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Vorstellungsgespräch Warum sind Sie eigentlich so unfähig?

Langes Warten auf die peinliche Befragung: Irre Firmen lassen Bewerber ihre Macht spüren Zur Großansicht
Corbis

Langes Warten auf die peinliche Befragung: Irre Firmen lassen Bewerber ihre Macht spüren

Wer oft den Job wechselt, ist sprunghaft - und unbeweglich, wer es selten tut. Wer viel redet, ist vorlaut - und verstockt, wer wenig spricht. Bei Bewerbungen gibt es nur falsche Antworten, sagt Karriereberater Martin Wehrle. Die Spezialität vieler Personaler: die gehobene Schweinerei.

Warum muss ein Bewerber auf die Minute pünktlich sein? Damit ihn die Firma gebührend warten lassen kann! Etwa jedes dritte Vorstellungsgespräch beginnt verspätet. Und etwa jeder dritte Chef geht garantiert ohne Vorurteile ins Gespräch - weil ihm der Lebenslauf des Bewerbers so fremd ist wie die südliche Tundra. Deshalb sucht er intensiven Blickkontakt während des Gespräches: mit dem Lebenslauf vor ihm auf dem Tisch.

Aber wehe, der Bewerber hat sich nicht vorbereitet! Er muss die Geschichte der Firma mindestens so gut beherrschen, dass er die 350-seitige Firmenmonographie, ginge sie verloren, sofort im Wortlaut rekonstruieren könnte. Alle Umsatzzahlen der letzten fünf Jahre muss er wie im Schlaf aufsagen und die Namen der Firmenbosse wie die Thronfolge einer Monarchie runterrattern können.

Irrenhäuser lassen den Bewerber spüren, dass er etwas von ihnen will, sie aber nicht von ihm. Zum Beispiel bestätigen sie den Eingang einer Bewerbung frühestens dann, wenn das Dokument aufgrund seines Alters fürs Völkerkundemuseum interessant wird - gefühlte 150 Jahre später.

Tobias bekommt eine Zusage, Serkan nicht einmal eine Antwort

Oder gar nicht. Als Wissenschaftler der Universität Konstanz 528 fiktive Online-Bewerbungen verschickten, eine Hälfte unter deutschen Namen, eine Hälfte unter türkischen, war das Ergebnis erschütternd: 28 Unternehmen gaben den jungen Wirtschaftswissenschaftlern "Tobias Hartmann" und "Dennis Langer" eine positive Antwort - während sie "Fatih Yildiz" und "Serkan Sezer" nicht mal absagten. Die Chancen, den Job zu bekommen, lagen für Tobias und Dennis in kleinen Unternehmen um ein Viertel höher, insgesamt immer noch um 14 Prozent - bei exakt der gleichen Qualifikation. Die Treffsicherheit einer Personalauswahl, die den Namen zum Entscheidungskriterium erhebt, mag man sich eigentlich gar nicht vorstellen.

Die ideale Irrenhaus-Antwort verbindet Peitsche und Zuckerbrot. Die Firma bedankt sich bei dem Bewerber für sein Interesse. Und damit dieser Dank auch glaubwürdig rüberkommt, teilt sie ihm mit, dass er seine Anfahrtskosten zum Vorstellungsgespräch selbst tragen und bitteschön ein polizeiliches Führungszeugnis mitzubringen habe.

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Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?
Immerhin sind die Irrenhäuser realistisch genug, die kriminelle Energie richtig zu verorten: Führungszeugnisse werden bevorzugt von Führungskräften gefordert. Sogar Privatermittler, darunter ehemalige Stasi-Leute, setzen die misstrauischen Firmen auf Bewerber an. Zur Not tritt der Ermittler in den Golfclub des angehenden Managers ein und löchert ihn unauffällig zwischen den Löchern. Das nennt sich "Executive Integrity Assessment", was übersetzt so viel heißt wie: gehobene Schweinerei.

Doch Schweinereien kann auch die einfache Arbeiterin erleben, wie ausgerechnet eine norddeutsche Wurstfabrik bewies: Angeblich wurden Bewerberinnen von dem Betrieb, der 270 Millionen pro Jahr umsetzt, zum Schwangerschaftstest gebeten. Am Ende der Probezeit stand ein zweiter Test an. Wer schwanger war, flog raus. Das haben mehrere Frauen berichtet. Der Wurstfabrikant streitet den zweiten Test ab, der erste sei freiwillig gewesen, habe keinen Einfluss auf die Einstellung gehabt und sei mit Blick auf Kältearbeitsplätze angezeigt gewesen: Schwangere dürfen nicht in zu kalten Räumen arbeiten, das ist gesetzlich verboten.

  • DPA
    In Auswahlverfahren müssen Bewerber sich häufig Intelligenz-Tests stellen - mit Zahlenreihen, Sprachaufgaben, vertrackten Bilderrätseln. Zählen Sie zu den Schlaumeiern? Dann beweisen Sie's: im IQ-Test. mehr...
Ruppig verlaufen können Vorstellungsgespräche auch sonst: Einige Irrenhaus-Direktoren glauben, eine unverschämte Frage sei keine Unverschämtheit mehr, wenn man sie zum Teil eines Stressinterviews erklärt. Zum Beispiel wurde eine Softwareentwicklerin gebeten: "Können Sie mal ausnahmsweise eine kluge Antwort geben?" Und von einem Versicherungsmathematiker wollte man wissen: "Warum hält Ihr jetziger Chef Sie für so unfähig, dass er Sie nicht befördert?"

Etliche Bewerber haben mir berichtet, dass sie in Konzernen mit amerikanischer Wurzel wie Zirkus-Äfflein von Büro zu Büro geschleppt wurden, damit sie jeder potentielle künftige Kollege ein paar Minuten beglotzen, befragen und mit offenem Feedback beleidigen durfte ("Einen Exzentriker wie Sie kann ich mir in unserem Team überhaupt nicht vorstellen!"). Solche Konfrontationen werden nur deshalb "Vorstellungsgespräche" genannt, damit Amnesty International nicht auf falsche Ideen kommt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Bewerber die Fragen der Irrenhäuser im Vorstellungsgespräch beantworten kann: falsch oder falsch. Zum Beispiel hat sich eine Klientin von mir bei einem Reifenhersteller beworben. Das Gespräch war wie am Schnürchen gelaufen. Doch gegen Ende hob der Personaler noch mal zu einer Frage an: "Wäre es für Sie auch denkbar, eine andere Stelle im Marketing anzunehmen?" Meine Klientin bejahte. Die Gesprächsführer zuckten zusammen.

Lebensgefährliche Frage nach der Ex-Firma

Später bekam sie eine Absage und erfuhr auf Nachfrage: "Wir haben uns jemanden gewünscht, der speziell diese Stelle will." Aber hatte das Profil der ausgeschriebenen Position nicht ausdrücklich "Flexibilität" gefordert? Und hatte meine Klientin diese Eigenschaft nicht durch ihre Antwort bewiesen?

Lebensgefährlich für jeden Bewerber sind Fragen nach der Ex-Firma. Der erste Fehler wäre: von der Ex zu schwärmen. Das würde beim Irrenhaus-Direktor zu Eifersuchtsanfällen führen, gegen die ein Vulkanausbruch nur ein pfeifender Teekessel ist. Der zweite Fehler wäre: die alte Firma als wenig attraktiv darzustellen. Warum, in drei Teufels Namen, haben Sie sich dann mit ihr eingelassen? Weil Sie selbst mittelmäßig sind? Der dritte Fehler wäre: nichts oder sehr wenig zu sagen. Daraus würde natürlich geschlossen, dass Sie ein dunkles Geheimnis verschweigen. Haben Sie aus Ihrem letzten Vorgesetzten vielleicht einen Chefsalat gemacht?

Ein Bewerber, der oft gewechselt hat, gilt bei Irrenhäusern als sprunghaft. Ein Bewerber, der seiner Firma seit Jahrzehnten treu ist, gilt als unbeweglich. Ein Bewerber, der viel redet, gilt als vorlaut. Ein Bewerber, der wenig redet, gilt als verstockt. Ein Bewerber, der vorzüglich studiert hat, gilt als "Theoretiker". Ein Bewerber, der nicht vorzüglich studiert hat, gilt als intellektuelle Nullnummer… Irrungen und Wirrungen.

Doch am Ende des Gespräches dürfen Sie sicher sein: Die Tundra ist bis auf den letzten Zentimeter vermessen. Denn nun hat der Irrenhaus-Direktor, statt Ihnen zuzuhören, endlich Ihren Lebenslauf durchgelesen.

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus".

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insgesamt 146 Beiträge
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    Seite 1    
1. unfähig?!
genugistgenug 29.11.2012
---Zitat--- Zum Beispiel wurde eine Softwareentwicklerin gebeten: "Können Sie mal ausnahmsweise eine kluge Antwort geben?" Und von einem Versicherungsmathematiker wollte man wissen: "Warum hält Ihr jetziger Chef Sie für so unfähig, dass er Sie nicht befördert?" Vorstellungsgespräch: Martin Wehrle über die Willkür der Personaler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/vorstellungsgespraech-martin-wehrle-ueber-die-willkuer-der-personaler-a-869679.html) ---Zitatende--- Der Programmierer hat sich sicher nur auf das Gegenüber eingestellt - kluge Antworten hätten sicher überfordert. Solche Leute meinen immer 'dummes zustimmen, Speichellecken' sei eine kluge Antwort. Und das der aktuelle Chef unfähig zur Beförderung war liegt sicher an der Verwandschaft zum Fragesteller - zumindest geistig! PS das alles rührt daher, dass das Peter-Prinzip nun überall erfüllt ist und jeder dort sitzt wo er den größten Schaden anrichten kann (früher wurden die maximal zum Kohle polieren eingestellt und im Kohlenkeller endgelagert)
2. optional
sprechweise 29.11.2012
Oh wie treffend ;-) Und dann klagen doch die selben Manager und Personaler über die ach so schlechten Bewerber. Wobei manche Bewerber intellektuell weit über Manager und Personaler stehen. So jemand wird natürlich nicht eingestellt. Macht macht dumm und kriminell. Zum Unglück mancher hat sich das nun auch noch herumgesprochen.
3. Warum sollte ich ihr Mitarbeiter werden
Spiegelwahr 29.11.2012
Bei so einen Irrenhaus ist man doch froh, dass man kein Mitarbeiter geworden ist. Man muss sich nicht alles gefallen lassen und wer sein Bewerber schon so behandelt, der behandelt seine Mitarbeiter nicht anderes und seine Kunden dürfen sich bedanken.
4. Das mit ausländischen Namen...
Stark Maier 29.11.2012
... ist doch jedem bekannt. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem 1.5 Uni Abschluss eines Herren Maier und eines Herren Güdoyrüm, dann nehme ich natürlich Herr Maier. Um sich für Herren Güdoyrüm zu entscheiden, müsste dieser bessere Qualitfikationen bringen, also neben einem 1er Schnitt auch mehr/bessere Praktikas und eventuell soziales Engagement, damit ich sehe, dass es kein prügelnder Türke ist, wie es wohl jeder hierzulande ist nach Meinung aller nicht Türken. Dann wird denen vorgeworfen, man ist zu agressiv, aber wenn ein intelligenter junger Mann türkischen Namens so behandelt wird, dann kann man es sich vorstellen, was mit den etwas weniger klugen oder gebildeten türkischen Namensinhaber gemacht wird. Ich selbst bin kein Türke, aber habe einen nicht ganz deutsch klingenden Nachnamen. Trotz Abitur und Top Uni und vorherigem Top Arbeitgeber, scheint man immer der "Sch.iss Ausländer" zu sein, auch wenn man sich noch soviel Mühe gibt frendlich und hilfsbereit zu sein - mehr als die meisten deutschen. Viele würden eher einen saufenden faulen Deutschen bevorzugen, als einen gebildeten Ausländer.
5. Alles wahr ...
handschaltung 29.11.2012
Das ist schnell kommentiert: Stimm alles! Vieles davon schon selbst erlebt.
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Zum Autor
Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer" und "Ich arbeite in einem Irrenhaus".
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