Von Nora Gantenbrink
Die Karriere von Jörg Teichgräber, 37, begann mit Beharrlichkeit und der möglicherweise unterschätzten Frage: Wie spricht eigentlich ein Brot?
Spricht es mit einer hohen, piepsigen Stimme wie Minni Maus, oder redet es so dumpf und dunkel wie das Krümelmonster?
Ein Brot steht am Ende der Nahrungsmittelkette. Bei den Grundnahrungsmitteln. Im Vergleich zu einem Drei-Gänge-Menü sieht ein Brot trivial aus und wenig aufregend. Es gibt ziemlich gemeine Sprichwörter über Brote. Dumm wie Brot etwa.
"Ein Brot", sagt Jörg Teichgräber und holt Luft, "ein Brot spricht tieeeee-heeef. Und etwas dämlich."
Damals war es so, dass Jörg Teichgräber einmal, zweimal und sogar ein drittes Mal bei Kika anrief, dem neugegründeten Kinderkanal. Sie wimmelten ihn schon am Empfang ab. Sollte er es wirklich noch einmal versuchen? Es ging immerhin um eine Stelle. Das war 1997, Kika brauchte Leute. Es sollte ein tolles Programm entstehen, mit dem ARD und ZDF die Kinder zurücklocken wollten, die damals fast nur noch Privatsender sahen.
Darum suchte man Puppenspieler, und Teichgräber hatte gehört, dass die Rolle eines Brots noch nicht besetzt sei. Er entschloss sich also, es mit einem weiteren Anruf zu versuchen. Er wollte hartnäckig bleiben, er brauchte das Geld. Seine Professorin von der Ernst-Busch-Schule, der Berliner Hochschule für Schauspielkunst, hatte ihm das Fax mit der Stellenausschreibung in die Hand gedrückt, mit den Achseln gezuckt und gesagt: Versuch's doch da mal.
"Sie brauchen ein Brooooooo-hoooooot?"
Jetzt also versuchte er es zum vierten Mal, und dieses Mal, so hatte er es sich vorgenommen, würde er durchkommen. Vollkaracho und verflucht. Eins, zwei, drei, los!
"Ja...?", sagte jemand am anderen Ende der Leitung, und Teichgräber redete und redete, so lange, bis man ihn durchstellte zu einem Programmverantwortlichen. Dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er schaffte, in den Hörer: "Ich habe gehört, Sie brauchen ein Brooooooo-hoooooot?"
"Ja", sagte der Redakteur am Telefon, "wir brauchen jemanden mit einer Stimme wie Ihrer, wann können Sie hier sein?"
"Morgen?"
"Ja!"
Am nächsten Tag fuhr Jörg Teichgräber nach Erfurt, mit der Aussicht auf einen Job als Brot. Er freute sich. Teichgräber aß gern Brot - Vollkorn und Knäcke. "Sie sind doch dieser Puppenspieler, der jung ist und eine tiefe Stimme hat, und das, obwohl er nicht zu viel trinkt?" So begrüßte man ihn.
Wo denn das Brot sei, fragte Teichgräber. Schweigen. Die Puppe vom Brot sei noch nicht fertig, sagte dann einer, da müsse man halt improvisieren. Dann drückten sie ihm eine verfilzte Rattenpuppe in die Hand. Die Ratte, so beschloss man, sollte für heute das Brot sein.
Rauf, runter, das gehört zum Künstlerdasein
Teichgräber sagte, er sei zwar zuvor noch nie beim Fernsehen gewesen, aber er habe sich das doch etwas anders vorgestellt. Aber, na ja, es war halt ein neugegründeter Sender. Außerdem ist eine Abneigung für chaotische Situationen dem Künstlerdasein nicht zuträglich. Er fing an zu spielen. Das Publikum lachte. Und dann sagte einer: "Ja, das ist das Brot!"
Teichgräber bekam den Job und für zehn Jahre ein regelmäßiges Einkommen, ein gutes sogar, das ist in der Puppenspieler-Szene nicht selbstverständlich. Bernd boxte sich durch von der Nebenfigur zum Hauptdarsteller der Sendung. 2004 bekam die Figur gar den Grimme-Preis verliehen. Die Zuschauer liebten das Brot mit den depressiven Zügen. Die Welt um Bernd herum konnte verrücktspielen, Bernd, ewiger Misanthrop, ließ es seufzend geschehen.
Was das Brot am Ende auffraß, war nicht mangelnder Erfolg, sondern die Habgier eines Managers, der Geld veruntreute. Seit diesem Skandal muss der öffentlich-rechtliche Kinderkanal mit sehr viel weniger Budget auskommen. Was zur Folge hat, dass Bernd seitdem nur noch in der Wiederholung läuft.
"Tja", sagt Teichgräber. So etwas gehöre zum Künstlerdasein. Rauf, runter, auf die Achterbahn kommt es an. Weihnachten 2006 ist er ausgewandert, nach Schweden, aufs Land, in die Nähe der Universitätsstadt Lund.
Er sagt, er liebe seinen Beruf, und ohne Liebe gehe es auch gar nicht. "Wenn Sie reich werden wollen - werden Sie kein Puppenspieler!" 1600 Euro brutto verdient man in etwa nach der Ausbildung an der Ernst-Busch-Schule in einem normalen Puppentheater. Eine Familie kann man davon nicht ernähren.
In Schweden können Schüler gratis ins Theater
Seit dem Aus von Bernd dem Brot zieht Teichgräber als Puppenspieler durch schwedische Schulen. Dort steht häufig nachmittags Puppentheater auf dem Programm. Schweden ist überhaupt ein Paradies für Puppen- und Schauspieler: Dort hätten die Bürger, erzählt Teichgräber, eine Art verbrieftes Recht auf Bildung und Kultur. "Schüler können gratis ins Theater." Zuletzt hat Teichgräber "Nils Karlsson-Däumling" aufgeführt, ein Märchen von Astrid Lindgren.
Zudem unterrichtet er an den einzigen beiden Schulen, an denen man in Deutschland Puppenspiel studieren kann: im Figurentheater in Stuttgart und an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. Seine Ausbildung fand Teichgräber gut, man lernt dort Fechten, Akrobatik, Pantomime und hat Sprechtraining.
Der Beruf des Puppenspielers ist wohl, das kommt raus, wenn man Teichgräber länger zuhört, wunderschön und furchtbar zugleich. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübend. Kunterbunt und federleicht. Mit den Händen haucht man seinen Figuren Leben ein. Lässt sie laufen, lachen, tanzen, sprechen, hampeln.
Vermisst er das Brot manchmal?
Ja, sagt Teichgräber.
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