Autisten im Bewerbungsgespräch Alles, nur kein Small Talk

Akribisch und mit unbestechlichem Blick - wegen ihrer analytischen Fähigkeiten sind Autisten begehrt in der IT-Branche. Aber Personaler können im Vorstellungsgespräch viel falsch machen. Am besten verraten sie ihre Fragen vorher. Und lassen das Aftershave weg.

Kein 08/15-Bewerbung: Autistische Menschen haben andere Bedürfnisse
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Kein 08/15-Bewerbung: Autistische Menschen haben andere Bedürfnisse


Bewerbungsgespräche führt man bei SAP jeden Tag. Der Software-Konzern ist ein Riese der Branche, sucht immer neue Mitarbeiter und geht dabei bisweilen ungewöhnliche Wege: Gefragt sind IT-Spezialisten - auch solche mit ganz besonderen Qualitäten. SAP sucht Autisten, Menschen mit Eigenheiten, die den Personalern sonst nicht gegenübersitzen und bei dem Unternehmen trotzdem gerade hoch im Kurs sind.

Zwar tun sich Autisten mit zwischenmenschlichen Beziehungen schwer, aber sie verfügen über große analytische Fähigkeiten. Bis zum Jahr 2020 soll deshalb weltweit jeder Hundertste der zuletzt rund 65.000 SAP-Mitarbeiter ein Mensch mit Autismus sein. Die ersten Kandidaten hat SAP in Deutschland bereits gecastet.

Das ist schwieriger, als es klingt. Denn Personaler können vieles falsch machen, wenn sie mit Autisten einfach ein klassisches Bewerbungsgespräch führen. "Der Small Talk vorneweg ist für Autisten ganz furchtbar", sagt Kai Vogeley, Autismus-Experte der Universität Köln. "Sobald die Dinge unvorhersehbar und unüberschaubar werden, wird es für Autisten schwierig."

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Autisten: IT-Spezialisten mit "Inselwissen"
Unternehmen, die gezielt Autisten suchen, sollten den Bewerbern daher vor einem Auswahlgespräch am besten den Fragenkatalog senden. "Darauf können sie sich dann gut vorbereiten", sagt Vogeley. Ideal wäre es sogar, den Bewerbern Fotos des Bewerbungsraums und der Gesprächspartner zu schicken. Außerdem empfiehlt Vogeley beim Gespräch eine reizarme Atmosphäre: geschlossene Fenster, möglichst wenig Gerüche, keine klackenden Absätze auf dem Gang.

Die Rekrutierung bei SAP übernimmt Specialisterne, ein dänisches Unternehmen, das auf Autismus in der Arbeitswelt spezialisiert ist. Matthias Prössl, der Geschäftsführer von Specialisterne Deutschland, lässt die Bewerber oft komplexe Lego-Roboter bauen.

Im Normalverfahren wären viele wohl ausgesiebt worden

"Man kann viel über die Menschen lernen in dieser Phase", sagt er: Wie lange können sich die Bewerber konzentrieren? Wie kreativ sind sie beim Bauen? Halten sie sich an die Anleitung oder weichen sie davon ab? Zuletzt kamen sieben Kandidaten in die engere Auswahl - von rund 120 Bewerbern in Deutschland. Auch Programmierübungen stehen auf dem Programm, schließlich sollen die Autisten als IT-Fachleute eingestellt werden: "Einer hat gleich einen Sensor gebaut", erzählt Prössl.

Normalerweise schaue SAP bei der Mitarbeiterauswahl stark auf Teamplayer-Eigenschaften und auf die Kommunikationsfähigkeit, sagt Anka Wittenberg, bei dem Konzern zuständig für Vielfalt und Integration. "Aber mit dieser Vorgehensweise scouten wir immer die gleichen Talente."

Prössl sagt: "Die wenigsten Bewerber hätten es mit ihren Unterlagen zu einem klassischen Bewerbungsgespräch gebracht." Sie wären wahrscheinlich vorher ausgesiebt worden - und SAP hätte wertvolle Arbeitskräfte gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Kollegen, die künftig direkt mit Autisten zusammenarbeiten sollen, werden besonders geschult. Mit Vorträgen und Fragerunden führt sie SAP an das Thema heran.

Autisten lügen nicht

Wie genau eine autistische Störung entsteht, ist unklar. Bestimmte Merkmale seien bei Autisten aber oft besonders ausgeprägt, sagt Experte Vogeley: logisches und analytisches Denken, die Fähigkeit, Abweichungen in Daten, Informationen und Systemen zu erkennen, sowie eine hohe Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer - vor allem bei Aufgaben, die sich wiederholen. Mit ihrer Akribie sind sie häufig gut für IT-Berufe geeignet, haben aber eher wenig Interesse an ihren Mitmenschen.

Das kann zu Irritationen führen, etwa in der Mittagspause. "Menschen mit Autismus verstehen keinen Sarkasmus und auch nicht das, was zwischen den Zeilen steht - sondern genau das, was man ihnen sagt", so Prössl.

Aber gerade dadurch können Autisten dem Unternehmen viele Vorteile bringen, sagt Anka Wittenberg von SAP. Pilotprojekte hätten gezeigt, dass sich die gesamte Kommunikation in den gemischten Teams verbessere, etwa in Indien, wo autistische Mitarbeiter bereits SAP-Software testen.

Und noch einen Vorteil sieht Vogeley: "Autistische Menschen lügen sehr ungern, wenn überhaupt."

Christine Cornelius/dpa/jon/mamk

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insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
vonwoderwestwindweht 03.11.2013
1.
Autismus ist keine "Störung". Eine Störung würde ja implizieren, dass es einen Optimalzustand gibt, der durch einen Vorgang (Unfall, Krankheit usw.) beeinträchtigt wurde. Autismus hingegen ist schlicht eine Variante, vergleichbar mit Homosexualität. Eher eine Laune der Natur und keine "Störung" und im Übrigen auch keine "Krankheit", von der man "geheilt" werden müsse - wie ja leider auch im SPIEGEL unverdrossen immer wieder zu lesen ist und wo davon ausgegangen wird, dass der - aus dem Blickwinkel von Autisten häufig ganz bedauernswerte Zustand von neurotypischen Menschen, also "Normalos", als erstrebenswertes "Endziel" dargestellt und definiert wird. Autisten haben häufig nicht das geringste Interesse daran, ihren "Zustand" zugunsten eines "Normalzustands" aufzugeben, erstens weil es gar nicht geht, zweitens aber auch weil sie dann ihre besonderen Fähigkeiten verlieren würden, sich gleichzeitig dann aber auch mit solchen lästigen neurotypischen Plagen wie Einsamkeitsgefühlen, Prestigedenken usw. herumplagen würden - Dinge, die also viel Energie und Lebenszeit kosten, die man an anderer Stelle, etwa für bestimmte Interessengebiete nicht mehr hat. Von Autisten wird lebenslang eine unfassbare Anpassungsleistung erwartet - viele sind nicht mehr bereit, diesen Aufwand für nichts und wieder nichts zu leisten, weil die Schleifspuren an anderer Stelle so enorm sind, dass sowas existentiell bedrohlich werden kann. Die Wertschätzung gegenüber Autisten in dieser Gesellschaft tendiert gegen Null, was sich auch immer wieder in Artikeln und Foren ausdrückt (in Spiegel-Artikeln ist immer wieder von Umdressur-Therapien zu lesen, die angepriesen werden, obwohl man höchstens lernt, sich zu verstellen). Und in Foren, dass man uns alle "wegsperren" sollte, obwohl Autisten total ungefährlich sind und so gut wie nie kriminell werden. Der Umgang der Öffentlichkeit mit Autismus ist in etwa da, wo er hinsichtlich der Homosexualität in den 1950er Jahren war. Entmündigung, Wegsperren und Umdressieren ist heute absolut noch "State of the Art". Think about it.
glgg 03.11.2013
2. Nichts Neues
SAP beschäftigt schon immer Autisten. Die waren bisher nur nicht als solche deklariert.
spiegelfrauchen 03.11.2013
3. Einfach informiert sein ....
Ich kann Ihnen nur ausdrücklich die Bücher von Temple Grandin empfehlen . Das öffnet den Blick und ruft bestenfalls angemessenes Verständnis hervor.
truthonly 03.11.2013
4. Anwender
Das erklärt dann auch, warum Anwender mit autistischen Tendenzen meistens am besten mit SAP klar kommen.
a.vollmer 03.11.2013
5. optional
Der Asperger oder HFA-Autist ist der Normalzustand. Die emotional-sentimentale Verwirrtheit der so genannten "Normalen" ist eine Devianz, genauso wie der LFA-Autismus auf der anderen Seite. Die "Normalen" sind nur die "Üblichen", die Norm wird nicht durch die Mehrheit bestimmt. Disfunktionale Devianzen wie die Bereitschaft zu Lügen,das Verändern von Sinninhalten durch Sarkasmus und Ironie oder andere Beeinträchtigungen, die sich bei den "Üblichen" zeigen, sind die Normabweichung. Schon die Vorstellung, dass sich die Norm nach der Mehrheit richtet ist deviantes Denken.
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