Von Jochen Leffers
Die heutige Bauhaus-Universität blickt auf eine 150-jährige Geschichte zurück. Die beiden Vorläufer, eine Kunst- und eine Kunstgewerbeschule, vereinigte Walter Gropius 1919 zum Staatlichen Bauhaus Weimar; dort sollten Kunst und Technik eine "neue Einheit" bilden, vor allem auch in der Architektur. Im Nationalsozialismus und dann in der DDR erlebte die Hochschule höchst wechselvolle Jahrzehnte, nach 1989 eine Neuausrichtung.
1996 wurde aus der Hochschule eine Universität, die heute rund 3800 Studenten verzeichnet. Sie verteilen sich auf vier Fakultäten - Architektur, Bauingenieurwesen, Gestaltung (seit 1993) und Medien (seit 1996).
Statt auf klassische Vorlesungen und Seminare setzt die Hochschule im Gestaltungs-Studium stark auf Projekte, in denen die Studenten fächerübergreifend Ideen austüfteln und in den Werkstätten umsetzen können. Das Ziel: "kein Trockenschwimmen, sondern Probieren am Beispiel". Das 65.000-Einwohner-Städtchen in Thüringen lernen sie schnell kennen, die Uni-Atmosphäre ist familiärer als an Hochschulgiganten in den Metropolen.
Im Fach Visuelle Kommunikation etwa sind nur 235 Studenten eingeschrieben; 40 werden jedes Jahr neu aufgenommen. Wer sich bewirbt, muss "gestalterische Eignung" nachweisen - mit einer Hausaufgabe und einer Diskussion der Mappe.
"Den Studierenden weht immer der Wind der Freiheit um die Nase. Man selbst ist der Motor, wird früh eigenständig und entwickelt eine ausgeprägte künstlerische Persönlichkeit", beschreibt Fakultätssprecherin Romy Weinhold, selbst Weimarer Absolventin, die Besonderheiten des Modells. Den Studenten verlange das aber auch viel Disziplin und Motivation ab: "Wer hier studiert, muss eigene Ideen entwickeln und kann sich nicht darauf verlassen, durch ein verschultes System an die Hand genommen und geleitet zu werden."
Wenn eine Universität in Bewegung sein soll, braucht es Hochschullehrer, die nicht schon kurz nach der Verbeamtung ein kleines Steckenpferd auf ihrem Spezial-Forschungsgebiet satteln und dann gemächlich ihrer Pensionierung entgegenreiten. Es braucht: Unruheherde, Energiezellen, Anstifter. So ein Unruheherd ist Werner Holzwarth.
Der Professor für Visuelle Kommunikation, Jahrgang 1947, arbeitete früher als Texter und Kreativdirektor bei großen Werbeagenturen, auch als freier Journalist; nebenher ist er Kinderbuchautor. Mindestens eines seiner Bücher, erschienen 1989, dürften viele Eltern kennen: "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat".
"Das Böse" heißt der Blick in die Dunkelheit der menschlichen Seele. Zunächst sollten 500 Prominente in Fragebögen schildern, was für sie das Böse ist und ob sie es in personifizierter Form kennen. Die Umfrage brachte indes kaum kluge und überraschende Erkenntnisse, also machten sich die Studenten selbst ans Werk.
Heraus kam teils lustiger, teils harter Stoff - zum Beispiel die Kollektion eines Bettwäsche-Fabrikanten für Todkranke. Oder Reklame für den fiktiven Verein "Revital" mit dem Slogan "Für ein greisfreies Deutschland". Oder eine Kampagne für den NSDR, die Nationale Schutzpartei der deutschen Rassehunde ("Deutsche Rassehunde haben ein Recht auf eine eigene Identität. Sie brauchen eine Zukunft in dem Land ihrer Herkunft").
Auch das neue Projekt "Schland" (siehe Fotostrecke oben in diesem Beitrag), entstanden im vergangenen Wintersemester, hat verstiegene Seiten. Die Studenten erhielten von Holzwarth und Diplom-Designer Björn Kernspeckt, sonst Art Director bei der Agentur Scholz & Friends, die Aufgabe: Jeder Teilnehmer soll sein subjektives Deutschlandbild umsetzen und zeigen, was ihm gefällt oder missfällt.
So entstand unter dem Titel "Integrationsrezepte" ein Kochbuch mit deutschen und islamischen Gerichten, etwa eine "Allah-Brezel" oder "Döner-Roulade". Rechtsextremismus war erneut ein Thema. Produktidee: ein Wecker, der zweimal täglich ein Hakenkreuz bildet und "Nazi-Alarm schlägt". Drastisch auch eine "Migranten-Edition" als Variante des Kartenspielkassikers Schwarzer Peter: Zum Spielbeginn wird der Schwarze Peter aus einem Pool von fünf Migranten ausgewählt und steht 16 Kartenpaaren aus deutschen Beamten gegenüber; verloren hat, wer den Migranten nicht abschieben kann. Die "Schland"-Ausstellung ist Anfang Juli in der Berliner Werbeagentur Scholz & Friends zu sehen.
Was die Bauhäusler austüfteln, ist oft plakativ: auf den ersten Blick eher drastisch als subtil, dahinter ein Hang zum Schwarzhumorigen, mehr bildstark als wortmächtig. Wenn es drauf ankommt, können die Weimarer Studenten nicht nur makaber-lustig, sie können auch ernsthaft. Zum Beispiel, als sie vor einigen Jahren eine Kampagne für den Weißen Ring, eine Hilfsorganisation für Gewaltopfer, entwickelten.
Mitunter bekommen die Studenten auf ihre Ideen empörte Reaktionen, denn sie reizen die Geschmacksgrenzen aus. So soll es sein, findet Werner Holzwarth: Die Studenten sollen experimentieren, sollen auch Einfälle umsetzen, die außerhalb der Uni-Welt als zu krass verworfen würden - denn später im Beruf, etwa in der Werbebranche, warten noch genug Kompromisse auf sie.
Das Böse als wiederkehrendes Thema, beinahe wirkt es wie eine Obsession. Werner Holzwarth spielt damit ironisch, auch mit den lichten wie düsteren Traditionen der Kulturstadt Weimar. So hing am Ausstellungskatalog zu "Das Böse" ein durchsichtiges Tütchen mit "bösen Samen - für Ihr eigenes Buchenwald". Die Frage, wie er auf das Projekt kam, variierte Holzwarth im Katalog so feinsinnig, dass keine Antwort auch eine Antwort ist:
"Ja, wie kam ich auf DAS BÖSE, wo doch mein Schreibtisch seit zehn Jahren im lieblichen, idyllischen Weimar steht? Dort, wo die Kultur zu Hause ist. Keine Minute von Goethes Frauenplan und keine fünf von seinem Gartenhaus entfernt, zwei vom Haus, in dem Schiller seinen Freiheitshelden Tell erfand und drei vom imposanten Wohnhaus Lucas Cranachs - gleich um die Ecke vom inspirierenden Bauhaus und nur wenige Meter entfernt von der Haltestelle des Busses, der stündlich ins KZ Buchenwald fährt? Ja, wie kam ich nur darauf, 13 Studentinnen und Studenten, Böses, Makabres und pechschwarzen Humor inszenieren, illustrieren und produzieren zu lassen?"
Ende der Durchsage.

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