Studienabbrecher Die ohne Uni-Stempel
Ein Studienabbruch muss keineswegs das Ende aller beruflichen Träume bedeuten. Aber ihre Entscheidung sollten Uni-Deserteure gut erklären können, oft kämpfen sie um Anerkennung. Auch wenn sie im Job sehr erfolgreich sind: Ein kleiner Stachel bleibt.
Nach zwölf Semestern Jura-Studium hat Philipp, 30, konkret in der Hand: das Abi und den Führerschein. Das letzte Examen hat er nicht bestanden. Auf dem Papier ist der Hamburger ein Studienabbrecher, wie Zigtausende junge Menschen in Deutschland, deren individuelle Schicksale unterschiedlicher nicht sein können. Hochschulwechsel, Umorientierung, private Probleme, Überforderung - viele Gründe können zur Abbruchentscheidung beitragen. Bei Philipp kam einiges zusammen.
Für ihn war die Zeit nach der Uni eine Selbstfindungsphase: ein Praktikum am Theater, Arbeit in einer Gärtnerei, im Call Center, als Schwimmlehrer. Die meisten Abbrecher müssen erst herausfinden, was ihnen liegt. Seit zwei Jahren ist Philipp Sozialarbeiter und studiert nebenher Wirtschaftsrecht an der Fernuni - "eigentlich nur, damit nicht alles umsonst war". Schadensbegrenzung also, das Interesse war geschwunden.
Philipp hat mit dem nicht abgeschlossenen Studium seinen Frieden geschlossen. Und doch bleibt da ein kleiner Stachel. Deshalb mag er seinen vollen Namen hier auch nicht lesen; "in der Gesellschaft ist das noch immer eine bescheuerte Sache". Selbst wenn er bei seiner Arbeitsstelle nur eine Stufe aufsteigen wollte, bräuchte er einen Hochschulabschluss. Philipp zuckt mit den Schultern: "Die Abschlussgläubigkeit ist in Deutschland einfach sehr hoch."
Fachwissen plus Lebenserfahrung
Die Beratungsseite Studienabbrecher.com, 2001 von zwei Studenten gegründet, richtet sich vor allem an Studenten höherer Semestern, die den Sinn des Studiums nicht mehr sehen - oder wie Philipp aufgeben müssen, weil sie die letzten Prüfungen nicht geschafft haben. Abbrecher können Profile anlegen und Kompetenzen eintragen, die sie inner- und außerhalb des Studiums erworben haben. Und Unternehmen, Verbände oder Handwerkskammern können hier Arbeitskräfte finden, die sonst durchs Raster fallen.
Die genaue Abbrecherzahl in Deutschland ist schwer zu bestimmen, weil etwa Hochschulwechsel kaum erfasst werden können. Das Hochschul-Informations-System (HIS) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Die letzte Auswertung zeigt: Allein von den rund 100.000 deutschen Studenten, die 2007 ein universitäres Bachelorstudium begonnen haben, ließ gut ein Drittel den Abschluss sausen.
"Im Bildungsministerium und an den Unis heißt es immer: Ja, da gibt es ein Problem", sagt Sören Funk von Studienabbrecher.com. "Wirklich verantwortlich fühlt sich aber niemand." In Deutschland gebe es kaum Möglichkeiten, sich die Leistungen aus dem Studium anrechnen und als Kompetenz werten zu lassen. Dabei seien Studienabbrecher für den Arbeitsmarkt interessant: "Sie haben Fachwissen und Lebenserfahrung", so Funk. "Im Hinblick auf den Fachkräftemangel in Deutschland muss man umdenken: Deutschland hat eine Menge qualifiziertes Personal. Nur fehlt ihnen der Abschluss." Bei vielen etablierten Unternehmen gelte immer noch der Grundsatz: Wer es sich leisten kann, nimmt einen "Abschlussler".
Selbst die Eltern wissen nichts vom Abbruch
Das bestätigt Katrin Schröder, Recruiterin bei der BMW Group: "Ein Studienabschluss steht zum einen für eine gewisse fachliche Kompetenz, zum anderen beweist er auch, dass der Bewerber eine Sache durchziehen und mit der Herausforderung einer Prüfung umgehen kann." Den Studienabbruch an sich sehe sie per se nicht als Nachteil. Bei einer Bewerbung zur Berufsausbildung etwa könnten im Studium erworbene Kenntnisse genauso ein Plus sein wie ein Praktikum oder andere Soft- und Hard Skills.
Gelingen und Scheitern
Kaiser Wilhelm II tat es, Mick Jagger auch, Günther Jauch und Til Schweiger taten es sogar zweimal - sie haben das Studium sausen lassen. In SPIEGEL JOB gibt es ein Quartettspiel mit Promi-Abbrechern, Teil eines Schwerpunktes über Gelingen und Scheitern: was im Berufsleben alles glücken oder grotesk misslingen kann, wie man sich nach einer Niederlage wieder aufrappelt.
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Selbst seine Eltern, beide Akademiker, wissen nichts vom Studienabbruch. "Für die wäre das schlimm", sagt Jan - und ärgert sich ein wenig über sich selbst. Eigentlich müsse er da drüber stehen, schließlich sei er gut in seinem Job und verdiene sogar mehr als viele andere. "Aber wenn ich an meine Eltern denke, fühle ich mich schlecht."
Jan hat ein paar Semester Wirtschaftsingenieurwesen studiert, war aber selten in der Uni. Dann schmiss er das Studium und begann eine Ausbildung zum Fachinformatiker, unter der Bedingung, nebenher per Fernuni Informatik zu studieren. "Sechs Semester lang, 120 Creditpoints, irgendwann habe ich mich exmatrikuliert", sagt er. Spaß machte ihm das Studium nicht, besonders gut war er auch nicht, vor allem aber sah er kaum Zusammenhänge mit dem tatsächlichen Beruf des Webentwicklers. "Die meisten Kurse dort waren schlicht nicht relevant."
Kein Stempel für Begeisterungsfähigkeit
Er machte sich selbständig und gründete die Firma zusammen mit seinem Sandkastenfreund Marc. Der wusste damals nicht, dass sein Partner keinen Abschluss hat. "Am Anfang musste ich ganz schön schlucken", sagt Marc. "Ich dachte: Wie sieht das denn für die Auftraggeber aus? Aber mittlerweile ist mir das total egal." Denn Jan zieht den Großteil der Projekte an Land: "Er hat eine Fähigkeit, andere Leute für eine Sache zu begeistern. Das ist Wahnsinn. Nur leider gibt es dafür keinen Stempel von der Uni."
Wird Jan nach seinem Abschluss gefragt, sagt er ausweichend: "Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert." Manchmal aber kommen Projekte nicht zustande, weil Auftraggeber seinen Lebenslauf checken. "Dann heißt es: 'Oh, Sie haben gar nicht studiert. Da stellen wir uns was anderes vor!' Das passiert selbst, wenn sie vorher sehr großes Interesse hatten und die Meetings super liefen."
Das größte Problem sei, dass man in Deutschland immer Erfolge nachweisen müsse. "Wenn man mal etwas in den Sand setzt, ist man sofort gebrandmarkt als Versager", sagt Jan. In den USA sei das anders: "Die Pay-Pal-Macher zum Beispiel haben vorher zwei Gründungen versucht, beides hat nicht geklappt. Sie sammelten mit den Niederlagen Erfahrungen, schließlich funktionierte es mit Pay Pal."
Jan springt auf. Es ist Samstagnachmittag, er muss noch einen neuen Mitarbeiter einlernen. Er kommt immer als erster ins Büro, geht als letzter. Eine 60-Stunden-Woche. Es scheint, als wolle er allen damit beweisen, dass er es kann. Auch ohne Abschluss. Vielleicht sogar viel besser als die mit Uni-Stempel.
- KarriereSPIEGEL-Autorin Fabienne Hurst (Jahrgang 1987) ist freie Journalistin in Hamburg. Zuvor hat sie Medienwissenschaften studiert und eine Ausbildung zur Videojournalistin an einer Journalistenschule in Straßburg absolviert.

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