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Vorstellungsgespräch per Skype Jobcasting im Schlafzimmer

SPIEGEL ONLINE

Der Personaler in Hamburg, der Bewerber in Flörsheim - Jobinterviews per Video-Schalte passen zur flexiblen Arbeitswelt. Aber sie haben ihre Tücken: Manchmal löst ein klingelnder Wecker Angst und Schrecken aus. Und ein Poster an der Wand kann Karriereträume zerstören.

Ellen Nagel, 28, hatte es nicht weit zum Vorstellungsgespräch. Sie musste nur kurz rüber in ihr Arbeitszimmer gehen. Computer hochfahren, Webcam ausrichten, Headset aufsetzen, Doppelklick auf das Skype-Icon - und schon saß sie der Personalerin des Versandunternehmens Otto gegenüber. Im schwarzen Business-Anzug.

Das Gespräch lief gut, Nagel bekam die Stelle im Personalmarketing. Trotz des Video-Vorstellungsgesprächs daheim. Oder gerade deswegen? "Ich war froh, dass ich für das erste Bewerbungsgespräch nicht extra nach Hamburg reisen musste", sagt sie. "Ich habe mich auch sicherer gefühlt bei dem Interview, weil ich ja in meiner gewohnten Umgebung bleiben konnte." Das digitale Tête-à-tête mit dem Personaler über den heimischen Rechner kann auch Druck aus der Stresssituation nehmen.

Bewerbungsgespräche per Skype - nicht nur Otto setzt auf dieses Verfahren. Die Videoschalte passt zur flexiblen Arbeitswelt und ultramobilen Bewerbern, die oft meilenweit entfernt vom Unternehmen sitzen. Auch Universitäten nutzen Skype für Auswahlgespräche. "Wir haben ein sehr internationales Bewerberfeld", sagt etwa Corinna Albrecht, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Göttingen die Studenten für den Masterstudiengang "Deutsch als Fremdsprache" auswählt: "Skype stellt die einfachste Möglichkeit für Gespräche dar."

In Ländern, wo ein schneller Internetzugang rar ist, bestellt Albrecht die Studienbewerber zum Skype-Rendezvous ins nächstgelegene Goethe-Institut. Damit niemand bevor- oder benachteiligt wird, trifft sie alle Kandidaten im Videochat - auch solche, die nur ein paar Straßen vom Institut entfernt wohnen.

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Auch wenn der Personalchef nicht physisch anwesend ist: Auf die leichte Schulter nehmen sollte man das digitale Vorstellungsgespräch nicht. "Wir hatten einmal einen Bewerber vor der Kamera sitzen, der sich der Ernsthaftigkeit des Gesprächs überhaupt nicht bewusst war", sagt Nicole Kühne vom Webhosting-Unternehmen Power-Netz. Als ihm auf Kühnes Fragen keine Antworten einfielen, brach er den Videochat einfach ab.

Damit es soweit nicht kommt, sollten Bewerber den Ablauf eines Videointerviews vorher üben. Karriereberater Gerhard Winkler hat fünf Tipps zusammengestellt:

1. Profil gestalten

Stellen Sie Ihr aktuelles Bewerbungsbild (noch besser: eine Variante aus Ihrer letzten Bewerbungsporträt-Serie) als Profilfoto ein. Nutzen Sie das Über-mich-Feld im Profil zur beruflichen Kurzvorstellung und wählen Sie einen adäquaten Skype-Namen. Bushido_der_king86 oder luder2807 geben einem Personaler gewiss zu denken.

2. Ins rechte Licht setzen

Eine falsche Beleuchtung macht Engel zu Verbrechern und Gesunde zu umnachteten Zombies. Ihr Gesicht sollte gleichmäßig, hell und schattenfrei ausgeleuchtet sein. Vermeiden Sie Spots und große Kontraste. Tabu sind auch zu dunkle oder zu reflektierende Wände, spiegelndes Glas oder Grünzeug im Hintergrund.

Was immer außer Ihnen noch auf dem Screen erscheint: es wird bemerkt, gedeutet, bewertet und meist nicht für gut befunden. Halten Sie den Hintergrund deshalb so neutral wie möglich. Ein Blick auf die Schrankwand, die Vitrine, das Poster und schon sind Sie sozial klassifiziert und vom Typ her einsortiert.

3. Üben

Investieren Sie Geld in ein gutes externes Mikrofon, auch wenn Sie nicht wissen können, wie gut die Soundqualität auf der anderen Seite rüberkommt. Platzieren Sie die Kamera auf Augenhöhe. Ihr Gesprächspartner ist irritiert, wenn Sie zu ihm hinauf linsen oder auf ihn herab schauen. Am besten sitzen Sie leicht nach vorn geneigt - und nicht zu dicht an der Kamera.

Drucken Sie Ihre Bewerbung und die Stellenofferte auf Papier aus. Legen Sie Ihren Lebenslauf ruhig neben den Monitor. Der Personaler bezieht sich auf Ihr Profil; es ist Ihre beiderseitige Gesprächsgrundlage. Für Sie im Besonderen bildet der Lebenslauf die Basis für alle Ihre Antworten und Statements.

Simulieren Sie vorab mit einem Partner ein Interview, zeichnen Sie es auf und werten Sie den Mitschnitt aus. Lassen Sie die Aufnahme von Dritten prüfen und bewerten.

4. Schick machen

Tragen Sie zum Interview Ihr Business-Outfit oder, je nach Branche, gehobene Freizeitkleidung, am besten in Blau-, Natur- oder Pastelltönen. Tabu sind Gelb, Lila oder Grün, feine Streifen oder Muster. Die Frisur sollte sitzen, das Make-up dezent sein.

5. Nicht ablenken lassen

Beenden Sie vor dem Gespräch alle weiteren Programme. Legen Sie alles weg, was Sie zum Herumspielen verleiten könnte, wie etwa Lineal, Locher oder USB-Stick. Während eines Skype-Interviews darf niemand sonst im Zimmer sein, vor allem kein Souffleur. Schließen Sie vorsichtshalber die Tür ab. Und instruieren Sie Mitbewohner oder Familienmitglieder: Handy, Radio und Fernseher müssen ausbleiben.

Und wenn dann doch etwas schiefgeht?

Rouven Schäfer, Personalleiter beim Kölner Marketingunternehmen DocCheck, erinnert sich an einen Berufseinsteiger aus Barcelona, bei dem im Hintergrund ein zusammengekrachtes Regal und ein von der Wand baumelndes Poster zu sehen waren: "Das sah sehr studentisch aus, aber der Bewerber hatte nun einmal keinen Laptop, um sich woanders hinsetzen zu können." Schlimm fand Schäfer das nicht.

Auch Ireen Baumgart lässt sich in Skype-Interviews nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Einmal fing mitten im Gespräch der Wecker der Kandidatin zu klingeln an: "Sie hat die ganze Zeit geschaut, wie sie ihn ausstellen kann. Zum Schluss hat sie einfach die Batterie herausgenommen." Und bei einem anderen Bewerber explodierte mitten im Gespräch die Glühbirne der Schreibtischlampe. Der Bewerber bekam einen Schreck, Baumgart auch - aber mit dem Job hat es trotz suboptimaler Beleuchtung geklappt: "Wir lachen heute noch darüber, wenn wir uns sehen."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Bernd Kramer ist freier Journalist in Köln.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. optional
divina_commedia 11.07.2012
Auf jeden Fall besser als in einen Raum zu kommen, wo 7 Personaler einen anschauen wie das Insekt unter dem Mikroskop und man sich vorkommt wie auf der Schlachtbank. Sehr zeitnahe wie ich sagen muss. :)
2. Krücke
les2005 11.07.2012
Zitat von sysopDer Personaler in Hamburg, der Bewerber in Flörsheim - Jobinterviews per Video-Schalte passen zur flexiblen Arbeitswelt. Aber sie haben ihre Tücken: Manchmal löst ein klingelnder Wecker Angst und Schrecken aus. Und ein Poster an der Wand kann Karriereträume zerstören. Vorstellungsgespräch im Videochat: Jobcasting im Schlafzimmer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,843411,00.html)
Ich hatte selbst vor kurzem ein Skype-Interview in der deutschen Filiale des künftigen Arbeitgebers, mit drei Mitarbeitern die um mich rum saßen während ich via Skype vom US-Manager interviewt wurde. Die Verbindung riß dann einmal komplett ab, Bild kam oft nicht nach - Job Interviews sind an sich schon stressig genug, da empfinde ich ein solches Setup als absolute Zumutung. Das Skype-Interview war ein Kompromiß, weil ich zum Zeitpunkt der Deutschland-Reise des besagten Managers schwerlich hätte verfügbar sein können. Im Nachhinein betrachtet hätte ich alles getan um den persönlichen Kontakt zu ermöglichen. Ich bekam den Job nicht und es ist müßig darüber zu spekulieren ob es an Skype lag - jedenfalls war es die dritte Runde, und in den ersten beiden hatte ich einen glänzenden Eindruck hinterlassen. Insofern führe ich das Ergebnis schon auch auf die irritierenden Umstände zurück.
3. ...
Arrakis 11.07.2012
Zitat von les2005Ich hatte selbst vor kurzem ein Skype-Interview in der deutschen Filiale des künftigen Arbeitgebers, mit drei Mitarbeitern die um mich rum saßen während ich via Skype vom US-Manager interviewt wurde. Die Verbindung riß dann einmal komplett ab, .....
Ein Schicksalgefährte. Ich bin auch vor vier Wochen in der dritten Runde, einem Skype-Interview, 'rausgeflogen. (Angeblich ist es mir nicht gelungen, ein zehn Jahre zurückliegendes Arbeitsverhältnis überzeugend darzustellen.)
4. Diskriminierung
Malshandir 12.07.2012
Das ist wieder einmal so typisch deutsch. Warum muss ich einen Bewerber sehen? Dies gibt Grund genug eine Diskriminierung anyunehmen. In anderen laendern werden die Lebenslaeufe anonymisiert, kein Name oder aehnliches, das Interview erfolgt nur telefonisch ergaenzt durch einen Onlinetest. Dies vermeidet jedwege Diskriminierung insbesondere wenn man ohne Kundenkontakt arbeitet gibt es keinerlei Grund fuer ein fae2face Interview, weil so ein Personaler eben nicht vorurteilsfrei agiert alleine an der Qualifikation sondern sich von sunjektiven teilweise diskrimnierenden Merkmalen leiten laesst. In meinen 3 letzten Projekten hatte ich nie ein face2face-Interview und man wollte dies auch nicht.
5. Das Beste daran:
abby_thur 12.07.2012
Ich finde ja, man sollte Beruf und Privates trennen. Ich könnte mir ein Vorstellungsgespräch "von zu Hause aus" nicht vorstellen. Wobei bei mir "zu Hause" meine 1 Raum Bude gemeint ist, die ich mit meinem Hund teile, den ich zum "Vorstellungsgespräch" sicher nicht mal eben ins Badezimmer einsperren kann. Ich könnte mich nur aufs Bett setzen zum Online-Vorstellungsgespräch,und was das auslösen würde, will ich gar nicht ausführen ;-) Es sei denn, der zukünftige Chef mag meine Hello-Kitty-Bettwäsche. Ich mag es nicht, wenn Personaler in mein Heim gucken können, da ich privat alles das NICHT mache, was ich im Job darstelle.
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