Bewerbung Nur echt mit 52 Zeugnissen

Voll, voller, zur vollsten Zufriedenheit: Arbeitszeugnisse sind wertlos, sagt die Karriereberaterin Svenja Hofert. Chefs wissen das und verlangen trotzdem nichtssagende Bewertungen. Dabei gäbe es bessere Alternativen.

Arbeitszeugnis: Personaler wissen, dass viele selbst geschrieben sind
DPA

Arbeitszeugnis: Personaler wissen, dass viele selbst geschrieben sind


Der Headhunter schüttelt den Kopf. Ohne Arbeitszeugnisse könne er Thomas Meyer unmöglich beim Unternehmen vorschlagen. An Zeugnisse hatte der Manager all die Jahre nie gedacht. Aus der Uni hatte er ein Start-up gegründet, dann warb ein Konzern Meyer ab und schickte ihn zu einem Tochterunternehmen in die USA. Das Tochterunternehmen schluckte ein anderes, insgesamt arbeitete Meyer so mehr als 15 Jahre in mehreren Ländern, ohne sich je zu bewerben.

Theoretisch, das wissen auch Personaler, haben Zeugnisse den Wert von Ramschaktien. Nach einer Umfrage der Beratungsfirma Personal Total von 2012 kennen 80 Prozent der 266 befragten Personaler mindestens einige Fälle, in denen Bewerber ihr Zeugnis vom Bewerber selbst geschrieben haben. Dennoch sehen 87 Prozent der gleichen Befragten als unverzichtbar an - trotz offensichtlich üblicher Fälschung, Schönung und Auslassung wichtiger Inhalte.

Selbst erfolgreiche Arbeitnehmer können oft keine lückenlose Zeugnisbiografie vorweisen: etwa, wenn sie lange im Ausland gelebt haben. Oder Führungskräfte, die lange so erfolgreich waren, dass sie sich nie bewerben mussten und das Stückchen Papier beim Jobwechsel schlicht vergaßen. "Es ist irrational", sagt ein Jurist, der hoch sechsstellig verdient hat und in 25 Berufsjahren einiges geleistet hat. "Diese Personaler wollen jeden kleinen Zeitraum belegt sehen."

Sieben Mitarbeiter - alle das gleiche Zeugnis

Doch wofür? In der Eignungsdiagnostik haben Zeugnisse lediglich eine geringe Aussagekraft für den beruflichen Erfolg, kaum mehr als grafologische Gutachten. An Aussagekraft gewinnen sie nur, wenn die Schreiber die Zeugniscodes beherrschen - bei selbst geschriebenen Zeugnissen ist das eher selten.

Arbeitszeugnis-Phrasen

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Dass sich auch viele Firmen vorgefertigter Bausteine bedienen, macht es noch schlimmer. In einem Projekt habe ich sieben vorgefertigte Arbeitszeugnisse gesehen zu in ihrer Persönlichkeit ganz unterschiedlichen Mitarbeitern. Alle waren gleich formuliert.

Sollte man "immer zur vollsten Zufriedenheit" schreiben, ist "sehr zufrieden" noch ein "gut"? Darüber sind selbst Fachleute uneins, die Disziplin lässt größere Interpretationsspielräume zu als bei einer Deutschklausur. Dennoch streiten sich Menschen um Formulierungen manchmal bis vors Bundesarbeitsgericht. Warum halten also alle am Zeugnis fest? Assessment Center (AC) und teilstrukturierte Interviews haben eine erheblich bessere Prognosekraft. Und die Probezeit erst recht. Es gäbe also andere Wege.

Arbeitsbescheinigungen statt Zeugnisse

"Zeugnisse sind billiger als Gespräche und ACs", gibt ein Personalberater zu. Sie gäben Sicherheit, ähnlich wie Noten, und verursachten einer Firma keine Kosten. Viele Personalberater sind auch in der Zwickmühle. "Ich selbst würde darauf verzichten, aber der Auftraggeber verlangt sie."

Auch wenn sich der "track record" eines Kandidaten im Internet nachlesen lässt? Thomas Meyer konnte seine Leistungen detailliert beschreiben und einen bekannten Vorstand als Referenzgeber nennen, samt Handynummer. Im Grunde wissen Headhunter, dass gerade bei hochkarätigen Führungskräften noch mehr selbst und fremd geschrieben wird als beim Fußvolk. Und der Inhalt mehr über die Kompetenz eines Karriereberaters als eines Bewerbers aussagt.

Was tun? Klüger wäre es, sich auf Arbeitsbescheinigungen zu beschränken: "Thomas Meyer war von … bis… bei… als… beschäftigt." Das genügt. Detaillierte Aufgabenbeschreibungen wären zwar schön. Sie sind aber schwierig, weil viele Firmen keine Anforderungsprofile für ihre Stellen haben und Aufgabenbereiche oft gar nicht festgehalten sind. Persönliche Referenzen wie in anderen Ländern könnten diese Lücke füllen.

Am besten wäre es also, Zeugnisse abzuschaffen. Sie sind noch überflüssiger als Bewerbungsfotos. Wer bereit ist, in sie zu investieren, steht besser da als die anderen Bewerber. Mit seinen Leistungen hat das leider nichts zu tun. Thomas Meyer hat sich entschieden, zu seiner Zeugnisfreiheit zu stehen, weil er es nicht einsieht, früheren Arbeitgebern hinterherzulaufen. Mal sehen, wie weit er damit kommt.



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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Annabel 27.11.2014
1. Ja ne, is klar...
Zeugnisse sind genauso überflüssig wie Universitäts-Examen. Dieses Lied singen lauthals immer die, die nichts davon aufweisen können. Und da die meisten ja trotzdem irgendwie durchkommen, scheint der Beweis erbracht. Im Nachhinein werden fehlende Belege dann als Folge der eigenen Intelligenz, Überflieger-Qualitäten ect. umgemünzt. Tatsächlich haben die Betreffenden fast immer den Arsch nicht hochgekriegt und gucken sich das heute schön. Ein Zeugnis sagt nicht alles, aber einiges. Ein Bild spricht Bände. Ist so.
fatherted98 27.11.2014
2. Wertlos...
...so wie dieser Artikel... Natürlich sind Zeugnisse nicht wertlos. In einem kommentierten Zeugniss steht in der Regel drin, was der Arbeitnehmer im Unternehmen gearbeitet und geleistet hat, welche Positionen er innehatte, was er konnte und welchen Weg er im Unternehmen genommen hat. Die Sprüche am Ende, der Geheimcode oder wie auch immer man das bezeichnet, läßt man am besten weg...die sagen eh nur aus, wie man sich vom AG getrennt hat und ob der einem noch was reinwürgen wollte.
ofelas 27.11.2014
3. Antiquiert
USA, GB und anderswo ist es alles viel entspannter, ohne riesige Mappen oder Anhaenge...nur in Frankreich ist es noch fotmeller als in Deutschland
SNA 27.11.2014
4. aussagekräftige Zeignisse sind wichtig
Und davon gibt es gottlob noch reichlich. Wer will, kann ein aussagekräftiges, individuelles Zeugnis erstellen, dass die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse des Mitarbeiters nachvollziehbar darstellt. Ich gebe seit langem Zeugnisseminare und weiß, dass es durchaus Personaler gibt, die darauf eine Menge Arbeit verwenden.
sonic.m 27.11.2014
5.
Zitat von AnnabelZeugnisse sind genauso überflüssig wie Universitäts-Examen. Dieses Lied singen lauthals immer die, die nichts davon aufweisen können. Und da die meisten ja trotzdem irgendwie durchkommen, scheint der Beweis erbracht. Im Nachhinein werden fehlende Belege dann als Folge der eigenen Intelligenz, Überflieger-Qualitäten ect. umgemünzt. Tatsächlich haben die Betreffenden fast immer den Arsch nicht hochgekriegt und gucken sich das heute schön. Ein Zeugnis sagt nicht alles, aber einiges. Ein Bild spricht Bände. Ist so.
Sie sollten an Ihrem Textverständnis arbeiten. Selbst ein klassisches Zeugnis mit Benotung, dessen Beurteilung über die Fähigkeit einer Person zurecht teils angezweifelt werden darf, ist einem typischen Arbeitszeugnis immer noch weit überlegen. Es ist aber auch ein sehr deutsches Merkmal, dass Bescheinigungen, Zettel und Titel oftmals höher eingestuft werden als wirkliches Wissen und Erfahrung, dem oftmals nur der offizielle Anstrich fehlt.
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