Berufsunfähigkeit Wenn die Dynamik-Klausel zwickt

Die einen halten es für wichtig, die anderen nennen es ein Muss: Selten sind sich Verbraucherschützer und Versicherer so einig wie beim Schutz vor Berufsunfähigkeit. Trotzdem verzichten gerade junge Arbeitnehmer oft darauf, denn die Policen und Tarife sind arg verzwickt - ein Überblick.

Nur ein falscher Schritt: Für Dachdecker ist die Absicherung besonders teuer - aber nötig
TMN

Nur ein falscher Schritt: Für Dachdecker ist die Absicherung besonders teuer - aber nötig


Zeckenbiss, Mobbing, Sturz vom Mountainbike: Beim Arbeiten wie in der Freizeit lauern viele Risiken, die Menschen berufsunfähig machen können. Vor zehn Jahren wurde der gesetzliche Schutz vor Berufsunfähigkeit für die Jahrgänge ab 1961 gestrichen. Seitdem müssen Arbeitnehmer privat vorsorgen. Viele Berufseinsteiger sparen aber genau daran - obwohl sie die besten Verträge bekommen.

"Die jungen Leute setzen andere Prioritäten. Auto, Handy, Computer, dafür geben sie Geld aus", sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV) aus Henstedt-Ulzburg bei Hamburg. Zugleich verzichten sie darauf, ihren Lebensunterhalt frühzeitig abzusichern.

Fast alle Experten, auch sonst recht versicherungskritische Verbraucherschützer, halten eine Berufsunfähigkeitsversicherung (kurz BU) für ein Muss. Groß ist die Gefahr, seinen Beruf irgendwann nicht mehr ausüben zu können, klein die staatliche Absicherung. Allerdings ist so eine Versicherung teuer: Mindestens 20 Euro pro Monat kostet es, um im Ernstfall etwa 500 Euro Rente zu bekommen; bei höheren Renten sind es deutlich mehr. Üblicherweise werden zwischen 60 und 80 Prozent des Einkommens abgesichert.

Der Beitrag orientiert sich am ausgeübten Beruf und dem Alter. "Im Handwerk besteht ein höheres Risiko als im Büro, berufsunfähig zu werden", umreißt Boss die Kalkulation. So zahlen Maurer oder Dachdecker
deutlich mehr als kaufmännische Angestellte - die Arbeit auf dem Bau ist körperlich hart, und vom Dach fallen kann man im Büro auch eher nicht. Ebenso steigt der Beitrag mit zunehmendem Alter. Experten empfehlen einen Vertragsabschluss schon zu Beginn einer Lehre und eine möglichst lange Laufzeit.

Was tun bei Heirat, Nachwuchs, Selbstständigkeit?

Das gebremste Interesse junger Verbraucher erklärt Martin Kinkel, der im Auftrag von Arbeitsagenturen und Personalabteilungen Vorsorgeseminare für Berufseinsteiger anbietet, auch mit der Komplexität der Verträge. Denn man muss viele Details berücksichtigen, die in eine unbestimmte Zukunft weisen: Karrieresprung, ein zweiter Beruf? Was ist bei Heirat, Geburt eines Kindes, Selbständigkeit?

Grundsätzlich gilt: Berufswechsel sind abgedeckt. Leistungen richten sich nach der letzten ausgeübten Tätigkeit und dem dort verdienten Geld. Höhere Leistungen können über eine Dynamik-Klausel vereinbart werden, mit der die Beiträge, aber auch die späteren Rentenzahlungen in regelmäßigen Abständen angehoben werden. "So etwas bietet sich zum Beispiel am Ende der Ausbildung an, wenn man mehr Geld übrig hat", erklärt Kinkel.

Einige Gesellschaften verzichten auf eine erneute Gesundheitsprüfung, wenn Verbraucher die Option innerhalb bestimmter Fristen nutzen. Dynamik-Klauseln können die Inflation auffangen, die im Laufe der Jahre an der Versicherungssumme knabbert. Sie sorgen aber auch selbst dafür, dass die laufenden Kosten für den Versicherten regelmäßig steigen.

Beträchtliches Risiko, berufsunfähig zu werden

Mittlerweile bieten viele Firmen ihren Mitarbeitern sogenannte Gruppen-Berufsunfähigkeitsversicherungen zu relativ günstigen Konditionen an. Sie dienen unter anderem als "Rekrutierungsargument in der Nachwuchswerbung", so Kinkel. Sein Tipp: den Arbeitgeber danach fragen.

Offerten gibt es auch für Schüler und Studenten. "Ein Student im Hauptstudium oder kurz vor dem Examen wird so eingestuft, als hätte er eine fertige Berufsausbildung", sagt Stefan Albers, Präsident des Bundesverbands der Versicherungsberater in Bonn. In der Regel verzichteten Assekuranzen bis zu einer versicherten Rente von 1000 Euro auf Gehaltsangaben. Das öffne neben Berufseinsteigern und Schülern zum Beispiel Hausfrauen den Weg in die berufliche Absicherung.

Im gewerblich-technischen Bereich trifft die Berufsunfähigkeit etwa jeden Dritten, im Büro jeden fünften Arbeitnehmer. Knapp zehn Prozent müssen einer Statistik der Rentenversicherungsträger zufolge aufhören, bevor sie 40 sind. Auslöser gibt es zuhauf. Mobbing gehört dazu, psychischer Druck, Rückenschmerzen, aber auch Zeckenbisse, Stauballergie bei Bäckern oder Kontaktallergien bei Friseuren.

Die Zahl der Verträge stagniert indes. Nach Angaben des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin liegt sie seit 2003 um die 16 Millionen. Darin enthalten sind Abschlüsse, die BU und Altersvorsorge kombinieren, etwa mit einer Riester-Rente oder einer Kapital-Lebensversicherung. "Der Hauptteil des Beitrags geht in diesen Vertrag, der Rest in die BU", erläutert Verbandssprecherin Una Großmann.

Umstrittene Kombi-Produkte

Beispiel: Von 100 Euro fließen 80 in die Altersvorsorge, 20 in die Versicherung gegen Berufsunfähigkeit. Die Verknüpfung ist beliebter als das klassische BU-Produkt, obwohl bei einer eigenständigen Berufsunfähigkeitsversicherung unter dem Strich mehr Leistung herausspringt.

Viele Fachleute lehnen deshalb die auch Baustein-Produkt genannten Kombinationen ab. "Finger weg von Kapital bildenden Verträgen", urteilt zum Beispiel Stefan Albers. Er argumentiert: "Bekommt jemand nur eine geringe BU, kann er weder seine Beiträge zu Riester- oder Rürup-Rente noch zur Lebensversicherung bezahlen." Im schlimmsten Fall bliebe die private Altersvorsorge komplett auf der Strecke. Optimal ist laut Bund der Versicherten, das Einkommen so über die BU abzusichern, dass im Ernstfall aus deren Leistung andere Verträge weiter bezahlt werden können.

Wichtig ist auch die Laufzeit des Vertrages. Denn je früher der Vertrag endet, desto billiger wird er. Zahlt ein 30-jähriger Kaufmann beispielsweise 36 Euro für einen Vertrag bis zum 65. Geburtstag, sind es nur noch 23,86 Euro, wenn der Vertrag bereits zum 60. Geburtstag ausläuft - immerhin ein Preisabschlag von mehr als 30 Prozent.

Allerdings entsteht dann eine Lücke von bis zu sieben Jahren bis zur Rente. Wer vorher berufsunfähig wird, hat während dieser Zeit keine Einnahmen aus der Versicherung mehr. Und wenn die BU erst nach dem 60. Geburtstag eintritt - eher die Regel als die Ausnahme -, fehlt der Schutz. Sinnvoller ist es deshalb, einen teureren Schutz zu wählen, der mindestens bis zum 65., besser noch bis zum 67. Geburtstag läuft.

dpa/dapd/jol/mamk

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