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Ehrgeiziger Friseur-Azubi Waschen, schneiden, Weltmeister

Friseur-Vizeweltmeister: Prinz von Bel-Hair Fotos

Seine Friseurlehre wollte Hagen Jurk eigentlich hinschmeißen und Fallschirmjäger werden. Doch sein Lehrmeister glaubte an das Talent des Azubis und förderte ihn bis zum Vizeweltmeister-Titel im Friseurhandwerk. Kurz danach riet er ihm allerdings doch zur Kündigung.

Zwei Jahre hat Hagen Jurk sich gequält und die anderen auch. Der Friseurlehrling aus Mosbach ging nicht gerne zur Arbeit. Er hatte Angst etwas falsch zu machen, kam mit manchen Kollegen nicht klar. Kurz: Jurk, 21, war genervt vom Job als Haarschneider.

"Ich hatte keinen Bock mehr, ließ einfach alles schleifen", sagt er heute. Im dritten Lehrjahr dann der Entschluss: Ausbildung hinschmeißen, zur Bundeswehr gehen, das Abitur nachholen und studieren. Bei der Musterung wurden ihm gute Fitnesswerte bescheinigt, er wollte jetzt Fallschirmjäger werden.

Als Jurk seinem Chef davon erzählt, fiel der aus allen Wolken. Der erfahrene Meister hoffte, dass der Lehrling bald aus seinem Tief wieder herauskommen würde. Denn er hatte großes Talent bei ihm erkannt. Er sollte recht behalten, und es sollte die Geschichte einer wundersamen Wandlung werden.

Pummelig, aber groß und formbar wie Kaugummi

Auf die Idee, eine Friseurlehre zu machen, brachte Jurk das Fernsehen. "Ich hatte keinen Plan, was ich nach der Realschule machen sollte, musste aber für die Berufserkundung ein Praktikum machen", sagt er. Ein Fernsehbericht über Friseure war seine Rettung. Für den Moment.

Dann folgte die Ernüchterung in einem Tante-Emma-Friseurladen: 14 Tage Omas mit Lockenwicklern und Dauerwelle. Der Schüler war am Boden. Dass er dennoch eine Ausbildung zum Friseur anfing, lag am zweiten Praktikum, in einem modernen Salon mit jungen Kunden und Kollegen. Freunde seiner Eltern kannten einen Friseur, der auf der Suche nach einem Auszubildenden war.

Jurk schickte eine Bewerbung an Konrad Kern, 55, ein Profi, der sich nach seiner Meisterprüfung bereits mit 23 Jahren selbständig gemacht hatte. Heute hat er in Heilbronn zwei Salons, zehn Mitarbeiter und beschäftigt drei Lehrlinge. Jeweils einen pro Lehrjahr. Gute Azubis zu finden ist schwer, sagt Kern.

Jurk war 16 Jahre alt, er arbeitete einige Tage zur Probe. Dann stand für beide fest: Ja, das könnte etwas werden. Im August 2008 begann er seine Lehre: "Pummelig, aber groß. Auf der Suche nach Persönlichkeit und formbar wie Kaugummi", erinnert sich der Meister heute.

"Von Hagen kam nichts. Null Engagement"

Das erste und zweite Lehrjahr war auch für Kern zäh: "Von Hagen kam nichts. Null Engagement." Anfang des dritten Lehrjahrs nahm er sich Jurk zur Brust, sagte ihm, dass er mit dieser Einstellung niemals ein guter Friseur werden würde und er ihn deshalb nach der Ausbildung nicht übernehmen werde. Die Bewerbung bei der Bundeswehr war eine Trotzreaktion darauf, glaubt Jurk heute.

Es kam zu einem zweiten, intensiveren Gespräch. In dem erfuhr Jurk, dass sein Chef einmal Deutscher Meister im Friseurhandwerk war. Dann 1986 und 1987 sogar den Weltpokal gewonnen hatte. Kern erzählte von dem tollen Gefühl, ganz oben zu stehen. Von Gänsehaut und Bewunderung. "Wenn du möchtest, zeige ich dir den Weg dorthin", bot er seinem Schützling an.

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Jurk wusste bis dahin nicht, welch ausgewiesene Koryphäe an der Schere sein Lehrherr war. "Ich war unglaublich stolz, weil dieser erfolgreiche Mann an mich glaubte", erzählt er. Der Bundeswehr sagte er ab, seinem Chef zu. Der besorgte ihm ein Praktikum bei einem Hersteller von Hair-Styling-Produkten. Er bereitete Seminare vor, durfte zuhören und manchmal an Modellen unter fachkundiger Anleitung schneiden. "Ich habe richtig viel gelernt über Farbe, Pflege, Schnitt und Styling", sagt Jurk.

Jede einzelne Haarspitze muss exakt sitzen

Nach vier Monaten kehrte er als Geselle zurück zu Kern. Tagsüber waschen, schneiden, föhnen. Abends trainiert er auf Wettbewerbe. Sein Chef hatte ihn mit seinem ehemaligen Trainer zusammengebracht, einem Weltmeister aus Russland.

Bei Friseur-Wettbewerben geht es um Perfektion. Jede einzelne Haarspitze muss exakt sitzen. Im Februar 2012 nahm Jurk zum ersten Mal an einem Wettbewerb teil. Er wurde Vierter, lernte den Trainer der deutschen Friseur-Nationalmannschaft kennen.

Jurk wurde nominiert, trainierte montags, mittwochs und sonntags ganztägig in Darmstadt im Stützpunkt der Nationalmannschaft. An den anderen Tagen arbeitete er bei Kern in Heilbronn.

Bei den Weltmeisterschaften der Friseure im Oktober 2012 in Mailand wurde Jurk Vizeweltmeister mit dem Juniorenteam, zugleich Vizeweltmeister in der Einzelwertung. Jetzt stand er auf dem Treppchen. Bekam Gänsehaut und spürte Bewunderung.

2014 finden die Weltmeisterschaften in Deutschland statt. Die zu gewinnen, darauf arbeitet er jetzt hin. Im Jahr darauf will er zur Meisterschule gehen, sich selbständig machen und eventuell Seminare geben.

Dass er gleich nach der Weltmeisterschaft bei Konrad Kern gekündigt hat, macht seinen ehemaligen Meister nicht traurig. Er hat ihm sogar geraten, in einem anderen Salon zu arbeiten: "So findest du deinen eigenen Stil. Der Wechsel bringt dich weiter", sagt Kern. Jetzt ist Hagen Jurk nur noch eine Haaresbreite von der Spitze entfernt.

  • Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.

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insgesamt 13 Beiträge
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    Seite 1    
1. wenn alle Chefs so wären
büffler 17.05.2013
... hätten wir heute wohl keinen (angeblichen) Fachkräftemangel ... fördern statt immer nur fordern, finde ich persönlich eindeutig den richtigen Weg. Gerade bei vielen jungen Menschen steckt soviel ungenutztes, aber vorhandenes Potenzial, dessen sie sich selbst oftmals garnicht bewusst sind.
2. Rien ne va plus
Mahagon 17.05.2013
Zitat von sysopSeine Friseurlehre wollte Hagen Jurk eigentlich hinschmeißen und Fallschirmjäger werden. Doch sein Lehrmeister glaubte an das Talent des Azubis und förderte ihn bis zum Vizeweltmeister-Titel im Friseurhandwerk. Kurz danach riet er ihm allerdings doch zur Kündigung. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/von-der-lehre-bis-zum-vizeweltmeister-im-friseurhandwerk-a-900080.html
Ist ja schon fast herzzerreissend, diese Vita. Ich habe eher Mitleid mit dem Hagen, denn meine Vita lief fast gleich ab. Realschule, Frisörlehre, Desillusionierung und das Bedürfnis, alles an den Nagel zu hängen...auf Initiative meiner Eltern habe ich dann doch noch die Lehre mit Gesellenbrief beendet, meine Berufsschullehrer haben mich auch immer wieder gebeten, mein Talent nicht zu vergeuden und mich mehr in den Friseurberuf einzubringen. Jetzt der feine Unterschied zwischen mir und dem Hagen: Nach der Lehre habe ich die Glitter-, Flitter- und Lockenwicklerwelt tatsächlich hinter mir gelassen, mein Abi gemacht und bin jetzt bald mit meinem Studium fertig...und mein wahres Talent verschwende ich auch nicht mehr! Die Frisörlehre war die lausigste Idee meines Lebens...zu studieren die beste Entscheidung, die ich je hätte treffen können und für die ich jeden morgen wieder dankbar bin. Weltmeistertitel im Frisörhandwerk bringen dem Träger, erfahrungsgemäß am Beispiel einer Weltmeisterin in meiner Region, nicht viel. Tariflich bezahlte Dachdecker mit bisschen Schwarzarbeit im Bekanntenkreis bringen am Ende des Monats mehr Geld nach Hause... Also rate ich dem sympathischen Hagen folgendes: Schmeiß hin und geh' studieren!
3. Es kann nur einen geben
Mondaugen 17.05.2013
Der wahre, der einzige Friseurweltmeister bleibt auf ewig "Jacques Gallet aus Paris". Wie profan klingt da "Hagen Jurk"! Wie soll man das denn in die Werbung einbauen?
4. Mal ein wenig Understatement...
Mesi0013 17.05.2013
Mein lieber Vorredner, Sie sind das, was sie sind, nur deshalb, weil sie die Summe aller Erfahrungen in sich vereinen. Misskreditieren sie doch die Ausbildungsgänge nicht so, ich habe viele Leute, die mit ihren "10 kleinen Gehirnen" an den Händen Gold wert sind, echte Handwerker, clever und zuverlässig. Dagegen kenne ich studierte "Elite", die sich durch Nullkompetenz auszeichnet. Ich selbst wäre als Ingenieur nicht das, hätte ich vorab nicht eine Lehre gemacht. Nicht nur wegen dem technischem Wissen, ich kenne so auch die ganzen schmutzigen Tricks in der Produktion und mir tanzt keiner so leicht auf der Nase rum, bzw. spreche ich die Sprache der Menschen im Unternehmen, die die Gewinne einfahren. Manch einem Jungakademiker wünschte ich eine Lehre gemacht zu haben, nur aus dem Grund, mal ein wenig Demut am eigenen Körper zu erfahren. Ich stelle, wenn es geht, nur Akademiker mit Lehre ein.
5. Gut überlegt?
b20a9 17.05.2013
Es gibt doch kaum eine Branche die noch schlechter bezahlt als Frisöre. Da muss man schon erfolgreich selbstständig sein um nicht auf oder unter Harz 4 Niveau zu dümpeln. Ich lasse mich gern eines besseren belehren, aber ist doch so, oder?
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