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Wissenschaft prekär Kettenjobber, Leiharbeiter, Forschungsknechte

Junge Forscherin: Bei der akademischen Karriere ist Leidensfähigkeit gefragt Zur Großansicht
Corbis

Junge Forscherin: Bei der akademischen Karriere ist Leidensfähigkeit gefragt

2. Teil: Die Kettenjobberin, der Überstundenschieber, das Mädchen für alle: Unattraktive Stellen, unklare Aussichten

Die Kettenjobberin: "Wir sind Leiharbeiter"

Nachwuchs? Hat Marion Dubzak längst von ihrer Wunschliste ans Leben gestrichen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hatte in den letzten drei Jahren 14 Hilfskraftverträge, teils parallel, der längste über sechs Monate, darunter auch Stellen mit neun Wochenstunden - wie soll man davon leben? Mitunter gab es für sie nicht einmal einen Büroarbeitsplatz.

Drei der sechs Jahre im vorgesehenen Zeitfenster für die Weiterqualifikation hat das Jobben bereits gefressen. Die (natürlich unbezahlten) Überstunden verhindern fürs Überleben wichtige Zweitjobs, für die Promotion bleibt auch kaum Zeit. Die Arbeit an der Fakultät macht Dubzak Spaß, aber es frustriert sie, dass sie sich unter Wert verkaufen muss. Deshalb spielt sie mit dem Gedanken an einen sicheren Job außerhalb der Wissenschaft nach der Promotion: "30, 40 Stunden, wenn sie denn bezahlt werden, könnten mir endlich finanzielle Sicherheit geben."

Inzwischen finanziert ein Stipendium ihre Dissertation, denn "Promovieren mit vielen kurzfristigen Mini-Stellen ist doch fast unmöglich". Man müsse auch "rumjetten", präsent sein auf Konferenzen, netzwerken in der wissenschaftlichen Community. Den wissenschaftlichen Nachwuchs nennt Dubzak "Leiharbeiter". Ihr fehlt Verständnis dafür, dass so viele sich alles gefallen lassen: "Es ist skandalös, wie die Leute ausgenutzt werden - und dass sie sich bereitwillig ausnutzen lassen, mangels Alternativen oder in der Hoffnung, dass sie irgendwann irgendwas davon haben."

Der Überstundenschieber: Abbummeln? Wie denn?

Gar nicht erst promovieren möchte Kai Rückert: "Ich sehe nicht, dass dieser enorme Aufwand mir was bringen könnte." Dennoch ist der Politologe wissenschaftlich tätig. In einem größeren Forschungsprojekt bereitet er für die Max-Planck-Gesellschaft Tests vor, koordiniert den Versuchsaufbau, übernimmt die Durchführung. Diese Verantwortung und auch der inhaltliche Anspruch existieren allerdings nur inoffiziell. Offiziell ist er Aushilfskraft, der Vertrag ein Werkvertrag, schon das zweite Mal befristet auf ein halbes Jahr.

Vorgesehen sind zehn Arbeitsstunden à zehn Euro brutto pro Woche. Für die Anforderungen des Jobs reicht das nicht, also macht Rückert Überstunden. Die sind an seinem Institut nicht erlaubt, also offiziell auch nicht vorhanden. Seine Chefin sagte lapidar: "Das gleicht sich irgendwann aus." Wann? Steht in den Sternen. Zum Abbummeln wird er bis zum Projektende kaum kommen. Sofern er überhaupt bis dahin bleiben kann.

Wegen der Überstunden kann Rückert auch keinem anderen Job nachgehen, lebt daher vom Gehalt seiner Frau. Trotz allem bewertet er seine Situation nicht nur negativ: "Der Job ist angenehm. Mir gefällt die Verantwortung, auch die Abwechslung in der Arbeit."

Das Mädchen für alle: Bald ist sie weg

Doreen Helm sieht ihre Zukunft ebenfalls nicht in der Wissenschaft: "Ich bin so breit aufgestellt, ich kann in vielen Bereichen unterkommen", sagt die Germanistin mit weiteren Abschlüssen in Kulturwissenschaft und Ethnologie. Nach dem Studium hat sie eine halbe Verwaltungsstelle an einer Philologischen Fakultät angenommen, mit Aufgaben wie Pflege der Homepage und Evaluation der Lehrveranstaltungen.

Der Vertrag läuft noch vier Monate. "Auf Dauer ist die Stelle unattraktiv, weil man letztlich nur Akten abarbeitet und für viel Arbeit wenig Geld bekommt", so Helm. Was ihr richtig auf die Nerven geht: Kollegen, die ihr gegenüber gar nicht weisungsbefugt sind, betrachten sie als ständig verfügbar und übertragen ihr Tätigkeiten wie das Abtippen und Verteilen der Protokolle von Sitzungen im Fachbereich. Bei nichtöffentlichen Sitzungen bewegt sie sich juristisch auf dünnem Eis, weil sie von Dingen Kenntnis erhält, die sie gar nicht wissen darf.

Die Chefin ist froh, dass die Arbeiten erledigt werden, die Kollegen, die sich so gern als Chefs gebärden, sehen kein Problem. Helm zweifelt, ob es "Sinn hat, dieses Verhalten abstellen zu wollen. Spätestens in einem halben Jahr sitzt ja jemand anders auf der Stelle."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Franziska Reif (Jahrgang 1980) ist freie Journalistin in Leipzig.

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Lasst uns die Situation verbessern!
spon-1286106177809 29.05.2012
Gerade versucht die Promovierenden-Initiative die Situation für Promovierende zu verbessern. Unter www.promostatus-jetzt.de findet ihr einen Offenen Brief an die Landesregierungen mit Unterschriftenliste. Wir haben bis jetzt schon mehr als 2400 Unterschriften gesammelt und die Liste wächst stetig. Unterschreibt, wenn sich was ändern soll :) A.Hartmann (www.promovierenden-initiative.de) PS:Die Süddeutsche hat bereits darüber berichtet:http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/547652/Es-muss-eine-klare-Zuordnung-geben
2. Kommt mir irgendwie bekannt vor
roastbeef 29.05.2012
Ja genauso siehts aus, die 6 Beispiele im Artikel beschreiben sehr schön, wie es wirklich aussieht. Der Wissenschaftssektor in Deutschland geht den Bach hinunter, denn bald werden auch die letzten unbefristeten Assistentenstellen ausgelaufen sein und neben den Professoren nur noch extrem schlecht bezahlte, überstundenschrubbende und befristete Doktoranden und Hiwis die Kernarbeit machen. Daß es da keine Gewerkschaft gibt, die gegen diese extremen Mißstände angeht, bleibt schleierhaft. Gute Nacht Forschungsstandort Deutschland!
3. Ich dachte
inqui 29.05.2012
Zitat von sysopCorbisExamen, Promotion, Weiterqualifizierung - so beginnt eine akademische Karriere. Im Idealfall. Wer in der Welt der Wissenschaft Fuß fassen will, muss oft jahrelang die Zähne zusammenbeißen. Sechs junge Uni-Arbeiter erzählen, welche Strapazen und Ungerechtigkeiten sie erdulden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,835467,00.html
wir haben Fachkräftemangel die man jetzt mühsam Importieren muß
4. Ach nee...
ginfizz53 29.05.2012
Zitat von sysopCorbisExamen, Promotion, Weiterqualifizierung - so beginnt eine akademische Karriere. Im Idealfall. Wer in der Welt der Wissenschaft Fuß fassen will, muss oft jahrelang die Zähne zusammenbeißen. Sechs junge Uni-Arbeiter erzählen, welche Strapazen und Ungerechtigkeiten sie erdulden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,835467,00.html
...für den Rest der Bevölkerung ist es das aber? Das nenne ich Jammern auf Himalaya-Niveau! Gegen die Ausbeutung hilft nur eins: Kündigen! Die Ausbeutung ist dann - nachweisbar! - sofort beendet, womit beiden Seiten gedient wäre... Eine Win-Win-Situation...
5. Akademikerproletariat
Andreas Rolfes 29.05.2012
Zitat von roastbeefJa genauso siehts aus, die 6 Beispiele im Artikel beschreiben sehr schön, wie es wirklich aussieht. Der Wissenschaftssektor in Deutschland geht den Bach hinunter, denn bald werden auch die letzten unbefristeten Assistentenstellen ausgelaufen sein und neben den Professoren nur noch extrem schlecht bezahlte, überstundenschrubbende und befristete Doktoranden und Hiwis die Kernarbeit machen. Daß es da keine Gewerkschaft gibt, die gegen diese extremen Mißstände angeht, bleibt schleierhaft. Gute Nacht Forschungsstandort Deutschland!
Gewerkschaft der ausgebeuteten Akademiker? Die heutigen Akademiker sollten sich mal fragen, wieso sie zusehends zum "Akademikerproletariat" verkommen und zu solchen Bedingungen arbeiten müssen: Angebot und Nachfrage. Es gibt genug davon. Vielleicht sollte man wieder höhere Standards an das Abitur anlegen...
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Seit 2002 gibt es das so genannte Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG). Es sieht vor, dass Hochschulen und Forschungsorganisationen Wissenschaftler für sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion befristet anstellen dürfen. In der Praxis läuft es also auf eine Gesamtzeit von maximal zwölf Jahren (für Mediziner sind es 15 Jahre) hinaus. Wer in dieser Zeit nicht den Sprung auf eine Professur oder eine andere extrem rare unbefristete Stelle geschafft hat, muss schlicht und einfach gehen. 2007 wurde das Gesetz nachgebessert. Seitdem können Wissenschaftler auch nach den zwölf Jahren befristet weiterbeschäftigt werden, wenn ihre Stelle hauptsächlich über Drittmittel finanziert wird. Für die Betreuung von Kindern wurde zudem die Befristungsdauer um zwei Jahre je Kind verlängert.
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