise. Doch lohnt sich die Kündigung oder reitet er sich damit in den Ruin?
"Business Angel überfliegen eine Gründungsidee wie Personaler einen Lebenslauf", sagt Fabian Hansmann. "Profitabel im ersten Jahr? Glaube ich nicht. Umsatz wächst linear? Scheint auch unplausibel. Und schon werden die Papiere wegsortiert." Hansmann hat sein erstes Unternehmen, einen Anbieter von Sicherheitssoftware, direkt nach dem Abitur gegründet. Heute berät er mit seiner Firma FoundersLink andere Gründer. Rund 200 Ideen prüfen er und sein Partner jedes Jahr. Beim Business Angels Netzwerk Deutschland trudeln noch mehr Gründungsvorschläge ein: 600 sogenannte One-Pager erreichen das Team im Jahr. "Wenn davon 30 eine Finanzierung finden, ist das schon gut. Das ist ein wirklich enger Trichter", sagt Ute Günther vom Vorstand des Netzwerks.
Wird die Idee von Jan Höhn dem kritischen Blick der drei Experten standhalten? An seinem Beispiel erklären Tobias Kollmann, Ute Günther und Fabian Hansmann, was potentielle Firmengründer beachten müssen und welche Hürden es auf dem Weg von der Idee zum Start-up gibt.
Lesen Sie hier die Kommentare der drei zu Jan Höhns Kurzbeschreibung seines Start-ups, im Branchensprech One-Pager genannt:
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