Von Franziska Reif
Die Kettenjobberin: "Wir sind Leiharbeiter"
Nachwuchs? Hat Marion Dubzak längst von ihrer Wunschliste ans Leben gestrichen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hatte in den letzten drei Jahren 14 Hilfskraftverträge, teils parallel, der längste über sechs Monate, darunter auch Stellen mit neun Wochenstunden - wie soll man davon leben? Mitunter gab es für sie nicht einmal einen Büroarbeitsplatz.
Drei der sechs Jahre im vorgesehenen Zeitfenster für die Weiterqualifikation hat das Jobben bereits gefressen. Die (natürlich unbezahlten) Überstunden verhindern fürs Überleben wichtige Zweitjobs, für die Promotion bleibt auch kaum Zeit. Die Arbeit an der Fakultät macht Dubzak Spaß, aber es frustriert sie, dass sie sich unter Wert verkaufen muss. Deshalb spielt sie mit dem Gedanken an einen sicheren Job außerhalb der Wissenschaft nach der Promotion: "30, 40 Stunden, wenn sie denn bezahlt werden, könnten mir endlich finanzielle Sicherheit geben."
Inzwischen finanziert ein Stipendium ihre Dissertation, denn "Promovieren mit vielen kurzfristigen Mini-Stellen ist doch fast unmöglich". Man müsse auch "rumjetten", präsent sein auf Konferenzen, netzwerken in der wissenschaftlichen Community. Den wissenschaftlichen Nachwuchs nennt Dubzak "Leiharbeiter". Ihr fehlt Verständnis dafür, dass so viele sich alles gefallen lassen: "Es ist skandalös, wie die Leute ausgenutzt werden - und dass sie sich bereitwillig ausnutzen lassen, mangels Alternativen oder in der Hoffnung, dass sie irgendwann irgendwas davon haben."
Der Überstundenschieber: Abbummeln? Wie denn?
Gar nicht erst promovieren möchte Kai Rückert: "Ich sehe nicht, dass dieser enorme Aufwand mir was bringen könnte." Dennoch ist der Politologe wissenschaftlich tätig. In einem größeren Forschungsprojekt bereitet er für die Max-Planck-Gesellschaft Tests vor, koordiniert den Versuchsaufbau, übernimmt die Durchführung. Diese Verantwortung und auch der inhaltliche Anspruch existieren allerdings nur inoffiziell. Offiziell ist er Aushilfskraft, der Vertrag ein Werkvertrag, schon das zweite Mal befristet auf ein halbes Jahr.
Vorgesehen sind zehn Arbeitsstunden à zehn Euro brutto pro Woche. Für die Anforderungen des Jobs reicht das nicht, also macht Rückert Überstunden. Die sind an seinem Institut nicht erlaubt, also offiziell auch nicht vorhanden. Seine Chefin sagte lapidar: "Das gleicht sich irgendwann aus." Wann? Steht in den Sternen. Zum Abbummeln wird er bis zum Projektende kaum kommen. Sofern er überhaupt bis dahin bleiben kann.
Wegen der Überstunden kann Rückert auch keinem anderen Job nachgehen, lebt daher vom Gehalt seiner Frau. Trotz allem bewertet er seine Situation nicht nur negativ: "Der Job ist angenehm. Mir gefällt die Verantwortung, auch die Abwechslung in der Arbeit."
Das Mädchen für alle: Bald ist sie weg
Doreen Helm sieht ihre Zukunft ebenfalls nicht in der Wissenschaft: "Ich bin so breit aufgestellt, ich kann in vielen Bereichen unterkommen", sagt die Germanistin mit weiteren Abschlüssen in Kulturwissenschaft und Ethnologie. Nach dem Studium hat sie eine halbe Verwaltungsstelle an einer Philologischen Fakultät angenommen, mit Aufgaben wie Pflege der Homepage und Evaluation der Lehrveranstaltungen.
Der Vertrag läuft noch vier Monate. "Auf Dauer ist die Stelle unattraktiv, weil man letztlich nur Akten abarbeitet und für viel Arbeit wenig Geld bekommt", so Helm. Was ihr richtig auf die Nerven geht: Kollegen, die ihr gegenüber gar nicht weisungsbefugt sind, betrachten sie als ständig verfügbar und übertragen ihr Tätigkeiten wie das Abtippen und Verteilen der Protokolle von Sitzungen im Fachbereich. Bei nichtöffentlichen Sitzungen bewegt sie sich juristisch auf dünnem Eis, weil sie von Dingen Kenntnis erhält, die sie gar nicht wissen darf.
Die Chefin ist froh, dass die Arbeiten erledigt werden, die Kollegen, die sich so gern als Chefs gebärden, sehen kein Problem. Helm zweifelt, ob es "Sinn hat, dieses Verhalten abstellen zu wollen. Spätestens in einem halben Jahr sitzt ja jemand anders auf der Stelle."
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