Absurde Bewerbungen "Die Überraschung ist mein Bonbon"

Bandwurmsätze, verquere Vergleiche, wüstes Wortgeklingel: Vor allem junge Akademiker vergreifen sich in ihren Bewerbungen gern im Ton. Wie schlimm ist es wirklich? Sehen Sie selbst!

Von und

  Skurrile Bewerbungsanschreiben: Warum übertreiben es Akademiker sprachlich so gern?
Corbis

Skurrile Bewerbungsanschreiben: Warum übertreiben es Akademiker sprachlich so gern?


Ein Hinweis vorab: Bevor Sie, liebe Leser, sich gleich lustig machen über folgende sprachliche Verirrungen, vor Fremdscham erröten oder sich bei hämischen Gedanken ertappen - wer schon einmal auf Jobsuche war, kennt die verzweifelten Gedanken. Wie kann ich die Personaler von mir überzeugen? Wie aus den anderen womöglich Hunderten Bewerbungen herausstechen? Was, wenn es dieses Mal wieder nicht klappt?

Verständnis verdienen Bewerber also. Doch die folgende Frage müssen sich viele trotzdem gefallen lassen: Warum verlieren sie sich häufig in einer derart weltfremden Sprache? Zum Beispiel dieser Jurist:

"Insbesondere die Möglichkeit der weiteren Spezialisierung bei bestehender Vielgestaltigkeit der von Ihnen angebotenen Stelle reizt mich."

Und warum in aller Welt bewirbt sich ein Soziologe mit diesem Monstersatz?

"Ich bin topmotiviert, kerngesund und fähig, wenn Sie mir also perspektivisch ermöglichen wollen, eine Familie in gesichertem Wohlstand zu ernähren, gelegentlich meine noch nicht vorhandenen Kinder bei Tageslicht sehen zu können und mich beruflich zu entwickeln, dann würde ich mich sehr gerne persönlich vorstellen und unterstreichen, dass ich eine Bereicherung sein kann, die Potential hat und nun einem neuen Arbeitgeber langfristig aufrichtige Loyalität und großes Engagement für Möglichkeiten bietet."

Vor allem Absolventen der Sozial- und Geisteswissenschaften wollen später gern mit Texten arbeiten, sie wünschen sich Jobs in Verlagen, Agenturen oder Marketingabteilungen. Doch offenbar läuft häufig etwas schief, wenn akademische Welt und Arbeitsrealität aufeinanderprallen. Dass die Fachliteratur an deutschen Hochschulen die knapp 2,5 Millionen Studenten sprachlich wenig auf das Berufsleben vorbereitet, lassen die Qualen erahnen, die sich täglich in den Bibliotheken der Republik ereignen.

Dass die jungen Akademiker sich diese Sprache nach der Uni nur noch schwer abgewöhnen können, zeigen die folgenden Zitate, die aus echten Bewerbungsschreiben stammen: Unverständliche Substantivierungen von Juristen, skurrile Formulierungen von BWLern und Marketingverliebtheit von PR-Beratern. Anonym, aber ungeschönt.

  • Hipp, hipp, hurra!?

Stanford Graduate School of Business

Der Einstieg ist entscheidend, er muss den Leser in den Text ziehen. Okay. Aber warum beginnt dieser Bewerber, der Philosophie, Germanistik und Anglistik studiert hat, mit einem "Hurra"?

"Hurra, endlich mal eine Stellenbeschreibung, die mich richtig anspricht. Für mich ist es immer wieder spannend, Schnittstellen zwischen Journalistik und PR auszuloten und dabei das optimal Erreichbare anzustreben. Nach einer kommunikativen Grobabstimmung taste ich mich gerne selbständig an die Aufgaben heran, um zeitnah belastbare Ergebnisse zu liefern."

  • Ich bin ein Produkt, Ihr Produkt

Corbis

Wünsche wecken, die der Konsument noch gar nicht hat: Das ist es doch, was gutes Marketing ausmacht. Warum nicht sich selbst als Produkt sehen... Dieser Bewerber, ein Soziologe, der Trainee in einer Online- und PR-Redaktion werden will, hat es drauf:

"Ich habe da ein Problem mit diesem Anschreiben. Ich möchte gerne mindestens ein Trainee-Programm bei xy absolvieren, viel lieber noch, perspektivisch als Consultant tätig werden und bin mir sicher, dass das eine gute Sache für alle Beteiligten wäre. Nur wissen Sie das noch nicht."

Und jetzt! Von der eigenen Einzigartigkeit überzeugen! Weiter geht's:

"Dass prinzipiell ein Bewerbungsgespräch das erste Etappenziel einer Bewerbung ist und somit der Wunsch nach eben diesem auch kein Geheimnis sein kann, ist mir bewusst. Warum nun trotzdem der forsche Einstieg und die explizite Bitte um dieses Gespräch? Weil ich bisher von keiner Stellenausschreibung so überzeugt wurde wie von dieser und das Gespräch wirklich will."

  • Nach dem Rentenalter gern noch 20 Jahre länger schuften

Corbis

Ein besonders aufopferungsvoller Jurist (Jahrgang 1947) schreibt:

"Dank meiner ausgezeichneten Gesundheit werde ich meinen Beruf auch nach dem Beginn des Rentenalters noch mindestens weitere zwanzig Jahre uneingeschränkt bzw. bis 2032 ausüben können, wie das in den USA üblich ist."

  • Achtung, hier kommt die Sprachpolizei

DPA

Vorsicht! Künftige Kollegen können sich sicher sein, dass dieser Redakteur die Sprachpolizei des Hauses sein wird:

"Ich fühle mich in der vernetzten Welt von heute zu Hause, egal ob in Social-Media oder klassischen Online-Medien, bin dabei aber ein Freund korrekten Deutschs geblieben und erfreue mich trotz der regen Weiterentwicklung unserer Sprache an regelgerechter Nutzung derselben."

  • Samstag? Ein Arbeitstag!

Corbis

Hier verkauft ein Jurist seine Seele:

"Ich arbeite gründlich, pragmatisch und immer zielorientiert. Etwas unerledigt zu lassen, entspricht nicht meiner Art. Arbeitstage enden bei mir, wenn die gestellten Aufgaben und Problemstellungen fertig bearbeitet sind, wobei bei mir der Samstag ein Arbeitstag ist."

  • Überwachung der Erfüllung

DPA

Dieser Jurist hat wohl auch zu lange studiert. Jedenfalls klingt seine Bewerbung mehr nach Gesetzestext denn nach erfolgreichem Selbstmarketing:

"Aus verschiedenen Übernahmeangeboten und der Überwachung der Erfüllung von Mitteilungspflichten verfüge ich darüber hinaus über umfangreiche Kenntnisse des Wertpapierhandels und Übernahmerechts."

  • Oh, ein Poet, ein Poet!

Corbis

Dieser angehende Redakteur für Online und PR treibt die bildhafte Sprache auf die Spitze:

"Surprise: Meine größten persönlichen Erfolgserlebnisse bestehen darin, einem Menschen etwas Wertvolles gegeben zu haben - sei es ein opulenter Bildband, ein spannender Kalender, ein eindrucksvolles Bild, ein toll verpacktes Geschenk, ein ernstes Lob oder ein guter Rat - das Leuchten in den Augen ist meine Triebfeder, die Überraschung mein Bonbon!"

Der Text enthält Auszüge aus dem Buch:

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  • Lena Greiner (Jahrgang 1981) ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

  • Friederike Ott (Jahrgang 1977) ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Marita 08.05.2014
1. Die Autorinnen sind selber auch nicht besser ,,,,
.. wie folgender Nebensatz zeigt: " lassen die Qualen erahnen, die sich täglich in den Bibliotheken der Republik ereignen. "
noalk 08.05.2014
2. Geschwurbel
... wird anscheinend nur von Sozial- und Geisteswissenschaftlern produziert. Natur- und Ingenieurwissenschaftler tauchen in solchen Zusammenstellungen interessanterweise nie auf. Worin das wohl seine Ursache haben mag?
büffler 08.05.2014
3. Zumindest orignell
Was soll ich sagen, ich habe mich bei der Gamesbranche beworben, ein sehr junges Unternehmen. Auch ich wollte individuell erscheinen und habe in meinem Anschreiben bei einem passenden Satz ein Smilie hinzugefügt. Ergebnis war: ich bin nun ein festangestelltes Mitglied in der Firma. Ich denke, das es auch an der Firma selbst liegt inwiefern man die Bewerbung gestalten sollte. Entweder passt es oder es passt nicht. Ich muss dazu sagen, ich lasse mir aber auch pro Bewerbung mal min. 1 Tag Zeit, dafür musste ich auch noch nie mehr als 3 schreiben ;). Die Standardfloskeln die in den meisten Bewerbungen drin sind interessiert doch kein Mensch, dadurch wird man nicht besonders. Immerhin trauen die sich was. Wobei ich den Anspruch des Familienvaters etwas arg finde. Würde mich wundern wenn ein Personaler auf die Idee kommt Ihn einzustellen. Denn man sollte erklären warum man für die Firma geeignet und besser ist als alle anderen, nicht warum die Firma gut wäre wenn sie Forderungen erfüllt.... so mit Forderungen zu kommen würde ich als Personaler den Vogel zeigen.
spon-facebook-641175509 08.05.2014
4. Gähn.
Oh Mann, natürlich stehen die Beispiele nicht für die hohe Kunst des Bewerbungsanschreibens (Wer kann schon sich selbst verkaufen?). Aber auf welch hohem Ross muss man sitzen, um sich darüber so breit auszulassen? Und dann auch noch in einem Artikel (der jetzt auch kein Überflieger ist), in dem die Autorinnen ihr eigenes Buch promoten ... Weniger davon, danke!
becem 08.05.2014
5. Kein Wunder...
...jede Bewerbung kann nur so gut sein, wie die Stellenanzeige. Aber was sollen wir halten von Floskeln wie "strukturiertes Arbeiten", "analytisches Denken", "Hands-on-Mentalität" oder "Zielstrebigkeit", die uns in jeder Stellenanzeige begegnen?
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