Bewerbung XXL Schreiben Sie doch, was Sie wollen

Bewerbungen sind strikt formalisiert: Lebenslauf bitte tabellarisch, maximal eine Seite Anschreiben. Oder darf's auch mehr sein? Persönlich und emotional? Karriereberaterin Svenja Hofert empfiehlt: Pfeifen Sie auf alle Regeln!

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Bewerbungen: Die üblichen Regeln sollte man kennen. Dann kann man sie besser brechen.
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Bewerbungen: Die üblichen Regeln sollte man kennen. Dann kann man sie besser brechen.


Zur Autorin
  • Karriereberaterin Svenja Hofert betreibt ein Blog und hat mehr als 25 Bücher geschrieben, darunter das "Slow-Grow-Prinzip. Lieber langsam wachsen als schnell untergehen" und "Am besten wirst du Arzt... Wie Eltern ihren Kindern wirklich helfen".

"Wir freuen uns über Deine Bewerbung", stand da. Und: Bewerber sollten ein Motivationsschreiben verfassen. Pedro hatte es schon zweimal mit herkömmlichen Bewerbungen versucht bei dieser beliebten Firma aus der Digitalbranche: eine Seite Anschreiben, gradlinige Textbausteine, mit freundlichen Grüßen, eingescannte Unterschrift. Diesmal setzte er alles auf eine Karte.

Pedro schrieb sich seine ganze Motivation von der Leber und lud vier Seiten Fließtext unformatiert hoch. Wie er nach Deutschland kam, sich einlebte, schnell fließend Deutsch lernte, aber nie so richtig dazugehörte, in dieser Kleinstadt in Niedersachsen. Wie er umso mehr das Studium in Berlin genoss, das multikulturelle Flair, die Offenheit. Und warum all das ihn jetzt zu genau diesem Unternehmen bringt, in dem so viele unterschiedliche Nationen arbeiten und Multikulti dazu gehört wie der Hoodie. "Das kannst du doch nicht schreiben!", riefen Freunde, Bewerbungsgurus der Neunzigerjahre zitierend.

"Das kann man nicht machen" - dieser Satz bringt mich auf die Palme. Man kann so vieles machen. Und manchmal sogar alles anders. Pedro hatte den Mut dazu, er erreichte damit ein Gespräch, entschied sich am Ende aber selbst gegen den Job. Ich habe einige Bewerbungen gesehen, die keinerlei Standards entsprachen, ihr Ziel aber besser erreichten als traditionelle Texte und brave Lebensläufe.

Das sehen auch viele Personalberater so, die auf der anderen Seite stehen, also Bewerber auswählen. "Alle Tipps zur Schriftgröße, zum Foto oder Anschreiben sind im Wesentlichen geschenkt", sagt Recruitingcoach Henrik Zaborowski, der die gesamte klassische Bewerbung am liebsten abschaffen würde.

Eine Lachnummer: Bewerbungsmappen mit Nadelstreifen

Vor vielen Jahren sollte ich US-amerikanische Studenten auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereiten. Der Auftrag: ihnen das seitenlange Offenlegen tiefster Beweggründe und überschwänglicher Emotionen abzutrainieren. Gut, Bewerbungsmappen waren schon damals eine Lachnummer, die ich mehr zur allgemeinen Belustigung vorzeigte; es gab sogar noch welche mit Nadelstreifen. Aber generell ist der deutsche Bewerbungsmarkt ein System mit Regeln, die anderen Nationen überaus befremdlich vorkommen.

  • Man muss den Lebenslauf unterschreiben (lächerlich in einem PDF).
  • Man braucht ein Foto - aber auf keinen Fall ein Passfoto (aha, teuer soll es sein).
  • Man muss argumentieren, dass man passt (nicht die eigene Perspektive zählt, sondern die der Firma).
  • Man darf keine Fehler machen (obwohl Firmen es tun).
  • Und: Man braucht unbedingt ein Anschreiben (stimmt oft nicht).
  • Nie mehr als eine Seite! (siehe oben).

Die Motivationsschreiben der Kursteilnehmer waren triefend pathetisch. Einer zitierte die Werbelegende Paul Arden: "Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst." Darauf baute er sein Anschreiben mit zwei langen Seiten auf. Manche nennen das "heiße Luft" - ich fand es gut. Wieso etwas ändern, was doch zur Person passt?

Statt das deutsche Bewerbungsmappenwunder zu verkaufen, besprach ich mit den US-Studenten, wie sie persönliche Kontakte zu Firmen aufbauen. Es funktionierte dann auch auf schriftlichem Weg - ohne größere Eingriffe in den Motivationstext.

American Style: Schreibe viel und höchst persönlich

Denn klar ist: Jeder Personaler hat seine eigenen Regeln. Es gibt kein einheitliches Studium; viele haben nicht mal psychologische und eignungsdiagnostische Grundkenntnisse. Der eine so, der andere so. Wer sich als Bewerber darauf einzustellen versucht, hat schon verloren. Also lieber frei nach Schnauze?

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Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?
"Ein Unfall zog mich Monate aus dem Verkehr und warf mich aus der Bahn. Ich erkannte, was in diesem Moment für mich wirklich wichtig ist, und entschied mich ins Ausland zu gehen, um anderen Menschen zu helfen" - derartige Offenheit werden viele meiner Kollegen eher nicht empfehlen. Lange Anschreiben, die von der Sandkiste weg das Leben erläutern und die Beweggründe für Entscheidungen offen darlegen, sind in der Tat ein Balanceakt. Ebenso wie lange und offene Erklärungen im Vorstellungsgespräch oder das Eingeständnis, etwas nicht zu können.

Es kann sein, dass jemand das nicht mag. Aber dann gilt: "Geh nie davon aus, dass der Recruiter weiß, was er tut", mahnt Personalexperte Henrik Zaborowski. Viele sind so fixiert auf ihre Art der Auswahl und ihre vermeintliche Menschenkenntnis, dass sie die Besten übersehen. Da ist fast egal, was Bewerber schreiben. Oder was sie nicht schreiben.

Wieso, weshalb, warum? Weil man das so macht

So kam auch der Bewerber weiter, der überhaupt keine Lust auf Anschreiben hatte und mit einem "Ich spare mir jetzt mal die Mühe und schicke kommentarlos die Facts" am nächsten Tag die Einladung zum Vorstellungsgespräch bekam. Die Fakten waren eben interessant genug.

Das Bewerbungssystem ist aus den Fugen geraten, das verunsichert Bewerber. Die einzige wirklich sinnvolle Regel: Erreichen Sie die Personen, die Sie erreichen wollen, auf die Weise, auf die Sie sie erreichen können.

Mal klappt's mit einem Bewerbungsroman, mal ganz ohne Text, weil ohnehin nur gecheckt wird, ob alle Noten besser waren als 2,0 oder weil es auf Projektdetails ankommt. Am allerbesten aber gelingt es über Netzwerke und persönliche Empfehlungen.


Ungewöhnliche Bewerbungen - was Personaler beeindruckte

Wer hat Mut, wann springt der Funke über? Bei einer KarriereSPIEGEL-Umfrage erzählten Personaler von Bewerbern, die sie nicht vergessen:

Martin Fischedick, Bereichsvorstand Group Human Resources der Commerzbank AG

"Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Mann, der sich auf eine Stelle im Vertrieb beworben hatte. Er erzählte, dass er schon als 15-Jähriger Pfefferminze im Garten seiner Großmutter gepflückt, in kleine Tütchen verpackt und mit eigenem Logo auf dem Wochenmarkt verkauft hatte. Von dem verdienten Geld konnte er sich sogar eine Vespa kaufen. Das hat uns von seinen verkäuferischen Fähigkeiten überzeugt, wir haben ihn eingestellt."

Werner Zedelius, Personalvorstand der Allianz SE

"Nach einem Workshop kam ein Mitarbeiter auf mich zu, sagte: 'Ich würde gerne in Ihrem Bereich arbeiten.' Er war sich bewusst, wo seine Stärken lagen, aber auch, was ihm fachlich noch fehlte. Er war auch bereit, sich international zu bewegen. Seine Offenheit hat mich überzeugt: Hier ist jemand agil genug, eine neue Herausforderung konstruktiv anzugehen. Aus dem spontanen Gespräch entstand ein intensiver Austausch. Heute hat er eine Schlüsselrolle in einer großen osteuropäischen Tochtergesellschaft."

Kai Teute betreibt Dominos Pizza in Norddeutschland

"Bei uns hat sich einmal ein Fahrer beworben, der mit mir um die Wette fahren wollte. Uns war klar, dass wir den Herrn unbedingt einstellen sollten. Es war die richtige Entscheidung. Wir haben trotz Blitzauslieferungen noch keinen Unfall zu verzeichnen."

Dirk Martin, Gründer und Geschäftsführer des Software-Dienstleisters PMCS.helpLine

"In einem Assessment-Center mit acht Bewerbern fiel ein junger Bewerber auf, weil er keine Krawatte trug. Stattdessen lugte unter dem aufgeknöpften Hemd ein buntes T-Shirt hervor. Als er unsere irritierten Blicke bemerkte, erzählte er uns in breitem Wienerisch die Geschichte seiner Anreise. Mehrere Missgeschicke und Pannen am Flughafen-Check-in hatten dazu geführt, dass die Krawatte in Kaffee 'ertränkt' worden war. Die 'vollgekleckerte' Trophäe schwenkte er als Beweis über seinem Kopf. Wir haben alle sehr gelacht. Heute arbeitet er bei uns erfolgreich im Vertrieb."

Katrin Adt, Vice President HR Development & HR Services bei der Daimler AG

"'Ich werde das Automobil abschaffen' - das war der erste Satz eines Bewerbers in einem Vorstellungsgespräch. Ob wir ihn eingestellt haben? Ja. Denn wir wollen Talente, die umdenken, weiterdenken und quer denken. Es lohnt sich, Bestehendes infrage zu stellen. Auch Carl Benz hatte sich damals zum Ziel gesetzt, die Pferdekutschen abzuschaffen. Heute fahren wir damit sehr gut. Wir sind ein Mobilitätsdienstleister und fördern Kolleginnen und Kollegen, die diesen Weg mitdenken und mitgehen."

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Seite 1
marthaimschnee 04.05.2015
1.
Ja, verkäuferische Fähigkeiten. Die sind gefragt. Dumm nur, wenn man zB einen Ingenieur sucht und auf solche Blender und Poser reinfällt, die eben nur eins können: sich möglichst gut zu verkaufen! PS: Und der Hohn gerade in großen Konzernen ist eigentlich, daß solche Typen im Handumdrehen zu Entscheidern werden, weil sie es immer irgendwie schaffen alle weis zu machen, daß jemand anders an ihrem Versagen schuld ist.
fatherted98 04.05.2015
2. Lachhaft...
...wer nicht ins Schema paßt wird von Anfang an aussortiert...das ist die Realität. Solche Tipps sind echt für die Tonne....naja...von irgendwas müssen "Karriereberater" ja auch leben.
espritberlin 04.05.2015
3. mag für ecom jobs funktionieren. ..
... im klassischen Arbeitsmarkt m E nicht.
jadenew1 04.05.2015
4. Na endlich
Endlich sagt mal jemand, was für ein Unsinn dieses ganze Bewerbungsgedöns ist. Ich habe seit Januar meinen Abschluss zur Groß- und Außenhandelskauffrau - bin 47 Jahre - aber es ist kein Job in Aussicht. Ich absolviere jede Woche mehrere Stunden in "kreatives Schreiben" = Bewerbungen schreiben. Meine Kumpels sind schon Hesse und Schrader. Eigentlich wollte ich nur arbeiten gehen, sonst Nichts. Was für ein Abenteuer - ich denk manchmal, ich bin zu alt für so einen Mist. Danke für den Artikel.
Boris-79 04.05.2015
5.
Was macht man denn mit diesen ganzen Karriere und Bewerbungstipps, wenn man nicht gerade in der Kreativbranche oder im Management tätig ist? Genau: Ignorieren. :-)
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