Bewerberfotos Jetzt bitte mal zufrieden lächeln!

Der soziale Status, behauptet eine aktuelle Studie, sei uns im Sinn des Wortes ins Gesicht geschrieben. Wer einen Job will, soll demnach möglichst attraktiv wirken. Und das heißt: reich und glücklich.

Das Idealbild: Seriöse Selbstgewissheit
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Das Idealbild: Seriöse Selbstgewissheit

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Bei Einstellungen und Beförderungen werden Menschen bevorzugt, die aus wohlhabenden, vermeintlich gebildeten Haushalten stammen. So weit, so bekannt. Wie genau diese Auswahl vor sich geht, das zeigt nun eine Untersuchung von Forschern der Universität Toronto.

Demnach braucht man weder Psychotests noch Tiefeninterviews, um die Wohlhabenden von den Habenichtsen und Sozialaufsteigern zu unterscheiden: Wir alle seien mit einiger Sicherheit in der Lage, Menschen ihre soziale Herkunft regelrecht an der Nase anzusehen.

Denn schon beim Betrachten von Bewerberfotos können diejenigen erkannt werden, die ein vergleichsweise sorgenloses und darum wahrscheinlich materiell weitgehend abgesichertes Leben hinter sich haben. Und den anderen sind ihre weniger angenehmen Erfahrungen quasi ins Gesicht geschrieben.

Personalchefs bevorzugten in der Praxis Bewerber, die den Job eigentlich weniger nötig hätten als ihre Mitbewerber, schreiben Nicholas Rule und Thora Bjornsdottir im "Journal of Personality and Social Psychology". Für Bewerber aus einkommensschwächeren Schichten ist das ein Problem, weil es zu den Faktoren beiträgt, die ihren Aufstieg verhindern.

Dagegen lässt sich erst einmal wenig tun. "Im Laufe der Zeit spiegelt ein Gesicht die Erfahrungen eines Lebens wider und verrät sie", sagt Rule. Man erkenne diese dann sogar, wenn ein Bewerber ein möglichst neutrales Gesicht aufsetze.

Den Nachweis für diese Vermutung lieferten Rule und Bjornsdottir mithilfe studentischer Freiwilliger im Alter von 18 bis 22 Jahren. Sie teilten diese in zwei gleich große Gruppen aus vergleichsweise einkommensschwachen (oder das, was man an Unis dafür hält) und einkommensstärkeren Schichten und fotografierten sie mit möglichst neutralen Gesichtsausdrücken.

Probanden, denen man diese Fotos vorlegte, erkannten die soziale Herkunft mit einer statistisch relevanten Sicherheit von 53 Prozent schon anhand dieser vermeintlich sehr ähnlichen Fotos sehr junger Menschen. Die Forscher gehen davon aus, dass die Sicherheit des Erkennens mit dem Alter der Fotografierten und der Tiefe des sozialen Gefälles steigt - das Leben schreibt Menschen eben ins Gesicht, wie leicht oder schwer sie es hatten.

Und das gilt in beide Richtungen: Sowohl häufiges Glück und anhaltende Zufriedenheit als auch Mangel oder Sorgen hinterließen Spuren in Gesichtern, die Menschen intuitiv wahrnehmen.

Wir haben einen Sinn für Herkunft

Dass Sprechweise und körpersprachliche Signale ähnlich wirken, weiß man seit Langem. Man kann es im Management beobachten, wo der "Stallgeruch" einer vermeintlich besseren Herkunft meist mehr zählt als Können und Performance: Wenn es darum geht, einem Mitarbeiter den Weg nach oben zu ebnen, wählten die Mächtigen mit Vorliebe solche, die ihnen ähnlich sind, meint beispielsweise der Elitenforscher Michael Hartmann.

So wirke die Möglichkeit, eine vermeintlich "niedrigere" Herkunft intuitiv wahrzunehmen, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, sagt auch die aktuelle Studie: Als vergleichsweise arm erkannt zu werden, trage dazu bei, dass dies auch so bleibe.

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Immerhin: Der Effekt auf Bewerbungsfotos lässt sich durch bewusst eingesetzte Mimik verringern, sagt Rule: Damit ließen sich die Erfahrungsspuren erfolgreich überdecken. Die subtilen Merkmale, die soziale Herkunft signalisierten, würden bei neutralen Gesichtsausdrücken deutlich besser erkannt, als auf Gesichtern, die eine bestimmte Emotion zeigten - wie etwa Lächeln, das Sorgenfalten kaschiert.

Weit schwieriger ist es, zeigten frühere Studien, die körpersprachlichen Signale und Merkmale zu entwickeln, an denen sich Mitglieder von Eliten zuverlässig erkennen. Im Grunde kann es auch nicht darum gehen, eine falsche Herkunft zu simulieren: Die "Stall-Präferenz" in den oberen Etagen der Karriereleiter ist ein zu überwindendes Aufstiegshindernis, dem man bewusst entgegenwirken muss.

Hier liegt der eigentliche Wert solcher Studien. Während man gegen die tatsächlichen Spuren der eigenen Biografie kaum etwas ausrichten kann, könnte das Wissen um die subtilen Signale dabei helfen, mit entsprechend angepasster Präsentation dem Effekt der Elitenpräferenz zumindest entgegenzuwirken.



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