Ehrlicher Lebenslauf Das alles kann ich nicht

Ich bin unpünktlich und kann kein Französisch. Ein Kaufmann hatte genug von geschönten Lebensläufen und schrieb eine ehrliche Bewerbung. Das Verblüffende: Es hat funktioniert.

Von und Anja Tiedge

Lieber Personaler, ich zeige dir verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit
Corbis

Lieber Personaler, ich zeige dir verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit


Seien wir ehrlich: Bewerbungen sind eine Aneinanderreihung von Lügen. Nicht dass sich irgendwer daran stören würde. Im Gegenteil, das soll so. "Ich will einen neuen Job, weil mein jetziger stinklangweilig ist", würde kein Bewerber schreiben. Stattdessen steht im Anschreiben brav: "Ich suche eine neue Herausforderung." Und selbst, wer keinen geraden Satz auf Englisch herausbringt, bezeichnet seine Kenntnisse im Lebenslauf als "gut".

"Niemand gibt gern seine Schwächen preis - vor allem nicht im Job", sagt Karriereberaterin Svenja Hofert. Bewerbungen suggerieren eine heile Welt, in der Kandidat und Unternehmen perfekt sind. Was aber passiert, wenn ein Bewerber ehrlich angibt, was er nicht kann? Wie reagieren Personaler, wenn ein Bewerber Schwächen und Fehler im Lebenslauf offen eingesteht?

Hofert wollte es wissen und führte gemeinsam mit einem Klienten, einem kaufmännischen Leiter Mitte 40, ein Experiment durch: Auf die Rubrik "Was ich kann" in der er seine Stärken aufzählte, folgte in seinem Lebenslauf der Abschnitt "Was ich nicht kann". "Selbstdarstellerisch präsentieren, programmieren, verhandlungssicher Französisch sprechen", stand dort.

Durchweg positive Reaktionen

"Klar war das für ihn ein Risiko", sagt Hofert. "Aber dass man etwas nicht kann, heißt ja nicht, dass man es nicht lernt." So formulierte es auch der Kaufmann in seinem Anschreiben. Die Bewerbung schickte er an rund 50 Unternehmen, ein Viertel davon lud ihn zum Vorstellungsgespräch ein. "Ein gutes Ergebnis ", sagt die Karriereberaterin. Bei klassischen Ich-kann-alles-Bewerbungen liege die Einladungsquote bei 15 bis 20 Prozent. In einigen Vorstellungsgesprächen wurde der Kaufmann direkt auf seine Schwächen angesprochen: "Die Personaler waren über so viel Ehrlichkeit überrascht", sagt Hofert. Sie hätten durchweg positiv reagiert.

Jeff Scardino sorgte im Sommer mit seinem "Relevant Résumé" für Aufsehen
Jeffrey Scardino

Jeff Scardino sorgte im Sommer mit seinem "Relevant Résumé" für Aufsehen

Die Idee für sein Experiment bekam der kaufmännische Leiter, der lieber anonym bleiben möchte, durch einen jungen New Yorker. Jeff Scardino, 29, hatte im Sommer mit einem Versuch für Aufsehen gesorgt: Er suchte sich zehn Stellenanzeigen heraus, für die er sich tatsächlich interessieren würde. Jedes der Unternehmen erhielt von ihm eine traditionelle Bewerbung und, unter anderem Namen und ein wenig zeitversetzt, das ehrliche Gegenstück. In dem Schreiben, das er "Relevant Résumé" nannte, listete er eine Reihe ausgewählter Fehlleistungen und Karrierepatzer auf.

Im "Relevant Résumé" steht man zu seinen Misserfolgen
Jeffrey Scardino

Im "Relevant Résumé" steht man zu seinen Misserfolgen

Er sei hin und wieder unpünktlich, stand dort etwa, außerdem war er an drei erfolglosen Pitches bei der Werbeagentur Ogilvy & Mather beteiligt. Seinen Notizblock fülle er während Konferenzen nicht etwa mit Notizen, sondern mit Kritzeleien. Und sein erstes Jahr an der Uni hätte wirklich großartig werden können, wenn seine damalige Freundin es ihm nicht vermiest hätte.

Das Ergebnis des Experiments war eindeutig: Nur ein Unternehmen reagierte auf den klassischen Erfolgslebenslauf. Eine Einladung zum Vorstellungsgespräch gab es nicht. Mit der ehrlichen Bewerbung hingegen traf er offenbar einen Nerv. Acht Unternehmen antworteten, fünfmal wurde der Werbeprofi zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

"Alle wollen Sie kennenlernen"

"Zunächst möchte ich Ihnen applaudieren", antwortete ihm ein Personaler. "Hunderte Lebensläufe landen jedes Jahr auf meinem Tisch. Es war sehr erfrischend, einen anderen Ansatz zu sehen. Ich habe Ihr Schreiben im Büro weitergereicht. Wir sind alle sehr gespannt, Sie kennenzulernen." Ein anderes Unternehmen antwortete Scardino, obwohl die Stelle bereits vergeben war. Selbst Firmen, die seine Bewerbung für einen Scherz hielten, meldeten sich bei ihm: "Ich erklärte ihnen meine Idee und kam so mit den Unternehmen ins Gespräch."

Den Erfolg seines Versuchs nahm der Werber zum Anlass, seine Idee weiterzuentwickeln. Er wolle, dass der Lebenslauf voller Misserfolge in der Arbeitswelt tatsächlich eine Rolle spielt, sagt der Amerikaner. Und auch Vorstellungsgespräche sollten seiner Meinung nach ehrlicher ablaufen, weil sie zu vorhersehbar und einstudiert seien: "Mit den Kollegen verbringt man mehr Zeit als mit dem eigenen Partner. Da sollte man schon wissen, ob man miteinander auskommt."

Dass sich der ehrliche Lebenslauf tatsächlich durchsetzt, bezweifelt Beraterin Svenja Hofert. "Scardinos Erfolg lebte vom Überraschungseffekt. Der hält sich naturgemäß nicht ewig." Das gelte vor allem für die Werbebranche, in der Scardino arbeitet. "Durch seine Bewerbung hat er gezeigt, dass er kreativ ist und neue Ansätze findet - im Controlling oder in der Rechtsabteilung ist das weniger gefragt." Bei aller Ehrlichkeit sollte man deshalb auch darauf achten, welche Kenntnisse für den Job nötig sind. "Wenn ein SAP-Spezialist schreibt, er könne nicht mit Computern umgehen, ist das schlecht", sagt Hofert.

Zumindest ihr Klient hatte mit dem ehrlichen Lebenslauf Erfolg - obwohl er nicht einen klassischen Kreativberuf hat. Demnächst fängt er bei einer mittelständischen Firma an. Für das, was er nicht kann, bietet sie Weiterbildungen an.

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Bewerbung mit Misserfolgen und Fehltritten

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insgesamt 49 Beiträge
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ofelas 30.11.2015
1.
denke sowas funktioniert a) nicht in Deutschland b) bei neuen, modernen Industrien c) nicht bei Personalern bin aelterer jahrgang, und habe fast 20 meiner fast 30 berufsjahre im ausland gearbeitet. ich kenne kein land (ok frankreich ist aehnlich) in dem der bewerbungsprozess so ueberladen ist, die personaler so ueberheblich, die anforderungen so ueberzogen
shohm 30.11.2015
2. Gute Idee, Ausführung mangelhaft
Diese drei Pseudoschwächen im Artikel sind im Zweifel für 95% aller Stellen nicht relevant, die mangelnde Fähigkeit, nicht "selbstdarstellerisch präsentieren" zu können ist doch sogar eher eine Stärke. Keiner möchte einen Selbstdarsteller (außer vielleicht im Vertrieb). Daher geht die gute Idee, mehr Relevanz und Ehrlichkeit in CVs zu bringen, hier leider im Trivialismus unter. Vermutlich haben die Autorinnen noch nie fachliche Bewerbungsgespräche gesehen (nicht die Gespräche mit dem Personaler). Ein guter Interviewer ist hier immer in der Lage, allzu aufgeblasene Stellen im CV mit gezielten Fragen aufzudecken (oder ggf. auch zu verifizieren).
analyse 30.11.2015
3. Das Beispiel erhellt die unsinnigen Ausgaben der
Arbeitsämter für die Schulung-"wie man sich bewirbt"Was kommt heraus? Ein unsinniger Einheitsbrei ! Wurde damit die Arbeitslosigkeit verringert ? Na,klar:das Schulungspersonal !
herr wal 30.11.2015
4.
Ich weiß nicht, ob mann dem gemeinen Personaler sowas zumuten kann. Die psychische Belastung ist wahrscheinlich einfach zu groß für ihn; das kann bis hin zu temporärer Arbeitsunfähigkeit führen. Da könnte der/die/das BewerberX ja gleich in BadeHose bzw. Bikini aufkreuzen. Die Zeit ist einfach noch nicht reif dafür.
ge1234 30.11.2015
5. Verlogen!
Dass in 90% der Bewerbungen in irgendeiner Weise gelogen wird, zeigt doch nur die Armseligkeit der gesamten Personalerbranche auf. Ob Assesment Center oder Bewerbungsgespräch a la "Was sind Ihre größten Schwächen", Personaler nutzen all diese Krücken, um nicht zugeben zu müssen, dass sie selbst keine Ahnung haben und bei der Auswahl meist im Dunkeln tappen. Über das einzig wirksame Hilfsmittel bei der Beurteilung von Bewerbern, nämlich Menschenkenntnis und genügend Erfahrung, verfügen die wenigsten.
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