Bahn erlaubt Bewerbung ohne Anschreiben Schluss mit dem Bewerber-Blabla

Zu kompliziert, zu abschreckend: Azubis dürfen sich bald bei der Bahn ohne Anschreiben bewerben. Ist das leistungsfeindlich? Nein, sondern ein geschickter Zug.

Zugführer: Voll motiviert auch ohne Bewerbungsschreiben
Deutsche Bahn

Zugführer: Voll motiviert auch ohne Bewerbungsschreiben

Ein Kommentar von


Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich bei Ihnen auf einen Ausbildungsplatz als Gleisbauer. Die Bahn war schon seit frühester Kindheit mein Traumarbeitgeber. Ich habe immer sehr gerne mit Zügen gespielt.

Das Anschreiben in Bewerbungen ist oft unfreiwillig komisch, meist irgendwie schräg, selten ehrlich. Das liegt in der Natur der Sache: Der potenzielle Arbeitgeber will lesen, warum er - und nur er - zu dem Bewerber passt. Zwangsläufig muss dabei häufig Kappes herauskommen: Kaum jemand, der auf der Suche nach einem Job ist, leistet sich den Luxus, bei nur einer Firma zu fragen. Also wird geheuchelt, dass sich die Balken biegen.

Die Bahn will diesen Unfug nun in einigen Jobs abstellen. Dann genügen Zeugnisse und Lebenslauf. Und das ist folgerichtig, weil der Informationswert vieler Bewerbungsschreiben gegen Null tendiert. Gut gemacht.

Die Begründung des Staatskonzerns stößt aber auf Kritik: "Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen", sagte Carola Hennemann von der Recruitingabteilung. "Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig."

Wo bleibt das Leistungsethos?

O weh, munkeln da viele: Wo bleibt das Leistungsethos? Und: Dürfen demnächst auch Leute, die zu doof sind, ein Motivationsschreiben zu verfassen, einen Zug fahren? Gute Nacht, Deutschland!

Das war erwartbar. Wann immer eine Maßnahme als Erleichterung für die "Jugend von heute" durchgeht, finden sich Ältere, die um den Fortbestand der Kultur fürchten. Dabei ist dieser Reflex allein schon der Beleg, dass eine bestimmte Kultur quicklebendig ist.

In der Sache allerdings zeigt die Maßnahme, dass die Bahn einfach ein paar Dinge verstanden hat:

  • Bei einer Bewerbung geht es um einen Job - nicht mehr, nicht weniger. Der Job wird nicht dadurch besser, dass man ihm ein Halleluja trällert. Erst recht, wenn das Pathos falsch ist.
  • Wer dem künftigen Arbeitgeber schamlos schmeichelt, beweist damit noch lange nicht, dass er später ein guter Lokführer, Gleisbauarbeiter, Mitarbeiter sein wird. Für diese Einschätzung sind Infos über Noten und Erfahrungen, vor allem jedoch persönliche Gespräche mit dem Bewerber viel besser geeignet. In professionell geführten Personalabteilungen spielt das Motivationsschreiben schon heute eine untergeordnete Rolle, die Leute sind ja nicht blöd.
  • Wenn man als Unternehmen wirklich Sorge hat, ob man alle freien Stellen besetzt bekommt, dann muss man den künftigen Mitarbeitern entgegenkommen. Gerade um Azubis herrscht inzwischen Wettbewerb, jedes Jahr klagt die Wirtschaft, dass es zu wenige gebe. Da ist es naheliegend, es den Bewerbern "so einfach wie möglich" zu machen.

Bei der Bahn ist der Druck groß. Sie muss in diesem Jahr 19.000 Stellen besetzen. Und in den kommenden Jahren wird die Zahl kaum sinken, weil viele Bahner in den Ruhestand gehen und es erklärtes Ziel der Politik ist, die Zahl der Bahnreisenden massiv zu steigern.

"Wir suchen händeringend Mitarbeiter"

Da wäre es leicht, ins Wehklagen über den Fachkräftemangel einzustimmen: "Wir suchen händeringend Mitarbeiter", wie es so rührselig wie formelhaft heißt. Wobei man immer getrost da Zweifel am Fachkräftemangel haben darf, wo die Arbeitgeber eben nicht zu Zugeständnissen bereit sind.

Bitte keine Missverständnisse: Selbstverständlich ist es für viele Stellen interessant, etwas über die ehrliche Motivation für eine Bewerbung zu erfahren. Aber warum reicht für eine Ausbildung im Bordbistro nicht "der Arbeitsplatz ist in der Nähe, die Dienstzeiten passen"? Warum sollen immer gleich alle für ihre Aufgabe brennen?

Bei der Mehrzahl der Stellen erwartet die Bahn auch in Zukunft ein Bewerbungsschreiben, die Erleichterung gilt vorerst nur für Azubis. Und auch die sollen später im Gespräch über Bewerbungsgründe und ihre Vorstellungen vom Berufsleben sprechen.

So herum ist das sinnvoll: Azubis sind jung, oft ratlos, wie es nach der Schule weitergeht. Ein guter Arbeitgeber bleibt mit ihnen darüber im Gespräch. Aber zum Berufsstart müsste die ehrliche Antwort vieler Bewerber auf die Frage nach der Motivation lauten: "Mir ist nichts Besseres eingefallen." Schön, dass wir darüber geredet haben.



insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Proggy 25.06.2018
1. Heute muss man die (Mess)Latte einfach viel tiefer hängen
Die Standards in Deutschland, werden aus den verschiedensten Gründen laufend gesenkt und die Kriterien verwässert. Bei Bildung, Ausbildung und Beruf - weil sonst die Mehrzahl intellektuell einfach nicht mehr mithalten kann und sich - ganz modern - diskriminiert fühlt. Das Jammern über meist selbstverschuldete Unzulänglichkeiten und das Entschuldigen derselben, gehört in Deutschland immer mehr zum Alltag.
dasfred 25.06.2018
2. Ich habe die Kommentare zu dem anderen Artikel gelesen
Da frage ich mich, wenn einige so hohe Erwartungen an Azubis stellen, wie wohl die Bewerbungen von den Ex Bahnschefs Grube oder Mehdorn ausgesehen haben. Da muss man schon etwas Literaturpreis Verdächtiges vorgelegt haben. Mit Leistung hatten die zumindest nicht überzeugt.
tkedm 25.06.2018
3.
Wow, endlich hat es wenigstens ein großer Arbeitgeber verstanden. Als nächstes kommt dann hoffentlich, von diesen gruseligen Standardfragen in Bewerbungsgesprächen abzusehen: Warum haben Sie sich bei uns beworben? Was sind Ihre Stärken? Was sind Ihre Schwächen? Warum gerade Sie? Wo sehen Sie sich in 5 Jahren? Auch das sind alles Fragen, wo ohnehin in den meisten Fällen nur geschleimt und selten ehrlich geantwortet wird.
frankfurtbeat 25.06.2018
4. vollkommen ...
vollkommen richtiger Zug den die Bahn da nimmt. Anschreiben bzw. Bewerbungsschreiben werden inzwischen kaum noch vom Bewerber selbst formuliert und sind letztendlich auch nicht die Garantiekarte für einen guten Mitarbeiter. Das ganze Geblubber von irgendwelchen Services oder Bewerberkursen ist doch Einheitsbrei und völlig überholt. Die Nieten aus der Personalabteilung schauen zunächst auf das Alter (Schwachsinn), die Noten (nicht aussagekräftig) und laden dann entsprechend Kandidaten ein. Was bedeuten denn gute Noten? Entweder ist es ein Cleverle oder ein verkapptes Individuum welches lediglich fleissig gebüffelt aber gegebenenfalls nicht wirklcih verstanden hat um was es geht. Das Alter - darf kein Kriterium sein - wird aber zwecks Selektion herangezogen. Letztendlich auch ein Armutszeugnis der Personalabteilung denn was nützt ein junger gut ausgebildeter Mensch der nach 2-3 Jahren wieder geht um auf der Karriereleiter weiter zu kommen. Die Qualität eines Mitarbeiters zeigt sich letztendlich in der Praxis und ganz schell sind die Kriterien Alter oder Noten in Frage zu stellen. Weshalb sollte denn ein 1-er-Kandidat der bessere Arzt, der geeignete Lokomotivführer sein? Warum ist der Mitarbeiter mit 25 geeigneter als ein erfahrener 50+? Das einzige was nachvollziehbar wäre ist das ein junger MItarbeiter eventuell "formbarer" und billiger zu erstehen ist. Fleiss, Loyalität, Veständnis, Teamwork etc. lassen sich nicht einfach über Noten definieren ...
yomow 25.06.2018
5. Finde das vernünftig.
Anschreiben sind überflüssig. Insbesondere die großen Konzerne haben mittlerweile soviel andere Mittel und Wege Bewerber zu filtern. Ob die immer geeignet sind, sehe ich auch manchmal kritisch, aber wenn es zunächst ein Vorabtelefoninterview gibt, dann ein mehrstündiges Jobinterview, gefolgt von einem Assesment-Center in Gruppen und einem einzelnen Persönlichkeitstest, dann kann man vermutlich auch auf ein Anschreiben verzichten. Dass es teilweise Probleme mit Bewerbern gibt und das Niveau von Tests und Auswahlverfahren heruntergestuft wird, ist eine ganz andere Geschichte. Dass die Bahn dieses Argument dennoch anführt, finde ich schwach.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.