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22. Juli 2012, 09:23 Uhr

Ausbildung zum Yoga-Lehrer

Crashkurs in Erleuchtung

Von Joachim Becker

"Ihr seid unsterbliche Wonne!" Wer sich zum Yoga-Lehrer ausbilden lässt, wird sehr gefühlig angesprochen. Dabei zählen durchaus harte Fakten: 800 bis 1000 Aspiranten bildet die Schule Yoga Vidya jedes Jahr aus. Ein Besuch in Europas größter Kopfstand-Fabrik.

Im Fernsehen läuft eines der wichtigsten Fußballspiele des Jahres - und die Gruppe singt "Hare Krishna". Bei Yoga Vidya im westfälischen Bad Meinberg ist "bunter Abend" - ein geselliges Programm zum gegenseitigen Kennenlernen. Ooom statt Glotze. Aber nach einer Woche Ausbildung kann die Aspiranten, so heißen hier die angehenden Yoga-Lehrer, so schnell nichts mehr erschüttern.

Jeden Morgen um 5:30 Uhr klingelt der Wecker. Statt Frühstück gibt es gemeinsames Singen von Mantras, heiligen Texten, die zur Erleuchtung führen sollen. Auf dem Podium im Yoga-Raum sitzt Narendra, Ex-Balletttänzer und Ausbildungsleiter, und haut in die Tasten des Harmoniums. Ihm zu Füßen die Teilnehmer, zwischen 20 und 60 Jahren, die brav jeden Morgen antrotten, um sich vom "Türengel" auf der Anwesenheitsliste abhaken zu lassen. Es gilt Anwesenheitspflicht - die Krankenkassen schreiben eine Mindestanzahl an Stunden vor, bevor sie jemanden als Yoga-Lehrer anerkennen.

"Ihr seid unsterbliche Wonne", schallt es wenig später durch den Raum. Atman Shanti nennt sich die dürre Punk-Yogini mit dem kahlrasierten Schädel, die für die Leibesübungen (Asanas) zuständig ist. Sehr biegsam, sehr schrill. "Lasst Euch von der kosmischen Energie durchströmen", ruft sie. "Öffnet Eure Herzen!" Yoga als Gottesdienst.

"Ein bisschen wie Gehirnwäsche"

Hier, in dem deutschen Zentrum der Yoga-Vidya-Schulen, werden aus Krankenschwestern, Anwälten oder Erzieherinnen 800 bis 1000 neue Yoga-Lehrer pro Jahr - eine riesige Yogi-Fabrik, die größte in Europa. "Yoga-Lehrer ist einer der zukunftsträchtigsten Berufe in Deutschland", sagt Sukadev. "Reiner Materialismus stellt die Menschen nicht mehr zufrieden."

11 Uhr, Mittagspause. Am strikt yogischen Buffet von - laut Eigenwerbung - "Deutschlands größter Bio-zertifizierter Küche" bilden sich lange Schlangen. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier. Kaffee und Alkohol sind natürlich auch tabu. 45 Minuten der zweistündigen Pause sind dem Dienst an der Gemeinschaft gewidmet - Karma Yoga. Das macht nicht alle glücklich. Walter, der am Bodensee eine Praxis für Gesundheit betreibt, soll seine Schicht im "Homa"-Raum absolvieren: heiliges Geschirr putzen und den in Glas gerahmten Meistern nach den Feuerzeremonien die Asche wieder von der Stirn wischen. Ausgerechnet er, der wegen solcher Rituale aus der Kirche ausgetreten ist. Schließlich findet sich für ihn noch eine andere Aufgabe.

Es ist eine eigenwillige Mischung aus Mittelalter und Moderne. Neueste Erkenntnisse aus Biochemie und Stressforschung, daneben Feuerrituale, Opferkult und mystische Beschwörungsformeln. Gottesverehrungen wie "Homa" und "Puja" gelten als spirituelle Höhepunkte der Ausbildung, zelebriert vom Gründer Volker Bretz, genannt Sukadev ("Engel der Wonne"). "Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach solchen Mythen und Ritualen", sagt der 49-Jährige.

Auch wenn er anfangs belächelt wurde - der Erfolg scheint ihm recht zu geben. 1992, nach zehn Lehrjahren in New York und Kanada bei dem bekannten Yogi Swami Vishnu-Devananda, gründete der Deutsche das erste Yoga-Vidya-Center in Frankfurt - und leitet mittlerweile die größte Yoga-Bewegung Europas. Eine halbe Million Menschen übt bereits nach seinem System. Und mit 80 Yoga-Vidya-Centern in Deutschland hat er sein Ziel fast erreicht: Niemand soll länger als 30 Minuten unterwegs sein müssen, um in einer seiner Schulen unterrichtet zu werden.

12 Stunden täglich, 4 Wochen lang - vielen ist das zu anstrengend

Hauptquartier ist seit 2003 ein siebenstöckiges ehemaliges Klinikgebäude in Bad Meinberg am Rande des Teutoburger Walds. Die campusähnliche Anlage ist so groß, dass mache Mitarbeiter in den Fluren mit dem Skateboard unterwegs sind. Überall hängen Fotos von Altmeister Sivananda, jede Yoga-Stunde schließt mit dem Dank an den Meister. "Ein bisschen ist das hier schon wie Gehirnwäsche", sagt Daricha, der in dieser Woche die Anatomie-Vorlesung hält. Ein Ausdruck, den sein Chef nicht gern hört. "Wenn der Mensch nach etwas Höherem strebt, dann will er auch ein Ideal haben, das dafür steht", sagt Sukadev.

Lehrerausbildung bei Yoga Vidya bedeutet jeden Tag zwölf Stunden Unterricht. Einige Teilnehmer haben nur eine Woche gebucht, andere zwei. Vier Wochen am Stück - so lange dauert die Ausbildung insgesamt - ist vielen zu anstrengend. Auch wollen nicht alle hier künftig ihren Lebensunterhalt mit Yoga-Stunden bestreiten, sondern einfach nur ihr Hobby weiter vertiefen. Denen ist die volle Ausbildungsgebühr zu viel: 2796 Euro, inklusive Verpflegung und Einzelzimmer.

Nach vier Wochen und 400 Unterrichtseinheiten, drei Lehrproben und einem schriftlichen Test kriegen die Aspiranten ihr "drittes Auge" aus Asche auf die Stirn gedrückt. Zeichen ihrer erwachten Intuition und ihres neuen Yoga-Lehrer-Status. Schmalspurausbildung nennen Kritiker das. Ein Baustein in einem System, das seinesgleichen in Europa sucht, sagt Sukadev.

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