Vorstellungsgespräch Schwierige Fragen machen Mitarbeiter zufriedener

Wer im Bewerbungsgespräch gefordert wird, ist später mit seiner Arbeit glücklicher, behauptet eine aktuelle Studie. Für Bewerbungshelfer Gerhard Winkler ein logisches Ergebnis: je kniffliger die Fragen, desto besser.

Bewerbungsgespräch als Stresstest: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Corbis

Bewerbungsgespräch als Stresstest: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?


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Empfanden Sie Ihr letztes Jobinterview als sehr hart, aber nicht zu hart? Dann besteht eine statistisch signifikante Wahrscheinlichkeit, dass Sie, vorausgesetzt, Sie wurden tatsächlich eingestellt, mit ihrem Job ziemlich zufrieden sein werden. Eine jüngst veröffentlichte Langzeitbefragung des Jobportals Glassdoor unter rund 154.000 Nutzern in sechs Ländern legt dies nahe. Deutsche Arbeitnehmer seien laut dieser Studie im Durchschnitt 2,4 Prozent zufriedener mit ihrer Stelle, nachdem sie ein 10 Prozent schwierigeres Bewerbungsgespräch erfolgreich geführt hätten.

So hart, so gut. Vorstellungsgespräche, die einen Bewerber mehr als üblich fordern, bereiten tatsächlich darauf vor, was einen im Job erwartet. Zugleich geben sie den Fitten und Fähigen endlich die Chance vorzuführen, was sie können.

Aus der Untersuchung zieht Glassdoor noch eine weitere Erkenntnis. Die Vorstellungsgespräche wurden von den Jobsuchenden auf einer Skala bewertet, die von 1 (sehr leicht) bis 5 (Kandidat fühlte sich als Grillgut behandelt) reichte. Als leicht empfundene Interviews produzieren demnach deutlich öfter Jobverhältnisse, in denen die Mitarbeiter unglücklich sind.

Testen, wie man mit Stressfragen umgeht

Man kennt das. Der Interviewer hat über knappe 45 Minuten mental abgeschaltet, die konkreten Jobanforderungen hat er übersprungen, seine Erwartungen hat er diplomatisch versteckt, und die Antworten auf seine Pro-forma-Fragen hat er schneller abgehakt, als man sich verhaspeln konnte. In den Job zu kommen war billig, aber schon am ersten Arbeitstag ist dann guter Rat teuer.

Im Gegensatz dazu, orakelt Glassdoor, könne ein sehr schwieriges Gespräch auf eine aggressive Unternehmenskultur hindeuten. Kann, muss aber nicht, wie jeder weiß, der das Treiben auf unseren Wirtschaftskulturkanälen verfolgt. Selbst der friedlichste Mitarbeiter trifft dann und wann auf seinen beruflichen Wegen irgendwelche Ansprechpartner ohne Manieren und ohne jede Beißhemmung. Aber wie geht man mit Stressfragen um? Ein Jobinterview ist immer gut, um auch das zu testen.

Und was sind überhaupt "schwierigere Vorstellungsgespräche"? Schaut man sich im Web um, was als die "härtesten Bewerberfragen" deklariert wird, dann ist es tatsächlich schwer, ernst zu bleiben:

  • "Was ist Ihre größte Angst?"

  • "Welche Eigenschaften würden Ihre Freunde nennen, wenn sie Sie beschreiben würden?"

  • "Was haben Sie in Ihrem vergangenen Job am wenigsten gemocht - und warum?"

Fragt man so in einer Arbeitswelt, in der die Macher das Wort haben? Oder handelt es sich bei solchen Interviews mehr um Spielkreise von Bewerberverstehern und Befindlichkeitsausdrückern, in denen Psychofragekärtchen gezogen und mit tapferer Angstlust beantwortet werden?

Die Fragen nach der eigenen Motivation, dem Soft-Skill-Inventar, der Loyalität, der Teameignung, der Identifikations- oder Leistungsbereitschaft sind keine schwierigen Fragen. Selbstverständlich weiß man zu seinem beruflichen Selbstverständnis etwas Substanzielles zu sagen! Solche Fragen vor einem Gespräch kurz durchzuspielen, hilft dem beruflichen Selbstbewusstsein enorm auf die Sprünge.

Schwierige Fragen sind Fragen, auf die man sich freut. Sie fordern das fachliche Verständnis, das methodische Können, das Lösungsverhalten. Facebook hat Bewerbern solche Aufgaben gegeben, die auch Brainteaser genannt werden:

  • "Führen Sie mich durch Google Maps. Was funktioniert, was funktioniert nicht so gut?"

  • "Sie wollen nach Seattle fliegen. Weil es dort häufig regnet, wollen Sie wissen, ob Sie einen Regenschirm mitbringen sollen. Sie rufen nacheinander drei Freunde in Seattle an und fragen jeden einzelnen, ob es dort regnet. Bei jedem Ihrer Freunde besteht die Zwei-Drittel-Möglichkeit, dass er Sie anlügt, und eine Ein-Drittel-Chance, dass er die Wahrheit spricht. Alle drei Freunde erzählen Ihnen, dass es in Seattle sehr wohl regnet. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass dort wirklich Regenwetter herrscht?

  • "Wie viele Big Macs verkauft McDonald's jährlich in den USA?"

Ärgern Sie sich über Jobanbieter, die Ihnen nur Standardfragen offerieren. Nutzen Sie Stressfragen und Unterstellungen, um Ihren eigenen Job-Claim mehrfach zu wiederholen. Hoffen Sie auf die Gelegenheit, bei der Sie zeigen können, wie schnell und gut Ihr Verstand funktioniert.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
eSVau 30.10.2015
1. Das nenne ich mal einen
Die Aussage ist so sinnvoll wie: "Menschen, die den Lotto-Jackpot gewonnen haben, haben signifikant weniger Geldsorgen." Jemand, der mit Stress nicht umgehen kann, wird durch die "Brainteaser" durchfallen und den Job gar nicht erst bekommen. Stress-resistente Menschen werden sich durch solche "Brainteaser" nicht aus der Ruhe bringen lassen, genauso wie sie Stress im Job weniger belasten wird.
DJ Doena 30.10.2015
2.
Und wer im Bewerbungsgespräch die Fragen nicht beantworten kann, klagt im Anschluss dann mit Berufung auf das AGG und behauptet, dass sich die Fragen diskrimierend auf seine/ihre Bewerbung ausgewirkt hätten und man sie nur gestellt hat, um sie/ihn nicht einstellen zu müssen, weil er/sie zu alt, zu dick, zu klein oder eine Frau ist.
Dr. Kilad 30.10.2015
3. Oft kennen die Gesprächsführer auf AG-Seite
sich selbst zu wenig aus. Und oft geht es mehr darum, wer das letzte Wort haben soll, als darum, wer schlauer ist. Kritische und zugleich schlaue Mitarbeiter (was sich oft verbindet) sind häufig gar nicht so erwünscht. Natürlich kommt es auch darauf an, für was man/frau sich bewirbt. Ein guter Autoschlosser z.B., muss nicht akademische Fragen beantworten.
chrisko77 30.10.2015
4. ...
Ja, ich glaube auch das hier jemand ganz stark orakelt. Ob eine statistisch signifikante Korrelation auch den Nachweis einer Kausalität bedeutet? Bekomme ich tatsächlich zufriedene Mitarbeiter, wenn ich bessere Fragen stelle oder stellen die "besseren" Unternehmen mit den zufriedeneren Mitarbeitern ggf. einfach auch zufällig die besseren Fragen? Interessant wäre für mich die Antwort auf die Frage, ob bessere Fragen zu geeigneteren Mitarbeitern führen, die fachlich gut sind und zugleich ins Team passen.
quertreiber-30er_baujahr 30.10.2015
5. Dazu braucht es keine aufwändige Studie
Natürlich sind die Bewerber, welchen "schwere" Fragen gestellt wurden, später zufriedener. Ich würde auch lieber im Managment arbeiten als bei z.B. als Putzfrau, welche dann im Bewerbungsgespräch "einfache" Fragen erwarten.
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