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Ausbildung zum Yoga-Lehrer Crashkurs in Erleuchtung

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Yoga Vidya

"Ihr seid unsterbliche Wonne!" Wer sich zum Yoga-Lehrer ausbilden lässt, wird sehr gefühlig angesprochen. Dabei zählen durchaus harte Fakten: 800 bis 1000 Aspiranten bildet die Schule Yoga Vidya jedes Jahr aus. Ein Besuch in Europas größter Kopfstand-Fabrik.

Im Fernsehen läuft eines der wichtigsten Fußballspiele des Jahres - und die Gruppe singt "Hare Krishna". Bei Yoga Vidya im westfälischen Bad Meinberg ist "bunter Abend" - ein geselliges Programm zum gegenseitigen Kennenlernen. Ooom statt Glotze. Aber nach einer Woche Ausbildung kann die Aspiranten, so heißen hier die angehenden Yoga-Lehrer, so schnell nichts mehr erschüttern.

Jeden Morgen um 5:30 Uhr klingelt der Wecker. Statt Frühstück gibt es gemeinsames Singen von Mantras, heiligen Texten, die zur Erleuchtung führen sollen. Auf dem Podium im Yoga-Raum sitzt Narendra, Ex-Balletttänzer und Ausbildungsleiter, und haut in die Tasten des Harmoniums. Ihm zu Füßen die Teilnehmer, zwischen 20 und 60 Jahren, die brav jeden Morgen antrotten, um sich vom "Türengel" auf der Anwesenheitsliste abhaken zu lassen. Es gilt Anwesenheitspflicht - die Krankenkassen schreiben eine Mindestanzahl an Stunden vor, bevor sie jemanden als Yoga-Lehrer anerkennen.

"Ihr seid unsterbliche Wonne", schallt es wenig später durch den Raum. Atman Shanti nennt sich die dürre Punk-Yogini mit dem kahlrasierten Schädel, die für die Leibesübungen (Asanas) zuständig ist. Sehr biegsam, sehr schrill. "Lasst Euch von der kosmischen Energie durchströmen", ruft sie. "Öffnet Eure Herzen!" Yoga als Gottesdienst.

"Ein bisschen wie Gehirnwäsche"

Hier, in dem deutschen Zentrum der Yoga-Vidya-Schulen, werden aus Krankenschwestern, Anwälten oder Erzieherinnen 800 bis 1000 neue Yoga-Lehrer pro Jahr - eine riesige Yogi-Fabrik, die größte in Europa. "Yoga-Lehrer ist einer der zukunftsträchtigsten Berufe in Deutschland", sagt Sukadev. "Reiner Materialismus stellt die Menschen nicht mehr zufrieden."

11 Uhr, Mittagspause. Am strikt yogischen Buffet von - laut Eigenwerbung - "Deutschlands größter Bio-zertifizierter Küche" bilden sich lange Schlangen. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier. Kaffee und Alkohol sind natürlich auch tabu. 45 Minuten der zweistündigen Pause sind dem Dienst an der Gemeinschaft gewidmet - Karma Yoga. Das macht nicht alle glücklich. Walter, der am Bodensee eine Praxis für Gesundheit betreibt, soll seine Schicht im "Homa"-Raum absolvieren: heiliges Geschirr putzen und den in Glas gerahmten Meistern nach den Feuerzeremonien die Asche wieder von der Stirn wischen. Ausgerechnet er, der wegen solcher Rituale aus der Kirche ausgetreten ist. Schließlich findet sich für ihn noch eine andere Aufgabe.

Es ist eine eigenwillige Mischung aus Mittelalter und Moderne. Neueste Erkenntnisse aus Biochemie und Stressforschung, daneben Feuerrituale, Opferkult und mystische Beschwörungsformeln. Gottesverehrungen wie "Homa" und "Puja" gelten als spirituelle Höhepunkte der Ausbildung, zelebriert vom Gründer Volker Bretz, genannt Sukadev ("Engel der Wonne"). "Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach solchen Mythen und Ritualen", sagt der 49-Jährige.

Auch wenn er anfangs belächelt wurde - der Erfolg scheint ihm recht zu geben. 1992, nach zehn Lehrjahren in New York und Kanada bei dem bekannten Yogi Swami Vishnu-Devananda, gründete der Deutsche das erste Yoga-Vidya-Center in Frankfurt - und leitet mittlerweile die größte Yoga-Bewegung Europas. Eine halbe Million Menschen übt bereits nach seinem System. Und mit 80 Yoga-Vidya-Centern in Deutschland hat er sein Ziel fast erreicht: Niemand soll länger als 30 Minuten unterwegs sein müssen, um in einer seiner Schulen unterrichtet zu werden.

12 Stunden täglich, 4 Wochen lang - vielen ist das zu anstrengend

Hauptquartier ist seit 2003 ein siebenstöckiges ehemaliges Klinikgebäude in Bad Meinberg am Rande des Teutoburger Walds. Die campusähnliche Anlage ist so groß, dass mache Mitarbeiter in den Fluren mit dem Skateboard unterwegs sind. Überall hängen Fotos von Altmeister Sivananda, jede Yoga-Stunde schließt mit dem Dank an den Meister. "Ein bisschen ist das hier schon wie Gehirnwäsche", sagt Daricha, der in dieser Woche die Anatomie-Vorlesung hält. Ein Ausdruck, den sein Chef nicht gern hört. "Wenn der Mensch nach etwas Höherem strebt, dann will er auch ein Ideal haben, das dafür steht", sagt Sukadev.

Lehrerausbildung bei Yoga Vidya bedeutet jeden Tag zwölf Stunden Unterricht. Einige Teilnehmer haben nur eine Woche gebucht, andere zwei. Vier Wochen am Stück - so lange dauert die Ausbildung insgesamt - ist vielen zu anstrengend. Auch wollen nicht alle hier künftig ihren Lebensunterhalt mit Yoga-Stunden bestreiten, sondern einfach nur ihr Hobby weiter vertiefen. Denen ist die volle Ausbildungsgebühr zu viel: 2796 Euro, inklusive Verpflegung und Einzelzimmer.

Nach vier Wochen und 400 Unterrichtseinheiten, drei Lehrproben und einem schriftlichen Test kriegen die Aspiranten ihr "drittes Auge" aus Asche auf die Stirn gedrückt. Zeichen ihrer erwachten Intuition und ihres neuen Yoga-Lehrer-Status. Schmalspurausbildung nennen Kritiker das. Ein Baustein in einem System, das seinesgleichen in Europa sucht, sagt Sukadev.

  • Joachim Becker (Jahrgang 1959) arbeitet als freier Journalist und Yoga-Lehrer in Dresden.

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Kosten
mayazi 22.07.2012
Der Autor vergisst zu erwähnen, dass es auch deutlich preiswertere Alternativen zum Einzelzimmer gibt. Den Schlafsaal (6-8 Leute) für knapp 1800€, oder das Mehrbettzimmer (4 Leute, eigenes Bad) für 2100€. In den Stadtzentren werden auch zwei- und dreijährige Ausbildungen angeboten.
2. Ein guter Start
SysCrit 22.07.2012
Ich habe die Sivananda-Yogalehrerausbildung auch gemacht, wenngleich nicht in Bad Meinberg sondern in Indien. Ich kann sie jedem empfehlen, der/die sich selber und damit auch seinen Mitmenschen ernsthaft näherkommen will. Viel hat mich an meine Wehrdienstzeit erinnert, wenngleich in einer positiv geläuterten, von Krieg und Zerstörung zu Miteinander und Mitgefühl verwandelten Weise. Dass das möglich ist, sieht man während der vier Wochen. Allein deswegen lohnt es sich. Durchhalten, nicht für einen höheren Zweck, für Deutschland oder für Vishnu und Shiva, sondern für mich, ich mache die Yogaübungen, den Kopfstand, ich putze die Toilette. Wer ich bin, oder auch sein kann sehe ich hier deutlicher als im sonstigen Alltag. Dort wird mir von aussen ein Ich verkauft. Hier kann ich etwas von mir finden, das jenseits von 'durchhalten' liegt. Dazu braucht es kein Sivananda-Yoga, es gibt viele Wege dorthin. Für mich war dieser erfolgreich als eine Art Vier-Wochen-Aldi-Schnellform. Qualität zu fairem Preis.
3. Yoga ist kein Sport
sinnestraum 22.07.2012
Die Ausbildung bei Yoga Vidya ist wirklich gut. Ich fand sei umfassend und zeitgemäß. Als bereichernd empfand ich es, dass vor allem auch die philosphischen Aspekte des Yoga nicht zu kurz kam und das es neben dem Hatha Yoga halt auch noch andere Wege zur Beweußtseinsentwicklung gibt. Yoga sollte nicht als Sport betrachtet werden, der Inhalt des Video zu diesem Artikel hat meines Erachtens nichts mit Yoga zu tun.
4.
Persiflist 22.07.2012
Yoga ... eine auf die physische Erleuchtung hinarbeitende Sekte, also quasi Scientology mit Franchising...
5.
h.hass 22.07.2012
Wenn einem der reine Materialismus nicht mehr zusagt, macht man also einen Yoga-Kurs zu 2800 Tacken für 4 Wochen. Und wenn man aus der Kirche ausgetreten ist, putzt man jetzt lieber "heiliges Geschirr" und huldigt den großen heiligen Yoga-Meistern. Erleuchtung ist bei dem Preis natürlich inklusive... Vielleicht hätte man doch lieber keinen Yoga-Lehrer schicken sollen, um den Artikel zu schreiben, sondern jemanden, der einen sehr viel kritischeren Blick auf dieses System hat, das "seinesgleichen sucht". Das ganze ist doch offensichtlich nur ein gur geöltes System zur Gewinnmaximierung für Herrn Sukadev, der sich wahrscheinlich jeden Abend totlacht, wenn er seine Kontoauszüge sieht und an die solventen Gutgläubigen und Naiven denkt, die mit ihrer Kohle die Maschinerie am Laufen halten.
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    Um von den Krankenkassen anerkannt zu werden, müssen Yoga-Lehrer mindestens 500 Unterrichtsstunden genommen haben. Außerdem brauchen sie in der Regel eine Berufsausbildung im medizinischen oder sozialen Bereich.

    Die Verdienstmöglichkeiten für Yoga-Lehrer variieren erheblich: Die Spanne reicht von 20 bis 60 Euro pro Stunde.

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Hatha-Yoga
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Beim Ashtanga-Yoga handelt es sich um eine sehr kraftvolle Unterform des Hatha-Yogas. Die Bewegungen und Atmungen erfolgen in einer genau definierten Reihenfolge und werden mit philosophischen und meditativen Traditionen verbunden. Beim Ashtanga-Yoga können die Teilnehmer ihre Kondition trainieren, ohne auf die spirituelle Komponente verzichten zu müssen.
Power-Yoga / Dynamic-Yoga
Hierbei handelt es sich um die dynamischsten der Yoga-Formen, beide sind aus dem Ashtanga-Stil entstanden. Die Schüler wechseln im Stehen, Sitzen oder Liegen fließend zwischen den einzelnen Position, begleitet wird das Training von tiefen Atemübungen. Die Yoga-Art wird häufig in Fitnessstudios und Sportvereinen angeboten und eignet sich besonders für alle, die Yoga eher als Workout sehen und Kondition, Muskeln und Kraft aufbauen wollen.
Iyengar-Yoga
Beim Iyengar-Yoga steht die genaue Ausführung der einzelnen Positionen im Vordergrund, häufig arbeiten die Lehrer mit Hilfsmitteln wie Decken, Blöcken und Gurten. Der Stil eignet sich besonders für Einsteiger und Personen mit Vorerkrankungen: Die Hilfsmittel erleichtern die Übungen, die Yoga-Schüler verbessern ihr Körpergefühl und können durch die präzise ausgeführten Haltungen zum Beispiel Rückenleiden therapieren.
Kundalini-Yoga
Das Kundalini-Yoga vereint Körperübungen mit Entspannungstechniken, Mantragesängen und Meditation und gilt als eher spirituelle Yoga-Variante. Ziel ist es, mit Hilfe der Haltungen und der Atmung Energie im Körper zu aktivieren und zum Fließen zu bringen. Wer sich für Kundalini-Yoga entscheidet, sollte für Spiritualiät offen sein und sich für Atemtechniken interessieren.
Bikram-Yoga
Die Besonderheit des Bikram-Yogas ist die Hitze: Lehrer und Schüler absolvieren in einem 38 bis 40 Grad warmen Übungsraum eine festgelegte Serie von 26 Übungen. Die Hitze soll Muskeln und Sehnen geschmeidig machen, das Schwitzen soll den Körper entgiften. Bikram-Yoga eignet sich somit für alle, die Hitze vertragen und bei denen der sportliche Aspekt des Yogas im Vordergrund stehen soll. Aber Vorsicht: Wer Kreislaufprobleme hat, sollte sich lieber einen anderen Stil suchen!
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Jivamukti-Yoga ist ein neuer Trend aus den USA und hat die Befreiung der Seele zum Ziel. Die typischen Yoga-Positionen werden mit Musik begleitet, daneben singen die Yoga-Schüler mit ihren Lehrern Sanskrit-Texte. Der Yoga-Lehrer korrigiert die Positionen seiner Schüler aktiv.
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